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Zur Entstehung des "Kosakentums"

ausgearbeitet von Richard Schwarz

 

"Ob die Kosaken als Rest der slawische Bevölkerung des im 10./11. Jahrhundert erwähnten Fürstentums Tmutorokan am Schwarzen Meer gedeutet werden, ob als während der Kiever Zeit oder unter Batu gruppenweise aus Mittelasien eingewandertes indogermanisch-türkisches Mischvolk oder als Verbindung einer seit dem frühen Mittelalter in der südrussischen Steppe ansässigen Slawengruppe ("Azov-Slaven") mit späteren Nomadenschichten - die Tendenz, die Kosaken zu einem historisch weit zurückreichenden Volk auf eigenem Grund und Boden emporzustilisieren, ist überall gleich."[2] Aus dem Blickwinkel dieses Zitats heraus sei im Folgenden versucht, die Entstehung des Kosakentums einigermaßen zu konstruieren.

 

Was sind Kosaken:

Jene Landstriche, wo die großteils bewaldete Landschaft (von Sesshaften bewohnt) in Steppe (Lebensraum von Nomaden, südlich angrenzend) überging, waren im 15. Jh. aufgrund der Raubzüge von Tataren (Reitervolk der Steppe) verlassen worden. Ungefähr in die selbe Zeit fiel die Ausweitung der Leibeigenschaft, welche die Rechte der Bauern nahm. Aus diesem Grund flüchtete die Bevölkerung, die den Verlust ihrer Freiheit fürchten musste, in die entvölkerten Steppenrandgebiete, um der "Versklavung" zu entkommen. Dort eigneten sie sich, um zu bestehen, die Kriegstaktiken der Steppenvölker an und führten die ständige Wehrpflicht ein, weil das Heer die Existenzsicherung brachte. Der Name "Kosak" kommt aus dem Tatarischen und bedeutet "Freie Krieger", den sie scheinbar für sich übernahmen.[3] Eine andere Theorie deutet den Entstehung anders: "Die Kosaken waren an der Steppengrenze (nördlich des Schwarzen und Kaspischen Meeres) aus einer Mischung der Ostslawen mit tatarischen und anderen ethnischen Elementen entstanden, doch waren sie seit dem 17. Jahrhundert eindeutig orthodox und russisch oder ukrainisch geprägt."[4] So gesehen entstand das Kosakentum aus einer Verbindung von Volksgruppen, der sich dann auch die vor Leibeigenschaft flüchtenden Bauern (jene werden "Läuflinge" genannt) anschlossen. Daran würde dann die erste Theorie anschließen.[5]

 

Beide Theorien haben gemein, dass die Kosakenheere in den Übergangsgebieten von bewaldetem Land mit sesshafter Bevölkerung zu den Steppen mit den Reiternomaden entstanden. Scheinbar schien sich diese Gegend zu eignen, um ein unabhängiges Leben zu führen, was der Grund für die Besiedlung war.

In der russischen Geschichte nahmen sie durch diese geographische Lage und ihre daraus entstandene Gesellschaftsstruktur eine wichtige Rolle als Grenzsicherung und Söldner ein. Um die Bedeutung ein wenig genauer darzustellen, werden folgend einige Kosakengruppen unterschieden.

 

Kosaken am Dnjepr:

In der Mitte des 16. Jh. errichteten die sogenannten Dnjeprkosaken am Unterlauf des Dnjeprs eine Festung, die zum Mittelpunkt einer autonomen Kosakenregion (zu Polen gehörig) wurde. Im Laufe der Zeit wollte der polnische Staat sich die Kosaken untertan machen, doch stieß er dabei auf erbitterten Widerstand. Die Kosaken suchten nach einem Bündnispartner und fanden jenen im russischen Reich. Es wurde ein Abkommen verhandelt, dass die Kosaken als temporäre Angelegenheit sahen, der Zar deutete es als Angliederung. Allerdings wurde diese Deutung geschickterweise nicht mit Druck eingefordert, da die Kosaken einen wichtigen Schutz vor den "Osmanen der Steppe"[6] boten. Als aber dieser Feind des russischen Reiches im 18. Jh. besiegt wurde, verloren die Kosaken an politischem Gewicht. Ihre Autonomie wurde abgeschafft und ein Teil der kosakischen Bevölkerung wurde je nach sozialer Stellung zu Staatsbauern oder zum Adel des Reiches umgewandelt.  Ein anderer wurde umgesiedelt, um an den neuen Grenzen ihre ursprüngliche Funktion auszuüben. So entstanden neue Kosakengruppen meist im Osten des Russischen Reiches.

 

Kosaken an Don, Wolga, Jaik und Terek:

Zeitlich parallel (auch im 16. Jh.) entwickelten sich auch im Moskauer Reich Kosakengruppen mit ähnlichem Schicksal. Zuerst am Don, von dort breitete sich diese "soziale Form" an Wolga, Jaik und Terek (Ural) aus. Ihre kriegerischen Aktivitäten und die Lage am Rande des Moskauer Reiches, machte sie für den Zaren interessant. Aus diesem Grund wurde den Kosaken die Eigenständigkeit gewährt, denn ihr Selbstschutz führte zum Schutz des dahinterliegenden Reiches des Zaren. Auch war dieses Verhältnis außenpolitisch recht praktisch, da sich das Osmanische Reich über Attacken der Kosaken beschwerte und der Zar sagen konnte: "Die gehören nicht zu uns." Und gleichzeitig bezahlte er sie als Söldner und Grenzwächter und sandte Getreide.

Als allerdings im 18. und 19. Jh. die Reitervölker der Steppe in das "Reich der Ruß'" eingegliedert wurden, verloren sie jene militärische Funktion und "es setzte ein Prozess der ‚Verbauerung' ein". [7] Vergleichbar mit den Dnjeprkosaken gestaltete sich ihr Schicksal. Vor allem die kleineren Kosakengemeinschaften wurden aufgelöst und umgesiedelt. Nur die Donkosaken, als zahlmäßig größte, konnten sich ihre militärische Eigenständigkeit erhalten und versuchten zum Teil unabhängig zu werden, zum Beispiel im Jahr 1918 mit der Staatenbildung von "Kosakia". Dieses Experiment hatte jedoch nicht einmal ein Jahr bestand.

 

Ortungebundene Kosakenheere:

Da Kosaken vor allem als selbständige Krieger bekannt waren, auch bekannt sein wollten, wurden sie als Söldner angeworben. In dieser Funktion waren sie oft Teil des russischen Heeres bei deren Feldzügen. Vor allem als Kavallerie, da sie als beste Reiter der russischen "Völker" galten.

Auch spielten sie eine wichtige Rolle bei der Eroberung  Sibiriens ab dem 16. Jh.. Nicht als Teil des regulären russischen Heeres, sondern als Teil des bezahlten Privatheeres der Stroganovs, die das Gebiet östlich des Urals als "halbautonomes Wirtschaftsgebiet" vom Staat geliehen bekamen, um es zu kolonialisieren. Den Kosaken kam dabei die Rolle der kriegerischen Landgewinnung und der anschließenden Platzhalterrolle zu.

 

Zusammenhänge und Mythos:

Diese unterschiedlichen und in der Zahl nicht vollständigen Gruppen von Kosaken scheinen für mich durch eine "separatistische" Idee verbunden zu sein, nicht durch Zugehörigkeit zu "Volksgruppen".

Die Idee sich Unabhängigkeit zu verschaffen, ließ sie (z.B.: vor Leibeigenschaft Flüchtende;) Gebiete suchen und finden, in denen zumindest unter speziellen politischen Bedingungen eine Autonomie bestand hatte. Um selbst zu bestehen, passten sie ihre soziale Gemeinschaft (weniger Landwirtschaft mehr kriegerischer Lebensmittelerwerb) und die militärische Taktik (Ausbildung von Reiterheeren, ein Teil ihrer Identität: Der gute Reiter) den Bedingungen an. So wurde das Heer zum grundlegenden Element. Es schaffte Verteidigung, griff aber auch an, um einen Teil des Lebensunterhalts zu errauben. Entscheidungen wurden im Krug (russ. Kreis, die allgemeine Kosakenversammlung) gemeinschaftlich getroffen. Jene Form der Beschlusstreffung wird von den Kosaken von 1918/19 als "'unmittelbare Demokratie' den Landsgemeinden der Schweizer Kantone Appenzell und Glarus gleichgestellt"[8]. Wer jedoch zur Gemeinschaft gehörte, wird von der Größe der Gruppe abhängig gewesen sein, da oft, ab dem 17. und 18. Jh., von einer kosakischen Oberschicht die Rede ist (, was nicht für Gleichheit spricht), welche durch den ständigen Zuzug von Menschen entstand, die sich Freiheit erhofften[9]. Der Preis dieses Ansinnens war (vielleicht wurde es auch nicht so gesehen), dass in der kosakischen Gemeinschaft der stetige Wehrdienst (jeder musste, wenn erforderlich, ins Heer) herrschte; Ein Produkt der zentralen Rolle des Heeres, um sich behaupten zu können.

Meist war die Unabhängigkeit der Kosaken eine geduldete und hatte nur in dem Machtvakuum, das in den Grenzgebieten herrschte, ihre "Existenzberechtigung" (aus Sicht des Zaren). Sobald ein Gegenpol verloren ging, wurde die kosakische Gemeinde aufgrund der geringen Zahl (Ausnahme siehe Donkosaken) eingegliedert, oder umgesiedelt. Jene verschobenen Kosaken wurden an anderer Stelle wieder in ihrer alten Funktion eingesetzt und, um sie in der Rolle als Grenzschutz zu behalten, mit Privilegien ausgestattet.

Durch dieses hin und her kam es, dass die Kosaken politisch zuerst gegen den Zaren waren, dann für ihn, somit als die Bolschewiki kamen, wieder gegen jene,... Dabei kann man auch nicht sagen "die Kosaken". Denn als sich innerhalb der Kosaken Hierarchien ausbildeten (beginnend 17.Jh.[10]), waren die Wohlhabenderen eher für den Zaren (Kosaken wurden Sicherheiten geboten, Zar erhielt dafür Einfluss) und die Ärmeren (meist neu zugezogene Bauern oder wegen Glaubensprobleme flüchtende) gegen den Zaren. Diese inneren Spannungen führten oft zu Aufständen gegenüber dem Zaren, die nicht von allen Kosaken unterstützt wurden.

Also keine Einheit der Kosaken, um unbeugsam in Unabhängigkeit leben zu können, so wie zum Beispiel die Donkosakenführer das Bild beschworen[11].

Doch Erzählungen und Selbstdarstellung ergaben den Ruf der Kosaken, mit Unbeugsamkeit gegenüber fremden Machthabern ihre Freiheit zu finden: Sie leben auf eigenes Risiko und sind dafür frei. In dieser Form verkörperten sie "auch den Wunsch des Volkes nach Gleichheit und Selbstverwaltung."[12]

Hingegen zu manchen Zeiten mussten sich die Kosaken wie Schachfiguren des Zaren gefühlt haben, wenn sie aus strategischen Gründen verschobe



[1] Wibmer, Paul (DI): Die Kosakentragödie 1945. Innsbruck 1985. S. 5; Er verweist in der Fußnote zu diesem Satz auf: K.J. Gröper: Die Geschichte der Kosaken. Wilder Osten 1500-1700. München 1976, S. 7f.

[2]Goehrke, Carsten: Historische Selbststilisierung des Kosakentums. S.374. In: Lemberg, Hans [Hrsg.] : Osteuropa in Geschichte und Gegenwart : Festschrift für Günther Stökl zum 60. Geburtstag. Köln Wien Böhlau 1977.

[3] vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Kosaken und http://www.music.ch/face/inform/history_cossacksde.html; Diese Theorie scheint eher im Internet zu finden zu sein.

[4] Kappeler, Andreas: Russland als Vielvölkerreich. Entstehung, Geschichte, Zerfall. München 1992. S. 50

[5]vgl. Kappeler, Andreas: Russland als Vielvölkerreich. Entstehung, Geschichte, Zerfall. München 1992. und Goehrke, Carsten: Historische Selbststilisierung des Kosakentums. S.374. In: Lemberg, Hans [Hrsg.] : Osteuropa in Geschichte und Gegenwart : Festschrift für Günther Stökl zum 60. Geburtstag. Köln Wien Böhlau 1977.

[6] Kappeler, Andreas: Russland als Vielvölkerreich. Entstehung, Geschichte, Zerfall. München 1992. S. 64

[7]das selbe S. 51

[8]Goehrke, Carsten: Historische Selbststilisierung des Kosakentums. S. 369. In: Lemberg, Hans [Hrsg.] : Osteuropa in Geschichte und Gegenwart : Festschrift für Günther Stökl zum 60. Geburtstag. Köln Wien Böhlau 1977. Es soll den Westmächten signalisieren, dass die Kosaken Vorreiter der Demokratie in Russland seien.

[9] Dazu der Satz: "Auslieferung vom Don gibt es nicht!" Gültig für "Läuflinge" des 16. und 17. Jh.; In: siehe Fußnote 8 S. 363.

[10]vgl. http://www.music.ch/face/inform/history_cossacksde.html;

[11]vgl.  Goehrke, Carsten: Historische Selbststilisierung des Kosakentums. S.366f. In: Lemberg, Hans [Hrsg.] : Osteuropa in Geschichte und Gegenwart : Festschrift für Günther Stökl zum 60. Geburtstag. Köln Wien Böhlau 1977.

[12]http://www.music.ch/face/inform/history_cossacksde.html