Zur Ausstellung 
Hans Dragosits

5. November 2015

  

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In einer Begegnung mit dem am Karfreitag verhängten gekreuzigten Christus im letzten Jahr in der Jesuitenkirche kam Hans Dragosits auf das Thema dieser Ausstellung deus absconditus – der verborgene Gott!

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Dragosits fand in diesem an sich wenig aufregenden und gewohnten Bild ein nachgerade ideales Sujet einerseits für sein künstlerisches Tun an der Schnittstelle von Fotografie und Zeichnung, andererseits für sein thematisches Interesse an der Abbildkompetenz von Bild und Schrift ganz allgemein.

Dragosits verhüllte den ohnehin bereits verhüllten Korpus durch obsessives Beschreiben der Fotografie mit den Worten deus absconditus, bis schließlich ein Liniengewirr übrig blieb. Die Fotografie veränderte sich bei dieser bewusst subjektiven Intervention geradezu in das Protokoll eines mystischen Geschehens.

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Diese und ähnlich bearbeitete Fotografien präsentiert er auf sieben Rohren, die an Litfaßsäulen erinnern. Ergänzt wird diese Präsentationsform durch die Protokolle des gesamten Prozesses seiner Schreibkunst an der Wand, die mit den Säulen geradezu in einen Dialog treten.

Die Tatsache, dass die Träger dieser Boschaften Litfaßsäulen sind – ursprünglich Werbe- und Nachrichtenträger –, stellt einen existenziellen Ernst gegen die oberflächliche Bebilderung und Boulevardisierung der Welt.

  

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Doch dieser existenzielle Ernst der Thematisierung der Verborgenheit Gottes hat keineswegs nur theologische Konnotationen.

Solche sind etwa der Entwurf einer negativen Theologie, es sind Fragen nach den Erfolgsaussichten eines mystischen oder rationalen Zuganges zu Gott. Vor allem aber gehört zum Thema das Problem der Theodizee. Es trifft sich auf der links stehenden Stele mit den prägnanten Worten Adornos, wonach es barbarisch sei, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben.

Nochmals anders gesagt: Warum der verzweifelte Ruf: „Mein Gott, warum hast Du uns verlassen“, nicht nur heute plausibler klingen darf als die schöne, bisweilen rührselig anmutende Botschaft von Auferstehung und Erlösung.

Dort, wo nach der Schoah nicht ohnehin jedes Bild erlöscht, thematisiert es die Grundlinien einer zureichenden Erinnerungs- und Gedächtniskultur – auf den Punkt gebracht: Hrdlicka oder Eisenman!

   

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Und diese Alternative führt uns über ein theologisches Register hinaus. Die große Klammer zum spätantiken und mittelalterlichen Bilderstreit, die Dragosits mit seiner Arbeit zitiert, umfasst den Anfang der europäischen Bildkultur ganz generell. Diese wurde mit Rückgriff auf das antike Bildreservoir vermutlich ausgelöst durch die kulturelle Erzählung von einem Mensch gewordenen, also inkarnierten, damit darstellbaren Gott.

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In der energischen Auslöschung dieser Abbildbarkeit in einem obsessiven Akt des Schreibens mag man eine Verneigung vor bilderskeptischen Schriftkulturen erkennen. Aber auch der Text, der sich palimpsestartig über das verschwindende Bild legt, wird auf seine mimetische Kompetenz geprüft. Im bewussten Arrangement dieser Ausstellung als Installation, welche die schreibende Hand thematisiert und die Betrachterin zum Abschreiten zwingt, wird die Decodierung der künstlerischen Botschaft ebenso praktisch wie der Schreibakt des Künstlers.

Vielleicht finden Sie ein wenig Muße, um den vielen thematischen Schichten, die Hans Dragosits anspricht, nachzuspüren.

 

bis 4. Dezember
Text:Bernhard Braun