DER KIRCHBICHL VON LAVANT
(Osttirol)

Ca. 2 km östlich von Aguntum liegt an der Südseite der Drau die Ortschaft Lavant am Fuße des steil aufragenden Kirchbichls (810 m), der mit seinen zwei Kirchen einen der markantesten Punkte über dem Lienzer Talboden bildet. Auf der Spitze des Kirchbichls steht die dem hl. Petrus und hl. Paulus geweihte Kirche, etwas weiter unten liegt die spätbarock umgebaute alte Pfarrkirche St. Ulrich.

Im Westen und Osten durch je einen Bach, im Süden durch eine tiefe Schlucht abgetrennt bietet der Kirchbichl natürlichen Schutz und erschien seit je als ein ideal zu verteidigender Ort. Der Zugang zu den Terassen war immer nur von Norden her durch einen künstlich angelegten Weg möglich.
Ab Mitte des 20.Jahrhunderts wurden in Lavant archäologische Forschungen durchgeführt. Franz Miltner unternahm die frühesten Grabungen, die den Bereich des Chores von St. Peter und jenen der Toranlage betrafen. Weiters konnte er Reste der dazugehörigen Befestigungsmauer beobachten, Brandgräber untersuchen, die er um Christi Geburt datierte, und Teile der spätrömischen Häuser freilegen.
1950 wurde die frühchristliche Kirche entdeckt und bis 1952 untersucht. Wegen der Anwesenheit eines Vorsprungs im Scheitel der  halbrunden Priesterbank, der als Unterbau eines Thrones diente, interpretierte Miltner diese als Bischofskirche und nannte eines der Nebengebäude Episcopium.


Frühchristliche Kirche

Die von Miltner geborgenen Kleinfunde vom Lavanter Kirchbichl wurden im Rahmen einer Dissertation an der Universität Innsbruck von H. Rodriguez–Mattel bearbeitet.
Weitere Forschungen, v. a. an der Kirche wurden mit einigen Unterbrechungen von 1966 bis 1981 von Wilhelm Alzinger und  Stefan Karwiese durchgeführt.

1985 wurde der alte auf den Kirchbichl führende Weg zu einer breiten Forststraße ausgebaut, wobei Mauern römischer Gebäude angeschnitten und zum Teil auch weggebaggert wurden. Mit Hilfe des Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum und den Ausgräbern Harald Stadler und Paul Gleirscher konnte eine rasch organisierte Notgrabung durchgeführt werden. Drei römische Häuser mit Hypokausten oder Schlauchheizung wurden hierbei angeschnitten und untersucht.
In den folgenden Jahren (1986 noch gemeinsam mit W. Alzinger vom Österreichischen Archäologischen Institut) führte das Institut für Klassische Archäologie der Universität Innsbruck unter der Leitung von Elisabeth Walde umfangreiche Untersuchungen durch. Nördlich der frühchristlichen Kirche wurden 1987 einige spätantike Hanghäuser aufgedeckt und erstmals am Kirchbichl Reste eines latènezeitlichen Gebäudes (Steinplattenboden, Feuerstelle und eine Vorratsgrube mit frühbronzezeitlicher Keramik).
1991 wurde auf einem Plateau nördlich der Bischofskirche eine späthallstattzeitliche Kultursschicht angeschnitten. Neben umfangreichen archäologischen Untersuchungen in der Kirche St. Ulrich, bei denen ein frühchristlicher Vorgängerbau entdeckt werden konnte, wurden anläßlich der Verlegung  eines Stromkabels 1993 auch nördlich bzw. nordöstlich der Ulrichskirche Grabungsarbeiten durchgeführt. In zwei Suchschnitten konnten Reste von mindestens einem römischen Gebäude festgestellt werden, das direkt auf dem anstehenden Fels errichtet worden war. 2000 wurde am Kirchbichl eine WC-Anlage errichtet, was Anlaß für neuerliche Suchschnitte war. Nördlich der Peterskirche konnten Spuren eines römischen Hauses entdeckt werden, das schon von F. Miltner angeschnitten worden war.

Die bisher ältesten keramischen Funde aus den Grabungen stammen aus der Zeit des Endneolithikums bis in die frühe Bronzezeit. Spuren der Hallstattzeit finden sich in Lavant  ebenso wie zahlreiche der Laugen Melaun-Kultur. In der Latène-Zeit diente der Kirchbichl sowohl als Siedlungsfäche als auch als Begräbnisstätte. Wichtige wirtschaftliche Grundlage für die Besiedlung im Lienzer Becken war der Kupferbergbau. Früheste römische Fundstücke stammen aus der Zeit ab dem 3. Jahrhundert v. Chr. Nach der kampflosen Eingliederung des epigraphisch bezeugten Stammes der Laianken, der vorwiegend im Gebiet des heutigen Osttirols lokalisiert wird, 15/16 v. Chr. zum „Regnum Noricum“ läßt sich ein gewisser Aufschwung der Siedlungstätigkeit im späteren 1. Jahrhundert v. Chr. nachweisen. Im 1. und 2. nachchristlichen Jahrhundert dürfte Lavant nach Ausweis der Kleinfunde keine Blütezeit erlebt haben. Damals war Aguntum, das unter Kaiser Claudius zum Municipium erklärt worden ist, Zentrum des osttitoler Drautals.
Im 3. Jahrhundert nahm die Siedlungstätigkeit am Lavanter Kirchbichl einen schlagartigen Aufschwung. Germanen bedrohten die gesamte Provinz und so wurden erste Rückzugssiedlungen notwendig.
Für eine friedliche Zeit und eine gewisse Blüte Lavants ab dem 3. Jahrhundert sprechen zahlreiche Kleinfunde. Das steile Gelände des Hügels wurde in regelmäßigen Stufen bis auf den Fels abgearbeitet und direkt darauf wurden die Häuser gebaut. Diese Gebäude waren aus Bruch- und Bachsteinen mit viel Mörtel errichtet und  mit einem grauen oder rötlichen Mörtelestrich ausgestattet. Die Innenwände waren großteils verputzt. Die meisten Häuser verfügten über Heizungen, wobei sich sowohl Hypokaustenheizungen  als auch die für die Spätantike charakteristischen Schlauchheizungen finden. Oft waren Marmorsteine als Spolien eingebaut, die wohl in vielen Fällen von Grabbauten aus der Umgebung von Aguntum stammten und zur dazugehörigen Gräberstraße zu zählen sind.


Hypokausten-Heizung eines Wohnhauses

Ab dem 5. Jahrhundert n. Chr. wurden die frühchristlichen Kirchen errichtet, deren prächtige Ausstattung mit Marmor und Säulen für einen beachtlichen Wohlstand spricht. Nach der Zerstörung Aguntums 406 n. Chr. mußte sich der Bischof von Aguntum nach einem neuen Platz für eine entsprechende Kirche und seine Residenz suchen. Neben anderen Osttiroler Orten (Lienz/Patriasdorf oder Oberlienz) kommt besonders Lavant dafür in Frage.
Entscheidende politische, kulturelle und auch materielle Veränderungen zog der Sieg der Slawen über die Baiern in der Schlacht bei Aguntum 610 n. Chr. nach sich. Die Kirche konnte notdürftig renoviert werden, was dafür spricht, daß die Siedlung ihre Bedeutung nicht ganz verloren hatte.
Im frühen Mittelalter wurde eine kleine Saalkirche (heute unter St. Peter) mit dazugehörigem Friedhof errichtet.
Unter Karl d. Gr. wurde 811 die Diözesangrenze zwischen Aquileia und Salzburg durch die Drau neu festgesetzt und dadurch erfuhr die Bedeutung Lavants als strategisch wichtiger Punkt neue Bedeutung. 1381 kamen die Herren von Lavant in die Abhängigkeit der Görzer Grafen. 1444 wurde der Kirchbichl im Rahmen der Görzer Defensionsordnung befestigt, wovon die befestigte Toranlage und auch die Burg auf der Hügelkuppe stammen.

Die zahlreichen Kleinfunde, die durch die Grabungen der Universität Innsbruck in den Jahren 1985-89, 1991, 1993 und 2000 stammen, werden zur Zeit im Rahmen eines Forschungsprojektes wissenschaftlich dokumentiert, ausgewertet und zusammen mit den prähistorischen, spätrömischen und auch frühmittelalterlichen Befunden vorgelegt werden.
Aus der Frühzeit der Besiedlung stammen graphitierte, kammstrichverzierte Töpfe aus der Latènezeit, eine Bronzefibel im Mittellatèneschema, einige Scherben von Campanaware oder Auerbergtöpfe. Die mittlere Kaiserzeit ist mit nur wenigen datierbaren Funden vertreten.
Ab dem fortschreitenden 3. Jahrhundert läßt das Kleinfundmaterial auf eine intensive Besiedelung schließen. Für kulturelle und wirtschaftliche Beziehungen zum Mittelmeerraum sprechen Fragmente ostmediterraner und nordafrikanischer Amphoren und v. a. zahlreiche Beispiele von Terra Sigillata Chiara, die ab dem 3. Jahrhundert aus Werkstätten im heutigen Tunesien importiert wurde. Darunter finden sich auch einige Gefäße der qualitativ hochstehenden sog. C-Ware, die andere norische Höhensiedlungen nur recht selten erreicht hatte.


Afrikanische Terra Sigillata

Den Großteil des Fundmaterials machen die für die Spätantike typischen Keramikformen mit Wellband- und Kammstrichverzierung aus, daneben wurden auch grauschwarze sog. Soldatenteller oder rot überfangene Reibschalen geborgen. Zahlreiche Stengelgläser und andere Glasgefäße zählen ebenso zum Fundspektrum wie Gefäße aus Lavez. Fibeln und Kämme aus Bein  mit aufwendigem Kreis- und Gitterdekor, ein goldenes, durchbrochenes Zierobjekt und die Goldmünze des Kaisers Justinian runden das Spektrum ab. Daneben finden sich typische Siedlungsfunde, wie Schmuckstücke, Stili, einige Schlüssel und verschiedenste Werkzeuge.
 

Fibel und Beinkamm
Goldmünze und goldenes Zierobjekt

Die Fundstücke der Spätantike weisen auf eine bäuerliche Bevölkerung hin, wie auch die Knochenfunde von Rindern, Schweinen, Pferden, Ziegen Schafen und Hühnern zeigen. Zahlreiche Spinnwirtel und Webgewichte belegen das Weben und Spinnen von Wolle und Leinen. Wichtige Erwerbsquelle könnte die Eisenverarbeitung dargestellt haben, worauf viele Schlackenreste, ein Block Roheisen, ein Schmelzofen und eine steinerne Gußform hinweisen.

Der Kirchbichl von Lavant zählt zu den spätantiken Höhensiedlungen in Binnennorikum, das sich nach der Reichsreform Diokletians (305) aus der Teilung der Provinz Noricum ergab. Das Gebiet umfaßte die heutigen österreichischen Bundesänder Tirol, Kärnten, Salzburg und Steiermark und Teile der Republik Slowenien. Im Laufe des 3. Jahrhunderts brachen immer wieder Fremdvölker in dieses Gebiet ein und fügten den Städten Virunum, Teurnia und Aguntum empfindlichen Schaden zu. Im 4. Jahrhundert erlebte die binnennorische Provinz eine noch recht ruhige, friedliche Zeit bis 395 der pannonische Limes endgültig zusammenbrach. Im 5. und 6. Jahrhundert bildeten die Ostalpenländer vielfach die letzte Aufmarschbasis mancher Fremdvölker, wie die Westgoten oder Hunnen. 472 belagerten Goten Teurnia, 488 mußte Ufernorikum aufgegeben werden. Nach dem Ende des Weströmischen Reiches (476) und zur Zeit der germanischen Nachfolgereiche Odoakers und der Ostgoten in Italien bildete Binnennoricum eine Art Grenzprovinz und hielt den kulturellen Kontakt mit Italien aufrecht. Zwischen 591 und 610 drangen slawische Stämme in dieses Gebiet ein und führten mit ihrer Niederlassung das Ende der spätantiken, romanischen Tradition herbei.
Ab dem 3., aber besonders im 5. und 6. Jahrhundert zog sich die Bevölkerung des Südostalpengebietes von der Ebene zurück auf geschützte, befestigte, strategisch günstig gelegene Anhöhen. In vielen dieser Höhenbefestigungen bildete zumindest ein frühchristlicher Kirchenbau den Mittelpunkt der Siedlung. Kirchenpolitisch unterstand Binnennoricum der Diözese von Aquileia. Kirchen und die dazugehörigen Gebäude sind die letzten Großprojekte der römischen Architektur im Alpenraum, sieht man von den Befestigungsmauern ab.
Die Reste der sog. Bischofskirche in Lavant erscheinen als die eindrucksvollste Ruine des Hügels. Der Grundriß der Kirche zeigt ein übliches Bild mit den einzelnen für Versammlung und Liturgie notwendigen Räumen und Einrichtungen. Im Osten des Altarraumes liegt die halbkreisförmige Priesterbank mit einem Vorsprung im Scheitel der Rundung. Dieser stellt den Unterbau eines erhöhten Thrones dar, auf dem eine hervorragende Persönlichkeit wie etwa der Bischof Platz genommen hat.
Wie in anderen spätantiken Höhensiedlungen, deren Zentrum ein frühchristlicher Kirchenbau bildet, besitzt der Kirchbichl noch eine weitere frühe Kirche. Diese wurde wohl auch im 5. Jahrhundert errichtet, im Frühmittelalter erneuert und auch heute noch befindet sich über ihr die jetzige Pfarrkirche – hier herrscht also ungebrochene christliche Tradition. Auch heute noch ist Lavant ein bedeutender Wallfahrtsort.

Kontakt:     Michael Tschurtschenthaler
                    Barbara Kainrath



Literatur:
P. Gleirscher – H. Stadler, Die Notgrabung auf dem Kirchbichl von Lavant in Osttirol 1985. Ein Vorbericht, Veröffentlichungen des Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum 66, 1986, 5ff.
M. Pizzinini – M. Tschurtschenthaler – E. Walde, Der Lavanter Kirchbichl. Ein heiliger Berg in Tirol (2000).
M. Tschurtschenthaler, Lavanter Kirchbichl (Vorbericht zu den Grabungen 1991), Mitteilungen zur Frühchristlichen Archäologie in Österreich 4, 1992, 14f.
M. Tschurtschenthaler – K. Winkler, Lavanter Kirchbichl. Die Ausgrabungen in den Jahren 1992 und 1993. Ein Vorbericht, Mitteilungen zur Frühchristlichen Archäologie in Österreich 6, 1994, 22ff.
M. Tschurtschenthaler – K. Winkler, 1500 Jahre christliche Kult- und Platzkontinuität, Osttiroler Heimatbl. 63/6, 1995, 4ff.
K. Winkler, Ausgrabungen im Bereich der Pfarrkirche St. Ulrich Gemeinde Lavant/Osttirol, Veröffentlichungen des Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum 76, 1996, 162ff.


Text: Barbara Kainrath; Photos: Jörg Moser
© Institut für Archäologien / Klassische und Provinzialrömische Archäologie, Universität Innsbruck, 2003
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