Call for Papers

Transnationale Holocaust-Forschung, -Erinnerung und -Vermittlungsarbeit ist die Mission der European Holocaust Research Infrastructure (EHRI). Ihre größte Herausforderung ist die breite Streuung von Originalquellen und Fachwissen über viele Institutionen hinweg. EHRI arbeitet seit 2010 daran, die Fragmentierung und Dislozierung der Überlieferung über den Holocaust zu überwinden und historische Materialien, Institutionen und Forschende zu vernetzen. Die Möglichkeiten der Erforschung, Verknüpfung, Mediatisierung sowie Darstellung von digitalen Daten im virtuellen Raumen haben zu neuen Forschungsparadigmen geführt: Holocaust-Forschung und ihre Vermittlung sind transnational, transkulturell, digital und interdisziplinär zu denken. EHRI macht sich die digitalen Transformationsprozesse aus dem Bereich der Digital History und Digital Humanities zu eigen und versteht sich selbst als Motor neuer digitaler Methoden und Tools. Neben den Potentialen der ortsunabhängigen und mobilen Technik versteht sich EHRI als wissenschaftliche Infrastruktur für Menschen, die über Disziplinen- und Institutionsgrenzen sowie über nationale Geschichtspolitiken/-logiken hinweg unterschiedliche Expertise aus dem Bereich der Holocaustforschung und -vermittlung langfristig und nachhaltig vernetzt. Wir laden herzlich zu der ersten EHRI-AT-Konferenz CONNECTED HISTORIES. MEMORIES AND NARRATIVES OF THE HOLOCAUST IN DIGITAL SPACE ein.

Das World Wide Web und die Digitalisierung haben sich als unersetzliche Instrumente für die Geschichte des und die Erinnerung an den Holocaust erwiesen. Die technischen Möglichkeiten sind die Bausteine der Wende, die Marianne Hirsch 2012 als „postmemory’s archival turn“ bezeichnete. Für eine als Public History bezeichnete Geschichte in der Öffentlichkeit sind sie unverzichtbare Werkzeuge für die Mobilisierung unterschiedlichster sozialer und ethnischer Gruppen geworden. Am Beispiel des Holocaust zeigt sich der paradigmatische Wandel in den Geisteswissenschaften auf besonders eindrückliche Weise. Gedächtnisinstitutionen nutzen das Internet heute auf hohem professionellen Niveau als Präsentationsort zur Selbstdarstellung und als Forum zur Diskussion für zunehmend internationale, transkulturelle und interdisziplinäre Nutzerschichten. 

Gleichzeitig sind es nicht immer die etablierten Institutionen, die die technischen Möglichkeiten und Potentiale des Netzes zur Gänze ausreizen. Kreative und manchmal kontrovers diskutierte neue Formen des Erzählens der Geschichte des Holocaust oder auch mit digitalen Medien neu präsentierte traditionelle Arten des Holocaust-Gedächtnisses kommen nicht selten von Personen oder Gruppen, die nicht im Einflussbereich der großen Gedenkstätte, Museen und Archive stehen. Eine besondere Konjunktur erfahren solche „private“ Inszenierungen seit dem Boom sogenannter Sozialer Medien. Durch die Nutzung des Mediums Internet und der Sozialen Netzwerke wird dabei auch für den Kontext des Holocaust deutlich: Es gibt neue Strukturen der Entscheidungsfindung in der Gesellschaft, die die Möglichkeiten traditioneller Massenmedien übersteigen sowie neue Formen und Foren der Öffentlichkeit, die anders funktionieren, anders Inhalte verbreiten, anders aktivieren und dabei nicht nur eine passive Rezeptionshaltung erzeugen, sondern im Gegenteil von der Partizipation einer breiten Öffentlichkeit leben.

Der digitale Raum als abstraktes und unbegrenztes Archiv für die Mediation des Holocaust steht also im Zentrum der geplanten internationalen Tagung.

1)     Inter- und transgenerationelle Aspekte:

Der digitale Raum als Aushandlungsort, Begegnungsraum und Kampfzone von Generationen und Geschichten bietet die Möglichkeit über transgenerationelle Weitergabe von Traumata, von Familiengeschichten, von vermittelten Inhalten neu nachzudenken: Wie können mit dem Wissen um digitale Möglichkeiten inter- und transgenerationelle Prozesse neu reflektiert werden? Welche neue Sprache stellen die digitalen Medien bereit (sharen, liken, hashtags)? Wie fordern diese Prozesse auch konventionelle Generationenbegriffe oder das Denken in Generationen per se heraus? 

2)     Forschung und Wissensproduktion vs. Vermittlung in der digitalen Welt

Das digitale Archiv im World Wide Web scheint eine endlose Quelle des Wissens zu sein. Doch während theoretisch ein Vergessen im digitalen Raum wegen der Automatismen der Speicherung und Duplizierung unmöglich zu sein scheint, kann sich das Netz oft nicht wirklich erinnern, denn wie finden sich Forschende und Suchende in den Weiten des Internet zurecht? Welche Herausforderungen entstehen durch diese neuen Foren und Medien der Erzählung für die Geschichtswissenschaft? Wie beeinflusst der Standpunkt von HistorikerInnen, ihre generationelle Einordnung ihren Umgang mit Medien der Geschichte selbst? Wie wirken sich die neuen Formen der Präsentation, der Verfügbarkeit von (historischen) Information und von (Archiv-)Materialien im digitalen Raum auf die Forschung aus? Welche interdisziplinären Verschränkungen sind hier - gerade, wenn es um Digital Storytelling und Public History geht - noch gefragt? Welche Fragestellungen bringen KünstlerInnen, AutorInnen, VermittlerInnen, InformatikerInnen etc. in dieses Feld der digitalen Holocaust Studies ein?

3)     Ethik, Politik, Ästhetik

Der digitale Raum fordert ein Umdenken in vielen Bereichen ein und eröffnet Perspektiven nationaler, transnationaler, transkultureller sowie globaler Vernetzung: Wer sind wir im virtuellen Raum? Wer spricht/schreibt? Welche Formen und Konzepte persönlicher und/oder kollektiver AutorInnenschaft kommen dabei ins Spiel? Und welche Rolle kommt dabei der vermeintlichen Anonymität in der digitalen Sphäre zu? Welche Potenziale und/oder Herausforderungen bieten partizipative Archivierungs- und Forschungsprojekte? Welche neuen Allianzen und politischen Identitäten formieren sich in diesem Raum? Welche (Un-)Möglichkeiten bieten sich im Digitalen, um etablierte Narrative anders zu erzählen, neue Positionierungen zu schaffen? Welche Gefahren erwachsen auch aus dieser Freiheit (fake (hi)stories, conteos, conspiracy theories)? Wie können Frage- und Problemstellungen der analogen Holocaust-Forschung und -Vermittlung im digitalen Raum (neu) verhandelt werden, bspw. mit Blick auf Copyright und Persönlichkeitsrechte: Was verstehen wir unter Persönlichkeitsrechten? Wie können sie digital gewahrt werden? Und was bedeutet dies umgekehrt in der historischen Rückschau, in der Arbeit mit historischem Material? Welche Einschränkungen entstehen aufgrund der (unterschiedlichen) Copyright-Gesetzgebungen (“digital cliff of death”)?

Allgemeine Infos:

Formate:

Panels: Jedes Panel besteht aus drei Vorträgen à 20 Minuten. Sollte ein Vorschlag für ein Panel eingereicht werden, so muss dieser ein Abstract des Panels, den Namen und ein CV des Chairs (falls bereits bekannt), die Titel und Abstracts der einzelnen Vorträge (jeweils 250–300 Wörter) sowie ein CV aller Beiträger*innen (jeweils 50–100 Wörter) enthalten.

Einzelbeiträge: Es ist ebenso möglich, ein Paper für einen Einzelbeitrag einzureichen. In diesem Fall müssen in der Einreichung der Name des*der Beiträger*in, der Titel des Vortrages, ein Abstract (250–300 Wörter) und ein CV (50–100 Wörter) enthalten sein.

Einreichungen für den Open Space: Da es sich um eine Tagung mit Workshop-Charakter handelt, können neben Panels und Einzelbeiträge auch andere Formate wie Posterpräsentationen, artistische Interventionen, Roundtable-Diskussionen etc. eingereicht werden. Wir wenden uns ausdrücklich an Initiativen, künstlerische und erinnerungspolitische Projekte aus dem Bereich der Citizen Science und der Artistic Research. Einreichungen für den Open Space müssen eine Beschreibung/ein Abstract des Vorhabens (250–300 Wörter), ein CV der Beiträger*innen (jeweils 50–100) Wörter sowie Angaben zur Umsetzung bzw. zu technischen Voraussetzungen enthalten. 

Einreichung:

Bitte laden Sie Ihre Einreichung (alles in einer gemeinsamen Datei) auf Deutsch oder Englisch bis spätestens 19. November 2021 auf https://webapp.uibk.ac.at/connectedhistories22 hoch. Bei Fragen wenden Sie sich bitte an ConnectedHistories2022@uibk.ac.at. Die Teilnehmer*innen werden bis 14. Jänner 2022 verständigt.

Zur Tagung:

Die Tagung wird vom 23. bis 25. Mai 2022 in Wien stattfinden. Tagungssprachen sind Deutsch und Englisch, eine Publikation ausgewählter Beiträge ist geplant. Die Übernachtungskosten in Wien werden übernommen, Reisekosten sind zunächst von den Teilnehmer*innen selbst zu tragen und werden – je nach Zusage von Fördermitteln – ggf. bis zur Höhe von 300 Euro erstattet.

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