Dramatische Theologie

 

Die systematische Deutekategorie des Dramas wurde in besonders wirkmächtiger Weise von Hans Urs von Balthasar in die Theologie eingebracht. Die Entwicklung eines entsprechenden Instrumentariums sollte dabei in besonderer Weise statische Engführungen in der systematischen Theologie - vor allem in der Dogmatik - verhindern und die hinter den zentralen theologischen Aussagen und Begriffen stehende Dynamik des in Jesus Christus in seiner Fülle erschienen Heils konzeptuell fassbar machen. Raymund Schwager übernahm diese grundlegende Intuition Balthasars, wollte sie allerdings nicht auf innertrinitarische Vorgänge, sondern auf das Drama des Heils, wie es sich zwischen dem menschgewordenen Logos und den Menschen ereignete, angewendet wissen. Schwager entwickelte "sein" dramatisches Modell bewusst als eine Bibelhermeneutik, die die spannungsvolle Einheit der biblischen Aussagen auf eine Weise zusammendenken wollte, die weder einer "markionitischen" Versuchung der faktischen Ausscheidung bestimmter biblischer Schriften aus dem Kanon noch der "(post-)modernen" Versuchung einer Qualifizierung der Bibel als einer völlig heterogenen Sammlung unterschiedlichster Bücher nachgeben wollte. Eine tiefere Einsicht in die von ihm konstatierte "dramatische" Einheit der biblischen Bücher entwickelte er auf der Grundlage einer detallierten Rekonstruktion des Dramas des Jesusereignisses, wie es sich im Neuen Testament findet (vgl. sein Hauptwerk "Jesus im Heilsdrama"). Demnach sind im Leben und Wirken Jesu fünf Akte zu unterscheiden, die eine je spezifische Situation konstituieren, von denen her die Worte, die Taten und das Erleiden Jesu als Ausdruck einer trotz aller Vielgestaltigkeit bleibenden Einheit zu erkennen sind, nämlich der Verkündigung eines die Menschen unbedingt liebenden und sie annehmenden Gottes. Akt 1 bildet die vorbehaltlose jesuanische Verkündigung dieses unendlich liebenden Gottes, der seine Liebe allen Menschen zugänglich machen will (Gottesreichsbotschaft). Akt 2 umfasst die meist als allzu hart empfundenen Gerichtsworte Jesu, die Schwager nicht als Umschwung in der Verkündigung Jesu, sondern als Aufdeckung der von den Menschen selbst verursachten Konsequenzen, die über die Menschen, die sich der universalen Liebe Gottes nicht öffnen wollen, kommen werden, deutet. In Akt 3 fällt das Gericht, das Jesus den Menschen als Konsequenz ihrer Ablehnung der Botschaft vom Gottesreich angekündigt hat, auf ihn selbst zurück (Passion und Kreuzigung) und zeigt damit, dass Gott die Menschen nicht einmal in ihrer Ablehnung seines Evangeliums ihrer eigenen Gewalt überlässt, sondern diese Gewalt "stellvertretend" auf sich nimmt. Akt 4 umfasst die Auferstehung Christi, in der der Vater den Sohn in seinem Handeln, Verkündigen und Erleiden als den offenbart, in dem in ultimativer Weise die Wahrheit Gottes ansichtig geworden ist. In Akt 5 schließlich werden die vom Tod Christi erschütterten und von den Ostererfahrungen verwirrten Jünger durch die Sendung des Geistes in die volle Wahrheit des Heilsdramas eingeführt und damit zu wahren Verkündigern des Evangeliums berufen.

(zum detaillierten Forschungsprofil des Forschungsprogramms Dramatische Theologie)

 

Schwagers Dramatische Theologie ist nicht als individuelle Kopfgeburt eines theologischen Einzelkämpfers zu sehen, wiewohl die entscheidenden Intuitionen und Konzeptionen von ihm stammen. R. Schwager hat sich u.a. intensiv mit den Ergebnissen der alt- und neutestamentlichen Exegese befasst und kultur- und sozialanthropologische Überlegungen (vor allem in der Deutung René Girards) ausführlich rezipiert und kritisch weitergedacht. Während seiner Zeit an der Theologischen Fakultät in Innsbruck baute er einen Kreis interessierter MitdenkerInnen (RGKW, Forschungsprogramm Dramatische Theologie, WRG) auf, der bei der theoretischen Weiterentwicklung der Dramatischen Theologie gleichberechtigt mitbeteiligt war. Als diesbezüglich zentraler Text, der von Mitgliedern von RGKW gemeinsam erstellt wurde, ist "Dramatische Theologie als Forschungsprogramm" einzustufen, der die Dramatische Theologie vor allem wissenschaftstheoretisch verortet. Ihr Konzept wurde mittlerweile in zahlreichen Publikationen im Kontext verschiedener theologischer Disziplinen und Fragestellung angewandt und kritisch weiterentwickelt.

 

Publikationen, die in besonderer Weise die kritische Diskussion und Entwicklung der Dramatischen Theologie widerspiegeln

                  

Dramatische Erlösungslehre. Ein Symposion (Innsbrucker theologische Studien 38), Innsbruck/Wien 1992

Józef Niewiadomski und Wolfgang Palaver (Hgg.)

 

Dieser Band basiert auf einem Symposion, das das Modell der dramatischen Soteriologie, wie Schwager es in ausgeführter Form in "Jesus im Heilsdrama" erstmals 1990 vorgelegt hat, aus verschiedenen theologischen Blickwinkeln diskutiert. Vertreten waren neben theologischen Weggefährten Schwagers prominente Vertreter anderer theologischer Denkschulen aus den USA und Europa, die Schwagers Modell aus ihrer Perspektive in den Blick nahmen und mit ihrer Zustimmung und ihrer Kritik erstmals eine breit angelegte Diskussion der Dramatischen Theologie initiiert haben, wie sie in diesem Band eindrucksvoll dokumentiert ist.

     
   

Vom Fluch und Segen der Sündenböcke (Beiträge zur mimetischen Theorie 1), Thaur 1995

Józef Niewiadomski und Wolfgang Palaver (Hgg.)

 

Dieser Sammelband, der Beiträge theologische Weggefährten, Kollegen anderer Wissenschaften und Schüler Schwagers umfasst, erschien als Festschrift zu seinem 60. Geburtstag. Die Autoren stellten sich dabei drängenden gelleschaftspolitischen und theologischen Fragen: Braucht unsere Kultur Sündenböcke? Die Linken sagen: nein, die Rechten sagen: ja. Raymund Schwagers Theologie lässt sich nicht in dieses plakative Muster pressen. Sündenbockdenken und Sündenbockstrukturen stellen ein Mysterium tremendum et fascinosum menschlicher Kulturen dar. Was ist der Preis der Überwindung? Kann christliche Theologie darauf eine Antwort geben?

     
 

Dramatische Theologie im Gespräch. Symposion/Gastmahl zum 65. Geburtstag von Raymund Schwager (Beiträge zur mimetischen Theorie 14), Thaur/Münster 2003.

Józef Niewiadomski und Nikolaus Wandinger (Hgg.)

Dieser Band, der das Symposion zum 65. Geburtstag von R. Schwager dokumentiert, reflektiert zentrale Themen des christlichen Glaubens und der gegenwärtigen kulturpolitischen Lage: Leid, Opfer und Versöhnung, Hoffnung durch Versagen hindurch, Gnade und Sünde. diese Themen werden aus verschiedenen Perspektiven, die durch die Auseinandersetzung mit der dramatischen Sichtweise verbunden sind, beleuchtet. Es zeigt sich, dass Theologie, ihrer eigenen inneren Dynamik folgend, direkt in die Probleme von Gewalt und Politik führt und auch Antworten anbietet. "Dramatische Theologie" stellt so eine neue Form politischer Theologie dar.

     
   

Religion erzeugt Gewalt - Einspruch! Innsbrucker Forschungsprojekt "Religion-Gewalt-Kommunikation-Weltordnung" (Beiträge zur mimetischen Theorie 15), Münster/Hamburg/London 2003

Raymund Schwager und Józef Niewiadomski (Hgg.)

Dieser Sammelband ist das dichteste Ergebnis der methodischen, wissenschaftstheoretischen und hermeneutischen Selbstvergewisserung der Forschungsgruppe RGKW, die sich in regelmäßigen Forschungsgesprächen an der Theologischen Fakultät und zahlreichen Publikationen um die kritische Entwicklung der Dramatischen Theologie bemüht. Gleichzeitig werden von den AutorInnen aktuelle Ereignisse der Weltpolitik (11. September, globaler Terrorismus etc.) fundamental berücksichtigt. Der Band erhebt den Anspruch, derartige Phänomene mit dem Instrumentarium der Dramatischen Theologie und der mimetischen Theorie besonders differenziert bearbeiten zu können, indem die komplexen Zusammenhänge zwischen Offenbarungsreligionen, Gesellschaften und Gewalt herausgearbeitet werden.

 

     
 

 

 

Kirche als universales Zeichen. In memoriam Raymund Schwager SJ (Beiträge zur mimetischen Theorie 19), Wien/Münster 2005

Roman Siebenrock und Willibald Sandler (Hgg.)

Nach dem überraschenden Tod Raymund Schwagers 2004 brachte die Forschungsgruppe RGKW mit "Kirche als universales Zeichen" einen Sammelband heraus, der z.T. die abrupt abgerissene Diskussion zwischen Schwager und seinen Kollegen dokumentiert, darüber hinaus aber auch zahlreiche Beiträge liefert, die den Ansatz einer Dramatischen Theologie aufgreifend wichtige Fragestellungen in den verschiedenen theologischer Disziplinen diskutieren und damit - neben ihrer persönlichen Würdigung der jahrzehntelangen Arbeit Schwagers - auch zur Entwicklung der Dramatischen Theologie besonders im Hinblick auf ihre ekklesiologische Relevanz beitragen. Durchgängiges Leitthema ist die Leitfrage, wie die Kirche nach dem II. Vatikanischen Konzil und angesichts massiver gesellschaftlicher und innerkirchlicher Umbrüche als universales Heilszeichen anerkannt werden kann.