Geschichtliche Fächer. Neuanfang nach 1945?

Zu Beginn der 1950er Jahre lehrten im engeren historischen Fachbereich

  • Franz Huter (1899-1997) österreichische Geschichte und allgemeine Wirtschaftsgeschichte,
  • Hans Kramer (1906-1992) Geschichte der Neuzeit und
  • Karl Pivec (1905-1974) mittelalterliche Geschichte und historische Hilfswissenschaften.

Karl Pivec war 1950 aus Wien neu hinzugekommen, nachdem seine Leipziger Professur (1939-1945) erloschen war. (Vgl. Faksimile einer Briefdurchschrift: Karl Pivec am 30. April 1946 an seinen Leipziger Historikerkollegen Otto Vossler) An die Stelle des in Folge der „Entnazifizierung“ entlassenen Althistorikers Franz Miltner war 1947 Franz Hampl getreten. (Vgl. Claudia Deglau: Der Althistoriker Franz Hampl zwischen Nationalsozialismus und Demokratie. Kontinuität und Wandel im Fach Alte Geschichte, Wiesbaden 2017)

Franz Huter hatte die österreichische Geschichte 1941 in der Nachfolge von Hermann Wopfner unter dem Titel „Geschichte und Wirtschaftsgeschichte des Alpenraums“ übernommen. Mit Universitätsbescheid vom 23. Februar 1946 wurde Huter aus der Professur entlassen und als ziemlich nationalsozialistisch gesinnt gerade für die Professur der österreichischen Geschichte in der befreiten Republik als nicht mehr geeignet eingestuft. Nicht zuletzt auf Grund des ihm günstigen Einflusses der auch nach 1945 weiterhin maßgeblichen Ruheständler Harold Steinacker, Heinrich Srbik und Hermann Wopfner konnte sich der als Urkunden-Experte anerkannte Franz Huter aber „schwebend“ in der Professur halten, ehe er 1950 wieder definitiv für die österreichische Geschichte ernannt werden sollte. (Vgl. Gerhard Oberkofler: Franz Huter: Soldat und Historiker Tirols, Innsbruck-Wien 1999)

Hermann Wopfner zog – obwohl seit 1941 emeritiert – im Übergang nach der Befreiung weiter die entscheidenden personal-politischen Fäden im geschichtlichen, volkskundlichen und auch im rechtshistorischen Fachbereich, während der 1938 wegen seiner Nähe zum katholischen „Ständestaat“ vom NS-Regime entlassene Ignaz Philipp Dengel alsbald erkrankt 1947 verstorben keinen wirklichen Einfluss (etwa zugunsten von Nikolaus Grass) mehr nehmen konnte. (Vgl. Nikolaus Grass: Einleitung zu Hermann Wopfner: Bergbauernbuch I. Von Arbeit und Leben des Tiroler Bergbauern, aus dem Nachlass hrg. von Nikolaus Grass und Dietrich Thaler, Innsbruck 1995, VII-XXIV und Sergio Pagano: Der Nachlass Ignaz Philipp Dengels im Archivio Segreto Vaticano, in: MIÖG 116 (2008), 116ff.)

Allenfalls die rasche Ernennung von Hans Kramer als Professor für die neuere Geschichte war im Sinn von Dengel. Die Neuzeit-Professur war vakant, nachdem der nur kurz zwischen 1943 und 1945 in der Nachfolge des rabiaten NS-Historikers Kleo Pleyer in Innsbruck lehrende Helmuth Rössler 1945 im Zug der Liquidierung der Universität Innsbruck als einer reichsdeutschen Ein-richtung wegen nunmehr fehlender österreichischer Staatsbürgerschaft enthoben worden war. (Vgl. Gerhard Oberkofler: Hans Kramer. Zur Erinnerung an einen Alttiroler Historiker, Angerberg 2006)

Im Bereich der mittelalterlichen Geschichte und der historischen Hilfswissenschaften stand Richard Heuberger so wie Harold Steinacker und Franz Huter wegen nazistischer Aktivitäten zur Disposition. Hinzu kam, dass sich Heuberger gesundheits- und altersbedingt der Emeritierungsgrenze näherte. (Vgl. Harald Kofler: Richard Heuberger (1884-1968). Historiker zwischen Politik und Wissenschaft, Innsbruck 2018)

Ein Mittelalter-Vorschlag mit dem 1938 aus Österreich vertriebenen Kulturhistoriker Gerhart Ladner an erster Stelle blieb 1946 unrealisiert. (Vgl. Gerhart Ladner: Erinnerungen, hrg. von Herwig Wolfram und Walter Pohl, Wien 1994)

Huter, der die Mittelalter-Professur nicht übernehmen wollte, forcierte hierfür vergeblich seinen Wiener Studienfreund Otto Brunner. Mit dem ebenfalls nazistisch belasteten Brunner wäre zwar auch keine politische Erneuerung ins Innsbrucker Historische Seminar gezogen, wohl aber mit Brunner als Verfasser von „Land und Herrschaft“ eine methodische in Richtung „neuer Wege der Sozialgeschichte“. Alle anderen Innsbrucker Geschichteprofessoren blieben hingegen dem traditionell hilfswissenschaftlich urkundenkritischen „IÖG-Paradigma“ verpflichtet.

Für das Mittelalter wurde 1950 Karl Pivec ernannt. Pivec hatte sich 1935 als damaliger IÖG-Assistent bei Hans Hirsch mit viel beachteten „Studien und Forschungen zur Herausgabe des Codex Udalrici“ habilitiert. Pivec machte sich schon 1940 von Leipzig aus Hoffnungen auf die Wiener Hirsch-Nachfolge, fand aber dann nach 1945 in Leo Santifaller einen unüberwindlichen Konkurrenten, auch deshalb weil Pivec als Kriegsgefangener in Frankreich noch länger von Wien abwesend nicht in die Neuverteilung der akademischen Pfründen eingreifen konnte. MGH-interne Konflikte um die Edition des „Codex Udalrici“, für die Pivec große Vorleistungen erbracht hatte, führten ihn in eine gewisse Innsbrucker Isolation, förderten aber sein Interesse an der Kulturgeschichte des Mittelalters. (Vgl. Franz Huter:  Nachruf auf Karl Pivec, in: MIÖG 83 (1975), 557-564. Zu Pivec‘ Stellung in der Wiener IÖG-Schule vgl. auch Manfred Stoy: Das Österreichische Institut für Geschichtsforschung 1929-1945, Wien-München 2007)

1965 kam die neu systemisierte Lehrkanzel für „Allgemeine Wirtschaftsgeschichte“ hinzu, berufen wurde Herbert Hassinger (1919-1992): 1950 in Wien habilitiert trat Hassinger mit Arbeiten zur Entwicklung der Manufakturen im 18. Jahrhundert oder zum Außenhandel der Habsburgermonarchie im 18. Jahrhundert hervor.

In eigener Nachfolge forcierte Franz Huter 1966 vergeblich den oberösterreichischen Landesarchivdirektor Hans Sturmberger (1914-1999), profiliert mit Forschungen zur (oberösterreichischen ständischen) Gegenreformation (über Georg Erasmus Tschernembl: „Religion, Libertät und Widerstand“ oder zum „Aufstand in Böhmen. Der Beginn des Dreißigjährigen Krieges“). Neben Sturmberger wünschte sich Huter den in Köln lehrenden, 1945 wegen seiner SA-Aktivitäten für einige Jahre von der Wiener Universität entfernten Adam Wandruszka (1914-1997).

Schlussendlich ging der Lehrstuhl an die Grazer „Wiesflecker-Schule“. Hermann Wiesflecker selbst nahm den Ruf nicht an. Nach der Rufablehnung von Seite Wandruszkas (dieser fühlte sich als Angehöriger der „Srbik-Brut“ – so Wandruszka wörtlich – in den Berufungsverhandlungen sabotiert) kam der Wiesflecker-Schüler Johann Rainer (1923-2015, 1993 emeritiert) zum Zug. Wandruszka hatte insgesamt aber wohl schon seine Berufung an die Universität Wien im Blick.

Dokumente im Folgenden:

 

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