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1. Anthropologie: Wie frei ist der Mensch?

Theologisch muß dem Menschen eine ursprüngliche Freiheit zugesprochen werden, damit er ein verantwortlicher Ansprechpartner Gottes sein kann. Anderseits ist zu berücksichtigen, daß der Mensch in seiner Freiheit vielfach gebunden ist; vieles Leid geht grundsätzlich auf Menschen zurück, ohne daß es einfach dem bösen Willen und bewußten Versagen einzelner in die Schuhe geschoben werden kann, ­ als Resultat kollektiver Prozesse, deren Steuerung den daran Beteiligten entglitten ist. Eine theologische Anthropologie, die dem nicht gerecht wird, tendiert auf gefährliche Weise zu einer moralistischen Überforderung der Menschen.

Innerhalb dieser Spannung können die beiden zu diskutierenden Ansätze lokalisiert werden. Während Rahner auf der prinzipiell unverlierbaren menschlichen Freiheit als theologischer Grundvoraussetzung beharrt, beschreibt Girards Theorie auf eindringliche Weise die kollektiven Wechselwirkungen, in denen Menschen sich verfangen und so ihre Fähigkeit zu gutem und friedvollem Handeln einbüßen.

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