Edition

Im Rahmen eines 36-monatigen Projektes sollen die Schriften aus dem Nachlass Otto Bauers erforscht und als dreibändige Edition erscheinen. Einem jeden Band soll ein Editionsbericht vorausgehen.

 

1. Band: Schriften zum religiösen Sozialismus, 1926‑1934/38

Ausgehend von den bereits vorhandenen Arbeiten zum religiösen Sozialismus in Österreich (Außermair, Benedikt, Steger, Zulehner) soll der erste Band der Reihe die bereits getätigte Erforschung aktualisieren und fortsetzen. Diese Autoren beschränken sich in ihren Untersuchungen hauptsächlich auf eine historische Darstellung des BRS, wobei inhaltliche Aspekte des religiösen Sozialismus nur in ihren Grundzügen dargestellt werden. Der erste Band des vorliegenden Projektes soll hingegen explizit auf die Schriften Bauers aus dem „Menschheitskämpfer“ (1926‑1934) eingehen. Die ausgewählten Schriften dieses Bandes sollen (a) die Entstehung des „Bundes religiöser Sozialisten“ sowie dessen wichtigsten Etappen rekonstruieren, (b) die Kritik Bauers und der religiösen Sozialisten zur politischen Lage Österreichs in der Zeit der Ersten Republik berücksichtigen, und (c) die Stellung Bauers und der religiösen Sozialisten zur Frage der Privatisierung der Religion sowie dem Klerikalismus im Staat beinhalten. Zudem sollen auch (d) jene Texte zur christlichen Soziallehre berücksichtigt werden, allen voran die Beiträge zur Enzyklika Quadragesimo Anno, sowie jene Schriften, die (e) den Austrofaschismus und Nationalsozialismus kritisch hinterfragen. Den Abschluss des Bandes bildet der mit Leonhard Ragaz gemeinsam verfasste Text (f) „Neuer Himmel, neue Erde“ (Bauer, Otto/Ragaz, Leonhard: Neuer Himmel und neue Erde! Ein religiös-sozialer Aufruf. Zürich: Religiös-soziale Vereinigung der Schweiz, 1938).

 

2. Band: Das Stammbuch 1940‑1945

In diesem zweiten Band gehen zwei biographische Schriften dem „Stammbuch“ voraus. Es ist dies einerseits ein Interview mit Otto Bauer[1] und andererseits eine von Bauer verfasste Schrift, in der er die Erfahrungen des Bürgerkrieges 1934 in Österreich schildert, sowie von seinen Tätigkeiten im Untergrund und der Flucht ins Exil berichtet. Den Hauptteil dieser Publikation bildet aber das „Stammbuch“, dessen Entstehungsgeschichte vor allem durch den Briefwechsel und mittels handschriftlicher Notizen rekonstruiert werden und im Editionsbericht eingebracht werden soll.  Im „Stammbuch“ reflektiert Bauer die Situation des Christen in der Moderne. Dabei führt er den Begriff der „Sohnschaft“ ein, den er in den darauffolgenden Schriften weiter entfalten wird. Diesen Begriff entnimmt Bauer aus dem Hebräerbrief: Er versteht darunter die in der Nachfolge Christi entspringende Verantwortung eines jeden mündigen Christen gegenüber seinen Mitmenschen und der Schöpfung.

 

3. Band: Exilsschriften

Im dritten und letzten Band der Reihe sollen Bauers Exilsschriften ihren Platz finden. Es sind dies einerseits jene Beiträge, in denen Bauer den Sozialismus bzw. religiösen Sozialismus kritisiert (z. B. „Das Wiener Gespräch I. und II“), andererseits aber auch jene Schriften, in welchen Bauers apokalyptisches Denken zum Vorschein kommt (z. B. „Ich gehe zu dem, der im Kommen ist: Mein Weg in die Naherwartung“). Als besonders wertvoll erweisen sich in diesem Zusammenhang Otto Bauers Schriften, in welchen er u. a. einige Standpunkte Leonhard Ragaz kritisiert und zu revidieren versucht. Neben theologischen Reflexionen (z. B. „Der Jesus des Kairos“) finden wir Artikel, in welchen Bauer gesellschaftspolitische Themen seiner Zeit aufgreift (z. B. „Zum Besuch Chruschtschow“; „Politische Gedanken und Überlegungen zum Konflikt im mittleren Osten“). Einzigartig sind auch jene Schriften Bauers, in denen er auf die Werke Friedrich Nietzsches und Søren Kierkegaards eingeht, um daraus seine Gedanken zur „Sohnschaft“ zu vertiefen (z. B. „Gedanken und Meinungen zu Nietzsche, Christentum und Sozialismus“). Insgesamt sollen in diesem Band fünfzehn Artikel Otto Bauers ihren Platz finden.



[1] Fritz Lehner und Peter Ulrich Lehner im Gespräch mit Otto Bauer, Mitbegründer und Vorsitzender des „Bundes relgiöser Sozialisten“ in der Ersten Republik, am Mittwoch, dem 24. Juli 1984 (VGA, Karton 2, M24).

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