Im Jahr 2002 evaluierten Vertreter der European Science Foundation im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur die österreichische Zeitgeschichtsforschung. In diesem Rahmen führten Prof. Dr. Wolfgang Benz (Berlin), Prof. Dr. Waclaw Dlugoborski (Katowice) und Prof. Dr. Johannes Houwink ten Cate (Amsterdam) eine Einzelevaluation des Innsbrucker Zeitgeschichte-Instituts durch:

Evaluationsbericht über das Institut für Zeitgeschichte der Leopold-Franzens Universität Innsbruck


Oktober 2002


I. Zusammenfassung: Performance, Rahmenbedingungen

Innovationspotential/Service
Das Institut nutzt nicht nur neue Medien für sozialhistorische Forschungen im Bereich der Zeitgeschichte, sondern stellt sie auch in Form von Serviceleistungen der Forschung und Lehre über den eigenen Bereich hinaus zur Verfügung. Als Beispiel für die Anwendung in zeitgeschichtlich/sozialhistorischer Forschung ist die biographische Datenbank zur jüdischen Bevölkerung in Tirol und Vorarlberg zu nennen, aus der Ausstellungsprojekte und Publikationen gespeist wurden und die als individual- und kollektivbiographischer Quellenfonds Auswertungen vielfältiger Art ermöglicht. Als Service für die Scientific Community über engere disziplinäre Grenzen hinaus bietet das Institut das "Zeitgeschichte-Informations-System" (ZIS), das als Adressenpool, interaktiver Kalender, Quellendokumentation (digitalisierte Dokumente zur Geschichte Österreichs im 20. Jahrhundert) und mit anderen Funktionen (etwa der Chronik zur Geschichte Südtirols) zu nutzen ist und mit mehr als 1000 Zugriffen pro Tag mit steigender Tendenz vom Fachpublikum angenommen wird.

 

Publikationen
Im wissenschaftlichen Publikationsbereich ist das Institut in einer Größenordnung vertreten, die im Verhältnis zur personellen Ausstattung im nationalen wie internationalen Vergleich einzigartig ist. Die Zahl der selbständigen monographischen Publikationen, Dokumentationen, der Sammelbände und der Beiträge in Fachzeitschriften, Anthologien und Konferenzbänden ist um so erstaunlicher, als ganz unterschiedliche Themenfelder und Schwerpunkte behandelt sind.

 

Internationalität und regionale Präsenz
Mit seiner Vielzahl von internationalen Kooperationen und langfristigen Vernetzungen in Forschung und Lehre hat das Institut einen besonderen Rang im gesamtösterreichischen Kontext. Besonders hervorzuheben sind die Projektschwerpunkte österreichisch-israelische Beziehungen, Geschichte der europäischen Integration, Brasilien und Österreich. In der Lehre sind die Kooperationen mit der Eastern Illinois University in Charleston, Ill. USA (Austauschprogramm) sowie die zahlreichen Gastprofessoren in Innsbruck und die Gastprofessuren der Mitarbeiter in New Orleans, New York, Tel Aviv, Krakau usw. hervorzuheben, im Forschungsbereich die institutionellen Kontakte zum Zentrum für europäische Integrationsforschung Bonn, zu Universitäten und anderen Einrichtungen in Tel Aviv und Jerusalem, zu den American Jewish Archivs Cincinnati/Ohio, zum Institut Charles De Gaulle (Paris), zum Holocaust Memorial Museum Washington usw.

 

Die soziale und politische Relevanz des Instituts kommt in den öffentlichen Aktivitäten zum Ausdruck, die in Form von

  • Internationalen Konferenzen,
  • Pädagogischen Anstrengungen (Lehrerfortbildung, Zusammenarbeit mit Schulen, Workshops im Rahmen des "Tiroler Kulturservice")
  • Vermittlung zeitgeschichtlicher Information und im Rahmen politischer Bildung
  • Ausstellungen
  • Medienpräsenz (Zeitungen, Rundfunk, Fernsehen)

dokumentieren, daß das Institut für Zeitgeschichte über den universitär-akademischen Rahmen hinaus einen gesellschaftspolitischen Auftrag in Form öffentlicher Aufklärung zur Festigung demokratischer Strukturen wahrnimmt. Damit trägt das Institut für Zeitgeschichte zweifellos in erheblichem Maßstab zum Renommee der Universität Innsbruck bei. Im internationalen Vergleich hat das Institut den Standard von Einrichtungen wie den entsprechenden Abteilungen von Zeitgeschichte etwa in Utrecht, Leiden, Amsterdam, die erheblich aufwändiger ausgestattet sind.

 

Ausstattung
Das Institut hält in der Einwerbung von Drittmitteln zweifellos eine Spitzenposition. Daraus folgt, daß es in seiner derzeit bescheidenen Grundausstattung nicht beschnitten werden darf, da Drittmittel-Projekte ohne solide Grundstrukturen und ohne ein personelles Fundament nicht durchgeführt werden können und die Akquisition neuer Projektmittel nicht möglich ist. Es wird dringend empfohlen, die bestehende Ausstattung personell und hinsichtlich der Sachmittel auf keinen Fall zu reduzieren. Auf Grund seines Innovationspotentials, der Serviceleistungen, der Forschungskompetenz und seiner internationalen Kooperationsstrukturen ist das Institut als Center of Excellence zu bezeichnen.

 

II. Lehre

 

Eine auswärtige Expertenkommission tut sich naturgemäß schwer, die Lehre eines Instituts zu beurteilen, da ihr Detailkenntnisse der curricularen Anforderungen, des lokalen und regionalen Bedarfes fehlen. Zu konstatieren ist eine breite Palette von Veranstaltungen, die zwischen regionalen, nationalen und internationalen Themen wohl ausgewogen interessante Angebote macht und insgesamt als überdurchschnittliches Lehrangebot gewertet werden muß. Zeitgeschichte spielt deshalb nicht nur in der Ausbildung von Studenten eine wichtige Rolle, sondern dank des Engagements der Institutsmitarbeiter auch in der Lehrerfortbildung und in der politischen Erwachsenenbildung. Die oft geforderte Verzahnung zwischen Universität und Schulen ist in mancher Hinsicht realisiert, nicht zuletzt dank der didaktischen Erfahrung und des Engagements der Mitarbeiter des Instituts (sie kommt auch zum Ausdruck in Aufsätzen zu Methode und Inhalt zeitgeschichtlicher Didaktik in Fachperiodika aus der Feder von Institutsmitarbeitern). Die Kontakte mit den Schulen werden auch über die vom Institut veranstalteten Ausstellungen gefördert, die u.a. von Schulklassen der Innsbrucker Schulen und aus der gesamten Region besucht wurden. Bei der Ausstellung "Jüdisches Alltagsleben in Innsbruck" (1996) fanden z. B. Führungen für 29 Schulklassen statt.

 

III. Öffentlichkeit und Medien

 

Ohne die führende und inspirierende Rolle des Institutsdirektors außer acht lassen zu wollen, sind die vom Institut vorbereiteten oder mitgetragenen zeitgeschichtlichen Ausstellungen (im Laufe des Jahrzehnts 1988 bis 1998 waren es zehn) als Teamwork zu betrachten, das jeweils in interdisziplinärer Kooperation mit anderen Instituten, dem jüdischen Museum Hohenems, dem Stadtmuseum Dornbirn usw. realisiert wird. Die Themen der Ausstellungen sind mit den im Institut stattfindenden Forschungen und Lehrveranstaltungen aufs engste verknüpft: Displaced Persons, Schicksale der aus Tirol deportierten Juden, jüdisches Alltagsleben, Judenmord, die "Reichskristallnacht" in Innsbruck usw. Drei namhafte Ausstellungen waren allgemeingeschichtlichen Themen gewidmet: der Sprache und dem Antisemitismus, Bildern des Krieges und den Schicksalen der Sinti und Roma. Auf diese Weise ist es dem Institut gelungen, ein Gleichgewicht zwischen regional und allgemein historisch orientierten Themen herzustellen. Dabei ist zu bemerken, daß auch die erstgenannten Ausstellungen oft an allgemein zeithistorische Fragen (Holocaust, nationalsozialistische Politik, Alltagsverhalten der Mehrheit usw.) anknüpfen, wobei die wissenschaftliche Regionalforschung sich mit allgemeinen Fragestellungen aufs Glücklichste verbindet.

 

Das Institut ist naturgemäß in erster Linie durch die Arbeiten des Institutsdirektors in überdurchschnittlicher Weise in den Medien vertreten, insbesondere in Hörfunk und Fernsehen, wobei die 1999 von Prof. Steininger kommentierte siebenteilige Fernsehreihe besonders hervorzuheben ist. Neben dieser regionalgeschichtlichen TV-Reihe verbinden sich mit dem Namen des Instituts für Zeitgeschichte in Innsbruck Fernsehdarstellungen allgemeiner und internationaler historischer Sachverhalte (z. B. die 1986 preisgekrönte Sendung über Buchenwald und Dachau). Zu nennen sind Hörfunkfeatures und die zwei Jahre lang fortgesetzte zeitgeschichtliche Sendung "Erinnern Sie sich?", Fernsehdokumentationen über Nachkriegsdeutschland, den Koreakrieg, über den Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki usw. Damit hat das Institut für Zeitgeschichte ein eigenes Profil entwickelt und einen guten Namen in der öffentlichen Vermittlung von Historie erlangt.

 

IV. Regionalgeschichte

 

Obwohl die Regionalgeschichte ( Tirol, Südtirol und Vorarlberg) unter den Schwerpunkten von Forschung und Lehre des Instituts erst an dritter Stelle genannt wird, nimmt sie unter den Forschungsprojekten — jedenfalls ihrer Zahl nach — den 1. Platz ein. Nicht unter den bereits abgeschlossenen (drei von insgesamt dreizehn), sondern unter den aktuellen und fortlaufenden: sieben von insgesamt neun Projekten. Die Hälfte der von Institutsmitgliedern herausgegebenen Sammelbände behandelt regionalgeschichtliche Fragen (12 von 24); wenn man in Betracht zieht, daß 16 dieser Bände von Prof. Steininger herausgegeben oder mit herausgegeben wurden und die u. a. die Zeitgeschichte Deutschlands betreffen, wird die Rolle, die Regionalgeschichte in den Forschungen des Instituts spielt, sichtbar: Die von Albrecht, Böhler, Eisterer und Gehler herausgegebenen Bände waren hauptsächlich (sieben von zehn) den Fragen der Zeitgeschichte Tirols bzw. Südtirols gewidmet. Besondere Bedeutung haben die drei Sammelbände, die von Steininger und Eisterer bzw. Steininger, Eisterer und Albrecht herausgegeben wurden und jene Ereignisse der Geschichte Tirols nördlich und südlich des Brenners behandeln, die für seine Schicksale im 20. Jahrhundert entscheidend gewesen sind: der Erste Weltkrieg, die Option, der Anschluß.

 

Gleiche, aber nicht nur regionalgeschichtliche Bedeutung ist der dreibändigen Monographie von Prof. Steininger (1999) beizumessen, die die außen- und innenpolitische Entwicklung Südtirols 1947 bis 1969 behandelt. Steininger hat auch den die Monographie begleitenden Dokumentenband zu Tirol im 20. Jahrhundert herausgegeben, zugleich als Pilot einer mehrbändigen Dokumentenedition "Südtirol 1945—1996", die von einem Team erarbeitet wird. Die Mitarbeiter des Instituts können sich mit Fallstudien zur Geschichte Tirols und Vorarlbergs ausweisen. Außer Gehler, der neben einer Monographie über die Innsbrucker Studentenschaft 1918—1938 auch eine Studie über die europäischen "Neutralen" und eine methodologisch-theoretische Arbeit veröffentlicht hat, haben sich seine Kolleginnen und Kollegen vor allem mit sechs regionalgeschichtlich orientierten Monographien hervorgetan. Zusammen mit Steininger haben die Institutsmitglieder insgesamt 34 Monographien veröffentlicht, von denen 15 regionalgeschichtliche Themen behandeln. Steininger und Gehler können sich auch mit der größten Zahl — 101 bzw. 119 — veröffentlichter Aufsätze und Beiträge ausweisen, von denen aber nur etwa 10% bzw. 33% die Regionalgeschichte betreffen. Im ganzen kann also nicht von einem Übergewicht dieser Themen gesprochen werden (118 von insgesamt 335 Studien).

 

Wichtiger aber als die Zahl der im Institut entstandenen regionalgeschichtlichen Sammelbände, Monographien etc. ist ihr Stellenwert in der Entwicklung einerseits des Instituts selbst, andererseits innerhalb der österreichischen und internationalen Geschichtsforschung. Die Institutsmitglieder sind sich der Rolle der von ihnen betriebenen regionalgeschichtlichen Forschung bewußt, sowohl hinsichtlich der Faktendarstellungen wie auch der Methodendiskussion, die vor allem Gehler in seiner Monographie "Zeitgeschichte im dynamischen Mehrebenen-System" zwischen Regionalisierung, Nationalstaat, Europäisierung (2001) vorangetrieben hat.

 

Die Innsbrucker Studien sind nicht nur im internationalen Spektrum der Zeitgeschichte gut verankert, sondern sie betrachten die Entwicklung der Region als Aspekt eines soziokulturellen und nationalpolitischen Wandels, der sich besonders in Durchbruchzeiten wie den beiden Weltkriegen und der NS-Zeit bzw. der französischen Besatzung nach 1945 äußert. Neben den bereits angeführten Sammelbänden werden diese Themen in zahlreichen Arbeiten konkretisiert.

 

V. Empfehlungen

 

Die folgenden Empfehlungen zielen auf eine weitere Konsolidierung der internationalen Vernetzung des Hauses. Teilweise sind sie gleichzeitig darauf gerichtet, österreichische Strukturschwächen (zu wenig Doktoranden, mangelnde Mobilität der Assistenten) zu beheben. Wegen fehlender Mittel hat das Institut in den letzten Jahren weder große internationale Konferenzen organisieren noch Gastprofessoren auf längere Zeit einladen können. Daraus können Nachteile für Forschung und Lehre entstehen. Im einzelnen wird folgendes empfohlen:

  1. Das Institut sollte strukturell ein oder zwei Doktorandenstellen zur Verfügung gestellt bekommen, um so zur Bildung einer Gruppe junger Wissenschaftler, die internationale Erfahrung hat und auf Dauer auch außerhalb Österreichs ein Arbeitsfeld finden könnte, beizutragen. Diese Dissertanten könnten über einen nationalen Wettbewerb ausgewählt werden. Sie sollten über Themen der internationalen Zeitgeschichte promovieren und materiell so ausgestattet werden, daß sie ein Jahr in ausländischen Archiven forschen könnten. Ihre Arbeiten sollten auch auf englisch publiziert werden, so daß sie im angelsächsischen Raum Beachtung finden.
  2. Die überwiegende Mehrzahl der Publikationen des Instituts ist deutschsprachig, obwohl vor allem für Arbeiten zur deutschen und österreichischen Geschichte (NS-Zeit) im gesamten angelsächsischen Sprachgebiet großes Interesse interessiert. Vielleicht wäre bei FWF und möglicherweise auch bei der ESF zu eruieren, ob Mittel für Übersetzungen und Druckkosten dieser Arbeiten bereitgestellt werden können.
  3. Seit kurzem existiert die Möglichkeit, über das sogenannte Eurocores-Programm der European Science Foundation Forschungsprogramme von Wissenschaftlern aus verschiedenen europäischen Staaten, die nach internationaler Peer Review durch verschiedene Wissenschaftsorganisationen gleichzeitig gefördert werden, zu beantragen. Da scheint sich insbesondere eine Zusammenarbeit mit Kollegen aus während der NS-Zeit annektierten oder pseudoannektierten Staaten (Elsaß-Lothringen, Westpolen, Protektorat Böhmen und Mähren, Niederlande, Norwegen) anzubieten, nicht zuletzt um so einen Teil der Forschung zum Dritten Reich aus ihrer nationalen Zwangsjacke zu befreien. Ein solches Projekt könnte eine Bedeutung haben, die weit über Österreich hinausgeht.
  4. Das Institut sollte zur Sicherung der internationalen Vernetzung materiell so ausgestattet werden, daß eine Gastprofessur pro Jahr durchgeführt werden kann.


Berlin Prof. Dr. Wolfgang Benz
KatowiceProf. Dr. Waclaw Dlugoborski
AmsterdamProf. Dr. Johannes Houwink ten Cate