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Inhaltliche Zusammenfassung

"Globale Ethik, der Dialog der Kulturen und die europäische Perspektive"

 

 

 

 

 

 

Ethik und Globalisierung

Fragen der Ethik stoßen durch die Globalisierung und die Diskussionen über Sinn- und Orientierungskrisen erneut auf großes Interesse. Probleme des „richtigen Handelns“ stellen sich in allen Bereichen in einer von Wissenschaft, Technik und Ökonomie geprägten Gesellschaft. Die Weltwirtschaft steht vor neuen und schwierigen Herausforderungen, weil sie von ihren Strukturen her gerechter gestaltet werden muss. Individuelle Wohltätigkeit und einzelne Hilfsprojekte, so unverzichtbar sie auch sind, reichen dazu nicht aus. Es braucht die Partizipation vieler Staaten und die Autorität internationaler Einrichtungen, um zu einem gerechteren Ausgleich zu gelangen. Die durch ökologische, ökonomische und technische Risiken notwendig gewordene Gemeinschaftsverantwortung im globalen Maßstab kann heute nicht nur auf der Grundlage von Appellen erreicht werden, sondern nur durch die Verwirklichung des Prinzips einer konkreten Humanität.

Heute treten immer mehr drei Aufgabenfelder in den Vordergrund, für die ein dringender globaler Handlungsbedarf besteht: eine globale Rechts- und Friedensordnung zur Überwindung der globalen Gewaltbereitschaft, ein fairer Handlungsrahmen für die globale Kooperationsgemeinschaft, der die Sicherung der sozialen und ökonomischen Mindestkriterien umfasst und die Klärung bzw. Konkretisierung dessen, was durch Hunger und Armut als großes Problem gesehen wird: globale Gerechtigkeit, globale Solidarität und globale Humanität. Ein mögliches Modell zur Lösung dieser Fragen könnte das „Projekt Weltethos“ von Hans Küng sein, das von drei wesentlichen Postulaten ausgeht:

 „Kein Überleben ohne ein Weltethos,

Kein Weltfriede ohne Religionsfriede,

Kein Religionsfriede ohne Religionsdialog.“

Im Mittelpunkt dieses Projekts steht der Grundkonsens aller Religionen und Kulturen über gemeinsame Werte, Haltungen und Maßstäbe, die alle Menschen in ihren eigenen Traditionen wieder finden sowie die Verpflichtung auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit, der Solidarität, der Toleranz und Partnerschaft von Mann und Frau. Unter Weltethos wird keine neue Ideologie, auch keine einheitliche Weltreligion jenseits aller bestehenden Religionen verstanden, auch nicht die Herrschaft einer Religion über alle anderen, sondern der bereits erwähnte Grundkonsens.

Dialog der Weltreligionen und Kulturen

In einem engen Konnex mit Problemen einer globalen Ethik steht auch die Frage des Verhältnisses zwischen Religionen und Kulturen, droht hier doch die Gefahr fundamentalistischer Bewegungen. Die Forderung nach mehr Demokratie und Menschenrechten wird allein nicht ausreichen, um die Kommunikation zwischen den Kulturen aufrechtzuerhalten und den Dialog positiv weiter zu entwickeln. Der interkulturelle Dialog ist aber die Voraussetzung dafür, die Eskalation von Kulturkonflikten zu vermeiden. Dem europäischen  Kontinent kommt zweifelsohne in seiner kulturellen Vielfalt und wegen seiner Integrationsleistungen der politischen Kulturen eine wichtige Rolle bei ihrer Vermittlung zu. Als fast ausschließlich westlich geprägter Kontinent hat Europa den Modernisierungsprozess entscheidend beeinflusst. Die Geschichte Europas zeigt weiters, dass dieser Kontinent ein großes Erfahrungspotential in Sachen konfliktarmer und konfliktträchtiger Nachbarschaft verschiedener Kulturen besitzt und daher auch Bewältigungsstrategien von Spannungen entwickeln konnte.

Europäisches Toleranzmodell

Im zukünftigen Europa, wo heute Menschen verschiedenster Kulturkreise leben, ist eine Kultur der Toleranz von größter Bedeutung. Gefragt ist die Entwicklung eines europäischen Toleranzmodells, in dem die kulturelle Identität bewahrt und die Kultur der Andersdenkenden respektiert werden. Nur auf dieser Basis kann eine interkulturelle Verständigung auch im globalen Maßstab funktionieren. Ein solches Toleranzmodell als Antwort auf den „Zusammenprall“ der Kulturen (Samuel Huntington) kann nur dann funktionieren, wenn die Politik über die Fortschreibung des klassischen Instrumentariums der Machtpolitik hinaus gelangt. Ein europäisches Modell  der kulturellen Koexistenz muss anerkennen, dass die von Europa ausgehenden Modernisierungsprozesse einen Zwang zur Selbstbehauptung anderer Kulturen ausgelöst haben.

Die Politik und die internationalen Organisationen erfüllen diese wichtige Aufgabe einer Vermittlung zwischen den Kulturen kaum. Sie sind vor allem auf die Regelung technischer Systemprobleme von Wirtschaft und Politik ausgerichtet. Eine wichtige Herausforderung und Aufgabe für die Politik der Kulturen im Europa der Zukunft ist daher, diese Organisationen so zu gestalten, dass sie den Angehörigen der fernöstlichen Kulturen, der islamischen Welt, aber auch Afrikas und Lateinamerikas nicht als Instrumente der westlichen Hegemonie, sondern als Verfahren der kulturellen Verständigung erscheinen. Nur der Dialog der Kulturen und der Weltreligionen kann diese Perspektiven integrieren und gemeinsame Möglichkeiten aufzeigen, wie die Zukunftsprobleme Europas gelöst werden können.

Helmut Reinalter