Robert Bresson - Visionär jenseits
 des Mainstreams

Filmretrospektive 11.-18. Mai 2001
im Leo-Kino Innsbuck/Austria


BIOGRAPHIE


Robert Bresson (1901-1999)


Geboren wird Bresson in einem Dorf in der Auvergne, wo er die ersten Jahre seiner Kindheit verbringt; 1915 zieht die Familie nach Paris. Zunächst beginnt er, Literatur und Philosophie zu studieren, strebt dann aber eine Karriere als Maler an.
1933 kommt er auch mit dem Film in Berührung. Nach ersten Gelegenheitsarbeiten, u.a. als Dialogautor, dreht er 1934 seinen ersten mittellangen Spielfilm Les affaires publiques, eine kurze avantgardistische Komödie, von der keine Kopien mehr existieren.1 Er arbeitet an Drehbüchern mit (u.a. "Les Jumeaux de brighton", 1936, von Claude Heyman). Als Assistent von René Clair ist er in das Projekt "Air pur" involviert, das aufgrund des Kriegsausbruchs unvollendet bleibt. 1940-1941 verbringt er 18 Monate in deutscher Kriegsgefangenschaft.
Nach seiner Rückkehr nach Paris macht er die Bekanntschaft des 'Film-Paters' R.L. Bruckberger, der ihm ein Projekt über die Dominikanerinnen-Kongregation der Schwestern von Bethanien vorschlägt. Mit Bruckberger und dem Dramatiker Jean Giraudoux entwickelte Bresson das Drehbuch zu Les anges du péché (1943). Erzählt wird die Geschichte einer jungen Dominikanerin, die sich aufopfert, um eine Mörderin zum Glauben zu bekehren. Nicht nur wegen der religiösen Thematik der "Seelen-Rettung", sondern auch in der formalen Umsetzung deutet sich hier das Charakteristische an Bressons Werk an. Die Kargheit der Bilder, die Konzentration auf das Beiläufige, die Wahl der Bildausschnitte deuten den "transzendentalen Stil" (Paul Schrader) an, der durch Weglassung den Freiraum für transzendente Dimensionen eröffnet.
Der nächste Film entsteht nach einer literarischen Vorlage, einer Episode aus Diderots Roman "Jacques le fataliste". Les Dames du Bois de Boulogne (1945) ist eine Geschichte um Liebe und Intrigen, die beim beim Publikum nicht gut ankommt. Erst fünf Jahre später kann Bresson eine weitere Literaturverfilmung realisieren, die ihm endgültig seinen Platz in der Filmgeschichte sichert.
Journal d'un curé de campagne (1951) nach dem gleichnamigen Roman von Geoges Bernanos, erzählt die Geschichte eines jungen Pfarrers, der von Krankheit und Zweifeln geplagt ist. Der Film endet mit einer langen Einstellung auf den Schatten des Kreuzes und den letzten Worten des verstorbenen Priesters "Alles ist Gnade".
Die gleiche Meisterschaft zeigt Bresson in Un condamné à mort s'est échappé (1956) über die Flucht eines französischen Widerstandskämpfers aus einem deutschen Gefängnis. Der Film, der den immer gleichen Gefängnisalltag und die Fluchtvorbereitungen schildert, ist gleichzeitig eine Parabel auf die christliche Hoffnung.
Pickpocket (1959) erzählt die Geschichte eines Mannes, der aus Armut zum Dieb wird und durch die Liebe zu einer Frau den Weg der Umkehr findet. Die Diskussion über die religiöse Dimension des Bresson'schen Werkes deutet Bresson gerade im Hinblick auf den letzten Film als Jansenisten, einen Vertreter der Lehre des niederländischen Bischofs Jansen (1585-1638), daß die Gnade Gottes auch und gerade gegen den Willen des betroffenen Sünders ihre Wirkung erweist. Explizite religiöse Bezüge weisen die nächsten Projekte auf.
Le Procès de Jeanne d'Arc
(1962) unter ausschließlicher Verwendung der Prozeßakten die Gerichtsverhandlung gegen die Jungfrau von Orleans. Au hasard Balthasar (1966) erzählt eine Passionsgeschichte aus ungewöhnlicher Perspektive: "Held" des Films ist ein Esel, der die Erfahrung von Unmenschlichkeit und Gewalt macht und am Ende durch eine Kugel stirbt. In Mouchette (1967) greift Bresson wieder auf eine Vorlage von Georges Bernanos zurück.
Une femme douce (1969) entsteht nach einer Vorlage von Dostojewski und ist Bressons erster Farbfilm. Auch der nächste Werk, Quatre nuits d'un reveur (1972), geht auf eine Vorlage von Dostojewski zurück. Lancelot du Lac (1974) ist eine eigenwillige Bearbeitung der Sagen aus dem Arthus-Mythos: Bresson liefert keinen Historienfilm, sondern die Darstellung einer Gesellschaft, die dem Untergang geweiht ist.
Pessimistisch bleibt Bresson auch in seinen letzten Filmen. Le diable probablement (1977) erzählt die verstörende Geschichte eines Jugendlichen, der seinem Leben gewaltsam ein Ende setzt. Ohne Erlösung bleibt auch die Hauptfigur in L'argent (1983), ein Mann, der zum Mörder an seiner Familie wird, was Bresson als Folge der vernichtenden Kraft des Bösen zeigt.
Bresson lebt seither zurückgezogen.2

Peter Hasenberg (KIM)

1 Bressons erster Film ist inzwischen wieder aufgetaucht, jedoch nur über die Cinémathèque de Paris zugänglich [D.R.]

2 Bresson starb im Dezember 1999 in Paris [D.R.]

Quelle: Lexikon des internationalen Films 1999/2000
Anm. und Bildzusammenstellung: Dietmar Regensburger

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