Neue Forschungen Ascoli Satriano



Titelbild

 



Die Stätte

Ascoli Satriano ist eine Gemeinde in Apulien, ca. 30km südlich der heutigen Provinzhauptstadt Foggia. In der Antike war die Stätte unter dem Namen Asculum bzw. Ausculum bekannt. Von Siedlungshügel aus, einem der letzten südöstlichen Ausläufer des Apennin in dieser Region, blickt der Besucher des Ortes nach Osten in die apulische Küstenebene. Historische Bekanntheit erlangte die Stadt bereits im 3. Jh. v. Chr.: Hier kam es zu der verlustreichen Schlacht des Molosserkönigs Pyrrhus von Epirus gegen die Römer im Jahre 290 v. Chr. (den sprichwörtlichen „Pyrrhussieg“).

 

Abb1

 

Aber schon deutlich vor diesem Ereignis war Ascoli Satriano eine Siedlungsstätte mit überregionaler Bedeutung. In archaischer Zeit (7. – 5. Jh. v. Chr.) lässt sich hier eine Siedlung der indigenen Bewohner des heutigen Nordapulien fassen, die in den griechischen Schriftquellen als „Daunier“ bezeichnet werden, nach ihrer Abstammung von dem mythischen König Daunos, der zur Zeit des Trojanischen Krieges hier regiert haben soll. Eine besonders herausragende Fundgattung dieser Gegend sind die in archaischer Zeit entstandenen sog. „daunischen“ Stelen:

 

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Hochrechteckige Steinplatten in abstrakt-anthropomorpher Form, die menschliche Figuren mit reicher Tracht und Bewaffnung darstellen. Sie bilden ein einzigartiges Zeugnis indigener Ikonographie und belegen den hohen kulturellen und künstlerischen Stand der Bewohner dieser ansonsten noch wenig erforschten Region. Auch die mit den Dauniern verbundenen Keramikerzeugnisse zeugen von ihrem hohen technologischen und handwerklichen Können – sie bestehen aus charakteristischen regionalen Formen, etwa der olla und dem askos, und sind mit feinen, meist zweifarbigen (rot und dunkelbraun) geometrischen Mustern überzogen. Außer diesen kunsthandwerklichen Erzeugnissen ist aber noch wenig von den antiken Bewohnern Nordapuliens bekannt – ihre Lebens- und Wirtschaftsweise, ihre religiösen Vorstellungen und ihre gesellschaftliche Organisation liegen noch weitgehend im Dunkeln.

 



Die älteren Innsbrucker Forschungen

Die Innsbrucker Forschungen in Ascoli Satriano begannen bereits im Jahre 1997 und wurden bis 2015 von Dr. Astrid Larcher geleitet. Die Untersuchungen der Jahre bis 2002 konzentrierten sich auf den sog. Colle Serpente – eine der Anhöhen, auf denen das heutige Ortsgebiet liegt und die seit 1995 auch einen archäologischen Park beheimatet. Hier wurden, gemeinsam mit italienischen Fachkollegen, Grab- und Siedlugsreste des 6. bis 4. vorchristlichen Jahrhunderts freigelegt (genauere Infos unter diesem Link zur Homepage der älteren Untersuchungen bis 2015).

 

Ab dem Jahre 1999 wurde zusätzlich mit Untersuchungen in der Giarnera Piccola begonnen. Dieses durch hohes Fundaufkommen und weite Streufundverteilung auffällig gewordene Areal liegt a. 1km westlich der alten Grabungen am Colle Serpente in Hanglage unter den Hügelkuppen. Insbesondere der hohe Anteil frühen Fundmaterials, das bei landwirtschaftlichen Arbeiten zutage getreten war, gab Anlass zur Öffnung archäologischer Grabungsschnitte. Bereits durch die vorbereitenden geophysikalischen Untersuchungen ließen ich zwar neben den antiken Befunden auch zahlreiche Spuren von teils systematischer Raubgräberaktivitäten feststellen, jedoch bargen die diesem Bereich geöffneten Schnitte immer noch sehr zahlreich und in großer Dichte ungestörte Befunde aus der Zeit zwischen dem 8. und 4. Jh. v. Chr.

 

Abb4

 

Zu den spektakulärsten Befunden, die in diesem Bereich dokumentiert werden konnten, gehören großräumige Kieselpflasterungen, die auch aus anderen daunischen Siedlungen bekannt sind, deren Bedeutung aber bisher nicht erfasst ist. Sie führen etwa zu einem (leider durch Raubgräberaktivitäten stark gestörten) großen Kammergrab des 4. Jh. v. Chr., das sicherlich mit Angehörigen der lokalen Elite zu verbinden ist. Es barg die sterblichen Überreste von vier Individuen, die von reichen Grabbeigaben, insbesondere Bankettgeschirr, begleitet wurden. Zudem scheinen zum gesamten Grabkomplex auch kleinere überirdische Gebäude gehört zu haben. Die gesamte Anlage wurde allerdings schon gegen Ende des 4. Jh. v. Chr. rituell aufgelassen, was beispielsweise die sorgfältige Entfernung einzelner Pflasterungsteile und die Abdeckung anderer zugehöriger Bereiche mit Ziegeln belegt.

 

Abb5

 


 

Das neue Projekt

Ziel des neuen Projektes, das seit dem Jahre 2016 unter der Leitung von Christian Heitz die Untersuchungen fortführt, ist die detaillierte Aufnahme und Auswertung insbesondere der archaischen Funde und Befunde im Bereich der Giarnera Piccola. Die dort zahlreich aufgedeckten Architektur- und Grabfunde stehen oft in direktem Zusammenhang. Dies trifft nicht nur für die Ziegelpflasterungen des 4. Jh. v. Chr. zu, sondern insbesondere auch für die früheren Bestattungen der archaischen Zeit (6./5. Jh. v. Chr.), die in und unter kleineren Pfostenhütten angelegt wurden und möglicherweise als direkte funerärkultische Vorstufe der mit größeren Gräbern und Steinbauten verbundenen Kieselpflasterungen gelten können. In Ascoli Satriano bietet sich aufgrund der großen Anzahl solcher Befunde, ihres in direkter Nachbarschaft mehrfach dokumentierten Auftretens und der günstigen Erhaltungslage die einmalige Gelegenheit, diesen Zusammenhang von Grab und Architektur genauer zu untersuchen.

Abb6

Abb7

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dabei sollen feinstratigraphische Detailuntersuchungen den zeitlichen Zusammenhang zwischen Gräbern und Baustrukturen klären, Untersuchungen der Fundzusammenhänge und des Beigabenmaterials sowohl Aufschlüsse über die konkrete Konstruktion der Hüttenbauten geben (die bisher im süditalisch-indigenen Bereich nur unbefriedigend geklärt ist) als auch über die soziale Rolle der Bestatteten selbst und ihre Stellung in der sie bestattenden Gemeinschaft. Die enge Verbindung zwischen Grab und wenn auch nur symbolischer „Wohnstatt“ könnte überdies weitere Aufschlüsse über Vorstellungswelt auch religiöser Art dieser indigenen Gemeinschaft erbringen. Als integraler Teil der geplanten Forschungen sollen anthropologische Untersuchungen und neueste DNA-Analysetechniken zum Einsatz kommen, die Hinweise auf familiäre Verbindungen zwischen den mit einer Baustruktur verbundenen Bestattungen bzw. Unterschiede zu anders assoziierten Toten erbringen können (Näheres siehe hier).

 


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