Zur Ausstellung 
Beatrix Salcher

11. März 2014

Beatrix Salcher mit Werken

Ich begrüße Sie hier auf 47°16’ und 9,1632’’N und 11°24’ und 14,7672’’ Ost, von dem ich zu einem kurzen Resümee über die heutige Ausstellung aufbreche.Bild von Beatrix Salcher

Als ich Beatrix Salcher vor mehr als einem Jahr zur Ausstellung im Gang unserer Fakultät unter dem Generalthema Aufbrechen einlud, löste dieses Thema bei ihr einen Aufbruch aus zu einem Projekt, das gigantische Dimensionen annahm. In der ihr eigenen Präzision und Intensität arbeitete sie sich an drei Orten: Sta. Barbara Kalifornien, Ort ihres jetzigen Lebens, Leiden Holland, Ort ihres Ateliers, und Innsbruck, Ort der Ausstellung, seit vielen Monaten intensiv ab. Sie wurde für dieses gewaltige Projekt von mehreren wissenschaftlichen Instituten für Feinmechanik, Glastechnik und Nanophysik unterstützt.

Ergebnis dieser außerordentlichen Mühe sind offene Protokolle, Kommentierungen, Reflexionen und schließlich Anregungen, sich dem Wagnis des Aufbrechens zu stellen. 

Bilder von Beatrix Salcher

Aufbrechen ist nämlich stets ein Wagnis, weil es bedeutet, die vermeintlichen Sicherheiten aufs Spiel zu setzen. Beatrix Salcher recherchierte ausgiebig über ganz unterschiedliche Formen solcher Aufbrüche bei konkreten Personen, von Kopernikus bis Amundsen, von Darwin bis Jochen Rindt. Mit solchen Aufbrüchen, die auf der Fensterseite dokumentiert sind, sind diese Leute berühmt geworden. Es gibt aber auch die vielen kleinen Aufbrüche unseres täglichen Lebens.

Aufbrüche sind Bewegungen von Individuen und sie beginnen im Kopf. Aufbrüche machen auf den labilen Zustand der Selbstverfügung über unser Ich aufmerksam. Wenn man Aufbrüche bemerkt, sind sie bereits passiert. Was Aufbrüche auslöst, mag ähnlich unklar bleiben wie die Frage, ob sie ein festes Ziel in sich tragen. Für Beatrix Salcher, die in ihrem bisherigen Leben an vielen Orten gewirkt hat, die sie in ihrer Biographie mit geographischen Koordinaten chiffriert, ist klar, dass Aufbrüche nicht von solchen Orten des Aufenthalts abgetrennt werden können. Koordinaten begleiten uns daher in dieser Ausstellung als zentrale Metaphern, die unsere ständigen Verortungsbemühungen unablässig memorieren.

Die Künstlerin hat sich in Interviews mit Hirnforschern auf den Weg gemacht, zu einem Verständnis zu gelangen, wie Gehirne funktionieren, wo sich sozusagen Aufbruchszentren befinden. Ihr künstlerisches Resümee ist außerordentlich komplex und aufwendig.

Beatrix Salcher mit Werk

Einerseits zeigt sie Motive von Gehirnstrukturen – vermeintlich jene der ausgewählten Personen – in der Technik des Siebdrucks – allerdings die Siebe als Negativ und nicht den positiven Druck, die Innenseite sozusagen.

Andererseits zeigt sie uns avancierte skulpturale Objekte von Hirnstrukturen aus Metallgeflechten und Glas. Dazu ließ sie mit Unterstützung der National Science Foundation in den Nanofabrikationsräumen der Universität von Kalifornien in Sta. Barbara das klassische Medium der Zeichnung als Ausgangskunstwerk in einem komplexen Verfahren unter dem Einsatz von Elektronenstrahlschreiber und Plasmaätzmaschine in Computerbilder und Mikroprints transformieren, die dann mit dem optischen und mit dem Elektronenmikroskop fotografiert und damit wieder konventionell lesbar gemacht wurden.

  Werk von Beatrix Salcher

 Die Fotos sind an der Fenster- und Wandseite zu betrachten. Sie sind nicht nur ästhetisch beeindruckend, sondern sie unterstreichen den formalen Reiz der Unterschiedlichkeit von technischen Bildverfahren, die heute eine ungeahnte Erweiterung erleben. Beatrix Salcher kommentiert ein Stück Geschichte der bildenden Kunst. Nicht ganz unähnlich zur ausführlichen Diskussion um die in der Mitte des 19. Jhs. erfundene Fotografie exploriert die Künstlerin das Gelände zeitgenössischer Bildverfahren auf ihre ästhetische Tauglichkeit.

Der Mikrochip selbst wird in Metall-Glas-Gehirne eingefügt. Man kann bei genauer Betrachtung auf der Oberfläche ebenfalls das Motiv erkennen. Bei der Lösung technischer Schwierigkeiten dieser aufwendigen Skulpturen konnte sie auf die Hilfe der Leiden Instrument Makers School in den Niederlanden zurückgreifen.

Künstlerisch könnte man in dieser Verbindung eine Metapher sehen für das schwierige Verhältnis von Freiheit und Notwendigkeit, Selbst- und Fremdsteuerung.

Es sind ebenso winzige wie undurchschaubare Strukturen, die unser Gehirn bestimmen und über Aufbrüche entscheiden. In der Sprache der Künstlerin: noch autonom gesteuerte Siebdrucke stehen Heteronomie signalisierenden Metall-Arbeiten gegenüber.

Detail Werk von Beatrix Salcher

Nun geht es Beatrix Salcher nicht um die Demonstration von Spitzentechnologie und sie stellt ihre Kunst auch nicht beziehungslos in Räume, vielmehr arbeitet sie seit vielen Jahren installativ und im Kontext von Selbsterfahrungen. Der komplexe Herstellungsvorgang spiegelt sozusagen das ebenso komplexe Geschehen von Aufbrüchen. Ausgehend von der Herausforderung dieses Ortes hat sie den visuellen Eindruck des Ganges, sein Licht, die Spiegelungen (Reflexion), die Akustik aufgenommen und gleichsam als gewaltigen Selbsterfahrungsraum gestaltet. Die Nähe zum barocken Gesamtkunstwerk darf an dieser Stelle erwähnt werden. Der Spiegel spielt dabei eine wichtige Rolle. In blaue und grüne Farbe getönt trägt Transparentpapier die Mikroprintmotive und Gehirnstrukturen und suggeriert einen Erfahrungsraum. Dieser wird durch den barocken Beichtstuhl zusätzlich fokussiert. Er dient als Angebot einer Selbsterfahrung mit einer unterschwelligen Verschiebung des Ortes eines Sündenbekenntnisses in einen solchen der Selbstreflexion. Spiegelungen, Licht, das Geräusch von Taubenflügelschlägen bilden den Kontext für den Raum einer solchen Selbsterfahrung, einer Introspektion, die den Betrachter und die Betrachterin sinnen lassen über die Frage von Freiheit, über Aufbrüche, ja etwas großspurig – barock und katholisch ausgedrückt – über die Stellung in der Welt.

Werk von Beatrix Salcher

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Text:Bernhard Braun