Nora Schöpfer

Gaps-Between Seconds

 

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Durchschreiten wir die Bilderfolge im Kunstgang der theologischen Fakultät, werden gleich zwei Aspekte in den Bilderfindungen Nora Schöpfers deutlich. Zum einen ist das ein thematisch-inhaltlicher. Es geht in diesen neuesten Arbeiten um Verdichtung und Auflösen, genauer gesagt um den Augenblick dazwischen. Zum zweiten, und es scheint hier abermals um eine Schnittstelle zu gehen und zwar auf einer medialen Ebene, um den Übergang von Fotografie in Malerei oder vice versa. Und noch etwas fällt auf: eine Leichtigkeit des Tuns, lässt sich hinter diesen Bildern vermuten. 

Nora Schöpfer hat an der Hochschule für Angewandte Kunst bei Oswald Oberhuber und Ernst Caramelle in Wien studiert und ist zunächst als Malerin hervorgetreten. Im den von den neuen Medien und der Fotografie vorgegebenen Diskurs um die eigenen ästhetischen Möglichkeiten hat sich auch die Malerei in den letzten Jahren wieder selbstreflexiv auf ihre Qualitäten bezogen. Und die ist am knappsten beschrieben mit dem Auftragen von Farbe auf Leinwand. Das Arbeiten mit Farbe in einer bildkonstituierenden Funktion ist es letztlich auch, was die Malerei von anderen künstlerischen Medien unterscheidet.

Vieles ist dazu von Gerhard Richter in seinen fotorealistischen Bildern aus den 1960er Jahren vorformuliert. Seine weit reichenden Reflexionshorizonte hatten der Malerei vielfältige Möglichkeiten eröffnet, die für junge Künstler und Künstlerinnen, damit meine ich jene, die in den 1980er Jahren aus den Akademien herausgekommen sind, Basis dafür geworden sind, die Malerei als Medium zu verstehen und weiter zu entwickeln. Der Fotografie kommt darin eine besondere Rolle zu. 

Wenn nun Nora Schöpfer Fotografien am Computer nachbearbeitet und mit ihm neue Bilder generiert, ist sie dabei Malerin geblieben. Fotografische Vorgaben werden malerisch verwendet. Diese zunächst objektive Herangehensweise an das Motiv wird dann in der Weiterbearbeitung zu einer subjektiven Sicht umformuliert. In den Fotoserien ebenso, wie in den großformatigen Malereien. Die Unschärfen der Fotografie finden sich im Acrylbild als Verwischung wieder. Und genau diese Übereinstimmung im Bild ist die Qualität dieser neuen Arbeiten Schöpfers. Trotz unterschiedlicher medialer Erscheinung stellt sich die Frage nach Malerei und/oder Fotografie nicht. Die medialen Grenzen zwischen Fotografie und Malerei scheinen sich aufzulösen. Der Grund dafür liegt in der Blickweise und der technischen Raffinesse der Künstlerin. 

Was ist nun die subjektive Sicht bei Nora Schöpfer? Eine Spur legen die Bildtitel: zum Beispiel „GAP. 08.10.2008/:16.14. Kaufhaus Tyrol, Maria Theresienstrasse“. Zeit wird in Schöpfers Weltwahrnehmung als Augenblick verstanden, als der Moment, in dem sich das Erlebte gerade schon wieder auflöst und zur Vergangenheit wird. Und es ist dieser Augenblick der Auflösung einer zuvor verdichteten Existenz, den Nora Schöpfer, wie das Videostill aus einem Film im Bild einfriert, als eine vom Alltag inszenierte und momentane Situation. In den neuen Bildserien sind es in erster Linie Szenen im öffentlichen Raum, an Orten der Kommunikation und sozialen Begegnung.

Hier wird gesprochen, gestikuliert, um sich dann wieder zu trennen. Die Herausforderung für Nora Schöpfer ist es, diesen Prozess zwischen Aufeinandertreffen und Wieder-Auflösen festzuhalten, und es geht hier auch um eine Subjektivierung von Zeit.

Wenn Nora Schöpfer, wie sie selbst formuliert „ visuellen Fährten folgt“, sind dies nicht nur Begegnungen in öffentlichen Räumen, sondern auch Beobachtungen in den Mikro- und Makrokosmen der Natur. Die Videoarbeit „ Mückenschwarm“ (2009) macht das deutlich. Verdichtung und Auflösung durch Bewegung, aber auch strukturale Annäherungen an Mikroeinblicke in die Natur und das Leben, wie Sonnenreflexe, DNA Strukturen, Adern, also organischen Mikrostrukturen aus der Natur, finden sich wieder in den Bildern.

Bei Nora Schöpfer bekommt der Augenblick durch ihren ganz persönlichen Blick auf das, was um sie passiert, auch eine poetische Dimension und zwar in einem ganz ursprünglichen Sinn als die Wahrnehmung des Momentes als ein ästhetisches wie rätselhaftes Erlebnis, das gerade noch darstellbar ist. Und es ist dieses gerade noch Festhalten können, das Nora Schöpfer zu interessieren scheint. Deshalb haben ihre Bilder auch etwas Flüchtiges und Leichtes, auch wenn sie ganz handfest und konkret als Leinwand oder als Lambdaprint an der Wand hängen. 

Nora Schöpfer ortet im ästhetischen Produkt des Bildes das Geheimnis der menschlichen Existenz in den Momenten und Zwischenräumen von Verdichtung und Auflösung und setzt da an, wo sich die Formen wieder zu verändern beginnen. Wenn sie von „der Qualität des nicht greifbaren Momentes“ spricht, mag das auch darauf hinweisen, dass sich der  Augenblick gerade in seiner plötzlichen Verflüchtigung, trifft mit dem Erlebnis von Glücks.

Günther Moschig

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