Apokalyptisches Denken

Bevor wir genauer auf das apokalyptische Denken Otto Bauers eingehen, ist es notwendig zu klären, was genau im Rahmen dieses Projektes unter dem Stichwort „Apokalyptik“ verstanden wird. Anhand der Zusammenführung von "christlichen Denkern" wie Josef Pieper, René Girard, Raymund Schwager und Ivan Illich, aber auch unter der Berücksichtigung "säkularer Denker" wie Günther Anders und Jean-Pierre Dupuy, sollen kurz einige Grundelemente apokalyptischen Denkens aufgezeigt und in Verbindung zu Otto Bauers Spätwerk gebracht werden.

Eine Gemeinsamkeit der oben angeführten "christlichen Denker" ist die Relevanz der christlichen Offenbarung, aus welcher heraus sie ihre Motivation schöpfen. Die jüdisch‑christliche Offenbarung (und vor allem die apokalyptischen Schriften des Neuen Testaments) erweist sich als jener Verständnishorizont, aus welchem heraus Welt und Geschichte hinterfragt und reflektiert werden.[1] Wie es aus der Etymologie des Wortes „Apokalypse“ ersichtlich wird, geht es einem apokalyptisch motivierten Denken in erster Linie um das „Offenlegen“ und „Enthüllen“ verborgener, unverständlicher oder unklarer Sachverhalte. Es wird angenommen, dass in der christlichen Apokalyptik u.a. ein heuristisches Instrumentarium vorhanden ist, das eben diese „verborgenen Sachverhalte“ innerhalb von Welt und Geschichte offen legen kann. Zusammenfassend können hier drei Merkmale apokalyptischen Denkens zusammengeführt werden: (a) durch die biblische Offenbarung wird eine gewaltstrukturierte Ordnung längerfristig aufgelöst; (b) Möglichkeit der Pervertierung der Botschaft die mit der Auflösung der Gewaltstrukturen einhergeht; (c) Zuspitzung und Verschärfung der Weltlage durch die Möglichkeit einer von der Menschheit selbst verursachten Katastrophe.

 

Christliche Apokalyptiker

Die mimetische Theorie René Girards versteht sich u. a. als Erklärungsmodell zur Entstehung von Kulturen. In seinen Arbeiten geht Girard davon aus, dass archaische Gesellschaften die Gewalt innerhalb der Gemeinschaft mittels der Tötung eines unschuldigen Opfers bändigten. Dieses Phänomen der Kanalisierung von Gewalt, welches Girard unter dem Begriff „Sündenbockmechanismus“ (scapegoat mechanism) zusammenfasst, bildet das ordnende Zentrum archaischer Gesellschaften. Für die mimetische Theorie erweist sich der Sündenbockmechanismus als eine erste Form der Gewaltbändigung.[2] Vor allem aufgrund der engen Zusammenarbeit mit dem Innsbrucker Theologen Raymund Schwager SJ, begann Girard, sich in seinen Arbeiten intensiv mit den biblischen Schriften zu beschäftigen. Das apokalyptische Verständnis des Christentums deutet Girard im Rahmen seiner Theorie. Für ihn steht fest, dass in der jüdisch-christlichen Tradition die Verfolgung und Ausgrenzung unschuldiger Opfer erstmals kritisiert und hierbei der „Sündenbockmechanismus“ offen gelegt wurde (z. B. Buch Hiob, Psalmen, Gottesknecht im Deutorojesaja und die Passion Jesu). Insbesondere durch Tod und die Auferstehung Jesu gestiftete Lebensgemeinschaft steht im radikalen Widerspruch zu archaischen Gemeinschaften, weil sich diese Gemeinschaft mit der Unschuld des Opfers solidarisiert.[3] Das Identifikationskriterium dieser neuen Lebensform ist die Unschuld Jesu und seine Botschaft der Gewaltfreiheit und Nächstenliebe und nicht – wie in archaischen Kulturen – die Schuld des Opfers und dessen gerechtfertigte Tötung.[4]

Auch Ivan Illichs Verständnis von Apokalypse steht im Zusammenhang mit einem radikalen Umbruch. Er charakterisiert die Reich-Gottes-Botschaft als Botschaft der Befreiung. Anhand des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25-37) illustriert er die Öffnung der Gesellschaft aus dem eng begrenzten Ethnos hin zu einem universalen Ethos. Durch diese Botschaft werden sittliche Bindungen an Volk und Familie gesprengt. War zuerst der Mensch durch das Volk eingeschränkt, in welches er hineingeboren wurde und der Familie, in der er aufwuchs, ist die neue Botschaft durch die freie Wahl des Liebens gekennzeichnet.[5] Die Sprengung individueller und gesellschaftlicher Strukturen zugunsten von Freiheit und Liebe versteht Ivan Illich als das offenbarende, also apokalyptische Moment. Die Inkarnation Gottes in Jesus Christus und seine Botschaft der Befreiung sind für Illich das Beste überhaupt, doch dieses Beste eröffnet zugleich die Möglichkeit einer neuen, möglicherweise noch gefährlicheren Form des Bösen. Zur Veranschaulichung seiner These greift Illich auf das bekannte lateinische Sprichwort corruptio optimi pessima zurück, wonach das Verderbnis des Besten das Schlimmste sei. Diese Pervertierung sieht Illich vor allem im Institutionalisierungsprozess der neutestamentlichen Frohbotschaft vollzogen: in diesem Prozess werden die durch Jesu Botschaft dem Menschen gegebene neue Form der Freiheit und Liebe zur Dienstleistung pervertiert.[6] „Dienstleistung“ ist allerdings auch positiv als Glaubens- und Liebesform hinsichtlich des Heils der Nichtgläubigen zu fassen. In diesem Zusammenhang untersucht Illich die ab dem 12. Jahrhundert einsetzende „Kriminalisierung der Sünde“ (criminalization of sin)[7]: von diesem Zeitpunkt an steht die Sünde nicht mehr im Zusammenhang mit Buße, sondern wird von der Kirche als juridische Kategorie gehandhabt und als "Verbrechen" bestimmt. Durch diese Pervertierung werden Freiheit und Liebe zugunsten von Macht und moralischen Imperativen vertauscht: die persönliche und freie Wahl, ein im Lichte des Evangeliums gerichtetes Leben zu führen, tritt zugunsten eines strikten Verhaltenskodex in den Hintergrund.[8]

 

Säkulare Apokalyptiker

Auch aus der Sicht säkularer Wissenschaftler (Günther Anders; Jean-Pierre Dupuy) wird heute klar von einer apokalyptischen Lage unserer Welt gesprochen: Wir leben in einer Zeit, die seit dem Abwurf der Atombombe 1945 insofern „apokalyptisch“ geworden ist, als der Mensch seit diesem Ereignis im ständigen Bewusstsein der Möglichkeit einer selbstverschuldeten Zerstörung der Menschheit lebt.[9] Die Miteinbeziehung der Katastrophe im apokalyptischen Denken als mögliches Szenario möchte keinen Pessimismus propagieren, sondern vielmehr die verschärfte Situation unserer Weltlage ausdrücken.[10] Mit dem Ausdruck „Katastrophe“ werden spontan Szenarien des Untergangs und der Zerstörung assoziiert. Dass aber auf kulturhistorischer Ebene Katastrophen auch Transformation, Regeneration und Bekehrung hervorrufen können, wird meistens ausgeblendet.[11] Die Berücksichtigung des Katastrophalen im apokalyptischen Denken möchte eine ethische Dimension öffnen: Im Angesicht der möglichen Selbstzerstörung ist eine jede Generation aufgerufen, sich die Frage nach der eigenen Verantwortung zu stellen.[12]

 

Otto Bauer als apokalyptischer Denker

Otto Bauers Spätschriften müssen im Zusammenhang mit seiner persönlichen Erfahrung gelesen werden. Bauer betonte immer wieder, dass sich ab 1940 seine „Ansichten radikal verändert haben“[13], denn seit seiner Flucht ins Exils steht er nun „vor anderen vollendeten Tatsachen“ [14]. Die persönlich erfahrene Katastrophe, vor allem auch das Scheitern der sozialistischen Bewegung in Österreich und die daraus resultierende Flucht ins Exil, sind Spiegelbild der Katastrophe Europas und der Welt. Diese Krise drängt Bauer zu einer Vertiefung im Glauben und einer entsprechend neuen Sicht der Welt.[15] Nach wie vor hält Bauer in seinen Schriften an der Relevanz und Einmaligkeit der Reich‑Gottes‑Botschaft fest, allerdings reflektiert er diese nun im Lichte der erlebten Katastrophe. Bauer sieht den Krieg als Ausdruck der Krise der modernen Gesellschaft. Nach dem Krieg wird nicht mehr Europa Schauplatz der Geschichte sein, sondern die gesamte Welt.[16]

Zwischen 1940 und 1945 verfasste Bauer sein „Stammbuch“. Gleich zu Beginn schildert er die chaotische Weltlage und wirft die Frage auf, wo Gott im Angesicht dieses Leides noch aufzufinden sei. Der Mensch fühlt sich von Gott verlassen und aus dieser Verlassenheit heraus sehnt er sich nach einer neuen Offenbarung Gottes.[17] Gott hat aber die Menschheit nicht im Stich gelassen, sondern der Mensch ist nicht mehr fähig, Gottes Antlitz in der Welt zu erkennen. Der Mensch ist nämlich von dem geblendet, was er selbst erschaffen hat: die Institutionen.[18] Auch Bauer sieht ähnlich wie Illich die Ursache der modernen Krise im Institutionalisierungsprozess. Die Kirche und die aus ihr entspringenden Institutionen haben das messianische Moment der Befreiung zugunsten von irdischer Machtbehauptung und Unterdrückung verdrängt. Das ursprüngliche Christentum ist für Bauer ein gemeinschaftliches Leben in Freiheit und in der Liebe, ein Leben also im Wissen um das eigene Tochter- oder Sohn-Sein vor Gott (Tochterschaft/Sohnschaft). Als Erstgeborener von vielen ist Jesus durch seinen Tod und seine Auferstehung zum Erbe des Vaters geworden. Er ist Sohn des Vaters, Erbe des Reiches und unser Bruder. Durch die Nachfolge Jesu ist ein jeder Mensch befähigt, Erbe des Gottesreiches, und somit Tochter oder Sohn Gottes zu werden.[19] Die Institutionalisierung entspricht hingegen einem „kindhaften“ bzw. unmündigen Christentum. Durch Dogma und Gesetz wurde die „Logik des Tempels“ bis in unsere Zeit weitergeführt, obwohl Jesus das Volk Gottes sammeln wollte.[20] Die Aufspaltung der ursprünglichen Gemeinde in Laien und Priester bestimmt Bauer als Usurpation der „Sohn- und Tochterschaft“ und ein erster Schritt zur „Vergesellschaftung oder der totalen Gesellschaft“[21] ist. Die Krise der Moderne zeigt sich für Bauer u. a. dadurch, dass der Mensch immer wieder in Institutionen flüchtet und von diesen bevormundet wird. Somit wird ein jeder Mensch, vor allem aber auch der Christ an der Katastrophe mitschuldig. Diese Abgabe der eigenen Verantwortung vergleicht Bauer mit dem kainitischen Brudermord. Die Frage Kains „Bin ich der Hüter meines Bruders (Gen 4,9)“ erweist sich für Bauer als symptomatisch für die Moderne.

Besonders im Abwurf der Atombombe auf Hiroshima erkennt Bauer die Verschärfung der Weltlage. War er doch zuerst – was das Ende des Krieges betrifft – optimistisch, so tritt ab diesem Ereignis auch hinsichtlich der Friedensthematik die Katastrophe in den Mittelpunkt. Besonders wichtig wird ab diesem Zeitpunkt Bauers intensive Beschäftigung mit den Schriften seines (nun verstorbenen) Freundes Leonhard Ragaz, sowie das Selbststudium von Teilhard de Chardin, Friedrich Nietzsche und Søren Kierkegaard. Bis zum Abwurf der Atombombe ist eine gewisse Übereinstimmung im Denken von Ragaz und Bauer vorhanden. Während Ragaz ähnlich wie Teilhard de Chardin[22] einen gewissen Optimismus im Hinblick auf  die Konsequenzen der Atombombe vertritt, interpretiert Bauer den Abwurf als „Zweiten Sündenfall“[23]. Ragaz sieht in dem durch die Atombombe erfolgten Ende des Krieges die Möglichkeit einer neuen Ordnung im Lichte der Reich‑Gottes‑Botschaft und der Botschaft eines neuen Himmels und einer neuen Erde[24]: Der Mensch nach Hiroshima kennt nun auch die Schreckenseiten der Technik und er wird zugunsten des Friedens und der Erhaltung seiner selbst nicht mehr darüber hinausgehen.[25] Für Bauer hingegen ist klar, dass ein auf einem Gewaltakt begründeter Frieden trügerisch ist, da damit nur der Weg für neue Probleme gebahnt wird. Von nun an spricht Bauer nicht mehr vom Krieg als Ausdruck der Krise der Moderne, sondern erhebt die Krise zum dauerhaften Zustand der Welt.[26] In Anlehnung an Clausewitz’ bekannten Worten schreibt Bauer 1948, „dass der Zustand, den die Menschen gerne Friede genannt hätten, eine Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln“[27] sei.  In Nietzsche hingegen sieht Bauer einen Propheten, der seiner Zeit voraus war: der von Nietzsche beschriebenen Nihilismus, die Dekadenz seiner Zeit, das Ressentiment sind für Bauer die tiefste Beschreibung jener Welt, die er erlebte.[28] Bauer sieht das Apokalyptische seiner Zeit in einem Entweder/Oder vor das der Mensch gestellt ist. Der Mensch muss sich entscheiden: Entweder den Weg der (Selbst-)Zerstörung zu beschreiten oder eine große Umkehr zu vollziehen, hin zum eigentlichen Ursprung, der Sohn‑ und Tochterschaft des Menschen in und durch Jesus Christus.[29]

© Marco Russo / Wolfgang Palaver



[1] Pieper, Josef. 1953. Über das Ende der Zeit. Eine geschichtsphilosophische Meditation. 2 ed. München: Kösel-Verlag, 1950, 139-163.

[2] Girard, René. 1977. Violence and the Sacred. Translated by P. Gregory. Baltimore: The Johns Hopkins University Press, 1972.

[3] Girard, René. 2001. I See Satan Fall Like Lightning. Translated by J. G. Williams. Maryknoll, NY: Orbis Books, 1999, 103-153.

[4] Girard, René. 1987. Things Hidden since the Foundation of the World: Research undertaken in collaboration with J.-M. Oughourlian and G. Lefort, 141-282; I See Satan Fall Like Lightning, 137-153.

[5] Illich, Ivan and David Cayley. 2005. The Rivers North of the Future: The Testament of Ivan Illich as told by David Cayley. Foreword by Charles Taylor. Toronto: Anansi, 47.

[6] Ebd., 61.

[7] Ebd., 47.

[8] Ebd., 80-94.

[9] Anders, Günther. 1993. Die atomare Drohung. Radikale Überlegungen zum atomaren Zeitalter. 6 ed. München: Verlag C.H. Beck, 1972, 214.

[10] Girard, René. 2010. Battling to the End: Conversations with Benoît Chantre. Translated by M. Baker, Studies in violence, mimesis, and culture. East Lansing, Mich.: Michigan State University Press.

[11] Barberi, Maria Stella, ed. 2009. Catastrofi generative: Mito, storia, letteratura. Massa: Transeuropa.

[12] Schwager, Raymund. 2007. Aufgeklärte Apokalyptik. Jean-Pierre Dupuy als möglicher Referenzautor für das interfakultäre Forschungsprojekt „Weltordnung-Religion-Gewalt“. In Aufgeklärte Apokalyptik: Religion, Gewalt und Frieden im Zeitalter der Globalisierung, edited by W. Palaver, A. Exenberger and K. Stöckl. Innsbruck: Innsbruck University Press.

[13] Bauer, Otto, 1943. Abschied vom Sozialismus. VGA, Karton 1, M9-21.

[14] Ebd.

[15] Bauer, Otto. Ich gehe zu dem der im Kommen ist: Mein Weg in die Naherwartung. VGA, Karton 1, M9-21.

[16] Bauer, Otto, 1943. Abschied vom Sozialismus. VGA, Karton 1, M9-21.

[17] Bauer, Otto. Stammbuch, Heft 1, Wo ist nun dein Gott? VGA, Karton 1, M9-21.

[18] Bauer, Otto. Stammbuch, Heft 2, Sohnschaft. VGA, Karton 1, M9-21.

[19] Ebd., Heft 2.

[20] Bauer, Otto. Stammbuch, Heft 2, Die Gemeinde, der Einzelne. VGA, Karton 1, M9-21.

[21] Bauer, Otto. Stammbuch, Heft 3, Gesellschaft und Sozialismus vor dem mündigen Christen. VGA, Karton 1, M9-21.

[22] Teilhard de Chardin, Pierre. 1999. Das Teilhard de Chardin Lesebuch. Zürich: Benzinger Verlag. Original edition, 1987.

[23] Bauer, Otto. Ich gehe zu dem der im Kommen ist: Mein Weg in die Naherwartung. VGA, Karton 1, M9-21.

[24] Ragaz, Leonhard. 1995. Eingriffe ins Zeitgeschehen. Reich Gottes und Politik. Texte von 1900-1945. Luzern: Edition Exodus.

[25] Bauer, Otto. Ich gehe zu dem der im Kommen ist: Mein Weg in die Naherwartung; Bauer, Otto. Der Sieg über den letzten Feind. VGA, Karton 1, M9-21.

[26] Ebd.

[27] Bauer, Otto. Das Wiener Gespräch I./II., Gespräch über den religiösen Sozialismus. VGA, Karton 1, M9-21.

[28] Bauer, Otto. Nietzsche-Schriften. VGA, Karton 1, M9-21.

[29] Bauer, Otto. Nietzsche-Schriften. Das Wiener Gespräch I./II., Aus dem Antlitz der Welt sind die Züge Gottes entschwunden. VGA, Karton 1, M9-21.