Bruno Sander Antrittsvorlesung 1922

Bruno Sanders Berufung an die Universität Innsbruck und seine Innsbrucker Antrittsvorlesung „über die Aufgaben der Mineralogie und Geologie“ (1922). Einige erläuternde Vormerkungen. Faksimilierte Widergabe der Antrittsvorlesung im Anhang – Peter Goller.

Bruno Sander (1884-1979), Sohn eines Staatsanwalts, wurde an der Universität Innsbruck mit einer schon vorab im „Jahrbuch der Geologischen Reichsanstalt“ veröffentlichten Dissertation über die „geologische Beschreibung des Brixner Granits“ 1907 promoviert. Er beteiligte sich bereits früh an den von seinen etwas älteren Innsbrucker Studienfreunden Otto Ampferer und Wilhelm Hammer geleiteten Aufnahmearbeiten im Karwendelgebirge. Ampferer und Hammer leiteten als renommierte Wissenschaftler später die Geologische Bundesanstalt in Wien.

Als Assistent an der Technischen Hochschule in Wien und an der Universität Innsbruck, sowie als Mitarbeiter der Wiener k.k. geologischen Reichsanstalt veröffentlichte Bruno Sander Habilitationsarbeiten wie „geologische Studien am Westenende der Hohen Tauern“, wie seine Überlegungen „zur Systematik zentralalpiner Decken“ und eine erste gefügekundliche Arbeit über die „Zusammenhänge zwischen Teilbewegungen und Gefüge in Gesteinen“ (1911), dann auch maßgebliches Thema seiner gut zehn Jahre später gehaltenen Innsbrucker Antrittsvorlesung.  1912 hat sich Bruno Sander in Innsbruck für das Fach Geologie habilitiert. (Vgl. Peter Goller und Gerhard Oberkofler: Mineralogie und Geologie an der Universität Innsbruck (1867-1945), Innsbruck 1990, 31-38. Das Habilitationsreferat für Bruno Sander ist ebenda, 54-56 abgedruckt.)

Umstrittene Berufung 1922

Bruno Sanders Innsbrucker Professorenlaufbahn konnte 1922 nur mühsam starten. Hatte Friedrich Becke, maßgeblicher österreichischer Mineralogie-Ordinarius, Altmeister des Fachs, 1921 noch Bruno Sanders Kandidatur für die Innsbrucker, schlussendlich mit Raimund Klebelsberg besetzte Geologie-Professur unterstützt, so lehnte er Bruno Sander als Bewerber
für die vakante Lehrkanzel der Mineralogie und Petrographie entschieden ab. Am 10. April 1922 schrieb Becke an den Innsbrucker Philosophendekan:

„Unter den Anwärtern, über die die Kommission von mir eine Äußerung wünscht, ist auch Dr. Bruno Sander genannt, Privatdocent für Geologie der Universität in Wien und einer der tüchtigsten Angestellten der geologischen Bundesanstalt.
Seine sorgfältigen und getreuen geologischen Aufnahmen in der Zentralkette der Alpen schätze ich sehr hoch. Ich kann sie einigermaßen beurteilen, weil sie vielfach Gebiete betreffen, die ich selbst kennen zu lernen Gelegenheit hatte. Ich schätze
sie umso höher, als Sander auch die Petrographie der Gesteine beachtet, namentlich den Zusammenhang der Gesteins-strukturen mit den Vorgängen beim Gebirgsbau scharf erfasst. In dieser Richtung hat er wertvolle Gesichtspunkte aufge-
deckt und Fortschritte in der Beurteilung der Struktur metamorpher Gesteine gezeitigt.

Aber diese Richtung des Geologen Sander kann doch nicht im Ernst einen Anspruch auf die Lehrkanzel für Mineralogie und Petrographie begründen. Petrographie ist doch nur ein Mineralogie und Geologie verbindendes Teilgebiet. Und von diesem Teilgebiet umfassen seine Studien und Kenntnisse wieder nur einen Teil, nämlich die Strukturlehre einer einzigen Gesteinsklasse (nämlich der metamorphen Gesteine). Die wichtigen Probleme der Chemie dieser Gesteine hat er, soweit ich ersehe, nirgends auch nur gestreift. Von dem ganzen großen Gebiet der Mineralogie außerhalb der Strukturlehre der metamorphen Gesteine hat er wo[h]l keine anderen Kenntnisse als sie jeder Studierende dieser Fachgruppe seiner Universität mitbekommt. Etwa noch Lagerstättenkunde ausgenommen, wo er praktische Erfahrungen sammeln konnte. Ob er aber je ein Reflexionsgoniometer in der Hand gehabt hat, weiß ich nicht. Nicht die geringste Gewähr kann gegeben werden, dass er Krystallographie, Krystallphysik, Mineralchemie in irgend größerem Umfange und jener Vertiefung beherrscht, wie man es von einem Universitätsprofessor für Mineralogie doch verlangen muss. Einem solchen Mann die Professur für Mineralogie und Petrographie zu übertragen, halte ich für unmöglich, so sehr ich ihn als Forscher in seinen Fach schätze. Diese Berufung müsste den lebhaftesten Widerspruch derjenigen Mitglieder der Fakultät hervorrufen, die wie die Physiker und Chemiker ein Interesse daran haben, dass keine Fehlbesetzung dieses Faches erfolge. Gerade dieses Fach ist in den nächsten Jahrzehnten ohne Zweifel berufen an der Lösung von Aufgaben mitzuwirken, welche im Kreuzungspunkt dieser Grundwissenschaften liegen. Von einem Geologen kann man nicht verlangen, dass er dieser energischen Entwicklung folge, welche jetzt bezüglich Krystallstruktur, Atombau, Isomorphie, Polymorphie, Valenzlehre, Radioaktivität, Kolloidforschung, chemisch-genetischer Probleme eingesetzt hat. Man würde Dr. Sander einen üblen Dienst erweisen, wenn man ihn vor die Aufgabe stellen würde, sich auf diesen Gebieten soweit zu orientieren, als für die Abhaltung eines Universitätskollegs über allgemeine Mineralogie erforderlich ist. Er müsste zumindest sehr viel Zeit aufwenden und würde nur abgehalten auf dem Gebiet fruchtbringend zu arbeiten, auf dem er zu Hause ist. Man darf da nicht die Verhältnisse einzelner deutscher Universitäten vergleichend heranziehen, wo die ganze Fachgruppe Mineralogie – Geologie – Paläontologie durch einen Ordinarius vertreten ist, dem mehrere Privatdozenten oder Extraordinarien für jene Gebiete beigegeben sind, denen der Ordinarius ferner steht. Innsbruck hat zwei ordentliche Lehrkanzeln für die Fachgruppe und ist der eine Ordinarius Geologe und Paläontologe, so gebührt das zweite Ordinariat einem Mineralogen nicht einem Geologen, wenn er auch petrographisch etwas versteht. Als Mineralogen kann ich aber Sander nicht anerkennen, so hoch ihn als Forscher-Persönlichkeit im Allgemeinen und in seinem Spezialfach besonders schätze.“

In einem ergänzenden Brief hielt Becke am 11. April 1922 fest: „Mir ist sehr leid, dass ich mich gegen die Absicht, die Lehrkanzel mit Sander zu besetzen scharf aussprechen muss, denn ich schätze Sander sehr hoch sowo[h]l als Forscher wie als Mensch. Ich kann nur bedauern, dass seine Anwartschaft auf die geologische Lehrkanzel nicht berücksichtigt wurde, wohin er sehr gut gepasst hätte. Ich sage das ohne jede Animosität gegen Klebelsberg, den ja die Fakultät gewiss aus triftigen Gründen vorgezogen hat.“ Der Innsbrucker Geographieprofessor Johann Sölch habe ihm zugetragen, dass er, Becke, Sander nur aus Gründen formaler Korrektheit ablehne. Dies sei falsch, hält Becke fest: „Einen Ternavorschlag zu machen habe ich im officiellen Briefe vermieden. Ihnen gegenüber mache ich kein Hehl daraus, dass ich, wenn ich einen Vorschlag zu machen hätte
1. Himmelbauer, 2. Tertsch, 3. Leitmeier und Michel ex aequo nennen würde.“

Schon vorab hatte Beckes Wiener Kollege Cornelius Doelter am 18. März 1922 auf „Hörensagen“ hin dem Innsbrucker Physiker Egon Schweidler geschrieben, dabei ohne namentliche Nennung scharf gegen Sander gerichtet:

„Wie ich vernehme soll die mineralogische Lehrkanzel in Innsbruck neu besetzt werden. Ohne mich in die Angelegenheit Ihrer Fakultät einmischen zu wollen, erlaube ich mir Ihnen den Privatdozenten Dr. Hans Leitmeier dafür zu empfehlen. Derselbe vertritt die physikalisch-chemische Richtung und ist ein glänzender Lehrer, dessen Vorlesungen auffallend gut besucht sind. Er hat zahlreiche Arbeiten veröffentlicht und wurde bei meinem Rücktritt von der Lehrkanzel secundo loco vorgeschlagen. Seine Ernennung zum Extraordinarius steht bevor. Wie ich höre, wird von anderer Seite ein Geologe kandidiert, da jedoch Geologie bei Ihnen sehr gut vertreten ist, wäre es für die jungen Mineralogen ein herber Schlag, wenn nicht einer von ihnen genannt würde.“

Wilhelm Salomon-Calvi, Direktor des Geologisch-Paläontologischen Instituts in Heidelberg, hielt dagegen zugunsten von Bruno Sander am 10. April 1922 fest, dass man „die örtlichen Verhältnisse der Hochschulen in hohem Maße berichtigen“ muss. Wie Franz Kossmat, Geologie-Ordinarius an der Universität Leipzig, unterstützte Salomon Bruno Sanders Kandidatur nachhaltig:

„Von Heidelberg aus kann ich keine Alpengeologie mehr treiben, von Innsbruck aus keine Mineralogie und Petrographie der skandinavischen Länder oder auch nur der deutschen Mittelgebirge. (…) In Ihrem Falle handelt es sich um einen Lehrstuhl der Mineralogie und Petrographie. Da muss ich nun sagen, dass man Kristalloptik, Kristallmessung, physiko-chemische Unter-suchungen von Mineralien und Ähnliches überall treiben kann, die kristallinen Schiefer und Mineralien der Centralalpen aber nur von Innsbruck, Graz, allenfalls noch München und Wien aus untersuchen kann.“

Vor diesem Hintergrund empfiehlt Salomon Bruno Sander an erster Stelle:

„Sander, der letzte der genannten Herren, scheint mir alle übrigen an Eignung für Innsbruck ganz bedeutend zu übertreffen. Er hat, wie ich mich überzeugt habe, eine lange Reihe von petrographischen Arbeiten und eine ziemliche Anzahl von guten alpengeologischen Untersuchungen, die deutlich zeigen, dass er zur Lösung der sich in Innsbruck besonders aufdrängenden Fragen, vorzüglich geeignet sein würde. Dabei ist er in seinen petrographischen Arbeiten durchaus originell und gedankenreich. Er geht völlig seinen eigenen Weg und steht unter all‘ den Forschern, die sich zur Zeit mit den Problemen der kristallinen Schiefe beschäftigen, mit in vorderster Reihe. Vielleicht trägt sein etwas schwerer Stil dazu bei, dass er nicht in dem Maße geschätzt wird und bekannt ist, wie er es meiner Meinung nach verdiente. Er würde aber einer jeder Hochschule zur Zierde gereichen.

Dabei möchte ich einem Vorurteil entgegentreten, nämlich dem, dass ein Petrograph nicht Mineraloge sei, man kann die mikroskopische Technik der Petrographie ohne gründliche mineralogische Schulung nicht erlernen und erst recht nicht ausüben. Dagegen kann man umgekehrt ein sehr guter Mineraloge sein, ohne sich um Petrographie zu kümmern.“

In der Verhandlungsschrift des „Ausschusses für die Neubesetzung der Lehrkanzel für Mineralogie und Petrographie“ wurden am 3. Mai 1922 die Gutachten zusammengefasst:

„Der Dekan macht die Mitteilung, dass auf das in der letzten Sitzung beschlossene Schreiben 8 Gutachten eingelaufen seien; nicht geäußert haben sich C. Schmidt – Basel und Sauer – Stuttgart. Die Gutachten werden in der Reihenfolge, wie sie einliefen, verlesen:

  1. Groth – München hält Himmelbauer für den geeignetsten Mann, an zweiter Stelle nennt er Leitmeier, an dritter Söllner.
  2. Salomon – Heidelberg bezeichnet Sander als Petrographen modernster Richtung und als weitaus am geeignetsten für die Innsbrucker Lehrkanzel; Leitmeier sei nicht modern, Himmelbauer in Innsbruck nicht am Platze.
  3. Linck – Jena empfiehlt an erster Stelle Söllner oder Spangenberg oder Schneiderhöhn, an zweiter Rose, an dritter Leitmeier, an vierter Stelle Himmelbauer oder Sander.
  4. Scharizer – Graz bezeichnet Himmelbauer als einzig für Innsbruck geeigneten Mann und macht nebstbei auf den Grazer Privatdozenten Angel aufmerksam.
  5. Becke – Wien tritt warm für Himmelbauer und Tertsch ein und empfiehlt den allerdings noch nicht habilitierten Michel neben Leitmeier der Berücksichtigung. Sander sei als Mineraloge nicht anzuerkennen. In einem privaten Schreiben an den Dekan gibt er folgende Reihung an: 1. Himmelbauer, 2. Tertsch, 3 Leitmeier und Michel.
  6. Grubenmann – Zürich reiht folgendermaßen: 1. Himmelbauer, 2. Sander, 3. Leitmeier.
  7. Kossmat – Leipzig empfiehlt den als Petrographen glänzend geschulten Sander, Himmelbauer rücke weit zurück.
  8. Nacken – (Greifswald) Frankfurt hält von den österreichischen Forschern Leitmeier für den vielseitigsten, Himmelbauer und Sander seien nicht so vielseitig; für geeignet hält er an erster Stelle Spangenberg, dann Rose, schließlich Lehmann.
  9. Steuer gibt einen Brief Johnsens – Berlin bekannt, in dem Söllner an erster Stelle, Schwantke an zweite, Spangenberg an dritter und Lehmann an vierter Stelle genannt wird.“

Vor der Beschlussfassung des „Ternavorschlags (I. [Bruno] Sander, II. [Alfred] Himmelbauer [Extraordinarius an der Hochschule für Bodenkultur in Wien], III. [Hans] Leitmeier [Extraordinarius an der Universität Wien])“ wurde am 13. Mai 1922 noch das nachträglich eingelangte Gutachten von C. Schmidt (Basel), das „die Bedeutung Himmelbauers und Sanders würdigt“, verlesen.

Zum 1. Oktober 1922 wurde Bruno Sander gegen den scharfen Widerstand der „Wiener Schule“ um Friedrich Becke zum Professor der Mineralogie und Petrographie ernannt. 1955 wurde Sander als Begründer einer international renommierten und weltweit verzweigten „Innsbrucker mineralogisch-geologischen Schule“ emeritiert. Sanders „Gefügekunde der Gesteine“ (1930) oder seine „Einführung in die Gefügekunde der geologischen Körper“ (1948) wurden zu internationalen Standardwerken. Im Rückblick: Glücklicherweise hat sich Becke 1922 nicht durchsetzen können! (Der gesamte Dreiervorschlag der Philosophischen Fakultät Innsbruck ist abgedruckt in Goller/Oberkofler: Mineralogie und Geologie (wie oben, 56-58, dort sind auch die ange-führten Namen kurz erläutert.)


Bruno Sanders Antrittsvorlesung 1922

Bernhard Fügenschuh (Institut für Geologie der Universität Innsbruck) schreibt 2019 begleitend zum Ausstellungskatalog „Schönheit vor Weisheit“, Seite 54-56 zu Bruno Sanders Forschungsprogramm der „statistischen Gefügekunde“ u.a.:

„Bruno Sander verfolgte in seinen zahlreichen Forschungen unter anderem auch die Frage, ob sich die Symmetrie von Kristallen in der Symmetrie von Gesteinen und schließlich von Gebirgen abbildet.“ 

Sander führt dies 1922 für ein allgemeines geistes- und naturwissenschaftliches Fakultätspublikum in seiner Antrittsvorlesung aus.

Zum Wintersemester 1922/23 ernannt hielt Bruno Sander am 23. November 1922 seine – im Manuskript im Universitätsarchiv Innsbruck überlieferte und im Anhang im Faksimile widergegebene -  Antrittsvorlesung „über die Aufgaben der Lehrkanzel für Mineralogie und Petrographie“. Sander beschreibt einleitend die Entwicklung von Mineralogie und Petrographie von taxonomisch, morphologisch klassifizierenden zu exakt physikalisch mathematischen Wissenschaftszweigen. Er erläutert die Stellung der Mineralogie im Fächerkanon, die sich aber immer noch – forschungshinderlich - über die Bedürfnisse der Ausbildung für Lehramtskandidaten bestimmt, so über die Zuteilung zur „Naturgeschichte“ im Mittelschulbetrieb, „nämlich die Frage, ob die Mineralogie als Teilfach dem Chemiker und Physiker mit höherem mathematischen Rüstzeug oder dem Zoologen und Botaniker zuzuteilen sei. Es ist bei letzterer Zuteilung geblieben und dieser Umstand bestimmt noch immer die für Lehramtskandidaten bestimmten mineralogischen und petrographischen Kollegien an der Hochschule. Und wir verstehen, dass in der Mineralogie auch in den vorbildlichsten Darstellungen für Lehrzwecke, wobei mir das Wiener Lehrbuch von Tschermak und Becke vor Augen steht, die Physik unverkennbar als Hilfswissenschaft auftritt.“ Es sei kein Zufall, dass die mineralogische Lehrbuchliteratur auch zu einem Zeitpunkt, in dem etwa viele mineralogische Teilfächer wie die Kristallographie schon „an den Physiker und Chemiker“ abgetreten sind – „ohne höheres mathematisches Rüstzeug zu Werke“ geht.

Nach den Bemerkungen über die Stellung der Mineralogie im naturwissenschaftlichen Disziplinenfeld kommt Sander zum zentralen Thema seiner (künftigen) Forschungen, er erläutert das Verhältnis von Mineralogie und Petrographie zur Geologie:

„Was der beschreibenden Petrographie quantitativ noch zu leisten vorbehalten ist, lässt sich in keiner Weise in Vergleich setzen mit dem Wenigen, was in dieser Hinsicht von der beschreibenden Mineralogie, wohl einer der abgeschlossensten deskriptiven Wissenschaften, die es gibt, noch zu erwarten ist.

Denn ungemessenen Arealen sekundärer, aus andern Gesteinstypen umgewandelter Gesteine steht die moderne petrographische Untersuchung noch bevor, welche sowohl zur geologischen Kartierung als zur Erkenntnis des Werdegangs dieser Gesteine führen soll, von dem man sagen kann, dass er zugleich sehr oft die entscheidenden Akte im geologischen Werdegang der betreffenden Teile der Erdhaut enthält und heutzutage mehr und mehr bereits erkennen lässt. 

Dabei habe ich noch abgesehen von den aus Schmelzen erstarrten Gesteinsmassen, deren Differenzierung aus Ausgangsmagmen und deren chemische Sippenverwandtschaft die geologische Erkenntnis so vielfach vertieft und ihr auch, wo sie in moderner Kartierung ihren jeweils endgültigen Ausdruck sucht, so sehr zu statten kommt.

Nun möchte ich, nachdem ich also das weite Feld wenigstens angedeutet habe, auf welchem die Petrographie den Geologen entscheidend begleitet noch auf die Vertiefung zu sprechen kommen, welche beide Fächer einander verdanken und welche meines Erachtens erst von moderner Petrographie reden lässt und diese bereits über reine Beschreibung in das Gebiet der Fragestellungen mit großer Tragweite für das Sammelgebiet geologischen Wissens erhebt.

Es ergibt sich ein zweites Beispiel für den Satz, dass die Wissenschaften an der Berührungsfläche ausgebauterer Disciplinen, ja wo die beiden einander übergreifen, am lebendigsten werden, wenn wir die jüngsten Fragestellungen der Petrographie betrachten. Der neue Kurs in der Petrographie, den ich dabei im Auge habe, ist eben erst so ganz daran, sich Mitarbeiter zu gewinnen. Hängt er doch erstens mit den letzten entscheidenden Wendungen innerhalb der Geologie zusammen, welche für einen Teil der Geologen noch schwierig zu beurteilen wohl der ganzen petrographisch mineralogischen Fachwelt bisher noch fast unzugänglich bleiben mussten. Ich meine damit die neuere Entwicklung unserer Anschauungen über die Art der Deformationen, welche in gewaltigen Rhythmen langer Zeiten – menschengeschichtlich gemessen – die festere Erdhaut mitmacht. Diese tektonischen Deformationen unter verschiedenen Bedingungen des Druckes und der Temperatur zunächst, sodann aller geologisch deutbaren Inhomogenitäten der Druck- und Temperaturbedingungen - diese Deformationen unter verschiedenen Bedingungen also bestimmen das petrographische Gepräge der hier betrachteten Gesteinswelt.

Dieses petrographische Gepräge gelangt namentlich dadurch zu unserer Anschauung, dass die in langen Zeiträumen den Bedingungen (größerer Rindentiefe z.B.) angepassten Gesteine in kurzen Zeiträumen ohne zur neuerlichen Anpassung Zeit zu finden, durch die tiefen Schnitte der Zerteilung und Abtragung und die künstlichen Operationen des Berg- und Tunnelbaus bloßgelegt werden. Dieses petrographische Gepräge wird eben dadurch interessant, dass man daran ist, aus ihm auf jene physikalischen und geologischen Bedingungen immer sicherer rückschließen zu lernen. Dieser vielleicht lebendigste Zweig neuere Gesteinskunde ist nun in der Hand des Geologen und zwar des Tektonikers, welcher selbst noch an der Erkenntnis des Baues mitarbeitet entwicklungsfähig, wie wohl aus dem Gesagten zu entnehmen. Ich werde später darauf zurückkommen, in wie ferne Innsbruck ein bevorzugter Platz für derartige Studien ist. Zunächst will ich dieses Gebiet der geologischen oder tektonischen Petrographie etwas anschaulicher machen.

Als ich vor ungefähr 10 Jahren an der hiesigen Lehrkanzel für Geologie ein Kolleg über die geologische Bedeutung der Gesteinsgefüge las und mit der Vorbereitung der für mich hierin entscheidenden Bereisungen in Finnland umgieng, da ergab sich in Wien Gelegenheit, Eduard Suess dem umfassendsten internationalen Resümator tektonischer Literatur von diesen Dingen zu sprechen. Und es verhielt sich Eduard Suess meinem tektonisch-petrographischen Arbeitsprogramme gegenüber ablehnend, indem er mir eine englische Arbeit über das Kleingefüge organogener küstennaher Sedimente vorlegte mit den Worten: Dies ist die geologische Bedeutung der Gesteinsgefüge.

Es war dies in jener Zeit bei uns einsetzender tiefgreifender Änderungen unserer Einsicht in das Ausmaß tektonischer Bewegungen in Gebirgen von alpinem Bau und Eduard Suess war in der Schweiz, in Deutschland und Frankreich gefeiert als einer der frühesten Seher und Verkünder der neuen Tektonik. Eben diese neue Tektonik, die Einsicht in eine vielmal bedeutendere zonare Durchbewegtheit der Erdhaut als bisher angenommen, war die eine große Anregung zu der Arbeitsrichtung, welche ich damals einschlug und welche sich seit jener pessimistischen Äußerung des Altmeisters jedes Jahr neuen Boden gewinnt.

Die zweite große Anregung für die neuere Betrachtungsweise der Zusammenhänge zwischen Druckbewegung und Kristallisation im Gesteinsgefüge war durch die mechanische Technologie und die Petrographie gegeben.

Bei uns war es durch die wenigen umfangreichen, aber in ihrem Gehalt entscheidenden Arbeiten Beckes in Wien, durch deren breitere scholastische Darstellung von Seite Grubenmanns in Zürich und wertvolle Beiträge Weinschenks in München möglich geworden, die umgewandelten Gesteine als mehr oder weniger deutbare Ergebnisse physikalischer Größen (Druck, Temperatur) zu erkennen, in zweiter Linie bereits als Ergebnisse jener geologischen Vorgänge zu deuten, welche Druck- und Temperaturänderungen mit sich bringen.

Als solche geologischen Vorgänge wurden von Weinschenk mehr die Bewegung der Gesteine mit wandernden Magmen, welche höhere Temperatur und chemische Agentien mit sich bringen, von Seite Beckes und Grubenmanns mehr das Wandern und die Anpassung der Gesteine in verschiedenen Rindentiefen in den Vordergrund gestellt, welches Druck und Temperatur ändert.

Damit war die neue lebendige Berührungsfläche zwischen Petrographie und Geologie gegeben. Die weitere Aufgabe aber, die tektonischen Bewegungen der Erdrinde als Binger der entscheidenden Bedingungen für das Gesteinsgepräge zu studieren und dies als einen der lebendigsten Zweige der Petrographie zu pflegen war und ist noch uns jüngeren Mitarbeitern vorbehalten.

Zunächst ergab sich eine in der Geschichte der Naturwissenschaft häufige Erscheinung: Es wurden von Seite der Schüler scheinbar deskriptive Begriffe gebildet, welche bereits so viel über oft sehr ungewisse genetische Umstände vorwegnahmen, dass mit solcher Terminologie der Schüler mehr seine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schule erweisen als seine Beobachtungen mit derjenigen Bescheidenheit ausdrücken konnte, welche allein ihnen Tragweite gibt und das Fach vor Scholastik bewahrt. Am meisten wissenschaftliche Zurückhaltung hat hierin Becke in Wien geübt. 

Man stand und steht also vor der Aufgabe gegenüber, ein mehr deskriptives und präziseres Begriffsinventar an Stelle des allzu genetischen zu setzen, hiedurch mehr Fühlung mit der mechanischen Technologie (z.B. der außerordentlich lehrreichen Deformationskunde der Metalle) zu gewinnen und auf Grund engerer Fühlung mit geologischen Fortschritten die genetischen Fragen neu zu behandeln. Dies kennzeichnet den Stand der heutigen petrographisch-geologischen Arbeit (…).“

An Hand von Erläuterungen zu den Begriffen „Mineralfazies“ und „Teilbewegung“  demonstrierte Sander sein gefügekundliches Programm:

„Ist aber das Verständnis der tektonischen Fazies, d.h. alles dessen, was am Gestein anlässlich seiner Durchbewegung zu Stande kam, was beispielsweise unseren Innsbrucker Quarzphyllit ganz und gar zu dem machte, was er heute ist, ist einmal dieses Verständnis errungen, so kann ich wohl sagen, dass einige Dünnschliffe unter Umständen schon entscheidendes Licht auf die geologische Geschichte großer Areale werfen können. Ich habe bisher aus dem neueren Begriffsinventar für petrographische Weiterarbeit den Begriff der Teilbewegung als eines Gefügebildners herausgehoben. Was nun den zweiten wichtigen Gesichtspunkt, die Betrachtung der Mineralbildung im Gesteine anlangt, der so genannten Mineralfazies der Gesteine, so sind diese hinsichtlich der Existenzfelder der Minerale in vorbildlicher Weise seit langem studiert worden. Die durch Druck und Temperaturgrenzen umgrenzten Existenzfelder der so wandelbaren Minerale im Gestein gestatten an und für sich sehr sichere Rückschlüsse auf die geologische Vergangenheit.“

Die Nachteile „unserer heutigen wirtschaftlichen Lage“ und die infolge einer weitgehend ausbleibenden finanziellen Wissenschaftsförderung sehr mangelhafte Ausstattung der Innsbrucker naturwissenschaftlichen Institute wollte Sander durch alpine Standortvorteile ausgleichen:

„Ich meine das Studium sedimentpetrographischer Fragen wie beispielsweise des Problems der Schichtung. Auch die Petrographie noch nicht stark veränderter Sedimente, wie wir sie nördlich von Innsbruck finden, ist ein junger Zweig petrographischer Wissenschaft. Es war gewiss der einzig richtige Weg, wenn sich die petrographische Untersuchungsmethodik zunächst an den vollkristallinen Gesteinen zu jener Höhe heranschulte, welche sie heute für alle Untersuchungen fester anorganischer Gefüge auch der Metalle z.B. zur besten Vorschule macht. Aber es blieben dabei die Sedimente umso mehr im Hintergrund, als die in den kaum veränderten Sedimenten auftretenden Kolloide damals noch kein mineralogisches Interesse erweckten. Ein Interesse für ein auf praktische Fragen eingestelltes Studium der Sedimente trat zunächst in der petrographischen Baumaterialienkunde auf. Das wissenschaftliche Interesse an den Sedimenten ist aber auch heute noch ein ernstlich geologisches, freilich nur mit den Mitteln der petrographischen Methodik zu befriedigendes. Ampferer hat seinerzeit darauf hingewiesen, dass vertikale Erdrindenbewegungen über dem Meer, ihre sedimentale Abbildung, ich möchte sagen ihre Buchung, durch Sedimente finden.“

Ausgehend von den Arbeiten seiner oben schon einmal erwähnten, etwas älteren Innsbrucker Studienfreunde Otto Ampferer und Wilhelm Hammer schließt Sander für den Standort Innsbruck:

„Ich eile zum Schlusse und fasse zusammen, wie die angedeuteten Fragen und Ausblicke namentlich die, welche sich bei der Besprechung der Beziehungen meiner Lehrkanzel zur Geologie ergeben, mit der Ortslage der Lehrkanzel in Innsbruck zu tun haben.

Wie Sie, verehrte Anwesende, entnehmen konnten, ist die Petrographie in einigen ihrer lebendigsten Fragestellungen auf Areale mit einer möglichst großen Mannigfaltigkeit kristalliner Gesteine angewiesen. Ein solches Areal ist unmittelbar vom Inn gegen Süden selbst trotz der augenblicklichen Landesgrenze in ausgezeichneter Weise gegeben, wie ich nach nunmehr fast 15jährig sich erneuenden Arbeiten und Studien in diesen Gebieten wohl behaupten darf. Habe ich doch soeben aus dem viel weiteren Reiche mineralogisch-petrographischer Fragen eben die diesen Arbeitsgebieten und denen Dr. Hammers am meisten angepassten Fragen und deren allgemeinere Tragweite vorsätzlich herausgehoben.

Anderseits ist nördlich des Inn ein namentlich durch Ampferer tektonisch und kartierend bearbeitetes Gebiet gegeben, welches sedimentpetrographisch eben durch unsere Untersuchungen an den bituminösen und kohligen Gesteinen erst berührt noch ein weites Feld für sedimentpetrographische Studien der Schichtung des Hauptdolomits unter vielen anderen darstellt.

So glaube ich denn die Vorteile, welche aus der Ortslage von Innsbruck für meine Lehrkanzel erwachsen mit Erfolg gegen die Nachteile unserer heutigen wirtschaftlichen Lage halten und das Institut an Zeit und Ort anpassen zu können.

Ich möchte es aber dabei nicht bewenden lassen ohne auf eine weitere Hoffnung wenigstens hinzuweisen, welcher bessere Zeiten Erfüllung bringen mögen. Ich möchte darauf hingewiesen haben, dass wir an einem epochalen Wendepunkt unserer Untersuchungsmethoden für mineralogische sowohl als für petrographische Fragen und gerade auch meines Erachtens für die heute vor Ihnen skizzierten stehen. Wir dürfen, meine ich, hoffen durch Röntgenisieren der Tektonite und feinstkristallinen Sedimente an manchen Stellen weiter zu kommen, wo den optischen, mit längeren Wellen arbeitenden Methoden Halt geboten war.

So ist es vielleicht möglich gradweise geregelte Korngefüge in den bisher optisch unzugänglichen Kleingefügen aus Mineralen mit hoher Doppelbrechung, wie namentlich der Karbonate, zu erkennen, und sich der fundamentalen durch manche Befunde und die Einblicke in den Raumgitterbau mancher Minerale ernstlich nahe gelegten Frage zu nähern, ob Durchbewegung ein Raumgitter in ein anderes, ein Mineral in ein anderes überführen kann. Es sind dies heute freilich allzu kühne Hoffnungen für ein Institut ohne Röntgeneinrichtung.

Ich halte mich also zunächst an die, wir sahen, nicht weniger aussichtsreichen Aufgaben des geologisch-petrographischen Grenzgebietes, welche die beiden Lehrkanzeln in der gemeinsamen Arbeit vereinigen mögen und in dem Einvernehmen, für welche die allerbesten Aussichten bestehen.“

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