Die "Historiae Morborum" des Allgemeinarztes Franz von Ottenthal

 

 

 

Franz von Ottenthal (1818-1899) hatte in den Jahren 1845 und 1846 eine Gemeindearztstelle in Matrei in Osttirol inne, eine sichere Einnahmequelle, auf die er aber zugunsten einer Praxis als Allgemeinarzt verzichtete. Diese betrieb er zwischen 1847 und 1899 in Sand in Taufers, dem Hauptort des Gerichtes Taufers im heutigen Südtirol. Das Einzugsgebiet der Ordination umfasste das gesamte Tauferer Ahrntal, ein Seitental des tirolischen Pustertals. 1847 zählte das Gericht 10.315 Einwohner.

 

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Der Ansitz Neumelans in Sand in Taufers, in dem Dr. Franz von Ottenthal mit seiner Familie lebte und von 1847 bis zu seinem Tod 1899 eine Praxis als Allgemeinarzt betrieb (Fotographie, ca. 1910, Privatarchiv Ing. Horst Schober, Hall in Tirol)

 

Ausser einem anderen Arzt im Hauptort Sand, Josef Daimer, der ausschließlich die Funktion eines Gerichts- und Gemeindearztes erfüllte und somit vermutlich in keinem Konkurrenzverhältnis zu Ottenthal stand, und einem Wundarzt (einem handwerklich ausgebildeten Chirurgen) in Steinhaus am Talschluss gab es keine andere legal anerkannte ärztliche Anlaufstelle im ganzen Tal. Die nächstgelegene Apotheke befand sich in Bruneck.

Die Tätigkeit des Franz v. Ottenthal kann sehr gut verfolgt werden, da es den MitarbeiterInnen des Landesarchivs (namentlich Dr. Christine Roilo) 1998 gelang, eine bis dato unbekannte Quelle ausfindig zu machen. In Ottenthals privatem Ansitz Neumelans, der ihm zugleich auch als Praxis diente und heute noch im Besitz der Familie ist, fand sich auf dem Dachboden eine Anzahl von Heften - einige davon mit der Aufschrift "Historiae Morborum" - im Kanzleiformat, von unterschiedlicher Stärke, in die der Arzt Tag für Tag, Jahr für Jahr, in lateinischer Sprache seine Beobachtungen über seine Patienten notierte. Die einzelnen Eintragungen gleichen in ihrer Struktur den Datensätzen einer Datenbank: Das Grundprinzip ist ganz ähnlich, nämlich das der laufenden, nur einmal (im Jahr) vergebenen Nummer. Jede Eintragung besteht, grob gesehen, aus sechs Feldern, belegt mit Angaben zu Name, Alter Geschlecht und Wohnort des Patienten, Datum der Visite, Protokoll des Arzt-Patienten Gesprächs mit Niederschrift der vom Patienten selbst und vom Arzt gemachten Beobachtungen, schliesslich Therapie und Honorar des Arztes bzw. Erlös aus dem Verkauf der Medikamente aus der eigenen Hausapotheke. Auf jeder Seite der Krankenjournale finden sich durchschnittlich vier dieser Eintragungen, insgesamt sind es 85.000 Eintragungen für die über 50 Jahre von Ottenthals Tätigkeit. Da unter jeder laufenden Nummer aber mehrere Visiten eingetragen sind, ist die tatsächliche Anzahl der Visiten bedeutend grösser: Eine genaue Zahl kann erst nach Abschluss der Projektarbeiten gegeben werden, ebenso wie erst dann die tatsächliche Anzahl von Ottenthals Patienten, deren Krankengeschichte oft über mehrere Jahre mitverfolgt werden kann, eruiert werden kann.

Auch die soziale Dimension von Ottenthals Klientel wird erst nach Abschluss der Projektarbeiten fassbar sein, wenn die Fragen nach Mobilität, Heiratsverhalten, Natalität, Verwandtschaftsstrukturen etc., ev. unter Beiziehung von anderer Parallelüberlieferung (so z. B. die Kirchenbücher der Pfarreien, die Verfachbücher der Gerichte) beantwortet werden können. Die "Historiae Morborum", dokumentieren erstmals in dieser Breite und Dichte den Gesundheitszustand einer fast ausschliesslich ländlichen Bevölkerung in einem geographisch und wirtschaftlich durch ungünstige Bedingungen (Berge, extreme klimatische Verhältnisse, lange, harte Winter, mangelhafte Infrastrukturen und Verbindungen) geprägten Gebiet, während die bisherige Forschungsliteratur sich in erster Linie mit der urbanen Situation befasst hat und mit ihren bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gänzlich anders gelagerten Verhältnissen, was Umweltbelastung, Ansteckungsgefahr und Sterblichkeitsmuster betrifft. Die medizinhistorische Erfassung der gesundheitlichen Zustände auf dem Lande steckt im Vergleich zur Erforschung der urbanen Verhältnisse weitgehend in den Anfängen. Dies hängt in erster Linie mit der ansonsten schlechten Überlieferungssituation ähnlich gearteter Quellen zusammen: Die Ottenthalsche Art der "Patientenbuchführung" war sicher keine Ausnahmeerscheinung sondern ein durchaus gebräuchliches Modell. Insofern scheint der nahezu lückenlos überlieferte Nachlass Ottenthal einen glücklichen Ausnahmefall darzustellen. Für Taufers, aber auch über diesen begrenzten Raum hinaus, für das gesamte inneralpine Gebiet kann der hier vorgestellte Archivbestand wichtiges Quellenmaterial für Grundlagenforschung in vielen Bereichen bieten.