Medizinische Berufungsakten seit 1869

Nach dem „Tiroler Aufstand“ von 1809 wurde die 1669 gegründete Universität Innsbruck im Zuge einer Degradierung zu einem philosophisch-theologischen Lyzeum aufgelöst. Dies betraf auch die 1673 errichtete ältere Medizinische Fakultät.

Zwischen 1810 und 1869 wurden die Tiroler Ärzte erst an den bayerischen Universitäten Landshut und Erlangen, nach der Rückkehr Tirols zu Österreich 1814 an den Universitäten Wien und Prag ausgebildet. Die italienischsprachigen „welschtiroler“ Mediziner wurden in Padua oder Pavia promoviert.

Zwischen 1816 und 1869/71 bestand in Innsbruck ein „niederes“ medizinisch-chirurgisches Studium zur Ausbildung von Wundärzten, Geburtshelfern und Hebammen.

Nach langen Verhandlungen konnte 1869 auch an der Universität Innsbruck – Graz war 1863 vorangegangen – wieder eine Medizinische Vollfakultät im modernen Sinn etabliert werden. Das „Wundarztstudium“ wurde 1871 eingestellt.

Von den elf Gründungsprofessoren der neu konstituierten Medizinfakultät wurden im Frühjahr 1869 vier von diesem alten „Studium“ übernommen:

  • für die Anatomie der gebürtige Steirer Karl Dantscher (1813-1887), in Wien promoviert und schon seit 1846 in Innsbruck „descriptive Anatomie“ lehrend.
  • für die Geburtshilfe und Gynäkologie der gebürtige Innsbrucker Virgil von Mayrhofen (1815-1877), 1843 in Wien promoviert. Er lehrte seit 1851 in Innsbruck.
  • für die Innere Medizin und spezielle Pathologie Otto Rembold (1834-1904), aus der Wiener Medizinischen Schule (bei Joseph Skoda) stammend, 1876 nach Graz berufen.
  • für die Allgemeine Pathologie, Pharmakologie und Pharmakognosie Anton Tschurtschenthaler (1815 in Sexten geboren - 1900), in Wien promoviert und seit 1856 am Innsbrucker „chirurgischen Studium“ die „theoretische Medizin“ lehrend.

Neu kamen 1869/70 von außen hinzu:

  • für die Physiologie der in Wilten geborene Maximilian Vintschgau (1832-1913) ausgebildet in Wien und Prag bei Ernst Wilhelm Brücke oder Johannes E. Purkyne – bis zur Emeritierung 1902 in Innsbruck lehrend. Der von der Fakultät am 30. Juli 1869 vorgelegte Dreiervorschlag mit Leonhard Landois (Greifswald) an erster Stelle, mit Julius Bernstein (Heidelberg) an zweiter Stelle und mit Carl Toldt (aus Bruneck im Pustertal, Assistent an der Josephs-Akademie in Wien, später militant völkischer Anatomieprofessor an der Universität Wien) an dritter Stelle war vom Ministerium ignoriert worden. Toldt war von der Fakultät auf Grundlage eines Gutachtens von Ewald Hering gereiht worden.
  • für die Medizinische Chemie der Grazer Dozent Richard Maly (1839-1891), 1875 an die Technische Hochschule Graz berufen.
  • für die Pathologische Anatomie Ferdinand Schott (1830-1887) aus der Wiener Medizinischen Schule Carl Rokitanskys.
  • für die Gerichtliche Medizin Eduard Hofmann (1837-1897), aus Prag geholter Privatdozent, 1884 nach Wien berufen.
  • für die Chirurgie Karl Heine (1838-1877), ein Heidelberger Dozent, der schon 1873 nach Prag ernannt wurde. Er wurde in Innsbruck durch Eduard Albert (1841-1900), einen Vertreter der Wiener Schule (bei Johann Dumreicher), ersetzt.
  • für die Augenheilkunde Ludwig Mauthner (1840-1894), der sich 1877 wegen der prekären klinischen Infrastruktur in Innsbruck in seine große Wiener Privatpraxis zurückziehen sollte.
  • für die seit dem späten 18. Jahrhundert in Innsbruck existente Professur der Tierheilkunde Franz Wildner (gest. 1900), Assistent am Wiener Tierarznei-Institut. Der Fakultät erschien dieser Unterricht mit Blick auf Tierseuchen und sonstige veterinärpolizeiliche Fragen unentbehrlich. Mit Wildners Abgang wurde die Professur einzogen. (Auch alle weiteren medizinischen Berufungs- und Habilitationsverfahren [auch jene der nach und nach hinzukommenden Lehrstühle für Dermatologie, Hygiene, HNO-Erkrankungen, Kinderheilkunde, Zahnheilkunde oder Psychiatrie und Neurologie] sind ab 1869 bis in die 1960er Jahre – unter Anführung der Dreiervorschläge – systematisch erhoben in Franz Huter (Hrg.): Hundert Jahre Medizinische Fakultät Innsbruck 1869 bis 1969, 2 Bände, Innsbruck 1969.)

Franz Huter (1899-1997, Professor für Österreichische Geschichte und Leiter des Universitätsarchivs) führt 1969 einleitend zu der unter Mitarbeit der Instituts- und Klinikvorstände erstellten Fakultätsgeschichte aus: In den hundert Jahren zwischen 1869 und 1969 wurden 131 Berufungsverfahren durchgeführt. 33 ernannte Professoren stammten aus dem Haus. Aus Wien wurden 55 Professoren geholt, aus Graz 14 und aus Prag 4 Dozenten. Aus Deutschland stammten 21 Lehrstuhlinhaber, nur Leipzig ist öfter genannt. Oft handelte es sich um die Rückkehr von Dozenten nach Österreich: „Die Wiener Medizinische Schule hat in manchen Fächern (…) eine geradezu beherrschende Stellung. Junge Dozenten und Extraordinarien aus Wien haben in den besten Jahren ihres Lebens in Innsbruck gewirkt, zum Teil sind sie dann von hier aus Berufungen nach Graz und Wien gefolgt.“

Verwiesen sei auswahlweise auf die Berufung

  • des Breslauer Anatomen Wilhelm Roux (1850-1924), der bei seiner Ernennung 1889 in Innsbruck als „entschiedener Anhänger der Descendenztheorie“ Darwins mit lokaler religiös motivierter Ablehnung zu kämpfen hatte. 1895 ging Roux nach Halle.
  • auf die antisemitischen Proteste gegen die Berufung des Augenheilkundlers Stefan Bernheimer 1900: „Die deutsche Studentenschaft hat es von jeher nicht nur als ihr Recht, sondern vielmehr als ihre Pflicht betrachtet, in Dingen, die ihre Hochschule näher berühren oder die geeignet sind, den deutschen Charakter derselben zu schädigen, ihrer Meinung frei und offen Ausdruck zu verleihen. In Ausübung dieser Pflicht ergreift sie auch heute das Wort, um gegen die zunehmende Verjudung des Lehrkörpers der Innsbrucker Universität entschiedenen Protest einzulegen. Sie vermag nicht einzusehen, warum an einer Hochschule, an der unter 900 Hörern sich nur ein Jude befindet, eine jüdische Lehrkraft nach der anderen berufen wird. (...) Wir (...) bedauern die leider schon erfolgte Ernennung des jüdischen Professors für Augenheilkunde Dr. Bernheimer.“ ( Peter Goller: Die Matrikel der Universität Innsbruck. Abteilung: Medizinische Fakultät. 1. Band: 1869-1900, Innsbruck 1995.)
  • Die Ernennung des experimentellen Pathologen Moriz Löwit war 1886/87 als eine der letzten noch – im Zeichen von „1867“ und von begrenzt wirkender bürgerlich-liberaler Assimilation – ohne antisemitische Nebentöne über die Bühne gegangen, so wie die Berufungen der „Israeliten“ Ludwig Mauthner und Isidor Schnabel (beide für Augenheilkunde, 1869 bzw. 1877) oder jene des Medizinischen Chemikers Wilhelm Franz Loebisch 1878 und des Dermatologen Eduard Lang 1873.
  • Die Berufung des Prager Dozenten Wilhelm Fischel auf eine gynäkologisch-geburtshilfliche Professur wurde 1887 schon aus religiös motiviertem Antisemitismus heraus von vornherein ausgeschlossen „und zwar aus Rücksicht seiner Confession, welche bei der Abhängigkeit des Professors der Geburtshilfe vom Landesausschusse Anstoß erregt und dem genannten Docenten von Vorhinein die Stellung unmöglich gemacht hätte.“ ( digitalisierter Berufungsakt Nr. 25)
  • Exemplarisch zu verweisen ist auch auf die Ernennung der Leipziger Ewald Hering-Schüler Franz Bruno Hofmann (1905) und Ernst Theodor Brücke (1916) für das physiologische Ordinariat, oder auf das physiologische Extraordinariat von Ludwig Haberlandt und seine zur „Pille“ führenden Hormonforschungen. ( Corinna Zangerl: Wenn Wissenschaft Lebensgrenzen setzt. Die Aufzeichnungen des Innsbrucker Physiologen Ludwig Haberlandt (1885-1932), Innsbruck 2014.)

Von zentraler Bedeutung waren die Berufungen der medizinischen Chemiker und späteren Nobelpreisträger Fritz Pregl, Adolf Windaus und Hans Fischer:

  • Der Grazer Privatdozent Fritz Pregl (1869-1930) nahm in den Monaten vor seiner Innsbruck-Berufung 1910 die Arbeiten zur Reduktion der für die chemische Elementaranalyse erforderlichen Substanzmengen (chemische Mikroanalyse) auf. Für die Nachfolge von Wilhelm Löbisch hat die Medizinische Fakultät im Juni 1910 Richard von Zeynek (Prag) vor Friedrich Pregl (Graz), Otto Ritter von Fürth (Wien) jeweils an zweiter Stelle und Richard Burian (Leipzig, Leiter der physiologischen Abteilung der zoologischen Station in Neapel) an dritter Position nominiert. Im Frühjahr 1911 schreibt Pregl nach Graz: „Im verflossenen Monate waren es die Schwächen meiner Methode der Mikroelementaranalyse, die meine ganze Zeit und Persönlichkeit absorbierten.“ Ende 1911 erschien Pregls gemeinsam mit seinem Grazer Kollegen Hans Buchtala veröffentlichter mikroanalytischer Forschungsbericht „Erfahrungen über die Isolierung der spezifischen Gallensäuren“. Im Mai 1912 notierte Pregl: „Am Ende des Wintersemesters war ich schwer überarbeitet. Ich habe die Mikroelementaranalyse verbessert, verfeinert, vereinfacht und noch weiter ausgebaut. Sie stellt nun einen fertigen Guss vor. Die Methoden sind bis in die geringsten Kleinigkeiten ausprobiert und die Vorschriften derartig, dass nunmehr Änderungen nur schaden könnten.“ Pregl erhielt 1923 den Nobelpreis für Chemie. Obwohl Pregl etwa 1911 eine Berufung nach Berlin mit der Begründung ablehnte, es sei ein größeres Glück, „in gewohnter Umgebung ruhig forschen zu können, als wieder die Gemütspein einer Ortsveränderung mitmachen zu müssen“, hat er sich in Innsbruck nicht übermäßig wohl gefühlt. Er sprach von „geistiger Vereinsamung“ und schreibt jedenfalls im Juni 1913 aus Anlass einer Wiener und Grazer Berufungsoption: „In dieser Woche sollen also die Würfel darüber fallen, ob ich zeitlebens in Innsbruck verbauern soll oder ob ich in die Kulturwelt wieder eintreten darf.“ 1917 erkannte Pregl in seinem großen Handbuch „Die quantitative organische Mikroanalyse“ den entscheidenden Charakter der Innsbrucker Jahre an. Die jeweils nur kurzen Aufenthalte von Pregl, Windaus und Fischer verdeutlichen aber die schwierige materiell finanzielle Ausstattung der naturwissenschaftlichen Forschung in Innsbruck. ( Richard Stöhr: Medizinische Chemie, in: Hundert Jahre Medizinische Fakultät Innsbruck 1869 bis 1969, 2 Bände, hrg. von Franz Huter, Innsbruck 1969, Band 2, 235-246 und Anton Holasek - Alois Kernbauer: (Hrg.): Fritz Pregl an Karl Berthold Hofmann. Briefe aus den Jahren 1904-1913, Graz 1989.)
  • Fritz Pregl, der 1913 nach Graz zurückging, empfahl für seine Innsbrucker Nachfolge Adolf Windaus (1876-1959), dem ebenfalls später 1928 in Anerkennung der Forschungen auf dem Gebiet der Konstitutionsaufklärung der Sterine und ihrer Beziehungen zu den Vitaminen der Nobelpreis für Chemie verliehen werden sollte: „Auf Grund dieses [Pregl’schen – Anm.] Gutachtens hat mithin der Ausschuss einstimmig beschlossen, der medizinischen Fakultät für den Fall einer notwendig werdenden Wiederbesetzung der Medizinisch-chemischen Lehrkanzel folgende Terne zu empfehlen: Primo loco: Professor Adolf Windaus, Freiburg iB., Secundo loco: Professor Theodor Panzer, Wien, Tierärztliche Hochschule, Tertio loco: Professor Franz Knoop, Freiburg iB.“
  • Nach knapp zweijähriger Tätigkeit ging Windaus 1915 nach Göttingen. Ihn löste der Münchner Privatdozent Hans Fischer (1881-1945) ab, der Innsbruck schon 1918 Richtung Wien wieder verließ und 1921 nach München zurückkehrte. Die Innsbrucker Fakultät hatte Fischer im September nachgereiht: Franz Knoop (Freiburg) secundo loco sowie tertio et aequo loco Hermann Leuchs (Berlin) und Martin Henze (Leipzig/Neapel). Fischer wurde 1930 der Nobelpreis für Chemie in Anerkennung seiner Verdienste um die Synthese des Hämins verliehen. In Innsbruck folgte ihm mit Martin Henze ein Mitbewerber aus dem Jahr 1915, nachdem der schon einmal zuvor 1910 genannte Prager Professor Richard Zeynek einen Ruf nach Tirol abgelehnt hatte.

 

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