Grundsätzliches

Ausgangspunkt des Lehr- und Forschungsbetriebes am Institut für Systematische Theologie mit seinen Fächern "Fundamentaltheologie", "Dogmatische Theologie", "Moraltheologie", "Christliche Gesellschaftslehre", "Spirituelle Theologie" bildet eine Vision der Kirche, die sich aus der programmatischen Zuordnung der beiden Konzilskonstitutionen Lumen gentium und Gaudium et spes ergibt. Die entscheidende methodische Folgerung daraus zielt hin auf die Formulierung systematisch-theologischer Erkenntnis und sich daraus ergebender normativer Lebensorientierung im Kontext der gesellschaftlichen und pastoralen Tatsachen sowie Interpretation derselben im Zusammenhang mit der Glaubenswahrheit. Im Anschluss an die heilsgeschichtliche Sicht, die bei diesem Konzil neu entdeckt wurde, wird von den meisten MitarbeiterInnen des Instituts der Begriff "Heilsdrama" als umfassender Rahmen zur Deutung der Gegenwart und der Geschichte gewählt. Er entspringt dem biblischen Glauben, dass Gott durch Christus und den Hl. Geist in der jeweiligen Gegenwart sich selber mitteilt und in einem dramatischen Ringen mit der geschöpflichen Freiheit das Ziel verfolgt, Menschen in der Geschichte zu einer "Menschheitsfamilie" (Gaudium et spes = GS 1) zu führen und durch den Tod hindurch in der Ewigkeit zu vollenden. Dieser kommunikative, auf die Vollendung der Schöpfung hin ausgerichtete Grundtenor des "Heilsdramas" verharmlost die konfliktuellen Zuspitzungen, Katastrophen und Brüche des menschlichen Lebens und der Geschichte keineswegs. Im Gegenteil: In der Menschwerdung seines Wortes ist Gott in Christus in die Eigengesetzlichkeit einer durch Endlichkeit, Versagen und Schuld gekennzeichneten Welt eingetreten und ihr sogar zum Opfer gefallen. Die prophetische Auseinandersetzung um die wahre Gestalt Gottes in der Geschichte, der dramatische Konflikt im Geschick Jesu und deren Lösung setzen sich fort in der Geschichte des Christentums und in der Auseinandersetzung um die Gestaltung und theologische Beurteilung der Gegenwart. Die vom Zweiten Vatikanischen Konzil vorgeschlagene Theologie der "Zeichen der Zeit" (GS 4) stellt eine methodische Hilfe zur begrifflichen Präzisierung dieses Prozesses dar. "Zeichen der Zeit" können sowohl im Kontext der kulturellen Strömungen der jeweiligen Gegenwart, als auch jener langfristigen Gesetzmäßigkeiten im religiösen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Leben wahrgenommen werden, die das menschliche Leben und Zusammenleben nachhaltig prägen.
 
An den folgenden Phänomenen der heutigen Welt und Kirche können unserer Meinung nach paradigmatisch jene Verdichtungen von Heil und Unheil, damit auch jene "Zeichen der Zeit" abgelesen werden, die für die Gestalt der gegenwärtigen systematischen Theologie von entscheidender Bedeutung sind:

 
  •  Ausgehend von Modellen der Biologie zeichnet sich in allen Bereichen des Wissens, bis hin zur Erkenntnislehre und Wissenschaftstheorie, eine evolutionäre Deutung der Welt ab, es entsteht ein neues Paradigma der Weltdeutung.

 

  •  Die bisher getrennten Geschichten vieler Völker wachsen zu einer einzigen Geschichte der Menschheit zusammen (Globalisierung).

 

  • Durch die naturwissenschaftlich-industrielle Entwicklung greifen die Menschen immer mehr in das Geschick der ganzen Menschheit ein (Genmanipulation, Nanotechnologie, Möglichkeit der Selbst- und Weltvernichtung, indirekte Veränderung der Menschen durch Transformation der Umwelt, etc.) und beginnen ein Experiment mit sich selber.

 

  • Die Kommunikation zwischen den Völkern vollzieht sich vor allem durch die weltweite Marktwirtschaft und die elektronischen Medien, die auch den politischen, kulturellen und religiösen Bereich in ihren Bann ziehen. Den traditionellen Religionen und Kirchen bietet sich dadurch einerseits eine noch nicht da gewesene Chance der Mission an; die Eigengesetzlichkeit der medialen Welt nivelliert aber anderseits die Eigenart und die spezifische Motivationskraft dieser Religionen.

 

  • Im politischen Bereich ist der gesellschaftliche Diskurs weltweit durch die Orientierung an den Menschenrechten und der Demokratie geprägt. Dieser führt zu nachhaltigen Veränderungen traditioneller Muster, vor allem im Geschlechterverhältnis und des gesellschaftlichen Ortes verschiedener Minderheiten. Wenn dieser Diskurs in Rhetorik abzugleiten droht und die kulturell-religiösen Voraussetzungen des liberalen Verfassungsstaates - wie sie das Böckenförde-Paradox formulierte -, überspielt werden, steht jeder normative Begriff vom Menschen, der den Menschenrechten und der Demokratie zu Grunde liegt, in Frage.

 

  • Vor dem Hintergrund von zwei schrecklichen Weltkriegen im letzten Jahrhundert schien mit dem Ende des Ost-West-Konfliktes der globale Transformationsprozess weitgehend in friedlichen Bahnen zu verlaufen. Die gewaltfreien Revolutionen in den Ländern des ehemaligen Ostblocks, auf den Philippinen und in Südafrika sind eindrucksvolle und historisch einmalige Zeichen einer Absage an den Einsatz von Gewalt als Mittel der Konfliktlösung.

 

  • Andererseits weisen gerade die Kriege in Ex-Jugoslawien und die Bürgerkriege in Afrika, vor allem aber der Terroranschlag vom 11. September 2001 und der darauf folgende "Krieg gegen den Terror" – etwa in Afghanistan und dem Irak – darauf hin, dass der "befriedende" Einfluss der Marktwirtschaft seine Grenzen hat. Die inneren Zerfallsprozesse in den Ländern des Westens, die sich etwa in der latenten Gewaltbereitschaft bei vielen Jugendlichen manifestieren, die regelmäßigen Gewalteruptionen, die den politischen Willensbildungsprozess im Kontext der Globalisierung begleiten, schlussendlich die Radikalisierung des Konfliktes: Israel – Palästina zeugen von der massiven Rückkehr der Gewalt ins gesellschaftliche Leben zu Beginn des dritten Jahrtausends.

 

Der öffentliche Diskurs über Religion wird allzu oft im Kontext der Problematik dieser Rückkehr der Gewalt geführt. Das Vorurteil "Religion erzeugt Gewalt" verführt dann zur Reduktion komplexer Konfliktsituationen auf einfache Formeln. Die organisierten Religionsgemeinschaften werden einseitig in die Rolle kultureller Sündenböcke gedrängt, das Bewusstsein vom friedensstiftenden Potenzial der Religion schwindet. Da die Gegenwart auch durch ein weltweites Erstarken religiöser Gemeinschaften geprägt ist, dieses Faktum aber einseitig als Erstarken des Fundamentalismus interpretiert wird, verschärft sich vor diesem Hintergrund die Frage nach dem jeweiligen Verhältnis religiöser Überzeugungen zu Gewalt, und auf diesem Hintergrund nach dem Umgang der von den Überzeugungen getragenen religiösen Gemeinschaften mit Andersgläubigen. In diesem Zusammenhang sollten all jene Bemühungen nicht übersehen werden, in denen Religionen sich um Frieden und eine gemeinsame Weltverantwortung bemühen. Eine solche Initiative stellt das Parlament der Religionen der Welt von 1893 dar, ebenso wie dessen Wiederbelebung im Rahmen des Projektes Weltethos hundert Jahre später. In dieser Welt ist die Kirche, die zu einer Weltkirche geworden ist, trotz aller Sündhaftigkeit und allen Versagens (vgl. UR 3, LG 8) ein Zeichen für das Handeln Gottes. Zu den neueren Ereignissen in der Kirche selber, von denen her wir die gegenwärtige Geschichte der Menschheit deuten wollen, gehören vor allem:


 

  • Das Zweite Vatikanische Konzil: Es bekennt sich zur Religionsfreiheit (DH), bietet eine inkarnatorische Sicht der menschlichen Geschichte an (DV), versteht die Kirche als Sakrament für die Vereinigung (aller) Menschen mit Gott und untereinander (LG 1) und stellt ein Wechselverhältnis her zwischen der dogmatischen Innensicht der Kirche (LG) und der pastoralen Sicht auf die ganze Welt (GS).

 

  • Die seit dem Konzil stattfindende kontinuierliche Deutung der christlichen Mission durch das kirchliche Lehramt in den Kategorien des Dialogs und des Einsatzes für Gerechtigkeit und Menschenrechte.

 

  • Die beiden Treffen in Assisi (1986/2002), bei denen – auf Initiative von Papst Johannes Paul II. – sich zum ersten Mal in der Geschichte führende Vertreter verschiedenster Religionen zum Gebet um den Frieden getroffen haben. Auch wenn die Form und der Inhalt der Gebete in den Religionen der Menschheit verschieden sind, und diese der liberalen Versuchung einer Nivellierung zur Einheitsreligion widerstehen müssen, verdichtet sich im interreligiösen Dialog und im interreligiösen Handeln – gerade hinsichtlich der Friedensproblematik – der Glaube an das Handeln Gottes in unserer Gegenwart.

 

  • Das Schuldbekenntnis und die Vergebungsbitten der Katholischen Kirche von Papst Johannes Paul II. zu Beginn des dritten Jahrtausends am ersten Fastensonntag (12. März) 2000. Mit diesem Gottesdienst nahm die Kirche Abstand von der Versuchung der Tabuisierung kirchlicher Schuld, sie präzisierte die Auffassung des 2. Vatikanischen Konzils von der Heiligkeit der Kirche gerade im "dramatischen Kontext" der Auseinandersetzung um die Wirklichkeit des Heils in unserer Welt und rückte das genuin theologische Verständnis der Sünde in den Vordergrund, das die Sünde nicht im Kontext einer Anschuldigung sondern der vergebenden Gnade zu bekennen vermag.

Auf dem Hintergrund solcher Entwicklungen und Ereignisse fokussiert der Lehr- und Forschungsbetrieb am Institut für Systematische Theologie die Frage nach der Identität des christlichen Glaubens im Kontext katholischer Kirchlichkeit. Entgegen den Versuchungen, diese in Form der Extreme zu behandeln, den Katholizismus mit einer verengten fundamentalistischen Reaktion auf die gegenwärtige Welt, oder aber der nivellierenden Weite einer liberalen Anpassung an die herrschenden Trends zu identifizieren, wird im Institut durch die heilsgeschichtliche Sicht und auch durch den Begriff des Dramas der Aspekt des Ringens um eine solche Identität in den Vordergrund gerückt. Religion gehört zum unverzichtbaren Integrationsfaktor des gesellschaftlichen Lebens, ihre inhaltliche Gestalt muss in einem dauernden Auseinandersetzungsprozess – zu dem die theoretische Reflexion unverzichtbar gehört – gewonnen werden. Auch wenn der Ausgang des Ringens offen ist, so steht doch die heilsgeschichtliche Sicht für das Zeugnis eines grundsätzlichen Sieges über das Böse in Christus und für eine stückweit geglückte, weil gelebte und erlittene kirchliche Identität. Diese schlägt sich nieder u.a. in der rationalen Rechenschaft des Glaubens, der dogmatischen und spirituellen Tradition und der Moral- und Soziallehre der Kirche, auf der die Gebiete der am Institut vertretenen Fächer aufbauen. Sie gehören gemäß den kirchlichen Bestimmungen (vgl. c 252 § 3 CIC; Sapiens Christiana und Durchführungsverordnung zu Sapiens Christiana: SC InstCath, Ordinationes vom 29. April 1979, in: AAS 71 [1979], S. 500-521, Art. 51) zu den Disziplinen einer jeden Theologischen Fakultät.