Zur Ausstellung 
langer gang
von Milena Meller

30. April 2010

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"langer gang" hat Milena Meller ihre Ausstellung betitelt. Dieser lange Gang, in dem wir uns befinden, löst in der Tat immer wieder Erstaunen und auch Bewunderung aus: Was für ein toller Ort, heißt es dann – und es ist so leicht dahingesagt. Aber was ist das eigentlich: ein Ort?

Um diese Frage zu klären, lädt man sich am besten Milena Meller ein. Wir haben das getan und sind froh, dass die heutige Ausstellung unmittelbar auf diesen Ort hier Bezug nimmt und dass die Künstlerin über viele Monate hinweg mit ihm gearbeitet hat.

Milena Meller ist eine Ortserkunderin. Ob private oder öffentliche, urbane oder ländliche Orte, Orte des Verweilens oder Durchgangsorte, funktionelle Orte oder Anti-Orte – sie alle haben ihren je eigenen Charakter. Wir nennen sie Orte und setzen stillschweigend voraus, dass sich ein Ort abgrenzen und umgrenzen lässt. Aber jeder Ort ist irgendwie offen, hat Schnittstellen und Übergänge zwischen Innen und Außen. Wo beginnt ein Platz? Wo hört er auf? Welche Grenze hat ein Wald, eine Straße, das Meer – oder eben: ein langer Gang, der für uns heute einen Ort des Verweilens, aber sonst üblicherweise nur ein Durch- und Verbindungsgang ist, den man möglichst zeitsparend überwinden will?

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Und wie erfährt man einen Ort? Zweifellos, wenn man ihn begeht und bewohnt, aber, um ihm näher zu kommen, benötigt das Geduld; man muss den Verlauf der Tages- und Jahreszeiten abwarten, jahrelang Intimität mit ihm gewinnen. Man erlebt diesen Ort düster, kalt und abstoßend oder sonnig, hell, mit spiegelndem Marmorboden.

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Vielleicht erschließt sich das Wesen eines Ortes erst, wenn man ihn vergleicht mit der Umgebung, in die er eingebettet ist – geschwollener ausgedrückt: wenn man ihn kontextualisiert? Etwa wenn man im Sommer von der betäubend-brütenden Schwüle in die angenehme Frische dieses Ganges tritt. Man nähert sich dem Verständnis aus dem Kontrast und der Überraschung. Wie verändern sich Gegenstände, die wir alle kennen: Anschlagtafeln, Feuerlöscher, Türen und Lampen, von einem Raum zum anderen und schließlich – umgekehrt: Wie verändern wir uns in Räumen? Was passiert mit uns, wenn wir von einem weiten in einen engen Raum wechseln, von einem hektisch-funktionalen in einen gemütlichen?

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Ihre Raumexpeditionen beginnt Milena Meller mit einer fotografischen Bestandsaufnahme des Raumes. Die Fotografien zeigen den Raum von innen und außen, aus der Vogelperspektive, sie dokumentieren die Umgebung, und die Fotografin tastet sich durch den Sucher weiter zu diversen Details, die sie sorgsam erkundet oder die ihr zu-fallen (Zufälle). Bei der Betrachtung dieser Fotografien bleiben viele bestehen, andere werden übermalt, wieder andere lösen das Verlangen aus, sie abzumalen. Es entstehen fotorealistische Malereien in Öl oder Acryl, wobei sich Ausschnitt oder Perspektive ändern. Die Wahrnehmung der Künstlerin beginnt, den Ort zu komponieren, es fließt ihre Befindlichkeit ein, die das Sondieren am Ort in ihr auslöst. Manchmal werden die Malereien wiederum abfotografiert. Die Vermischung der Medien entspricht den verschiedenen Erfahrungsebenen und Wahrnehmungsweisen.

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Im einen Medium geht die Arbeit schnell, im anderen langsam vonstatten. So wie Orte eben auf uns wirken. Manchmal nehmen wir blitzschnell wahr, überblicken wir die Totale, oder es bleiben einzelne Details in unserer Erinnerung hängen. Ein andermal kosten wir eine Raumerfahrung eine lange Weile aus. Medien sind Abbilder der Zeit. Raum und Zeit – das ist eine alte Paarung, das hat nicht nur Richard Wagner in seinem Parsifal erkannt: Zum Raum wird hier die Zeit.

Raum und Zeit treten in einen Dialog, sie verschlingen sich. Es gibt eben Orte des Verweilens und solche, die der Geschwindigkeit dienen. Ihre Ökonomie stiftet mitunter Verwirrung, Milena Meller erzeugt Unschärfe in ihren Bildern, zoomt ins Detail, bis es durch die Spuren der Zeit nicht mehr zuordenbar ist, und steigert derart den Grad der Abstraktion. All das ist der Versuch, dem näher zu kommen, was man das Wesen oder den Geist eines Ortes nennt, den genius loci also. Das aber ist ein Geschehen, das niemals an ein Ende gelangen kann.

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Was hier an den Wänden hängt, ist sozusagen ein screenshot eines dynamischen Vorgangs. Es ist ein Protokoll der Ortserkundung, genauer: der Reflexion einer Künstlerin über diesen Ort.

Vor uns hängt keine mimetisch-mediale Verdoppelung des Orts, sondern eine reflektierende Wahrnehmung, die sich mit unserer Wahrnehmung dieses Ortes vermischt, diese reflektierende Wahrnehmung anregt und sie verändert.

Ort wird etwas ja nur, wenn wir es dazu machen, und dieser gemachte Ort reflektiert wieder auf uns zurück, ein Vorgang, der so wenig einen Abschluss findet, wie auch wir nie mit uns selber fertig sind.

 

Ich bedanke mich nochmals bei Milena Meller und lade Sie ein, diesen Ort zu erkunden – mithilfe der künstlerischen Reflexionen und einem Gläschen Wein, das wir Ihnen passend gerne dazu anbieten.

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© Bernhard Braun 30/04/10