Gerald Grabherr
Die "Via Decia" - Eine postulierte römische Reichsstraße
(Diplomarbeit Innsbruck 1994)

Von der sog. Via Decia wissen wir im Gegensatz zu den meisten anderen römischen Straßen nichts aus den überlieferten antiken Itinerarien oder der Tabula Peutingeriana, und auch in der antiken Literatur ist sie nicht erwähnt. Ihre Existenz wurde erst nach einer Neulesung der Inschriften zweier in Tirol gefundener Meilensteine des Kaisers Decius erschlossen. Einer dieser beiden Steine (CIL III 5989 = IBR 455) wurde am Fuß des Schönbergs gefunden und in die Abtei Wilten gebracht wurde. Der Stein stand also ursprünglich an der römischen Reichsstraße Verona - Brenner - Augsburg. Heute steht der Meilenstein im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum in Innsbruck.
Der zweite Meilenstein (CIL III 5988 = IBR 453) wurde 1835 bei Straßenausbesserungsarbeiten an der Straße am Zirler Berg entdeckt. Auch dieser war ursprünglich an der römischen Brennerstraße aufgestellt. Heute befindet sich der Stein neben dem Meilenstein aus Unterberg im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum.
In der älteren Forschung wurden diese Steine des Decius der römischen Reichsstraße Verona - Brenner - Augsburg zugewiesen. Th. Mommsen schlägt als erster eine andere Zuordnung als zur römischen Brennerstraße vor. Für ihn ist jeweils in Zeile 9 A und B nicht als ein Wort, sondern getrennt zu lesen. Er beruft sich hierfür vor allem auf den Meilenstein vom Zirler Berg, auf welchem er zwischen dem A und B einen Trennpunkt zu erkennen glaubt. Mommsen ergänzt diesen Teil der Inschrift zu a B(rigantio), was eine römische Straße durch den Aufstellungsort des Meilensteins CIL III 5989 zumindest von Unterberg nach Bregenz/Brigantium voraussetzt. Aus den Distanzangaben 98 römische Meilen für die Strecke vom Zirler Berg nach Bregenz und 112 Meilen für Unterberg nach Bregenz erschließt er, daß diese Straße nicht über den Arlberg, sondern über Lermoos, Reutte, Sonthofen und Immenstadt nach Bregenz geführt haben muß.
Die hierauf vorgeschlagenen und mehr oder weniger plausiblen Routen der Straße entweder über den Fernpaß oder durch das Gaistal sind allesamt nicht verifizierbar, da mit Ausnahme der Bereiche, in welchen die Via Decia mit anderen Römerstraßen wie der Via Claudia Augusta und der römischen Brennerstraße zusammenfallen müßte, keine Altstraßen aus römischer Zeit nachzuweisen sind, wie detaillierte Geländeprospektionen und einzelne Grabungsschnitte ergaben.


Karte mit den für die Via Decia vorgeschlagenen Routen

Auch die Meilensteine selbst zwingen nicht unbedingt zur Annahme einer Römerstraße vom Raum Innsbruck nach Bregenz. Denn auffallend ist, daß in römischer Zeit die Distanz Innsbruck - Bregenz genau der Distanz Innsbruck - Augsburg entsprochen haben muß, was doch einen zumindest seltsamen Zufall darstellt. Noch seltsamer erscheint der Zufall, wenn man in Betracht zieht, daß keiner der beiden Steine in jenem Bereich aufgestellt gewesen ist, wo die Via Decia in eigener Trasse geführt haben müßte, was dem propagandistischen Zweck wohl eher entsprochen hätte als die tatsächliche Aufstellung an einer schon lange bestehenden römischen Straße. Und die Steine stehen ja genau an der römischen Straße, die von Verona kommend nach Augsburg zieht, und Augusta Vindelicum ist von den jeweiligen Steinen genau soweit entfernt, wie die Zahl auf den Meilensteinen angibt.


Karte mit den für die Via Decia vorgeschlagenen Routen

Nur wenig überzeugend scheinen ebenso die Gründe zu sein, welche für den Bau dieser Straße ins Feld geführt werden. Vorwiegend wird angeführt, daß die Römer aufgrund der andauernden Alamanneneinfälle das Alpenvorland zu meiden suchten und eine inneralpine Verbindungsstraße anlegten, um rasch Truppen vom Raum Veldidena - Brenner zum Bodensee verschieben zu können. So eine Straße für Truppenverschiebungen kann aber nur aus taktischen Überlegungen heraus angelegt werden und würde wohl nur für eine kurze Benützungsdauer geplant werden, was mit der Aufstellung von Meilensteinen nicht unbedingt in Einklang zu bringen ist. Als dauerhafte strategische Verbindung scheint sie aber nicht der römischen Militärpolitik unter Decius zu entsprechen, wenn man bedenkt, daß dieser auch die römische Heerstraße von Mogontiacum/Mainz nach Augusta Vindelicum/Augsburg, die ja als Aufmarschroute des Limes anzusehen ist, ausbauen ließ. Aus militärischen Gesichtspunkten ist jedoch der Ausbau sowohl einer West-Ost-Verbindung durch die Alpentäler als auch der Ausbau der Straße Mainz-Augsburg nicht sinnvoll.
Dieser Ausbau der römischen Rhein-Donau-Straße (Mainz-Augsburg) kann uns aber zu einem plausiblen Erklärungsvorschlag der beiden Tiroler Decius-Steine führen. Wenn Decius schon die nur 25 km vom Limes entfernte Straße Mainz-Augsburg als Aufmarschroute ausbaut, dann kann ein weiterer Ausbau von Augsburg über den Brenner nach Italien nur als logische Weiterführung verstanden werden. Für diese Annahme würden sowohl die Fundorte als auch die Distanzangabe auf den Meilensteinen aus Unterberg und Zirl sprechen.

Nachsatz:
Die Ablehnung einer unter Kaiser Decius angelegten Straße vom Raum Innsbruck nach Bregenz/Brigantium wurde durch einen neuentdeckten Meilenstein dieses Kaisers aus Mittenwald bekräftigt, wodurch die Zuweisung der beiden Tiroler Decius-Steine zur römischen Brennerroute als erwiesen angesehen werden kann.
Siehe: K. Dietz/M. Pietsch, Zwei neue Meilensteine aus Mittenwald. Mohr – Löwe – Raute. Beiträge zur Geschichte des Landkreises Garmisch-Partenkirchen 6, 1998, 41-57

Publikation: Gerald Grabherr, Zur sogenannten Via Decia, Bayer. Vorgeschbl. 61, 1996, 229-244



Bestand: Universitätsbibliothek Innsbruck, Sign. 64470

Kontakt: Gerald Grabherr



Für den Inhalt verantwortlich: die Verfasserinnen und Verfasser der jeweiligen Arbeiten
© Institut für Archäologien / Klassische und Provinzialrömische Archäologie, Universität Innsbruck, 2003
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