Zur Ausstellung 
Alfons Planer 
Von der Zeichnung über die Malerei zur selbstformenden Plastik
im Kunstgang der Theologischen Fakultät
am 30.05.2007

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Zur Vorbereitung solcher Ausstellungen, vor allem einer einführenden Rede, gehören auch etliche Gespräche mit dem Künstler bei mir im Büro, hier im Gang, vor allem im Atelier. Ich kann mich nicht erinnern, dass dabei irgendwann einmal so viel die Rede war von Freiheit, Befreiung, freier lebendiger Entwicklung, wie bei Alfons Planer.
Freiheit – das ist mit Sicherheit ein Motor im Arbeiten des Alfons Planer und steht als Motto auch über den hier gezeigten drei Werkgruppen, Zeichnungen, Malereien und Skulpturen. Ergänzt werden diese Werke durch handgeschriebene Aufzeichnungen des Künstlers, Reflexionen, die die Vorbereitung dieser Ausstellung begleiteten und über Wochen hinweg bei mir abgeliefert worden sind.
Die Freiheitsvision Planers ist ein Anrennen gegen die körperliche Gebundenheit in Raum und Zeit. Auch in dem von uns gewöhnlich romantisch verklärten Künstlerleben erfährt Planer den Geist als dressiert, auf Schemata abgerichtet und vom Körper in den Dienst genommen.

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Seine Zeichnungen sind demgegenüber Protokolle der Überlistungsversuche dieser raumzeitlichen Gebundenheit. Im beidhändigen energiegeladenen Bearbeiten des Papiers versucht er, den Schranken des Körpers, den Zurichtungen des Überich, zu entkommen und dem Unbewußten, Verdrängten, dem rein Emotionalen, Ausdruck zu gewähren. Die Knieabdrücke auf den Blättern erinnern einen an die Besessenheit des grossformatigen Aktionismus eines Jackson Pollock. Die Ergebnisse solch gestischer Explosionen ähneln bei Planer nicht selten dem Bild eines Schwarms. Er wird zur Metapher einer lebendigen dynamischen Bewegung innerhalb einer imaginären Ordnung. Die in der flirrenden Sommerhitze in einem seltsamen Auf und Ab oszillierenden Mückenschwärme, die Figuren, die Vögelschwärme auf den herbstlichen Himmel werfen, oder die mit unglaublicher Präzision und Geschwindigkeit durch das Wasser rasenden Fischschwärme könnte man mit Fug und Recht als selbstorganisierende Skulpturen ansehen.

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Die gestische Dynamik Planers wird in seinen Malereien noch gesteigert durch expressive Farben. Auch hier eliminiert er geradezu aggressiv jede Verfestigung einer Form. Er löscht solche Sedimentierungen durch heftigen Farbauftrag wieder aus, kritzelt darüber, durchkreuzt und negiert sie. Die Bilder dokumentieren Emotionen und eine aufgewühlte Widersprüchlichkeit, stets gegen die eigene conditio humana anrennen zu müssen, um das Wesen des Menschseins ausloten zu können. Diese Widersprüchlichkeit setzt sich fort im Material. Gerne malt Planer auf grobgewobener Jute. Diese Naturfaser vermittelt einerseits ein starkes haptisches und chthonisches Erlebnis, andererseits erscheint sie durch ihre Transparenz fragil und sich auflösend. Auch hier spielt oder sollten wir besser sagen: kämpft Planer – aber nun nicht gegen, sondern mit dem Skulpturalen.

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Die Befreiung dieser skulpturalen Form aus der zweidimensionalen Gebundenheit drängt konsequent zur Idee einer selbstformenden Plastik, die sich vom souveränen Künstlersubjekt emanzipiert. Dabei gibt es einen überraschenden Weg. Eigentlich sollte der gefesselt in einer Kiste hängende Torso ein Denk-Mal der Freiheit werden. Die Figur besteht aus zwei hohlen Hälften, die ursprünglich, durch Glas gestützt, das ambivalente Spiel von Innen und Außen, von Körperhülle und Geistigem, von Leben und Lebensverneinung, von Freiheit und Gebundenheit zeigen sollte. Ob es wirklich nur die zu hohen Kosten des dafür benötigten Materials waren, die letztlich dazu führten, dass dieser Torso nun – eingespannt in Schnüre, Holz und Styropor – eine höchst intime Situation ergibt, die den Betrachter zutiefst verstört zurücklässt, mag dahingestellt bleiben. Vielleicht ist sie nichts weniger als die zerbrochene Illusion, die Idee einer freien Form mit dem menschlichen Körper gleichen zu können. Charles Baudelaire sah, wie jede Utopie durch die Subversion der Zeit zum Un-Ort wird: „Jetzt, ich bin das Ehemals.“

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Es ist ein folgerichtiger Weg des grübelnden und bis zur Sturheit konsequenten Einsiedlers, der seine Inspirationen aus einem intensiven Austausch mit der Natur, dem Holz des Waldes, den Steinen am Wildbach, den Gerüchen und Geräuschen seiner ländlichen Abgeschiedenheit und dem intensiven Gespräch mit seiner Lebenspartnerin Simone Thurner bezieht, wenn er die menschliche Form, die er zuletzt als weibliche und männliche mit Harz und Lehm gestaltet, wieder: lebendig und erdgebunden, wenn er diese menschliche Form verläßt und zur abstrakten Form vordringt.

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Die sogenannte selbstformende Plastik beginnt mit der Suche nach einem Holzstück in der Natur. Das forschende Gehen, die Abirrungen, die sich ergeben, wenn anderes die Aufmerksamkeit auf sich zieht, wird gleichsam als Symbolik des je eigenen Lebensweges Teil der Skulptur. Dem vom Wasser des Gebirgsbaches abgeschliffenen, in der Sonne ausgetrockneten und verwitterten Findling wird vom Künstler das Harz, Zeichen des Lebens, das er auf gleiche Weise mühevoll gesammelt hat, zurückgegeben. Dieser Baum bestimmt den weiteren Gang der Arbeit: „Plötzlich wurde mir klar, dass ich mit der Materie und nicht gegen sie arbeiten muß“ notiert er auf einem seiner abgelieferten Blätter. Das Harz ist Zeichen fließender Energie und sorgt dafür, dass die Plastik sich durch Wärme und Kälte, durch die Schwerkraft, durch die Trägheit des Materials stets anders formt. Sie lebt, sie verströmt mit ihrem Duft eine Aura und sie verändert sich in den folgenden Wochen hier ständig. Vielleicht ist es gar keine Skulptur, sondern eine Installation, gar eine Aktion, der eine Lebensgeschichte eingeschrieben ist und die, von ihrem Gestalter entlassen, ihr eigenes Leben lebt.

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 „Harz ist ein pulsierender Organismus, der fließen und erstarren kann“, reflektiert der Künstler und weiter: „Leben ist Wandlung!“ Dazu gehört ein Wort Richard Wagners, mit dem ich schließen möchte: „Hätten wir das Leben, bräuchten wir die Kunst nicht.“ Der heutige Abend lehrt uns einmal mehr, dass wir unser Leben noch lange nicht haben.

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© Bernhard Braun 30/05/07