PANEL 15

Wirtschaftliche Perspektiven – ein Round Table

Chair: Wolfgang Meixner (Innsbruck)

15.30-17.00

Eine Weltsystem-Perspektive auf eine potentielle Wasserscheide. Corona im Lichte langer Konjunkturzyklen

Andreas Exenberger (Innsbruck)

Die aktuelle Corona-Krise ist wie alle Krisen eine Zeit der Entscheidung. Ein etabliertes System gerät aus dem Gleichgewicht und je nach dessen Zustand wird es sich als mehr oder weniger robust und resilient erweisen. Im Lichte langer Konjunkturzyklen befinden wir uns bereits seit geraumer Zeit in einer instabilen Phase des potentiellen Systemübergangs. Und wie bereits die Finanzkrise 2008 ist die Corona-Krise 2020 eine mögliche Wasserscheide, die einen Bifurkationspunkt des Weltsystems markieren könnte.

Andreas Exenberger ist assoziierter Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Fakultät für Volkswirtschaft und Statistik der Universität Innsbruck. Seine Forschungsschwerpunkte sind institutionenökonomische Entwicklungsforschung sowie Armut und (globale) Ungleichheit. Zuletzt Ko-Autor von: "Globo. Eine neue Welt mit 100 Menschen" (Studia-Verlag).

Ökonomisch-fundiert Klimapolitik nach der Corona-Erfahrung

Markus Ohndorf (Innsbruck)

In vielen Fällen sind die Effekte von Umwelt- und Gesundheitspolitik stark voneinander abhängig. Auch die Corona-Pandemie und die Klimakrise interagieren in vielfacher Hinsicht, was einen signifikanten Einfluss auf den weltweiten Wohlstand erwarten lässt. Wir diskutieren die wichtigsten dieser wechselseitigen Einflüsse und zeigen auf, wie Corona-Hilfspakete auch für das Erreichen von Klimazielen genutzt werden können.

Markus Ohndorf Professor für Umweltökonomik an der Fakultät für Volkswirtschaft und Statistik der Universität Innsbruck. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der angewandten Mikroökonomik, insbesondere der Analyse klima- und umweltpolitischer Instrumente. Er war auch als NGO-Vertreter auf verschiedenen UN-Gipfeln und als Berater für WBGU, UNEP und IPCC aktiv.

 

Der gesellschaftliche Umgang mit Corona aus verhaltensökonomischer Sicht 

Katharina Momsen (Innsbruck)

In vielen Situationen verhalten sich Menschen nicht perfekt rational. Der Umgang mit dem Corona-Virus und den Maßnahmen zur Eindämmung desselben stellt hier keine Ausnahme dar. Wir zeigen auf, welche Formen der Abweichung von Rationalität im Zusammenhang mit Corona eine Rolle spielen und wie dies zur Unterstützung von Verschwörungstheorien führen kann. Außerdem diskutieren wir, wie politische Maßnahmen auf beschränkt rationales Verhalten reagieren können.

Katharina Momsen arbeitet als Postdoc an der Fakultät für Volkswirtschaft und Statistik der Universität Innsbruck. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Verhaltens- und Experimentalökonomik. Aktuell untersucht sie vor allem strategische Informationsvermeidung in Entscheidungen mit moralischen Komponenten.

Ein neuer (grüner) Marshall-Plan für Europa? Konzepte des Wiederaufbaus aus umwelthistorischer Perspektive

Robert Groß (Innsbruck)

Wann immer die Welt in Aufruhr gerät, erfolgt der Ruf nach einem ‚neuen‘ Marshall Plan (MP). Im Frühjahr 2020 schlug EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen einen ‚grünen‘ MP vor, um die Covid-19-Rezession abzufedern. Damit reiht sie sich in eine lange Tradition von Regierungschefs, die den MP als Metapher verwenden, um abstrakte Konzepte verständlich zu kommunizieren. Der EU-Kommissionspräsidentin geht es um groß angelegte Investition, die eine Nachhaltigkeitswende einleiten sollen, ohne dabei den Dissens des wirtschaftsliberalen Lagers fürchten zu müssen. 

Diese Präsentation fokussiert umwelthistorische Aspekte des MP. Dieser entstammt einer Zeit tiefgreifender Veränderungen, die die ganze Erde – so die Hypothese der „Großen Beschleunigung“ – in eine neue Epoche versetzte: das Anthropozän. Entscheidend waren Entwicklungsprogramme, die eine Durchdringung aller Lebensbereiche mit erdölbasierten Technologien mit einem vorbehaltlosen Glauben an die Segnungen von Wirtschaftswachstum verbanden und verbreiteten. 

Was spricht nun für den MP als Wegbereiter der „Große Beschleunigung“ Westeuropas? Etwa 10 Prozent des MPs bestand aus Erdöl(produkten). Sämtliche größeren Erdölraffinerien Westeuropas wurden mit MP-Krediten nicht nur wiederaufgebaut, sondern massiv ausgebaut und in globale Ölkonzerne integriert. Lag der Anteil des Erdöls am westeuropäischen Energiemix vor 1939 noch bei etwa 10 Prozent, machte dieser Ende der 1950er Jahre 50 Prozent aus. Im gleichen Zeitraum ging die Zunahme des globalen CO2-Ausstoßes von linearem in exponentielles Wachstum über. Wie essentiell wichtig dieser Zeitpunkt ist, hat uns die Covid-19-Krise gezeigt (Stichwort: flattening the curve). 

Diese Präsentation zeigt auf, dass Jahrzehnte historischer Forschung zum MP die Verstrickung des Marshall Plan und global agierenden Erdölkonzernen vernachlässigt hat. Deren Bedeutung hat sich in Westeuropa in der Wirtschaftskrise durch den MP verstärkt und dazu beigetragen die Produktivität in der westeuropäischen Landwirtschaft, Industrie und dem Transportsektor massiv zu steigern, allerdings auf Kosten einer globalen ökologischen Krise. Ob nun die langfristigen Nebenwirkungen der „Großen Beschleunigung“ durch einen ‚grünen‘ MP entschärft werden können, bleibt mehr als fraglich.

Robert Groß, Mag. Dr. phil., absolvierte ein Doktorat am Institut für Soziale Ökologie, AAU Klagenfurt. Seine Dissertation „Die Beschleunigung der Berge. Eine Umweltgeschichte des Wintertourismus in Vorarlberg/Österreich, 1920-2010“ erschien 2018 im Böhlau Verlag. Derzeit arbeitet er am Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie/Universität Innsbruck sowie am Institut für Soziale Ökologie/BOKU Wien an seiner Habilitation „Unsustainable Alliences? The Marshall Plan and the Great Acceleration in Western Europe”.

 

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