16. Mai 1945: „Jüdische Agenten“ in Meran

Die Gruppe Wendig in Meran benutzte während des Krieges geheim produzierte Geldscheine, um von jüdischen Flüchtlingen Wert- und Kunstgegenstände zu erwerben, die wiederum in verschiedenen Depots zur Sicherung der Nachkriegsexistenz "hinterlegt" wurden.
MeranDornsberg
(Credit: 196th Signal Co Photo by Phillips, National Archives, Washington DC, RG 111: 359235)

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[off. Bildunterschrift] US-Offiziere und Angestellte verlassen Schloss Dornsberg bei Meran, wo sie auf der Suche nach versteckten Beutegütern der Deutschen waren. Es wurden große Mengen Seide, Wolle und viele andere gestohlene Waren gefunden. Doktor Van Harten, ein angeblicher Vertreter des Internationalen Roten Kreuzes aus Budapest, ist im vorderen Sitz des Jeeps zu sehen. Er bringt die Gruppe zu jenen Orten, an denen die Deutschen Diebesgut versteckt haben. Die Gruppe Wendig in Meran benutzte während des Krieges geheim produzierte Geldscheine, um von jüdischen Flüchtlingen Wert- und Kunstgegenstände zu erwerben, die in verschiedenen Depots zur Sicherung der Nachkriegsexistenz hinterlegt wurden. Gegen Kriegsende wurden die meisten Sachwerte in die Schweiz verlegt, um sie dem Zugriff der Alliierten zu entziehen.

Der Gruppe Wendig gehörten vier ehemalige „jüdische Agenten“, darunter ein Jaac van Harten (auch Yaacov/Jaques-Jules/Julian Levy) an. Die undurchsichtigste Figur war wohl eben genannter Jaac van Harten. Er ließ sich 1945 vom "American Jewish Joint Distribution Committee" (Joint) ein Führungszeugnis ausstellen, das ihm bescheinigte, er sei 1935 [sic!] wegen Beteiligung am „Röhm-Putsch“ verhaftet und 1938 aus der NSDAP ausgeschlossen worden. Daraufhin habe er sich der Rettung tausender Judinnen und Juden aus Deutschland gewidmet. Jaac van Hartens Identität bleibt umstritten. Nach einem Schweizer Verhörprotokoll gab er an, mit richtigem Namen Julian Levy zu heißen und Sohn eines Breslauer Juweliers zu sein. 1937 habe er sein Juweliergeschäft in Breslau aufgegeben und sei nach Berlin übersiedelt. Die Gestapo habe ihn und seine zweite Frau Elfriede Viola Boehm aufgefordert, das Land zu verlassen, weshalb er sich den Pass des holländischen Juden Jaac van Harten gekauft und Deutschland in Richtung Schweiz verlassen habe. Später tauchte van Harten in Ungarn auf, wo er angeblich tausenden Juden zur Flucht verhalf. Ende 1944 zogen die van Hartens nach Meran und bezogen im Hotel Stefanie Quartier. Von hier aus habe er die jüdischen Insassen des Lagers in Bozen vor dem Abtransport in die deutschen Konzentrationslager retten wollen.

Van Harten verstrickte sich jedoch später bei seinen Aussagen mehrfach in Widersprüche, sodass lange ungeklärt blieb, wer dieser Mann tatsächlich war.

 

Van Harten
(Credit: 196th Signal Co Photo by Phillips, National Archives, Washington DC, RG 111: 359235)

[off. Bildunterschrift] Direktor Van Harten, angeblicher Direktor des Internationalen Roten Kreuzes in Meran und Bozen in den letzten drei Kriegsmonaten. Er ist aus Budapest und niederländischer Staatsbürger. Seine Arbeit wurden von Zivilisten in Meran gelobt. Im Bild ist er mit seiner Frau, die angibt, seine wichtigste Helferin zu sein, und seinem Sohn zu sehen.

Van Harten/Levy gab an, seit 1943 Judinnen und Juden Papiere ausgestellt zu haben, die ihnen die Ausreise nach Palästina ermöglichten. Tatsächlich scheint van Harten Anfang 1945 Kontakt mit Bricha-Mitgliedern, die auf dem Weg nach Österreich und Ungarn waren, aufgenommen und ihnen gefälschte Pfundnoten als Zahlungsmittel mitgegeben zu haben. In Südtirol gab er sich in den letzten Kriegstagen als Vertreter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) aus und versah eine Reihe von Depots mit einem entsprechenden Türschild. Auch im Lager Bozen tauchte er schließlich auf. Wie der Journalist Shraga Elam recherchierte, konnte van Harten/Levy nach dem Krieg in Tel Aviv unter dem Schutz von Premierministerin Golda Meir unbehelligt leben, obwohl er "von zentraler Bedeutung für die antijüdischen Maßnahmen in Ungarn" gewesen war. Unbeabsichtigt waren die Besatzer in Meran also auf das zentrale Verteilungsnetz des "Unternehmens Bernhard" gestoßen, aufgrund dessen im KZ Sachsenhausen hergestellte gefälschte britische Pfundnoten weltweit verteilt werden sollten. 

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