Tagung

17.06. bis 18.06.2021 im Kaiser-Leopold-Saal der Universität Innsbruck

Im Rahmen der Tagung werden verschiedene wissenschaftliche und künstlerischer Beiträge zu Komik, Humor und Lachen in ihrer kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Dimension in Bezug auf Geschlecht und Geschlechterordnungen beleuchtet und zur Diskussion gestellt. Wie können das widerständige und subversive Potenzial von Komik in diesem Zusammenhang beschrieben werden? Wie können komische Mittel Teil feministischer Interventionen sein? Welche verschiedenen Medien und komische Verfahren werden dafür genutzt? Den aufgeworfenen Fragen wird aus interdisziplinärer Perspektive nachgegangen.


Prof.in Dr.in Helga Kotthoff

Germanistische Linguistik, Universität Freiburg

Stand-up-Komikerinnen dekonstruieren Körpernormen

Von Beginn der feministisch inspirierten Witz- und Comedy-Kultur an bis heute konterkarieren einige Komikerinnen traditionelle Körpernormen des Damenhaften (zu letzteren Curtin 1985 und Burmann 2000). Missfits, Carolyn Kebekus, Ilka Bessin als Cindy, Hazel Brugger und einige mehr haben thematische Sketche in ihren Auftrittsprogrammen, in denen die Grenzen des guten Geschmacks (Kuipers 2006) performativ genüsslich überschritten werden. Witzeleien rund um Geschlechtsteile, Verdauung, Menstruation und das Altern zehren mitunter vom Impetus eines Austeilens auf Kosten des Herrenclubs, der sich dergleichen auf Kosten von Frauen herausnahm (Kotthoff 2006, 2017), arbeiten mit Überspitzungen desselben und verlachen das vormals Schickliche. Historische Folien müssen in der Komik mitverarbeitet werden, da sie die Normalitäten andeuten, die komisch gebrochen werden. Im Vortrag werden Komiktechniken solcher impliziten und expliziten Thematisierungen beleuchtet und anhand von Beispielen aus der Fernsehcomedy diskutiert.

Literatur:

Burmann, Henriette (2000): Die kalkulierte Emotion der Geschlechterinszenierung. Konstanz: UVK.

Curtin, Michael (1985): A Question of Manners: Status and Gender in Etiquette and Courtesy. The Journal of modern History 3, 57: 385-423.

Kotthoff, Helga (2006): Körper, Komik und Konversation. Gender als soziale Semiotik und der Fall „Anke Late Night“ In: Petra Giess-Stüver & Gabriele Sobiech (Hrsg.): Geschlecht und Körper. Edition Czwalina (dvs Band), 57-74.

Kotthoff, Helga (2017): Humor und Geschlechterverhältnisse. In: U. Wirth (ed.): Komik. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart, 147-159.

Kuipers, Giselinde (2006): Good humor, bad taste: A sociology of the joke. Berlin&New York: de Gruyter.

Information zur Vortragenden:

Helga Kotthoff ist Professorin (i. R.) in der Germanistik/Linguistik an der Universität Freiburg. Sie beschäftigt sich seit 1988 („Das Gelächter der Geschlechter“ bei Fischer, „Spaß Verstehen. Zur Pragmatik von konversationellem Humor“ bei de Gruyter) mit Humorforschung, hat aber als anthropologische Linguistin auch viele andere Themen bearbeitet, z.B. Studien zu georgischen Alltagsritualen (z.B. „Von fremden Stimmen“ bei Suhrkamp) durchgeführt und kürzlich solche zu Schule als Kommunikationsraum: 2020 erschien der mit Vivien Heller herausgegebene Band „Interaktionsanalysen und Ethnografien im schulischen Feld“ im Tübinger Narr-Verlag. Derzeit forscht Helga Kotthoff über Textstrategien des Genderns.


Univ.-Prof. Dr. Christian Quendler

Amerikanistik, Universität Innsbruck

Queere Chimäre. Humor und Assemblage

Am Beginn seiner Ars Poetica imaginiert Horaz das Bildnis einer schönen Frau, die in Form einer Chimäre Körperteile von Pferden, Vögeln und Fischen verbindet. Während Horaz diese Chimäre als ein lustiges Gegenbeispiel diente, um Prinzipien der Einheit und Ordnung zu veranschaulichen, wandelte sie sich in der englischen Humortheorie des 18. Jahrhunderts zu einem paradigmatischen Beispiel für eine Auffassung von Humor, die in den folgenden Jahrhunderten als Inkongruenztheorie Karriere machen würde. Was dabei aus dem Blick geriet, ist, dass sich diese frühen theoretischen Ansätze und ihre Bezüge zu John Locke als eine prototypische Assemblage-Theorie lesen lassen, wie sie später im Anschluss an Gilles Deleuze und Félix Guattari entwickelt wurde. Während Queer Theory Assemblage-Theorie bereits produktiv rezipieren und integrieren konnte, fanden konzeptionelle Affinitäten zwischen Humor- und Assemblage-Theorien bisher kaum Beachtung. Eine solche Zusammenschau ist jedoch äußerst vielversprechend, da Komik ein wichtiges performatives Experimentierfeld für das Vernetzen von nicht-binären Identitätsentwürfen und Seinsweisen sein kann. Mit Rückgriff auf ältere Humortheorien und Ansätze, die nicht vorwiegend von sprachlichen Paradigmen dominiert werden, soll das heuristische Potenzial dieser Assemblage von Theorien an filmischen Beispielen veranschaulicht werden.

Information zum Vortragenden:

Christian Quendler ist Professor für amerikanische Literatur-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Innsbruck. Er ist Autor von drei Monographien, zuletzt The Camera-Eye Metaphor in Cinema (Routledge 2017), und zahlreicher literatur-, kultur- und filmwissenschaftlicher Aufsätze. Sein aktuelles FWF-Projekt "Delocating Mountains: Cinematic Landscapes and the Alpine Model" untersucht die Geschichte des Bergfilms aus transnationalen und medienökologischen Perspektiven.


Dr.in Ivana Marjanović

Kunstraum Innsbruck

Aspects of Humour and Politics of Entertainment in QueerBeograd Cabaret

As the organizer of a clandestine festival in Belgrade between 2005 and 2008, the transnational collective QueerBeograd was a major actor that contributed to the introduction of the concept of queer into the local context in the 2000s, its translation and formulation as a concept of the politics of interconnectedness. The presentation will look at the aspects of humour in the PhD dissertation “Staging the Politics of Interconnectedness between Queer, Anti-fascism and No Borders Politics. The Case of QueerBeograd Cabaret” by Ivana Marjanović (2017).

The dissertation focuses on the collective’s artistic-activist project QueerBeograd Cabaret. I develop the thesis that the activist cabaret enabled an elaboration in the articulation of the politics of interconnectedness through the process of staging. Staging the politics of interconnectedness, or, the practice of performance as political organising and artistic activist practice, created a shared space between queer, anti-fascism and no-borders politics as a productive space of potentiality and tension, generating a path towards the horizon of a political imagination beyond capitalism.

Through transnational networking of queercore movement (for instance Queeruption), cabaret, or more precisely queer cabaret, traveled across borders. With its usage of humor and entertainment it became a popular form of political action for the festival, however these strategies also have had their local histories. Furthermore, cultural memory/imagination about Weimar Cabaret was symbolically revisited at QueerBeograd Cabaret as a tool for enunciation of anti-fascist critique through the rearticulation of “anti-fascist” form (cabaret) and method (leftist satire).

Information zur Vortragenden:

Ivana Marjanović born in Belgrade, Yugoslavia; Art historian, art and cultural studies researcher, author, curator and cultural producer; Currently artistic and managing director KUNSTRAUM INNSBRUCK as well as co-editor of Online Magazine by Migrant Women for Everyone / migrazine.at (since 2019). Artistic and managing director - WIENWOCHE festival for art and activism in Vienna (2016, 2017, 2018); co-founder and co-curator of the Kontekst Gallery in Belgrade (2006-2009). Graduated Art History, Faculty of Philosophy, University of Belgrade (2005). PhD of Philosophy, Department for Art and Cultural Studies, Academy of Fine Arts Vienna (2017).


Univ.-Ass.in Katharina Lux, M.A.

Erziehungswissenschaft, Innsbruck

Eine intellektuelle Lust. Satire und polemische Kritik in Theoriediskussionen der deutschsprachigen autonomen Frauenbewegung

In der deutschsprachigen autonomen Frauenbewegung der 1970er und 1980er Jahre wurden Witz und Satire nicht nur eingesetzt, um hegemoniale Meinungen einer Öffentlichkeit zu kritisieren, von der sich die Bewegung abgrenzte. Vielmehr wurde auch zum Mittel der Satire gegriffen, um die Positionen anderer Feministinnen innerhalb der gemeinsamen Bewegung zu kritisieren. Ein Beispiel dafür ist die Zeitschrift Die Schwarze Botin (1976 bis 1987), die sich ihrem Selbstverständnis nach der Satire verschrieb. Dabei waren ihr Satire und Polemik nicht Mittel, um alltägliche Missstände zu kritisieren, sondern Waffen der Kritik zur Intervention in die intellektuellen Auseinandersetzungen um feministische Theoriebildung und Literatur. In meinem Vortrag werde ich anhand von Beispielen die Möglichkeiten und Grenzen von Satire und Polemik für feministische Kritik diskutieren.

Information zur Vortragenden:

Katharina Lux ist Universitätsassistentin am Institut für Erziehungswissenschaft und Kollegiatin des Doktoratskollegs Geschlecht und Geschlechterverhältnisse in Transformation: Räume – Relationen – Repräsentationen der Universität Innsbruck. Sie forscht zur Geschichte der Frauenbewegungen und der feministischen Theoriebildung. Ihre Dissertation zum Kritikprogramm der Zeitschrift Die Schwarze Botin wird voraussichtlich im Herbst 2021 erscheinen.


Prof.in Dr.in Nikita Dhawan

Politikwissenschaft, Universität Gießen

Das Recht zu provozieren: Redefreiheit, Hate Speech und die Politik der Zensur

Der Vortrag befasst sich mit der Spannung zwischen Redefreiheit und Hassrede. Die Meinungsfreiheit ist als einer der Eckpfeiler liberaler Demokratie in nahezu allen Verfassungen garantiert und geschützt. Sie ist begleitet von der Hassrede. Fällt Hassrede unter die Redefreiheit? Oder ist es angemessen, sie zu kriminalisieren? Hassrede (hate speech) bezeichnet sprachliche Ausdrucksweisen von Hass, zum Beispiel antisemitische, sexistische, rassistische, homophobe Äußerungen, deren Ziel die Herabsetzung und Verunglimpfung bestimmter Personen oder Personengruppen ist. Folgende Fragen werden thematisiert: Wann ist ein Sprechen rassistisch/antisemitisch und wer legt dies wie fest? Ab wann sind Sprech- und Darstellungsverbote legitim? Wer setzt diese durch?

Information zum Vortragenden:

Nikita Dhawan ist Professorin am Institut für Politikwissenschaften und Gender Studies an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Ihre Forschungs- und Interessenschwerpunkte liegen in den Bereichen des Transnationalen Feminismus, der Globalen Gerechtigkeit, der Menschenrechte sowie der Demokratie und Dekolonisierung. Sie erhielt 2017 den Käthe Leichter-Preis.


Denice Bourbon

Denice Bourbon, lesbisch/queere Performerin, Autorin, Musikerin, Moderatorin, DJ und Podcasterin (Now, Back to Me!), hat 2017 PCCC* mitbegründet und zeigt seither, dass politisch korrekt und lustig einander nicht ausschließen. Sie verwendet Humor und Unterhaltung als aktivistisches Werkzeug, um auf politische Themen aufmerksam zu machen.

Bücher: Cheers! Stories of a Fabulous Queer Femme in Action. Wien: Zaglossus Verlag, 2013.

 

Malarina

Malarina wurde in Picka Materina ohne Autobahnanschluss, Serbien, geboren. Ihre Eltern sind als Gastarbeiter nach Österreich gekommen, ihr Aufenthalt sollte zeitlich begrenzt sein, bis sich die serbische Wirtschaft erholt. Als die Eltern diese Hoffnung schließlich aufgaben, holten sie ihre Kinder nach und erzogen diese im schönen Innsbruck. 2011 flüchtete Malarina schließlich in die Hauptstadt der Misanthropie, Wien, um die Tiroler Erwartungshaltung in Sachen Freundlichkeit nicht weiter zu enttäuschen. Studiert hat sie/tut sie Langzeit/ Komparatistik an der Uni Wien. Mit dem Abschluss des Studiums lässt sie sich noch Zeit, weil sie sich die Option offen halten will später noch in die Politik zu wechseln und nicht überqualifiziert sein möchte, wenn es endlich soweit ist. Seit 2019 versucht Malarina durch das Kabarett zur Völkerverständigung zwischen den Schwabos, Tschuschen und Elite-Tschuschen beizutragen.

Website: https://www.facebook.com/La.Malarina/

 

Lia Sudermann

Lia Sudermann arbeitet in Wien und Innsbruck als Künstlerin in den Bereichen Theater, Performance und Video. 2015 machte sie ihr Diplom an der Kunsthochschule für Medien Köln und studiert seit 2018 im Master Critical Studies an der Akademie der bildenden Künste Wien. Sie ist Mitglied des Kunst- und Performancekollektivs Postmodern Talking und konnte Erfolge mit zahlreichen Bühnenstücken, Lecture Performances, Stand-Up Comedy, Videoarbeiten und als Dokumentarfilmerin feiern.

Website: https://www.liasudermann.com

 

PCCC* - Political Correct Comedy Club

'Punch up – but don't kick down!' PCCC* - kurz für Politically Correct Comedy Club aus Wien beweist seit 2017, dass Humor auch anders geht. Ausverkaufte Shows, Stand-up aus unterschiedlichsten Perspektiven, ganz ohne abgedroschene Klischees. Die Abende sind getragen von der Power und den Geschichten der Performer*innen.

Website: https://www.facebook.com/PCCC.Queer.Comedy.Club/

 

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