Forschung zum Thema Nachhaltigkeit im Forschungszentrum RGKW – ein Resümee
Seit 1992 treffen sich die Mitglieder des interdisziplinären Forschungszentrums Religion – Gewalt – Kommunikation – Weltordnung an der Katholisch-Theologischen Fakultät Innsbruck monatlich zum Gedankenaustausch und zum fruchtbaren Dialog. Dabei widmen sie sich im Horizont der Zeichen der Zeit bestimmten Schwerpunktthemen. Im Jahr 2022 machte das Forschungszentrum die nachhaltigen Entwicklungsziele der UN zum Ausgangspunkt für ein neues Projekt. Aus dieser umfassenden Zielbeschreibung haben sich die Mitglieder v. a. auf das Ziel 16: Friede, Gerechtigkeit und starke Institutionen konzentriert.
Dabei wurde zunehmend klar, dass Nachhaltigkeit nicht nur im ökonomischen und ökologischen Sinne verstanden werden darf, sondern die Problematik der Nachhaltigkeit vielmehr in der gesamten Breite in den Blick kommen soll, wie sie die UN auch in der Formulierung von Entwicklungsziel 16 dargelegt hat: „Friedliche und inklusive Gesellschaften für eine nachhaltige Entwicklung fördern, allen Menschen Zugang zur Justiz ermöglichen und leistungsfähige, rechenschaftspflichtige und inklusive Institutionen auf allen Ebenen aufbauen.“
Diese Sicht der Nachhaltigkeit bildete den roten Faden für den Forschungsprozess, der die gegenwärtigen Nachhaltigkeitsdebatten nicht einfach nachbildete, sondern nach ihrem theologischen und spirituellen Gehalt untersuchte. Nachhaltigkeit ist nicht nur ein ökologisches oder technisch-ökonomisch-politisches Projekt, sondern enthält zugleich grundsätzlichere Fragen nach Welt- und Menschenbildern, nach Sinnhorizonten, Lebensstilen und dem guten Leben für alle Menschen. Hier können christliche Theologie und Spiritualität eine fruchtbare Tradition einbringen: Vorstellungen von maßvollem Leben, von Gerechtigkeit und Solidarität, von Schöpfungsverantwortung, Transformation und Zukunftshoffnung. Der Forschungsprozess wurde im Juni 2025 vorläufig abgeschlossen, die Ergebnisse wurden für einen gemeinsamen Sammelband zusammengetragen, der im April 2026 als Open-Access-Publikation bei der innsbruck university press erscheinen wird.
(Dietmar Regensburger)
FWF-Projekt „Religionsfreiheit in Zeiten der Pandemie“: Interviewphase abgeschlossen
Genau diese spannungsgeladenen Fragen untersucht das interdisziplinäre, interuniversitäre FWF-Forschungsprojekt zur Religionsfreiheit in Pandemiezeiten. In einem länderübergreifenden Vergleich wird das Zusammenspiel von Staat und Kirche während COVID-19 analysiert, um daraus auch Lerneffekte für künftige Krisenszenarien zu gewinnen.
Zwischen Oktober 2025 und Januar 2026 interviewten dazu Andreas Kowatsch und Koloman Roiger-Simek vom Institut für Kirchenrecht und Religionsrecht an der Universität Wien, Johannes Panhofer und Elisabeth Sandler vom Institut für Praktische Theologie an der Universität Innsbruck sowie Pfarrvikar Jean Paul Ouedraogo vom Stift Melk 51 kirchliche Entscheidungsträger aus Österreich, Deutschland und Frankreich in 45 teilstrukturierten Interviews.
Nach Abschluss der Interviewphase und nahezu abgeschlossener Transkription startet Elisabeth Sandler mit der qualitativen Datenanalyse: Die Interviews werden in einem ersten Schritt mit einer neu entwickelten, effizienten Auswertungsmethode kodiert. Parallel werden erste Narrative für einen Beitrag bei den Innsbrucker Theologischen Sommertagen vorbereitet: „Hoffnung in Krisenzeiten: Denkanstöße aus kirchlichen COVID-19-Narrativen“.
Wir freuen uns auf die interdisziplinäre Auswertung und die gemeinsamen Publikationen, die aus diesem reichhaltigen Datenmaterial entstehen werden.
(Elisabeth Sandler)
Neues zum Leokadia-Justman-Projekt
Der polnischen Jüdin und Autorin Leokadia Justman (1922–2002) gelang kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs unter dramatischen Umständen die Flucht aus Tirol in die USA. Ihr Leben und Werk werden in einem internationalen Forschungsprojekt unter maßgeblicher Beteiligung von Dominik Markl SJ vom Institut für Bibelwissenschaften und Historische Theologie aufgearbeitet.
In diesen Forschungen gibt es zwei neue Akzente:
Eine Sammlung von 15 erst kürzlich entdeckten Gedichten Leokadia Justmans wurde für eine Online-Edition aufbereitet und kann auf einer vom Land Tirol eingerichteten Website nachgelesen und gehört werden. Die Gedichtsammlung ist betitelt mit „Menschheit erwache und schau’ auf die Berge“, die Gedichte sind abrufbar auf: https://www.brechen-wir-aus.at/menschheit-erwache.
Außerdem ist die Sonderausstellung „Leokadia Justman. Brechen wir aus! Als polnische Jüdin auf der Flucht in Tirol“ im Landhaus 1 in Innsbruck, die kostenfrei besucht werden kann, bis zum heurigen Nationalfeiertag (26. Oktober 2026) verlängert worden. Näheres zur Sonderausstellung findet sich auf: https://www.tirol.gv.at/kunst-kultur/tirol-erinnert.
Zur Sonderausstellung gibt es auch ein Begleitprogramm mit verschiedenen Veranstaltungen, das auf: https://www.tirol.gv.at/fileadmin/presse/Bilder/Projekte/Leokadia-Justman_Brechen-wir-aus_/2026_BWA_Ausstellung_Veranstaltungsfolder_web.pdf heruntergeladen werden kann.
Auf unserer Universitätswebsite finden Sie ebenfalls Informationen zum Leokadia-Justman-Projekt: https://www.uibk.ac.at/de/projects/leokadia-justman.
(Liborius Lumma)
FWF-Projekt „Sprachenvielfalt und römisch-katholische Kirche in Österreich-Ungarn“
Im Jänner 2025 hat Tamara Scheer ihr FWF-Projekt am Institut für Bibelwissenschaften und Historische Theologie begonnen. Nach der Habilitationsschrift zur Sprachenvielfalt in der österreichisch-ungarischen Armee erwies sich die römisch-katholische Kirche als geeigneter Rahmen, um andere Lebenswelten im selben Zeitraum zu erkunden. Als Projektmitarbeiter stieß Dr. Jan Bernot hinzu, der sein Doktorat 2024 an der Universität Ljubljana abgeschlossen hat.
Die Forschung behandelt fünf österreichische Provinzen, die laut Verfassung mehr als eine Landessprache besaßen: Tirol, Kärnten, Steiermark, Krain und Triest-Küstenland. Sprachenvielfalt bedeutet vor allem – so der Forschungsfokus – die Sprachkenntnisse der Bischöfe, der Gebrauch in der Diözesanverwaltung sowie Ausbildung und Leben in den Seminarien, in den Pfarren und in der Seelsorge.
Das erste Projektjahr galt vor allem umfangreicher Archivrecherche: mehrere Wochen in Diözesan- und Landesarchiven, doch auch lokale wissenschaftliche Bibliotheken waren von Interesse, da sie oftmals umfangreiche Nachlässe von Priestern beherbergen. Das erste Projektjahr endete mit der ersten Tagung: Sie fand in Kooperation mit Andreas Gottsmann (Österreichisches Historisches Institut in Rom) und Stefan Heid vom Römischen Institut der Görres-Gesellschaft in Rom statt. Eine Publikation einzelner Beiträge in der Open-Access-Zeitschrift Acta Histriae ist für 2027 geplant.
Erfreulicherweise wurden bereits zwei Nebenprojekte bewilligt. Tamara Scheer arbeitet im kommenden Jahr gemeinsam mit Florian Wenninger vom Institut für Historische Sozialforschung am Thema „Nichtdeutschsprachige römisch-katholische Arbeiter*innen in Wien, 1891–1938“. Das Projekt von Jan Bernot ist am Institut für Neuere Geschichte Sloweniens angesiedelt.
- Website des FWF-Projekts
- Artikel von Tamara Scheer (ab S. 287)
(Tamara Scheer und Liborius Lumma)
Neuerscheinungen
Christian Kanzian:
Kategoriale Ontologie – alltagsontologisch dargelegt
innsbruck university press 2025, 268 S.
ISBN 978-3-99106-183-0
DOI: 10.15203/99106-183-0
Jede Praxis macht gewisse Voraussetzungen bzgl. etwas, das es gibt, das existiert, bzw. wie das ist, das existiert.
Ontologie kann man als das Projekt verstehen, diese Voraussetzungen systematisch zu reflektieren und in eine Ordnung zu bringen. Alltagsontologie beruht auf der Überzeugung, dass bei dieser Ordnung die Existenzannahmen unserer alltäglichen Praxis grundlegend sind, jedenfalls gegenüber speziellen, wie z. B. einzelwissenschaftlichen Praktiken.
Kategoriale Ontologie, alltagsontologisch dargelegt, umfasst Dinge, die sich aristotelisch als Einheiten aus Material und Form verstehen lassen, partikulare Eigenschaften oder Modi und schließlich jene „Vorkommnisse“, denen man Ereignisse, Zustände sowie Prozesse zurechnet. Es soll gezeigt werden, dass dies faktisch die Existenzannahmen alltäglicher Praxis sind, die Elemente oder Entitäten der kategorialen Wirklichkeit.
Ausgehend davon kann man auch den ontologischen Status von Quasi-Entitäten eruieren. Darunter fallen z. B. die Setzungen der Naturwissenschaften, auf deren jeweils aktuellem Stand. Auch die quasi-individuellen Objekte bzw. die epiphänomenalen Gegebenheiten unserer alltäglichen Lebenswelt gehören dazu. Das sind z. B. Massen, bis hin zu den natürlichen Formationen, bzw. räumliche, zeitliche und kausale Verhältnisse.
Das Buch greift auf Einzeldarstellungen des Autors zurück, hat somit Summen-Charakter, und deckt auch den Anspruch einer Einführung in die Ontologie ab, zugegeben aus einer speziellen Perspektive (wie andere Einführungen auch).
Lutz, Ralf; Hofmann, Stefan; Fritz, Alexis u. a. (Hg.):
Natur und Vernunft. Zur Wiederentdeckung naturrechtlichen Denkens in der Ethik
De Gruyter Brill 2025, 573 S.
ISBN 978-3-11169-454-2 (gebunden), 978-3-11169-544-0 (eBook)
Die Idee, dass das moralisch Gute in einer Beziehung zur Natur des Menschen steht, wird im Rahmen naturrechtlichen Denkens auf vielfältige Weise entfaltet. Dabei sind sowohl die Möglichkeit einer grundsätzlichen ethischen Orientierung an der menschlichen Natur als auch der zugrunde gelegte Naturbegriff, die Rolle der Vernunft sowie die Reichweite und der Gehalt solcher aus der Natur sich ergebenden Verbindlichkeiten höchst umstritten. Neben reich ausgearbeiteten naturrechtlichen Theorien innerhalb von Theologie und Philosophie haben diese Fragestellungen auch vehemente Kritik hervorgerufen.
Während insbesondere im angelsächsischen Raum Potenziale und Grenzen des Naturrechts kritisch-konstruktiv diskutiert werden, zeigt sich ich in der deutschsprachigen Diskussionslandschaft bislang zumeist eine zurückhaltende Skepsis gegenüber dieser Thematik. Daher regt der vorliegende Band eine neue Debatte über naturrechtliche Theorien an. Gegliedert in drei Sektionen informiert er über die historischen Ursprünge naturrechtlicher Denkformen, bedenkt die systematisch relevanten Fragen und expliziert anhand von Anwendungsperspektiven die Aktualität des Naturrechts.






