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3.2 Das dramatische Weltverhältnis in der Theorie Girards

Girard erklärt die Entstehung staatlicher Strukturen genetisch aus Mechanismen, mittels derer sie gemeinschaftsbedrohende Gewaltepidemien entweder verhindern oder eindämmen. Da diese institutionenbildenden Mechanismen aber selbst verborgen gewaltsam sind, ist der von ihnen gesicherte bzw. restituierte Friede kein vollkommener und ein stets bedrohter. In kritischen Situationen neigen gesellschaftliche Systeme dazu, auf die uranfänglich bewährte Methode der Ausstoßung von Sündenböcken zurückzugreifen. Demgegenüber findet Girard in Jesus Christus das einzige Wesen, das der Gewalt nichts zu verdanken hat, und im Christentum die einzige wirklich gewaltfreie Religion, insofern sie sich ganz auf Jesus Christus gründet.(20)

Eine Schwarz-Weißmalerei zwischen dem Christentum einerseits und der Welt bzw. anderen Religionen anderseits ergibt sich daraus nur dann, wenn man die einzigartige Gewaltfreiheit Jesu zur moralischen Norm erhebt, um an diesem idealen Maßstab alle (anderen) Institutionen unabhängig von ihrem geschichtlichen Kontext zu messen. Verzichtet man auf eine solche moralistisch-urteilende Sichtweise, die unvermeidlich grundsätzlich institutionenfeindlich wird (auch gegenüber jeder christlichen Kirche, sofern sie irgendwie gesellschaftlich verfaßt ist), so ergibt sich ein weit differenzierteres Bild:

Gegenüber der allgemein-chaotischen Tendenz zur Gewalt, welche die vorstaatlichen Gesellschaften grundsätzlich bedroht, bedeutet die Installation zentraler Gerichtsinstanzen einen echten Fortschritt in Richtung Frieden, auch wenn sie vermittels des Sündenbockmechanismus und der Sakralisierung auf verschleierten Formen von Gewalt aufruhen. Eine solche relativ positive Bewertung ergibt sich auch aus ihrer funktionalen Bedeutung: Erst eine organisierte staatliche Gesellschaft bot strukturell die Möglichkeit für jene alttestamentlichen prophetischen Bewegungen, welche die verborgene Gewalttätigkeit in dieser Gesellschaft aufdecken konnten. Das religiöse Judentum, das durch diese läuternden prophetischen Impulse hindurchgegangen ist, bildete in seinen institutionellen Verhärtungen für Jesus nicht nur einen zentralen Gegenstand seiner Kritik, sondern zugleich den Muttergrund, aus dem er zu seinem Wirken herangewachsen war.

Sobald nach Christi Tod und Auferstehung der Rückbezug auf Christus kirchlich-institutionelle Formen annahm, drohten unvermeidlich Verflachungen und sogar Pervertierungen des evangelischen Impulses. Es wäre allerdings verhängnisvoll, daraus zu schließen, Christentum müsse grundsätzlich institutionenfeindlich sein. Vielmehr setzt es in radikalisierter Weise jene dramatische Spannung zwischen Institutionalisierung und prophetischer Kritik, zwischen Amt und Charisma fort, die bereits den Weg der alttestamentlichen Heilsgeschichte kennzeichnete. Der evangelische Impuls muß immer neu in institutionelle Formen übersetzt und so gesellschaftlich inkarniert werden; dabei bedarf er fortlaufend der Korrektur durch den evangelischen Impuls, der aus der Erfahrung mit dem gesellschaftlich realisierten Christentum in aktualisierter Form immer neu hervorwächst.(21)

Auf diese dramatische Weise kann nicht nur das innerkirchliche Verhältnis zwischen Institution und prophetischer Kritik, sondern auch zwischen Kirche und Staat differenziert eingeschätzt werden: Kirche verdankt sich in ihrer aktuellen Existenz stets auch staatlichen Sicherungsmechanismen und behält dennoch diesen gegenüber eine kritisch-reformierende Funktion.

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