Unser Profil – unsere Geschichte

Als überregionale Forschungs- und Ausbildungsstätte für den weltkirchlichen Kontext antwortet die Theologische Fakultät auf den wachsenden gesellschaftlichen Bedarf nach Orientierungswissen und Religionsdialog und setzt sich aktiv für die Stärkung der intergrativen Rolle der Religion in der modernen Gesellschaft ein. Das multikulturelle Erscheinungsbild der Fakultät bleibt an die Bereitschaft gebunden, weiterhin jene Studierende, die für die Entwicklung kirchlicher und akademischer Strukturen in den ärmeren Ländern von größter Bedeutung sind, aktiv  zu rekrutieren und zu unterstützen. Mit Nachdruck bekennt sich die Fakultät zum traditionellen Verständnis des theologischen Denkens und zu ihrer gesellschafts-geschichtlichen Verankerung, wie sie sich in der Zugehörigkeit zur römisch-katholischen Weltkirche und der engen Verbindung mit dem Orden der Gesellschaft Jesu (Konkordat zwischen dem Hl. Stuhl und der Republik Österreich) konkretisiert. Sie blickt auf eine Geschichte mit weltbekannten Namen (z.B. Karl und Hugo Rahner SJ, Josef A. Jungmann SJ, Emerich Coreth SJ, Raymund Schwager SJ u.a.), weltweit rezipierten Lehrbüchern (z.B. Hieronymus Noldin SJ, L. Lercher SJ, u.a.) und einer seit langem internationalen Hörerschaft zurück. Sie hatte von Anfang an ein besonderes Verhältnis zum Jesuitenorden, das auch heute noch aufgrund des Konkordats zwischen der Republik Österreich und dem Heiligen Stuhl (1933) besteht.

Unsere Website informiert Sie über die Studiengänge in Theologie und Philosophie, die an unserer Fakultät absolviert werden können, über die Forschungstätigkeit unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und über aktuelle Veranstaltungen an unserer Fakultät.

Chronik der vergangenen Jahre

Zur Chronik seit dem Jahr 1999 kommen Sie hier.

Einige Persönlichkeiten aus der Geschichte der Fakultät

Karl Rahner (1904–1984)

Karl Rahner (1904—1984) – ein theologisches Leben

Roman Siebenrock

Karl Rahner

Als P. Karl Rahner SJ am Ende seines Lebens in seiner Heimatstadt Freiburg von den Erfahrungen eines katholischen Theologen berichten sollte, beschrieb er seine Erfahrungen als die "eines Menschen, der beauftragt war, ein Theologe zu sein, aber nicht so recht weiß, ob er diesem Auftrag gerecht geworden ist". Diese ihn charakterisierende Selbstzurücknahme rühre nicht allein von der persönlichen Unzulänglichkeit her, sondern wisse vor allem um eine grundsätzliche Überforderung der Theologie, weil sie von der Unbegreiflichkeit Gottes und seinem liebend nahegekommenen Geheimnis sprechen müsse.

Kein geplantes, kein einfach selbstbestimmtes oder durch akademische Privatmotive angezieltes Leben für die katholische Theologie tritt uns in seiner theologischen Existenz entgegen. Eine biographische Grundorientierung ist rasch gegeben und fällt im wesentlichen mit den Stationen seiner Ordensexistenz und der daraus resultierenden theologisch-akademischen und kirchlichen Arbeit zusammen. Befähigt war er zu vielem, und seine Ausbildung hätte auch verschiedene Bestimmungen und Einsatzfelder ermöglicht.

Am 5. März 1904 wurde Karl Rahner in Freiburg im Breisgau geboren. Wie zuvor schon sein Bruder Hugo trat er in die Gesellschaft Jesu ein (1922). Nach der ordensüblichen Ausbildung (Noviziat 1922-1924; Philosophie 1924-1927; praktische Erfahrung als Erzieher 1927-1929; Theologiestudium 1929-1933; Priesterweihe 1932 und Tertiat 1933-1934) absolvierte er, weil er einmal Professor für Philosophiegeschichte werden sollte, ein philosophisches Spezialstudium in seiner Heimatstadt. Dort konnte er auch Martin Heidegger als Lehrer erleben (1934—1936). Vor Abschluß dieses Studiums wurde er von seinen Ordensoberen auf Theologie 'umbestimmt'. Aus diesem Grunde promovierte (1936) und habilitierte (1937) er sich in Innsbruck. Hier begann er auch seine Dozententätigkeit (1937/1938), die aber bald durch die Aufhebung der Theologischen Fakultät (1938) und das Gauverbot für Jesuiten (1939) durch die Nationalsozialisten abgebrochen wurde. 1939—1944 war er am Seelsorgeinstitut in Wien und in einer inoffiziellen theologischen Ausbildung im Orden tätig. Als Pfarrer in Niederbayern (1944/1945) erlebte er das Kriegsende. Als Professor (1945—1948 in Pullach bei München; 1948—1964 in Innsbruck; 1964—1967 in München als Nachfolger Romano Guardinis an der Philosophischen Fakultät; 1967—1971 in Münster wieder als Dogmatiker) trug er wesentlich zum Aufbruch der katholischen Theologie in diesem Jahrhundert bei. Als Konzilsberater von Kardinal König und dann als offizieller Konzilstheologe stellte er sich dem großen Ereignis der katholischen Kirche in diesem Jahrhundert, dem Zweiten Vatikanischen Konzil, zur Verfügung, für das er – ohne im geringsten an ein solches gedacht zu haben – wesentliche Perspektiven und Weichenstellungen zuvor miterarbeitet hat: in seinen "Schriften zur Theologie", in der Herausgabe der "Quaestiones disputatae" und vor allem in der zweiten Auflage des "Lexikons für Theologie und Kirche".

Die letzten Jahre seiner akademischen Tätigkeit und die Zeit seiner Emeritierung in München (1971—1981) waren erfüllt vom Ringen um eine zeitgemäße Rezeption des Konzils in Theologie und Kirche. 1981 kehrte er nach Innsbruck zurück, wo er kurz nach seinem 80. Geburtstag, am 30. März 1984, starb. Beigesetzt ist P. Karl Rahner SJ in der Krypta der Jesuitenkirche zu Innsbruck.

Die Dynamik, ja Dramatik seines Lebens resultiert aus den gesellschaftlichen und kirchlichen Umbrüchen seiner Lebenszeit, denen er sich vor allem als Dogmatikprofessor in Innsbruck mutig stellte und bis zu seinem Lebensende nie entzog: der Glaubensnot in der Diasporasituation der Christen, den Herausforderungen der Moderne in Technik, Naturwissenschaft, Pluralismus und ihrer Grundfrage nach der Bedeutung des menschlichen Subjekts, aber auch den innerchristlichen Fragen nach einer Ökumene der christlichen Konfessionen und dem Verhältnis des Christentums zu anderen Religionen und Weltanschauungen. Vor allem aber fragte er: Wie kann die Kirche überzeugend in Übereinstimmung mit ihrem Ursprung und in Kontinuität mit ihrer verpflichtenden Überlieferung ihre Botschaft von der Selbstmitteilung Gottes in Jesus Christus und im Heiligen Geist, der über alles Fleisch ausgegossen ist, einer säkular gewordenen, zunehmend agnostisch-pluralistisch sich verstehenden Welt als ihr Heil zusagen? Anstrengungen bis hinein in einen Strukturwandel der Kirche sind seiner Ansicht nach hierfür erforderlich. Fragen – fast zu viel für ein Leben; Perspektiven – (noch) zu kühn für seine und unsere Kirche? Er hat eine Wende zum Besseren in der katholischen Theologie bewirkt, die in seinem Geiste menschengemäßer und gottwürdiger sein kann. Die Zukunft wird zeigen, daß er dem christlichen Glauben und der sich heute schon abzeichnenden Weltkirche Türen ins nächste Jahrtausend geöffnet hat. Es liegt an uns, den Schritt zu wagen.

Die Brüder Rahner

Hugo Rahner (3.5.1900—21.12.1968; SJ 1919) und Karl Rahner (5.3.1904—30.3.1984; SJ 1922). Hugo Rahner dozierte als Dogmengeschichtler, Patrologe und Kirchenhistoriker in Innsbruck seit 1935. Die Aufhebung der Fakultät durch das NS-Regime und der Krieg erzwangen ihre Verlegung in die Schweiz (Sitten). Nach Wiedererrichtung der Fakultät in Innsbruck (1945) war er Rektor Magnificus der Gesamtuniversität (1949/50). Beiträge zur Patrologie, zur Ignatiusforschung und zur geistigen Situation der Gegenwart prägen sein Werk. Eine schwere Krankheit erzwang seine vorzeitige Pensionierung (1962).

Karl Rahner beginnt seine theologische Arbeit in Innsbruck (1936). Als Dozent für Dogmatik beginnt er 1937 seine Lehrtätigkeit. Ab 1948 als Dozent, 1949 bis 1964 als Professor für Dogmatik gehört er zu den bedeutenden Erneuerern der katholischen Theologie und zu den geistigen Vorbereitern des Zweiten Vatikanischen Konzils, bei dem er als Konzilstheologe von Kardinal König / Wien mitarbeitete. Seit 1981 war er wieder in Innsbruck.

Josef Andreas Jungmann (1889–1975)

Josef Jungmann

Josef Andreas Jungmann (16.11.1889—26.1.1975), 1930 a.o.Prof., 1934—1956 o.Prof. für Pastoraltheologie, 1956 Honorarprof., wurde vor allem als Liturgiehistoriker international bekannt, besonders durch das Werk „Missarum Sollemnia. Eine genetische Erklärung der römischen Messe” (2 Bände. Wien 1. Aufl. 1948; 5. Aufl. 1962). Seine Kompetenz trug ihm die Berufung in Gremien ein, in denen er für die Liturgiereform wirken konnte, zuletzt in die Kommissionen des II. Vatikanischen Konzils (1960: Vorbereitende Kommission, 1962 Konzilskommission) und in den Rat zur Durchführung der Liturgiekonstitution (1964). Jungmanns zentrales Anliegen – schon 1915 in einer unveröffentlichten Abhandlung, 1936 in dem Buch „Die Frohbotschaft und unsere Glaubensverkündigung” dargestellt – umfaßt allerdings mehr als den Gottesdienst: Das Christentum sollte von seiner Mitte – Jesus Christus – her neu verkündet und gelebt werden. Um dieses Zieles willen betrieb Jungmann geschichtliche Forschung. Sie ermöglichte es, Bleibendes von Zeitgebundenem zu unterscheiden und so die Grundsätze freizulegen, auf denen eine Erneuerung des gesamten religiösen Lebens aufbauen konnte.

Ignacio Ellacuría und Segundo Montes

Ellacuría

Mitte November 1991 wurde in einer kleinen Feier der von Univ.Prof. Dr. Gerhard Oberkofler angeregte Senatsbeschluß, am Ehrenmal der Leopold-Franzens-Universität eine Gedenktafel für Ignacio Ellacuria (1930—1989) und Segundo Montes (1933—1989) anzubringen, in die Tat umgesetzt.

Die beiden spanischen Jesuiten hatten (von 1958 bis 1962 bzw. von 1961 bis 1964) in Innsbruck Theologie studiert und waren hier von Bischof Paulus Rusch (1903—1986) zu Priestern geweiht worden.

Durch die Gedenktafel wird an jenes Massaker vom 16. November 1989 erinnert, bei dem an der Zentralamerikanischen Universität (UCA) in der salvadorianischen Hauptstadt San Salvador sechs Jesuitenpatres und zwei Frauen von einer Eliteeinheit der Armee – wie langwierige, nur auf internationalen Druck hin vorangetriebene Untersuchungen ergaben – bestialisch ermordet worden waren.

Montes

P. Ellacuría (59), Philosoph und Rektor der UCA, war einer der führenden Befreiungstheologen Mittel- und Lateinamerikas. Der Obere der Jesuitenkommunität, P. Montes (56), Soziologe und Direktor des Menschenrechtsinstituts, hatte kurz zuvor im US-Kongreß einen Menschenrechtspreis erhalten. Ihr Blut, das ihrer Mitbrüder und der beiden Hausangestellten ist zum Samen geworden für Menschen, die ihren christlichen Glauben noch entschiedener leben - und gesellschaftlich wirksam umsetzen, für mehr Frieden und Gerechtigkeit.

Die Feier fand unter der damaligen Dekanin Univ.-Prof. Dr. Herlinde Pissarek-Hudelist (1932—1994) statt. Das Ehrenmal befindet sich auf dem nach einem Mitglied der Widerstandsgruppe - einem damaligen Medizinstudenten - benannten Christoph-Propst-Platz am Innrain.

Herlinde Pissarek-Hudelist (1932–1994)

Kurz nach ihrem 62. Geburtstag ist Frau Univ.-Prof. Dr. Herlinde Pissarek-Hudelist am 19.6.1994 einem Krebsleiden erlegen. Bei ihrem Begräbnis, beim Gottesdienst der Theologischen Fakultät, in zahlreichen Beileidsschreiben und in vielen persönlichen Gesprächen wurden ihr unermüdlicher Einsatz für die Religionspädagogik und ihr Engagement für die Fakultät in ihrer Tätigkeit als Dekanin gewürdigt. Insbesondere ist deutlich geworden, für wie viele Frauen sie innerhalb und außerhalb der Kirche zu einer Hoffnungsträgerin geworden ist.

Herlinde Pissarek-Hudelist war mit Leib und Seele Theologin und Religionspädagogin. 1950 hat sie mit dem Theologiestudium in Innsbruck begonnen. Nach ihrer Promotion im Jahre 1960 arbeitete sie als Hochschulassistentin an verschiedenen Instituten sowie als freie Mitarbeiterin der „Zeitschrift für Katholische Theologie”. Im Laufe ihres Lebens erteilte sie an insgesamt neun verschiedenen Schultypen Religionsunterricht. Seit 1978 übernahm sie an der Theologischen Fakultät schulpraktische Übungen und wurde 1981 Vertragslehrerin im Hochschuldienst. 1984 wurde sie erste Ordinaria und Institutsvorstand am neu errichteten Institut für Katechetik und Religionspädagogik, das sie mit Umsicht leitete. Eine große Herausforderung bedeutete für sie – als weltweit erste Frau – die Wahl zur Dekanin einer Katholisch-Theologischen Fakultät für die Studienjahre 1989/90 und 1990/91 sowie ihre Wiederwahl für eine erfolgreiche zweite Amtsperiode für die Studienjahre 1991/92 und 1992/93. Dabei ist sie auch Konflikten und Schwierigkeiten nicht aus dem Weg gegangen und war bei allen Auseinandersetzungen stets um Zusammenarbeit und Konsens auf breiter Basis bemüht. Besonders hat es sie gefreut, als ihr die Studentenvertretung bei einem Fest am 6. Juni 1993 unerwartet eine Dankesurkunde als Ausdruck der Anerkennung überreichte.

In einem autobiographischen Beitrag mit dem Titel „Leben in Fülle” hat sie selbst ihren beruflichen Weg in einer Zwischenüberschrift kurz und treffend charakterisiert: „Theologie als Leidenschaft oder: das Abenteuer, Kopf, Herz und Spiritualität beisammen zu halten und danach zu handeln.” Bei ihr ist spürbar geworden, wie sehr sie sich als Wegbereiterin feministischer Theologie und als mutige Käpferin für eine geschwisterliche Kirche zeitlebens auf dieses Abenteuer eingelassen hat. Ihre Vitalität und Energie, der ihr eigene Humor und ihre Aufgeschlossenheit werden uns in dankbarer Erinnerung bleiben.

Raymund Schwager (1935-2004)


Raymund Schwager wurde am 11. November 1935 im schweizerischen Balterswil als zweites von sieben Kindern einer Bauernfamilie geboren. Er trat 1955 der Gesellschaft Jesu bei und studierte im Rahmen seiner ordensinternen Ausbildung Philosophie (Pullach, 1957-1960) und Theologie (Lyon-Fourvière, 1963-1967) und wirkte als Erzieher im Jesuitengymnasium Stella Matutina in Feldkirch (Vorarlberg). 1966 wurde er zum Priester geweiht, im Anschluss daran absolvierte er in Freiburg in der Schweiz ein Doktoratsstudium in Theologie (1967-1969). Von 1970 bis 1977 war er Redakteur bei der Zürcher Zeitschrift "Orientierung". 1977 schließlich folgte er einer Berufung auf einen Lehrstuhl für Dogmatische und Ökumenische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck, wo er bis zu seinem Tod 2004 wirkte. Während zweier Perioden amtierte er als Dekan (1985-1987 und 1999-2003).

Das theologische Leitwort Schwagers, "dramatisch", zieht sich praktisch durch sein gesamtes wissenschaftliches Wirken. Bereits seine Dissertation trug den Titel "Das dramatische Kirchenverständnis bei Ignatius von Loyola. Historisch-pastoraltheologische Studie über die Stellung der Kirche in den Exerzitien und im Leben des Ignatius" (1970). Die explizite Systematisierung eines ausdrücklich "dramatischen" Ansatzes beschäftigte ihn in mehreren Monographien und zahlreichen wissenschaftlichen Beiträgen über viele Jahre hinweg, bis er sie in seinem Hauptwerk "Jesus im Heilsdrama. Entwurf einer biblischen Erlösungslehre" (1989, 19962) in ihrer "klassisch" fünf-aktigen Gestalt vorlegen konnte. Dabei beeinflusste ihn natürlich der bekannte dramatische Ansatz Hans Urs von Balthasars (v.a. seine "Theodramatik", 1971-1983); während Balthasar das Drama allerdings als sich unmittelbar in der trinitarischen Wirklichkeit Gottes ereignenden Vorgang betrachtete, erarbeitete Schwager seinen heilsdramatischen Entwurf ausdrücklich als einen bibeltheologischen Entwurf, der als maßgebliche Akteure nicht nur die göttlichen Personen, sondern auch die Menschen berücksichtigt. Das Heilsdrama, das sich in besonderer Weise im Verkündigen, Leben und Geschick Jesu ereignete, zeigte sich dabei für ihn als ein Geschehen, das in seiner bis zum Kreuz führenden Dramatik besonders auf dem Hintergrund der Mechanismen des menschlichen Zusammenlebens zu verstehen ist. Gerade diese Option für das Ernstnehmen der Relevanz der menschlichen Akteure im Drama des Heils führte Schwager zu einer intensiven Auseinandersetzung mit der mimetischen Theorie René Girards, die sich als eine Fundamentalanthropologie versteht, die die Strukturen und Mechanismen menschlichen Interagierens erhellen kann. Bereits vor seiner Berufung nach Innsbruck war er in einen intensiven Dialog mit Girard getreten, der in intensiven persönlichen Gesprächen und einem umfangreichen Briefverkehr (1974-1991) geführt wurde. Schwager übernahm Girards Hypothese von einem objektlosen, an "Modellen" orientierten mimetischen Begehren, das zu einer eskalierenden Konfliktivität neigt und sich - quasi-mechanisch - nur mittels des gewalttätigen kollektiven Ausstoßens eines Dritten ("Sündenbockmechanismus") selbst regulieren kann. Da Girard die Entwicklung seiner grundlegenden These vor allem während den 1970er und 1980er Jahren z.T. massiv vorantrieb, ist davon auszugehen, dass auch Schwager als wichtiger Gesprächspartner Girards Einfluss auf diese Entwicklung genommen hat; mindestens in einem Fall - was die Qualifizierung des Todes Jesu als "Opfer" betrifft - ist das durch den Aufsatz Girards in der Festschrift zu Schwagers 60. Geburtstag ("Vom Fluch und Segen der Sündenböcke" [1995]) von Girard eindeutig festgestellt worden.

R. Schwager verstand sich nie als theologischen Einzelkämpfer. Er arbeitete früh daran, innertheologische und interdisziplinäre Gesprächskreise und Forschungsprogramme einzurichten, die sich in einem "dramatischen" Ringen um die Wahrheit mit den drängenden Problemen der Zeit auseinandersetzen sollten. Besondere Bedeutung kam dabei der Auseinandersetzung mit der Gewalt- bzw. Friedensproblematik zu, die auch für Schwagers eigenen (bibel-)theologischen Ansatz von fundamentaler Bedeutung war. Er war einer der Mitbegründer des internationalen und interdisziplinär ausgerichteten "Colloquium on Violence and Religion" (COV&R) im Jahr 1990; 1991 wurde er zu dessen ersten Präsidenten gewählt. Bereits seit Mitte der 1980er Jahre begann er mit anderen den Aufbau des theologischen Forschungszentrums "Religion-Gewalt-Kommunikation-Weltordnung" (RGKW); die interfakultäre Forschungsplattform "Weltordnung-Religion-Gewalt" (WRG), nunmehr "Politik, Religion, Kunst" (PRK), geht ebenfalls auf die Initiative von R. Schwager zurück. Von 1984 bis 1990 fungierte er als erster Vorsitzender des universitären Senatsarbeitskreises "Wissenschaft und Verantwortlichkeit"; von 1992 bis 1996 war er Vorsitzender des Arbeitskreises der Dogmatiker und Fundamentaltheologen des deutschen Sprachraums. Schwagers theologischer Ansatz wurde von seinen zahlreichen SchülerInnen und KollegInnen in unterschiedlichen theologischen Disziplinen (Christliche Gesellschaftslehre, Fundamentaltheologie, Exegese, Bibeltheologie etc.) übernommen und - in z.T. revidierter Form - weitergeführt. Er starb nur wenige Wochen nach seiner Emeritierung völlig überraschend am 27. Februar 2004. Sein wissenschaftlicher Nachlass wurde daraufhin gesichtet und im "Raymund-Schwager-Archiv" an der Theologischen Fakultät Innsbruck systematisch geordnet und so der Forschung zugänglich gemacht. Das Forschungsprojekt basiert in wesentlichen Teilen auf dem dort erschlossenen Material.

Ehrendoktorate

Luis Gutheinz SJ

Verleihung des Ehrendoktorats: 27.06.2014
Luis Gutheinz, geb. 1933, Professor von 1974-2005 an der Theologischen Fakultät der Fujen Catholic University in Taipei/Taiwan, Einsatz für die Leprakranken in Taiwan und China, Herausgabe, Bearbeitung und Übersetzung theologischer Lexika ins Chinesische

José Casanova

Verleihung des Ehrendoktorats: 12.06.2010
José Casanova, geb. 1951, einer der weltweit führenden Religionssoziologen, Professor am Department of Sociology der Georgetown University, Washington D.C., und Leiter des Berkeley Center’s Program on Globalization, Religion and the Secular

Georg Sporschill SJ

Verleihung des Ehrendoktorats: 11.06.2005
P. Georg Sporschill, geb. 1946, Gründer von Concordia, soziales Engagement für Arme und von der Gesellschaft vernachlässigte Menschen, Aufbau eines Betreuungsnetzes für Straßenkinder und verwahrloste Jugendliche in Osteuropa (Rumänien, Bulgarien, Moldawien)

Ludger Honnefelder

Verleihung des Ehrendoktorats: 05.06.1999
Ludger Honnefelder, geb. 1936, Professor für Philosophie an der Theologischen Fakultät der Universität Trier, an der Freien Universität Berlin, an der Universität Bonn; nach seiner Emeritierung (2005-2007 die neu geschaffene Guardini-Professur für Religionsphilosophie und Katholische Weltanschauung an der Humboldt-Universität zu Berlin

Karl Kardinal Lehmann

Verleihung des Ehrendoktorats: 08.06.1991
Kard. Karl Lehmann, geb. 1936, Bischof von Mainz, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz (1987-2008) war Professor für Dogmatik und Ökumenische Theologie an der Universität Freiburg i. Br.,  langjähriger Mitarbeiter von Karl Rahner

Verstorbene Ehrendoktoren

Josef Neuner SJ

Verleihung des Ehrendoktorats am 23.06.2001, verstorben am 03.12.2009

René Girard

Verleihung des Ehrendoktorats am 11.06.1988, verstorben am 04.11.2015
René Girard, geb. 1923, Literaturwissenschaftler, Kulturanthropologe und Religionsphilosoph, Professor emeritus der Stanford University; Mitglied der Académie française, Begründer der Mimetischen Theorie

Johannes Wagner

Verleihung des Ehrendoktorats am 16.12.1983, verstorben am 25.11.1999

Walter Brugger

Verleihung des Ehrendoktorats am 28.06.1980, verstorben am 13.05.1990

Rudolf Schnackenburg

Verleihung des Ehrendoktorats am 05.06.1970, verstorben am 28.08.2002

Heinrich Schlier

Verleihung des Ehrendoktorats am 05.06.1970, verstorben am 26.12.1978

Vincenzo Monachino

Verleihung des Ehrendoktorats am 05.06.1970, verstorben am 11.09.2000

Henri Kardinal de Lubac

Verleihung des Ehrendoktorats am 05.06.1970, verstorben am 04.09.1991

Joseph Lortz

Verleihung des Ehrendoktorats am 05.06.1970, verstorben am 21.02.1975

Franz Kardinal König

Verleihung des Ehrendoktorats am 05.06.1970, verstorben am 13.03.2004

Piet Fransen

Verleihung des Ehrendoktorats am 05.06.1970, verstorben am 02.12.1982

Karl Rahner SJ

Verleihung des Ehrendoktorats am 05.06.1970, verstorben am 30.03.1984

Oswald von Nell-Breuning SJ

Verleihung des Ehrendoktorats am 25.06.1960, verstorben am 21.08.1991

Franz Schreibmeyer

Verleihung des Ehrendoktorats 1958, verstorben am 17.11.1985

Klemens Tilmann

Verleihung des Ehrendoktorats 1958, verstorben am 21.12.1984