Raymund Schwager

Zur Biographie

(ausführliche Biographie)

Raymund Schwager wurde am 11. November 1935 im schweizerischen Balterswil als zweites von sieben Kindern einer Bauernfamilie geboren. Er trat 1955 der Gesellschaft Jesu bei und studierte im Rahmen seiner ordensinternen Ausbildung Philosophie (Pullach, 1957-1960) und Theologie (Lyon-Fourvière, 1963-1967) und wirkte als Erzieher im Jesuitengymnasium Stella Matutina in Feldkirch (Vorarlberg). 1966 wurde er zum Priester geweiht, im Anschluss daran absolvierte er in Freiburg in der Schweiz ein Doktoratsstudium in Theologie (1967-1969). Von 1970 bis 1977 war er Redakteur bei der Zürcher Zeitschrift "Orientierung". 1977 schließlich folgte er einer Berufung auf einen Lehrstuhl für Dogmatische und Ökumenische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck, wo er bis zu seinem Tod 2004 wirkte. Während zweier Perioden amtierte er als Dekan (1985-1987 und 1999-2003).

                 
 Ignatius von Loyola    Hans Urs von Balthasar    Raymund Schwager mit René Girard

  

Das theologische Leitwort Schwagers, "dramatisch", zieht sich praktisch durch sein gesamtes wissenschaftliches Wirken. Bereits seine Dissertation trug den Titel "Das dramatische Kirchenverständnis bei Ignatius von Loyola. Historisch-pastoraltheologische Studie über die Stellung der Kirche in den Exerzitien und im Leben des Ignatius" (1970). Die explizite Systematisierung eines ausdrücklich "dramatischen" Ansatzes beschäftigte ihn in mehreren Monographien und zahlreichen wissenschaftlichen Beiträgen über viele Jahre hinweg, bis er sie in seinem Hauptwerk "Jesus im Heilsdrama. Entwurf einer biblischen Erlösungslehre" (1989, 19962) in ihrer "klassisch" fünf-aktigen Gestalt vorlegen konnte. Dabei beeinflusste ihn natürlich der bekannte dramatische Ansatz Hans Urs von Balthasars (v.a. seine "Theodramatik", 1971-1983); während Balthasar das Drama allerdings als sich unmittelbar in der trinitarischen Wirklichkeit Gottes ereignenden Vorgang betrachtete, erarbeitete Schwager seinen heilsdramatischen Entwurf ausdrücklich als einen bibeltheologischen Entwurf, der als maßgebliche Akteure nicht nur die göttlichen Personen, sondern auch die Menschen berücksichtigt. Das Heilsdrama, das sich in besonderer Weise im Verkündigen, Leben und Geschick Jesu ereignete, zeigte sich dabei für ihn als ein Geschehen, das in seiner bis zum Kreuz führenden Dramatik besonders auf dem Hintergrund der Mechanismen des menschlichen Zusammenlebens zu verstehen ist. Gerade diese Option für das Ernstnehmen der Relevanz der menschlichen Akteure im Drama des Heils führte Schwager zu einer intensiven Auseinandersetzung mit der mimetischen Theorie René Girards, die sich als eine Fundamentalanthropologie versteht, die die Strukturen und Mechanismen menschlichen Interagierens erhellen kann. Bereits vor seiner Berufung nach Innsbruck war er in einen intensiven Dialog mit Girard getreten, der in intensiven persönlichen Gesprächen und einem umfangreichen Briefverkehr (1974-1991) geführt wurde. Schwager übernahm Girards Hypothese von einem objektlosen, an "Modellen" orientierten mimetischen Begehren, das zu einer eskalierenden Konfliktivität neigt und sich - quasi-mechanisch - nur mittels des gewalttätigen kollektiven Ausstoßens eines Dritten ("Sündenbockmechanismus") selbst regulieren kann. Da Girard die Entwicklung seiner grundlegenden These vor allem während den 1970er und 1980er Jahren z.T. massiv vorantrieb, ist davon auszugehen, dass auch Schwager als wichtiger Gesprächspartner Girards Einfluss auf diese Entwicklung genommen hat; mindestens in einem Fall - was die Qualifizierung des Todes Jesu als "Opfer" betrifft - ist das durch den Aufsatz Girards in der Festschrift zu Schwagers 60. Geburtstag ("Vom Fluch und Segen der Sündenböcke" [1995]) von Girard eindeutig festgestellt worden.

R. Schwager verstand sich nie als theologischen Einzelkämpfer. Er arbeitete früh daran, innertheologische und interdisziplinäre Gesprächskreise und Forschungsprogramme einzurichten, die sich in einem "dramatischen" Ringen um die Wahrheit mit den drängenden Problemen der Zeit auseinandersetzen sollten. Besondere Bedeutung kam dabei der Auseinandersetzung mit der Gewalt- bzw. Friedensproblematik zu, die auch für Schwagers eigenen (bibel-)theologischen Ansatz von fundamentaler Bedeutung war. Er war einer der Mitbegründer des internationalen und interdisziplinär ausgerichteten "Colloquium on Violence and Religion" (COV&R) im Jahr 1990; 1991 wurde er zu dessen ersten Präsidenten gewählt. Bereits seit Mitte der 1980er Jahre begann er mit anderen den Aufbau des theologischen Forschungszentrums "Religion-Gewalt-Kommunikation-Weltordnung" (RGKW); die interfakultäre Forschungsplattform "Weltordnung-Religion-Gewalt" (WRG), nunmehr "Politik, Religion, Kunst" (PRK), geht ebenfalls auf die Initiative von R. Schwager zurück. Von 1984 bis 1990 fungierte er als erster Vorsitzender des universitären Senatsarbeitskreises "Wissenschaft und Verantwortlichkeit"; von 1992 bis 1996 war er Vorsitzender des Arbeitskreises der Dogmatiker und Fundamentaltheologen des deutschen Sprachraums. Schwagers theologischer Ansatz wurde von seinen zahlreichen SchülerInnen und KollegInnen in unterschiedlichen theologischen Disziplinen (Christliche Gesellschaftslehre, Fundamentaltheologie, Exegese, Bibeltheologie etc.) übernommen und - in z.T. revidierter Form - weitergeführt. Er starb nur wenige Wochen nach seiner Emeritierung völlig überraschend am 27. Februar 2004. Sein wissenschaftlicher Nachlass wurde daraufhin gesichtet und im "Raymund-Schwager-Archiv" an der Theologischen Fakultät Innsbruck systematisch geordnet und so der Forschung zugänglich gemacht. Das Forschungsprojekt basiert in wesentlichen Teilen auf dem dort erschlossenen Material.

 

Hauptwerke R. Schwagers

(vollständige Bibliographie)

                  

Das dramatische Kirchenverständnis bei Ignatius von Loyola. Historisch-pastoraltheologische Studie über die Stellung der Kirche in den Exerzitien und im Leben des Ignatius, Zürich 1970.

 

Dieses erste Buch Schwagers, das als Dissertation an der Universität Freiburg i.d. Schweiz angenommen wurde, entfaltet die ersten Ansätze zu seinem späteren dramatischen Denken. Beeinflusst durch R. Barthes plädiert er dafür, das Kirchenverständnis des Ignatius nicht allein aus dessen hinterlassenen Schriften, sondern auch durch sein - damit oft in nicht auflösbarer Spannung stehendes - konkretes Leben und Ringen mit der Kirche in ihrer amtlichen und hierarchischen Verfasstheit zu rekonstruieren. Die Einheit mit der Kirche vollziehe sich demnach "in der Begegnung von Menschen ..., zwischen denen alle Momente wie in einem Drama, - Entwicklung, Auseinandersetzung, Spannung, Krise, Niederlage und letztliche Versöhnung - spielen können, ja sogar spielen 'müssen'. ... Diese Dramatik ist allerdings keine Tragik, sondern sie ist belebt von der sicheren Hoffnung auf eine letzte Versöhnung. Wo jedoch der Mut zu dieser Dramatik fehlt und die Versöhnung vorschnell gesucht wird, dort dürfte nicht mehr der allumfassende Geist am Wirken sein, sondern eher eine götzenhafte Verabsolutierung sichtbarer Strukturen sich abzeichnen." (S. 186f).

     
   

 Jesus-Nachfolge. Woraus lebt der Glaube? Freiburg i. Breisgau 1973

(online unter: http://systheol.uibk.ac.at/schwager/buch_gesamt.pdf)

Im Zentrum dieses Buches steht der Versuch, angesichts des Ungenügens herkömmlicher Glaubensbegründungen einen auf dem Neuen Testament basierenden Entwurf der Grundlagen christlichen Glaubens zu erarbeiten. Als zentrales Kriterium echter Offenbarung wird dabei bestimmt, dass diese sich in ihrem Charakter von üblichen menschlichen Erwartungen und Projektionen abzuheben habe. Dieses Kriterium werde sowohl von den neutestamentlichen Erzählungen als auch von den großen christologischen Konzilien des kirchlichen Altertums erfüllt. Letztlich erschließt sich eben dieser Glaube in der konkreten Jesus-Nachfolge - gerade auch für den heutigen Menschen.

     
   

Glaube, der die Welt verwandelt, Mainz 1976

In der Konzeption dieser Studie ist erstmals der Einfluss Girards auf das theologische Denken Schwagers direkt greifbar. Im Anschluss an "Jesus-Nachfolge" widmet sich dieses Buch wiederum der Frage, wie christlicher Glaube unter den Bedingungen der Moderne möglich sein kann. In Auseinandersetzung mit den biblischen Zeugnissen des Lebens Jesu bezieht sich Schwager auf das Modell des Dramas insofern, als Offenbarung nicht primär als intellektuelles Kundmachen geistiger Inhalte, sondern als dramatischer Prozess unter Beteiligung mehrerer Akteure zu verstehen ist. Schwager nimmt besonders auf Girards Hypothese des Sündenbockmechanismus Bezug und betont, dass Jesus nicht nur Opfer dieses Mechanismus geworden ist, sondern diesen Mechanismus in seinem konkreten Handeln und Umgehen mit dem ihn treffenden Geschick entlarvt habe. Gott wird von Schwager als ein "Gott auf seiten der Opfer" gezeichnet - eine Option, die sich als roter Faden durch sein gesamtes theologisches Wirken zieht.

 

 

     
 

 

 

Brauchen wir einen Sündenbock? Gewalt und Erlösung in den biblischen Schriften, München 1978 [Thaur 19943]

(online unter: http://theol.uibk.ac.at/leseraum/artikel/299.html)

Als ein Schlüsselwerk Schwagers bei der Entwicklung seines dramatischen Ansatzes kann dieses Buch gelten. Hier wendet er erstmals intensiv das hermeneutische Instrumentarium der mimetischen Theorie Girards an und unternimmt es so, die auf den ersten Blick nur schwer verständliche enge Beziehung von Gewalt und dem Handeln Gottes in der Bibel einer kritischen Analyse zu unterziehen. Gerade was die Entwicklung des Gottesbildes betrifft, zeigt sich für ihn dabei, dass sich gerade im AT eine nicht lineare, sondern vielfältig dramatisch gebrochene Entwicklung der Gottesvorstellung widerspiegelt. Das AT habe daher über weite Strecken den Charakter eines "Mischtextes", in dem originäre Offenbarungselemente mit teilweise noch archaischen Vorstellungen verbunden seien. Als hermeneutischen Schlüssel zu diesen Mischtexten brauche es aber - will man nicht an einem gewalttätig kontaminierten, ambivalenten Gottesbild festhalten - ein einheitliches und eindeutiges "Deutemodell", das sich für den christlichen Glauben in den das Jesus-Ereignis überliefernden neutestamentlichen Berichten finden lasse. Die besondere Qualität der Evangelien und des gesamten NT liegt für Schwager besonders darin, dass das vom Kollektiv ausgestoßene Opfer (Jesus) als absolut unschuldig erkannt wird und damit alle möglichen gewaltlegitimierenden Ambivalenzen im Gottesbild fundamental überwunden werden. Damit aber überwinde das NT fundamental die kulturellen Verschleierungsstrategien aller Gesellschaften, die die Ausstoßung der Sündenböcke, auf denen alle Kulturen beruhen, als gerechtfertigt schildern.

     
 

Der wunderbare Tausch. Zur Geschichte und Deutung der Erlösungslehre, Kösel 1986

Von 1980 bis 1986 publizierte Schwager in rascher Folge zehn Studien zu besonders wirkmächtigen soteriologischen Entwürfen bedeutender Theologen der Kirchengeschichte (Markion und Irenäus, Der Sieg Christi über den Teufel, Athanasius, Gregor von Nyssa, Augustinus und Pelagius, Maximus Confessor, Anselm von Canterbury, Martin Luther, Karl Barth, Hans Urs von Balthasar), die er auf dem Hintergrund des Deutehorizonts der mimetischen Theorie entworfen hat. Wie von Anfang an geplant, wurden 1986 die ursprünglich in der "Zeitschrift für Katholische Theologie" veröffentlichten Aufsätze in "Der wunderbare Tausch" gesammelt herausgebracht. Für die Entwicklung des dramatischen Modells ist besonders bedeutsam, dass Schwager hier erstmals ein systematisch erarbeitetes, allerdings noch "4-aktiges" (im Vergleich zum später 5-aktigen) Modell zur Diskussion stellt.

     
   

 

 

 

Jesus im Heilsdrama. Entwurf einer biblischen Erlösungslehre (Innsbrucker Theologische Studien 29), Innsbruck/Wien 1989 [19962]

(online unter: http://theol.uibk.ac.at/leseraum/artikel/212.html)

Dieses Buch ist eindeutig das Hauptwerk Schwagers. Hier fließen die Ergebnisse seiner langjährigen Studien zur Bibeltheologie, zur Soteriologie, zum christlichen Leben und seine intensive Auseinandersetzung mit der mimetischen Theorie zusammen und werden systematisch und methodologisch in ihre reifste Form gebracht. Schwager entwirft hier sein für die Dramatische Theologie maßgeblich gewordenes Modell eines 5-aktigen Heilsdramas, das Leben, Wirken und Sterben Jesu in konkrete Handlungszusammenhänge verortet, die durch das spannungsvoll aufeinander bezogene Handeln verschiedener Akteure (Vater, Sohn, Hl. Geist, Menschen) konstituiert sind und von denen her eine "Qualifizierung" der jeweiligen Handlungen und Worte Jesu bzw. der neutestamentlichen Schriftsteller erst möglich werden kann. Der Situation der Verkündigung eines bedingungslos liebenden Gottes (Akt 1) folgt Akt 2, in dem Jesus aufgrund der Ablehnung dieser Verkündigung durch die von mimetischen Mechanismen beherrschten Menschen die oft missverstandenen Gerichtsworte predigt, die nicht als Umschwung in der Verkündigung, sondern als Aufdeckung der "sozialanthropologischen" Konsequenzen der Ablehnung des Gottesreiches zu verstehen sind. Das Gericht, das Jesus in Akt 2 verkündigt, trifft diesen in Akt 3 in der Passion selbst, das Engagement Gottes für die Menschen geht also angesichts der Ablehnung der Gottesreichsbotschaft in der Kreuzigung Jesu anders weiter, als es die ebenfalls unwirksam gebliebenen Gerichtsworte hätten vermuten lassen. In Akt 4 wird der Gekreuzigte vom Vater auferweckt und damit sein Wirken und Predigen von einem Gott, der den Menschen radikal wohl will, ultimativ bestätigt (vgl. die Friedensbotschaft des Auferweckten). Das Wirken des Hl. Geistes in Akt 5 führt diejenigen, die sich zu Christus bekennen, in die Wahrheit des Evangeliums Christi ein, wie es sich in Predigen, Wirken und in Leid und Auferstehung in seiner dramatischen Gestalt gezeigt hat.

     
   

Erbsünde und Heilsdrama. Im Kontext von Evolution, Gentechnologie und Apokalyptik (Beiträge zur mimetischen Theorie 4), Münster/Thaur 1997 [Münster 20042]

Mit "Erbsünde und Heilsdrama" veröffentlichte R. Schwager seine letzte Monographie, wobei einige Kapitel des Buches - ähnlich wie im Fall von "Der wunderbare Tausch" - z.T. in Artikelform bereits vorpubliziert worden waren. Besonders originell bei der Auseinandersetzung mit dem klassischen Thema der Erbsündenlehre ist dessen Einbettung in den Horizont der modernen Naturwissenschaften und des damit zusammenhängenden evolutiven Weltbildes. Schwager möchte dabei (anders als einige wirkmächtige moderne theologische Entwürfe) das Konzept der Erbsünde keineswegs aufgeben, sondern plädiert im Gegenteil dafür, dass gerade die Berücksichtigung des wissenschaftlichen Weltbildes der Gegenwart Hilfestellungen zur tieferen Durchdringung desselben bieten kann. Gleichzeitig aber profitiere auch das evolutive Denken von einer verantworteten Theologie dahingehend, dass angesichts scheinbar mechanisch-evolutionärer Vorgänge nicht von vornherein die Sinn- und Ziellosigkeit des Verlaufs der Weltgeschichte angenommen werden müsse, sondern diese Vorgänge auf dem Hintergrund eines entsprechenden theoretischen Deutehorizonts, der die Ergebnisse unterschiedlicher Wissenschaften integrieren könne, tiefer verständlich gemacht werden können. Diesen Deutehorizont sieht Schwager in der mimetischen Theorie Girards gegeben.