TWF-Projekt: Die letzten Muslime vom Giato? Skelett-Untersuchungen zur Belagerung des muslimischen Monte Iato durch Kaiser Friedrich II. im Jahr 1246


 

» 1. Abstract
» 2. Projektbeschreibung
» 3. Forschungsstand - Das Mittelalter in Sizilien
» 4. Ziele
» 5. Methoden
» 6. Kooperationen
» 7. Literaturauswahl

 


 

1. Abstract

 

Contrary to medieval sources and scientific consensus, the discovery of a Denarius of King Konradin of Sicily gave the first archaeological evidence for the reuse of a building complex on the Monte Iato, after the siege and supposable destruction of the settlement through Frederic II in 1246 A.D. This domestic complex contained a broad spectrum of findings, consisting of commodities and goods from Islamic North Africa, the Latin West and the Byzantine East. The evidence of a phase of renewal and renovation contradicts the historical sources, which report of the complete destruction of the settlement and the deportation of all its inhabitants to Apulia. These outcomes have the unique possibility to examine this still unknown phase of reuse on the Monte Iato and may shed a light on the circumstances of political isolation and economic regression after the fall of the West Sicilian Caliphate. It will therefore offer a new perspective on historical reality, which seems to completely contradict the official historiography from the point of view of Frederic II.

Aside of the historic-archaeological aspect, the question of ethnicity and living conditions of these last settlers will be tackled.

Therefore the already excavated human remains will be examined through Stable Isotope Probing to locate the origins of the deceased’s DNA and further anthropological examination by Dr. rer. nat. George McGlynn.

The aim of this project is to give these last settlers on the Monte Iato an identity and to create a basis for further research on the topic of the medieval Iato. In addition to it, the results of the proposed project can help to verify or falsify the archaeological evidence concerning the reuse of the settlement on the Monte Iato after 1246 and can consequently serve to review the authenticity of the historical sources.

 


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2. Projektbeschreibung

 

Im Rahmen der FWF-Projekte (P 22642-G19 und P 27073) der Universität Innsbruck: ,,Zwischen Aphroditetempel und spätarchaischem Haus I und II“  wurden nördlich des spätarchaischen Hauses in den jüngeren, nachantiken Kulturhorizonten Überreste eines mittelalterlichen Wohnkomplexes freigelegt. Dieser weist mindestens zwei unterschiedliche Benutzungsphasen auf, wobei letztere eindeutige Anzeichen eines unsorgfältigen Wiederaufbaus mit kurzlebigem Umbau zu erkennen geben. Unter dem Zerstörungshorizont der 1. Phase kam auf einem Außenniveau eine Münze Konradins ans Tageslicht, welche zumindest die Wiederaufbauphase des Wohnkomplexes eindeutig in die Zeit nach Friedrich II. datiert und somit erstmals einen nachbelagerungszeitlichen Siedlungsbefund auf dem Monte Iato numismatisch belegt. Zu diesem Bild einer Nachbesiedelung passen zudem bestens die zugehörigen Kleinfunde, die eine Zeit der Not offenbaren. Die ökonomische Situation und der Zugang zu Ressourcen und Importen hatten sich mit der Zerschlagung des westsizilischen Kalifats binnen kurzer Zeit so stark verschlechtert, dass beinahe alles repariert oder recycelt wurde. Spätestens drei Generationen nach der Zerstörung des Monte Iato um 1246 war es den letzten Bewohnern nicht mehr länger möglich, dauerhaft auf dem Berg zu siedeln.

Insbesondere für diese belagerungs- und nachbelagerungszeitliche Siedlungsphase, aber auch für die muslimische Stadt Giato überhaupt, ist nur sehr wenig über die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung bekannt. Wie im Rahmen der Magisterarbeit der Antragstellerin exemplarisch, aber nur ausschnitthaft, gezeigt werden konnte, weisen die Überreste des Wohnkomplexes nördlich des spätarchaischen Hauses auf ein mögliches geschlechtergetrenntes Wohnen in großfamilialen Weilern hin, wie es später auch für nordafrikanische Bergvölker im Rifgebirge in Marokko nachgewiesen werden konnte. Andererseits spiegeln die Kleinfunde neben dem starken kulturellen Einschlag aus den nordafrikanischen Kalifaten auch eine nicht zu unterschätzende Präsenz kultureller Güter aus dem lateinischen Westen und dem byzantinischen Reich im Osten wider.

Inwieweit dies mit einem regen Handel mit dem Stauferreich zusammenhängt, oder aber auch mit in Ungnade gefallenen Christen, die Heiratsalianzen mit Muslimen eingingen, soll in den kommenden Jahren im Rahmen eines Dissertationsprojektes der Antragstellerin unter der Betreuung von Prof. Dr. Harald Stadler genauer erforscht werden. Dazu sollen die Neufunde, sowie die Altfunde aus früheren Grabungen, systematisch nach sozial- und konsumarchäologischen Gesichtspunkten aufgearbeitet und der Fachwelt monographisch vorgelegt werden.

Das Leitfossil zur Beantwortung der komplexen Fragestellungen, die primär auf die Lebenssituation der Muslime während der Belagerung und der Nachbesiedelung im Zentrum des letzten Kalifats auf Sizilien abzielen, bilden die mittelalterlichen Skelettbefunde auf dem Monte Iato. Dank der Kooperation mit der Zürcher Ietas-Grabung unter der Leitung von Prof. Dr. Christoph Reusser und Dr. Martin Mohr und mit dem Direktor des Archäologischen Parks auf dem Monte Iato, Dr. Enrico Caruso, können die beiden nichtbestatteten Skelettfunde im Umfeld des nachbelagerungszeitlichen Wohnkomplexes erstmals systematisch und im Rahmen der mittelalterlichen Bestattungspraktiken auf dem Giato aufgearbeitet werden.

Dazu gilt es einen entsprechenden Katalog zu erarbeiten, in dem die Grabungsgeschichte zu den einzelnen Skeletten erfasst, ihre chronologische Abfolge in Kombination mit C14-Analysen bestimmt und ihre Fundvergesellschaftung nach den Vorlagen einer zeitadäquaten Grabarchäologie ausgewertet wird. Vor allem durch vorbelagerungszeitliche Bestattungsbefunde sollen die Riten und Bräuche genauer definiert werden, die bei einer Bestattung in muslimischer Tradition in Friedenszeiten zur Anwendung kamen. Dies ist nicht nur Pionierarbeit auf dem Monte Iato, sondern ein grundlegendes Desiderat für die gesamte mittelalterliche Sizilienforschung. Ohne hierin mehr Klarheit geschaffen zu haben, lassen sich die beiden unbestatteten Skelettbefunde in ihrer Abweichung vom muslimischen ‚Normritus‘ nicht greifen und damit auch nicht auf ihre (nach)belagerungszeitlichen Besonderheiten hin überprüfen.

Zudem lassen sich auch unterschiedliche Skelettgrößen, wie sie sich in einer ersten Autopsie zu erkennen gaben, nicht systematisch mit Bestattungsriten in Verbindung setzen, die trotz Friedenszeiten, also nicht aufgrund von Notsituationen, von der muslimischen Bestattungstradition auf dem Iato abweichen.

Erst auf Basis dieser Kontextdaten macht eine Stabilisotopenanalyse wirklich Sinn, die dann vielleicht die Skelettgrösse und das Abweichen vom muslimischen Ritus mit einer nicht-afrikanischen Provenienz der Verstorbenen in Verbindung bringen kann. Auf diese Weise würden  sich erstmals sichere Daten zu unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen, wohl auch christlichen Glaubens, auf dem mittelalterlichen Giato erfassen und auswerten lassen.

In Hinblick auf die letzten Bewohner des Monte Iato sollen zudem noch die Auswirkungen der belagerungs- und nachbelagerungszeitlichen Lebensumstände auf die Körper der Verstorbenen eruiert werden. Auch hier ist als Referenzgruppe das Sample der vorbelagerungszeitlichen Bestattungen unabdingbar, um die Sondersituation der zehnjährigen Belagerung und der nachfolgenden Notzeit nach 1246, in ihren Auswirkungen auf die menschliche Knochenbildung, klarer von der ‚Normalsituation‘ in Friedenszeiten abgrenzen zu können.

 


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3. Forschungsstand - Das Mittelalter in Sizilien

 

Die mitten im Mittelmeer gelegene Insel Sizilien wird nicht umsonst von vielen Forschern als ,,cultural melting pot“  angesehen. Nach den Phöniziern, Griechen, Römern und Byzantinern siedelten – folgend auf die arabischen Eroberungswellen im 9. Jh. n. Chr. – auch Muslime auf der Insel. Diese Abfolge, mitunter aber auch Kohabitation, von unterschiedlichen Kulturen hatte die Insel nicht nur politisch, sondern auch religiös und ökonomisch geprägt. Zweihundert Jahre nach der Landnahme durch die Muslime eroberten schließlich die Normannen Sizilien. Unter ihrer Herrschaft wuchs auch der Einfluss des römisch-katholischen Christentums auf der Insel, was eine allmähliche Zurückdrängung der islamischen Bevölkerung ins gebirgige Binnenland nach sich zog. Muslime, die zuvor als Bürger in städtischen Verhältnissen an den Küsten gelebt hatten, waren nun gezwungen, ein halbnomadisches Dasein in schwer zugänglichen und gut befestigten Höhensiedlungen, wie dem Monte Iato, zu führen.

In Westsizilien kam es in der Folge zu wiederholten Aufständen der muslimischen Bevölkerung, die unter Ausrufung eines westsizilischen Kalifats unter der Führung Muhammads Ibn ‘Abbàd  (auch unter dem Namen „Mirabetto“ bekannt) politisch geeint wurden. 1222 startete Kaiser Friedrich II. in Palermo eine militärische Offensive gegen die muslimischen Aufrührer. Letztere unterlagen nach jahrelangen Kämpfen und wurden daher auf Geheiß des Staufers aus Westsizilien nach Apulien deportiert, wo eigens zu diesem Zweck die Stadt Lucera geräumt worden war. Von diesem Schicksal blieben auch die muslimischen Bewohner des Monte Iato nicht verschont, da dieser insbesondere in den letzten Jahren der islamischen Revolte unter Ibn ‘Abbàd zu dessen Hauptsitz geworden war. Nach langer Belagerung mussten 1246 schließlich auch die letzten Muslime vom Giato kapitulieren. Laut zeitgenössischen Schriftquellen sollen auch sie in die Capitanata  zwangsumgesiedelt worden sein. Die jüngsten archäologischen Untersuchungen (siehe Punkt 2: Projektbeschreibung) auf dem Monte Iato zeigen jedoch, dass die historische Realität viel komplexer war, als es uns die schriftlichen Quellen des Stauferkaisers glauben machen wollen.

 


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4. Ziele

 

Das beantragte Projekt soll nun auch Aufschluss über die ökonomische Situation und die Lebensumstände (Hunger, Krankheiten etc.) am Berg in Bezug auf den Mensch selbst geben. Wer waren die letzten Bewohner des Iatos? Sind die gefundenen menschlichen Überreste Opfer der Belagerung durch Friedrich II. oder starben sie nach der ,,vermeintlichen" Zerstörung der Siedlung? Die erhofften Ergebnisse zu den untersuchten Skelettbefunden sollen schließlich eine naturwissenschaftlich referenzierte Basis bilden, um in einem übergreifenden zweiten Schritt im Rahmen des geplanten Dissertationsvorhabens eine möglichst dichte Beschreibung von Konsumpraktiken der letzten Bewohner des Monte Iato anzustreben, die Rückschlüsse auf ihre kulturellen Identitäten und religiösen Zugehörigkeiten, ebenso wie auf die Auswirkungen ihrer sozio-politischen und ökonomischen Isolation im Alltagsleben erlauben. Dabei wird die größte methodische Herausforderung sein, die kulturelle Heterogenität des vorliegenden materiellen Befundes nicht vorschnell auf unterschiedliche ethnische Provenienzen zurückzuführen, wie das in bisherigen Studien zum mittelalterlichen Sizilien der Fall war. 

 


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5. Methoden

 

Zur Erhebung und Auswertung der Daten und für die Beantwortung der Fragestellungen des Dissertationsprojektes ist eine Kombination der traditionellen Ausgrabungsmethoden (Stratigraphie, Chorologie, Seriation, etc.) mit den neuen Möglichkeiten naturwissenschaftlicher Analysen und den methodischen Vorgaben einer zeitadäquaten Konsumarchäologie unverzichtbar. Hierzu sollen in einem ersten grundlegenden Schritt, neben den archäologischen und historischen Methoden, auch naturwissenschaftliche Analysen zur Bestimmung der menschlichen Überreste zur Anwendung kommen (Stabilisotopenanalyse).

 


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6. Kooperationen

Bei der Durchführung des Projektes ist im Bedarfsfall eine aktive Unterstützung durch die wissenschaftlichen Partner des FWF Projektes (P 27073) ,,Zwischen Aphroditetempel und spätarchaischem Haus II“ der Universität Innsbruck unter der Leitung von Prof. Dr. Erich Kistler gewährleistet.

Kooperation mit der Ietas-Grabung der Universität Zürich  unter der Leitung von Prof. Dr. Christoph Reusser und Dr. Martin Mohr

 Kooperation mit der dem Archaeo Park Monte Iato (Sizilien), (Parco archeologico di Monte Iato, Direktor Dr. Enrico Caruso)

Kooperation mit dem Historiker Prof. Dr. Nikolas Jaspert der Universität Heidelberg (Professur für Mittelalterliche Geschichte; Forschungsschwerpunkte: mediterrane, insbesondere iberische Geschichte des Mittelalters; Kreuzzüge; Ordensgeschichte; Ritterorden; deutsch-spanische Beziehungen)

Kooperation mit dem Konservator an der Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie München (SAPM) Dr. rer. nat. George McGlynn der Universität München, Staatsammlung für Anthropologie und Paläoanatomie

Kooperation in Fragen der Bestimmung und Restaurierung der Kleinfunde mit Priv.-Doz. Dr. habil. Dieter Quast M.A., Konservator am RGZM (Römisch-Germanisches Zentralmuseum, Forschungsinstitut für Archäologie)

 


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7. Literaturauswahl

M. Amari, Storia die Musulmani di Sicilia. Volume I – III (Catania 1933).

J. F. Böhmer. RegestaImperii V. Die Regesten des Kaiserreichs unter Philipp, Otto IV, Friedrich II, Heinrich (VII), Conrad IV, Heinrich Raspe, Wilhelm und Richard. 1198-1272. erste – vierte Abteilung (Innsbruck 1882).

L. Clemens – M. Matheus, Christen und Muslime in der Capitanata im 13. Jahrhundert, in: DAI (Hrsg.), Sonderdruck aus Quellen und Forschungen aus italienischen Archiven und Bibliotheken, Rom 88/2008, 82-119.

C.A. Di Stefano – A. Cadei (Hrsg.), Federico e la Sicilia. Dalla terra alla corona. Archeologia e architettura. Catalogo della Mostra (Palermo 1995) 201–210.

Th. Dittelbach. Geschichte Siziliens. Von der Antike bis heute (München 2010).

M. Fansa – K. Emerte,  Kaiser Friedrich II. (1194-1250). Welt und Kultur des Mittelmeerraums. Begleitband zur Sonderausstellung ,,Kaiser Friedrich II. (1194-1250). Welt und Kultur des Mittelmeerraums“ Im Landesmuseum für Natur und Mensch, Oldenburg (Mainz 2008).

J. Göbbels, Der Krieg Karls I. von Anjou gegen die Sarazenen von Lucera in den Jahren 1268 und 1269, in: K. Borchardt – E. Bünz (Hrsg.), Forschungen zur Reichs-, Papst- Landesgeschichte. Teil 1 (Stuttgart 1998) 361-403.

R. Hausherr (Hrsg.), Die Zeit der Staufer. Geschichte – Kunst – Kultur. Katalog der Ausstellung. Band I-V (Stuttgart 1977).

N. Jaspert, Die Kreuzzüge. 6. Auflage (Darmstadt 2013).

E. Kistler – B. Öhlinger - M. Steger, „Zwischen Aphrodite–Tempel und spätarchaischem Haus.“ Die Innsbrucker Kampagne 2011 auf dem Monte Iato (Sizilien), Jahreshefte des Österreichischen Archäologischen Institutes 82, 2013, erscheint Herbst 2014.

C. Lowney, A Vanished World. Muslims, Christians, and Jews in Medieval Spain (New York 2006).

F. Maurici, Uno stato musulmano nell’Europa cristiana del XIII secolo: L’emirato siciliano di Mohammed IbnAbbad, in: ACTAHistAmediaevalia 18 (1997) 257-280.

A. Metcalfe, The Muslims of medieval Italy (Edinburgh 2009).

H. Neuhold, Die Staufer. Von 1025 bis 1268 (Wiesbaden 2014).

O. B. Rader, Friedrich II. Der Sizilianer auf dem Kaiserthron. Eine Biographie (München 2010).

B. Rill, Sizilien im Mittelalter. Das Reich der Araber, Normannen und Staufer (Stuttgart 2000).

J. Taylor, Muslims in Medieval Italy: The Colony at Lucera (Lanham 2003).

G. Vogeler, Konflikte in Süditalien, in: Schneidmüller u.a. (Hrsg.), Verwandlungen des Stauferreichs. Drei Innovationsregionen im mittelalterlichen Europa (Darmstadt 2010) 192-209.

 


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