FORSCHUNGEN AN DER VIA CLAUDIA

BIBERWIER:
Die Ausgrabungen in der römischen Siedlung 1999 und 2000

Karte des Raumes Fernpaß - Biberwier - Lermoos mit Verlauf der Via Claudia
Karte mit Lage der Siedlung und Verlauf der Via Claudia Augusta

Bei Prospektionen im Zuge eines Projektes zur Erforschung der römischen Staatsstraße Via Claudia Augusta, das vom Institut für Klassische Archäologie der Universität Innsbruck durchgeführt wird, wurde 1998 eine römische Siedlungstelle mit einer Fundsteuung von ca. 2 ha in Biberwier entdeckt. 1999 und 2000 erfolgten Ausgrabungen, bei denen eine Gesamtfläche von 407,5 m2 aufgedeckt worden ist. Weiters wurde eine geophysikalische Prospektion mittels Magnetfeldmessung und Widerstandsmessung vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege vorgenommen. Das hierbei gewonnene Magnetogramm lieferte jedoch nur geringe neue Hinweise.


Grundriß des Holzpfostenbaus

Ein 1999 entdeckter Holzpfostenbau konnte in der Kampagne 2000 vollständig ausgegraben werden. Vier Reihen mit 22 Pfosten des rechteckigen Baues ergeben eine Grundfläche von 12,5 x 10 m, was ein Innenmaß von 40 zu 32 römischen Fuß bestimmt. Die meisten Pfosten wurden in den hellen Sandboden bis in eine Tiefe von 1,1 m eingetieft, und die dunklen Pfostenkernverfärbungen weisen einen Durchmesser von 40 cm auf. Umgeben sind diese Pfosten von einem Ring von Kalkbruchsteinen in zwei bis drei Lagen. Der Pfostengrubendurchmesser beträgt durchschnittlich 1 bis 1,2 m. Bei den in den hart gepreßten Grundmoränenschotter eingetieften Pfosten konnte auf den Steinversatz verzichtet werden, und auch eine Fundamentierung in einer Tiefe von ca. 0,5 m erschien als ausreichend. Die Errichtung des Gebäudes datiert durch entsprechendes Fundmaterial in frühtiberische Zeit. Eine zum Holzbau zugehöriges Bodenniveau ist aufgrund der intensiven Beackerung dieser Flur bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts und geringer Befundtiefe nicht mehr nachweisbar. Die Deutung des Holzpfostenbaus als frührömisches Streifenhaus ist aufgrund der geringen Längenentwicklung plausibel. Aber auch eine Interpretation als Wirtschaftsgebäude, wie Scheune oder Speicher, erscheint denkbar. Die Kleinfunde weisen auf eine Datierung in frühtiberische bis zumindest claudische Zeit hin.


Holzpfostenbau (Grabungsbereich 2000)

Direkt neben der Südwand des Holzgebäudes befand sich ein teilweise gestörtes Körpergrab. Das Skelett lag auf dem Rücken und war nach Osten hin ausgerichtet. Die Grabgrube ist zumindest auf den Längsseiten mit größeren Steinen eingefaßt gewesen. Eine gesicherte Datierung der beigabenlosen Bestattung wird erst nach einer Radiokarbonuntersuchung möglich sein. Derzeit erscheint eine Grablegung in der Spätantike oder im frühen Mittelalter am naheliegendsten.


Körpergrab mit Steineinfassung

Weiters wurden zwei große Abfallgruben untersucht, in welchen reiches Fundmaterial des 1. Jahrhunderts n. Chr. geborgen werden konnte. Nach den jüngsten Funden muß die Verfüllung um 100 n. Chr. abgeschlossen worden sein. Im westlichen Teil des untersuchten Geländes zeichnete sich eine Kulturschicht mit Fundmaterial des 2. und 3. Jahrhunderts ab. Somit sind im Umfeld auch jüngere römische Siedlungsspuren als der Holzpfostenbau des 1. Jahrhunderts zu vermuten.
Ein Warenetikett aus Bleiblech, welche praktisch von allen frührömischen Fundplätzen des bayerischen Alpenvorlandes bekannt sind, zählt zu den interessantesten Fundstücken aus Biberwier. Das 42 x 19 mm große Plättchen ist durchlocht und auf beiden Seiten zweizeilig beschriftet. Auf der Vorderseite sind vermutlich zwei (Händler-?)Namen eingeritzt und auf der Rückseite die abgekürzte Warenbezeichnung und der Preis, welcher 4½ Denare betrug. Eine ältere darunterliegende Beschriftung belegt die wiederholte Verwendung solcher Etiketten, was nach den Vergleichstücken z. B. aus der Station im Forggensee, wohl der üblichen Praxis entsprach.


Warenetikett

Insgesamt liegen bisher Bruchstücke von 18 Fibeln von diesem Fundplatz vor. Das Spektrum umfaßt frühkaiserzeitliche Formen, wie Fibeln vom Mittellatène-Schema und Aucissafibeln, sowie typische Fibeln des gallischen Fibelkreises des 1. nachchristlichen Jahrhunderts, die uns in Form von gestreckten Scharnierfibeln und einer Hülsenspiralfibel begegnen. Eine norisch-pannonische Doppelknopffibel und eine kleine Tutulusfibel sind ebenso vertreten. Formen, die häufig im 3. Jahrhundert getragen wurden, wie eine rechtsläufige Svastikafibel und ein Bruchstück einer Scharnierarmfibel, runden das Fibelspektrum ab. Eine Aucissafibel aus Eisen mit einem goldenen Fußknopf fällt im Fibelbestand besonders auf. Eiserne Aucissafibeln sind vorwiegend in der augusteischen Zeit häufig, wobei gerade die Verbindung des unedlen Materials Eisen mit einem goldenen Fußknopf dieses Exemplar hervorhebt.


Eiserne Aucissafibel mit Goldknopf

Als weitere Buntmetallfunde liegen ein kleiner verzierter Messergriff mit Löwenkopfende und der Stiel einer schmalen Löffelsonde aus Bronze sowie ein Schloßriegel vor. Als Zeugnisse für Handel und Warenverkehr mögen sieben eiserne Stili gelten. Nicht unerwähnt bleiben sollen eine kleine Gemme aus rotem, opaken Jaspis, in welche ein Adlerkopf geschnitten ist, sowie eine weitere aus hellblauem Chalzedon mit der Darstellung des thronenden Jupiter und ein kleiner Spielstein aus schwarzer Glaspaste.


Adlergemme

Erste Fundstücke militärischer Provenienz sind ein Ballistengeschoßbolzen und ein bronzener Ösenknopf, welcher von der Soldatenausrüstung stammt.
Das Spektrum der 82 bisher auf diesem Fundplatz geborgenen römischen Münzen erstreckt sich von Republiksdenaren des frühen 1. Jahrhunderts v. Chr. bis zu Prägungen aus der Mitte des 4. Jahrhunderts n. Chr.. Unter Vorbehalten bezüglich der noch kleinen Münzreihe erscheint derzeit eine Häufung der Prägungen von Tiberius bis zu den Flaviern. Auffällig ist auch der hohe Anteil an Silbermünzen von ca. 20 % des Gesamtbestandes.
An Terra Sigillata ist Tardo Padana (Consp. 34.2) und südgallische sowie Rheinzaberner Ware anzuführen. Die glatten Formen umfassen Näpfe, wie Drag. 24/25, 27 und 33, sowie die Tellertypen Drag. 18, 31 und 32. Ein Tintenfaß vom Typ Ludowici Aa ist ebenso vertreten wie barbotinverzierte Schälchen der Form Drag. 35/36. Erstmals in Nordtirol kann hier die sogenannte Sariusware aus Oberitalien mit den typischen Doppelhenkelschalen mit stark eingeschnürter Wand (Consp. R13.1.1) nachgewiesen werden. Eine Besonderheit stellt hierbei ein Stempelfragment dar, das zwischen Gefäßboden und Standring eingedrückt ist und nur aufgrund eines abgeplatzten Bodenteils sichtbar ist. Diese Stempelungsvariante ist durch ein Vergleichsstück vom Auerberg belegt. Reduzierend gebrannte Feinkeramik mit einer Wandstärke von nur 1-2 mm ist wohl Töpferwerkstätten in der Poebene zuzuweisen. Auch engobierte Schälchen der Form Hofheim 22 mit Barbotineverzierung, Griesbewurf oder Besenzier aus der Töpferei in Lyon/La Butte gelangten an den Fuß des Fernpasses. Auerbergware, die typische Keramik der römischen Frühzeit im Alpenvorland, ist im Fundbestand ebenso vertreten. An Schwerkeramik sind zwei Weinamphoren der Form Dressel 43 aus Kreta von besonderer Bedeutung. Fragmente von Firma- und Bildlampen konnten ebenfalls geborgen werden. Die zahlreichen Glasfragmente umfassen Rippenschalen (Isings 3b) aus hellblauem, grünlichem und bernsteinfarbenem Glas, Knospenbecher (Isings 31) aus gelbgrünem Glas, farblose Becher mit Facettenschliff (Isings 21) und vierkantige Krüge (Isings 50) aus blaugrünem Glas. Rot überfärbte Ware, Terra Nigra sowie grobe Gebrauchskeramik runden das Fundspektrum dieser Siedlung ab.
Auffällig am Fundstoff aus dem Bereich der römischen Straßenstation in Biberwier ist der hohe Romanisierungsgrad schon in der Frühzeit der römischen Besetzung. Dies scheint besonders bemerkenswert, wenn man die noch stark von indogenen Elementen geprägten zeitgleichen Körpergräber aus Ehrwald betrachtet. Deutliche Einflüsse aus den gallischen Provinzen zeigen sich sowohl in der importierten Feinkeramik wie auch in den Trachtbestandteilen (Fibeln). Aber auch der Handel über die Via Claudia Augusta ist mit Tafelgeschirr aus Oberitalien und kretischem Wein nachweisbar.
Schon nach diesen kleinen Sondiergrabungen kann ein erster Versuch zur Interpretation dieser Siedlungsstelle unternommen werden. Die Lage direkt neben der Via Claudia Augusta, auf einer leichten Erhöhung zwischen dem Bohlenweg durch das Lermooser Moos und dem beginnenden Anstieg zum Fernpaß bei der Überquerung der Ach, stellt wohl den idealen Platz für eine Straßenstation des cursus publicus dar, wo Zugtiere ausgetauscht oder für den steilen Anstieg als Vorspann zugegeben wurden. Natürlich ist diese Interpretation erst durch weitere Untersuchungen zu bestätigen. Das Fundspektrum zeigt deutliche Parallelen zum frührömischen Handelsplatz bei Dietringen im Forggensee, wobei jedoch in Biberwier das Siedlungsende nicht im Umfeld des Bürgerkriegs von 69 n. Chr. anzunehmen ist, sondern durch den Vorspannbedarf auf der Fernpaßrampe eine Straßenstation zumindest bis ins 4. Jahrhundert voraussetzt. Die längerfristige Besetzung wird auch durch die Baugeschichte des nur 500 m entfernten Abschnittes der Via Claudia Augusta als Bohlenstraße mit Schotterfahrbahn durch das Lermooser Moor unterstützt. Kontinuierliche Baumassnahmen sind hier von 46 n. Chr. bis ins Jahr 374, mit einer Unterbrechung in der Mitte des 3. Jahrhunderts dendrochronologisch nachweisbar. Zwischen 260 und 270 n. Chr. verödete die Straßentrasse durch das Moor (nächste Baumaßnahme 279 n. Chr.), was vermutlich auch Einflüsse auf und Parallelen zur Situation der Siedlung in Biberwier hatte.
Die Bedeutung dieser neuen Fundstelle wird deutlich, wenn man in Betracht zieht, daß im Transitland Tirol, welches schon in römischer Zeit von zwei großen Alpentransversalen durchzogen wurde, bis heute noch keine römische Straßenstation genau lokalisiert und archäologisch untersucht werden konnte. Zum zweiten sind auch Baureste aus der 1. Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. in Nordtirol bisher noch nicht aufgedeckt worden. Somit besteht mit der römischen Siedlung in Biberwier erstmals die Möglichkeit die Frühzeit der römischen Herrschaft genauer zu erforschen und beurteilen.

Kontakt: Gerald Grabherr


Literatur:

Fundber. Österr. 37, 1998, 828 f.
Fundber. Österr. 38, 1999, 870 f.
Fundber. Österr. 39, 2000, 689 f.
G. Grabherr, Ad radices transitus Alpium - Eine neuentdeckte römische Siedlung in Biberwier, Tirol. In: L. Wamser (Hrsg.), Neue Forschungen zur römischen Besiedlung zwischen Oberrhein und Enns. Kataloge der Prähistorischen Staatssammlung Beiheft 6 (im Druck).



Text und Photos: Gerald Grabherr
© Institut für Archäologien / Klassische und Provinzialrömische Archäologie, Universität Innsbruck, 2003
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