Jahrestagung der Kommission Pädagogische Anthropologie der DGfE zum Thema „Begeisterung“ vom 3./4. bis 6.10.2021

Ein Kurzbericht

Es war gleich spürbar, in Innsbruck weht ein anderer Wind, der Föhn als warmer Fallwind fegte von den Bergen über den Vorplatz des Hauptcampus unserer Universität als Treffpunkt der Teilnehmer*innen, die aus Deutschland, der Schweiz, aus Griechenland, Kanada/USA, China und natürlich auch aus Österreich angereist waren. Mit dem Gemeinschaftsbus ging es um 13 Uhr weiter Richtung Universitätszentrum Obergurgl und nach einer warmen Suppe zum Workshop in den Hörsaal für die Nachwuchswissenschaftler*innen, während alle anderen die Natur des Tagungsortes mit einem Wanderführer erkundeten.


Bild 1

 

Nach Rückkehr, Sauna und köstlichem Abendessen gab es ein Podiumsgespräch zum Thema „Virtualität“ mit Beiträgen von Norm Friesen (Boise/USA), Sabine Krause (Innsbruck) und Christoph Wulf (Berlin) mit reger Diskussion und dem Ergebnis, das Thema weiter fortführen und zu einem der nächsten Kommissionstagungen machen zu wollen. 

Nach der PreConference am Sonntag begann am Montag dann die Jahrestagung der Kommission zum Thema „Begeisterung“ und eröffnet hat Johannes Bilstein/Köln mit dem Vortrag Welcher Geist ist hier gemeint? gefolgt von Christoph Wulf/Berlin mit Imagination und Begeisterung. Thesen zu einem komplexen Verhältnis. Während Bilstein online zugeschaltet war, was auch für Hanne Seitz/Berlin am Dienstagabend galt, sprachen alle anderen Referent*innen in Präsenz vor Ort.

 

   

 Bild 2Bild 3

 

Bild 4Bild 5

 

Bild 6Bild 7

 

Bild 8Bild 9

 

 

Inhaltlich stellte sich rasch heraus, dass es sich bei „Begeisterung“ um ein äußerst ambivalentes Thema handelt: Einerseits wird damit die motivationale Grundlage menschlichen Handelns angesprochen, die Frage also, warum Menschen tun, was sie tun, sprich auf welchen Beweggründen ihr Verhalten, Handeln und Erleben beruht; andererseits ist diese Bedingung pädagogischen Handelns eben auch der Manipulation, Ausbeutung und Korruption ausgesetzt.

Der deutsche Begriff „Begeisterung“ taucht im 17. Jahrhundert auf und versucht einen deutschen Ausdruck für das lateinische inspiration einzuführen, das den Eingriff eines außermenschlichen Geistes – spiritus – auf das menschliche Leben beschreiben sollte und dabei auf die Metaphorik des Anfüllens zurückgriff. Inspiration benennt also den Einzug des Geistes in den Menschen und dies führt wiederum auf die griechische Tradition des Enthusiasmus zurück, worunter auch gemeint war, dass für menschliches Handeln eine außermenschliche, letztlich göttliche – theou – Einwirkung grundlegend ist.

Begeisterung – Inspiration – Enthusiasmus: Immer wird damit das Einwirken äußerer, nicht allein rationaler Kräfte (eines Geistes, eines Gottes, eines Volkes, einer Maschine usw.) auf die Beweggründe des menschlichen Handelns zu benennen versucht, wobei hierbei theorie- und begriffsgeschichtlich den Künsten eine entscheidende Rolle zukommt. 

Die hier angerissenen Problemkonstellationen sind auch in Zeiten weitgehend säkularisierter, nicht mehr transzendent begründeter Weltbilder keineswegs erledigt. Die Frage, was der (eigentliche) Beweggrund menschlichen Lebens ist, gewinnt vielmehr gerade durch den Wegfall religiöser Deutungsmuster an Brisanz.  

Wenn wir wirklich versuchen wollen, das Rätsel des Humanen (E. Morin) zu verstehen, dann genügt es nicht, über Korrelationen, Wenn-Dann-Beziehungen und Handlungskonstellationen nachzudenken. Was bleibt ist die Frage nach dem „warum?“ und damit nach den außerhalb der menschlichen Verfügungsgewalt liegenden Einflussfaktoren. Jenseits aller Messungen und Förderung konkreter Kompetenzen benennt die Frage nach dem „woher?“ und dem „wie?“ der Beweggründe menschlichen Handelns eine theoretische, anthropologische und pädagogisch-anthropologische Kernproblematik, die aus den entsprechenden Theorie-Diskursen nicht ausgeklammert werden sollte.

Daraus ergeben sich eine Reihe von Fragestellungen wie z.B.

  • Welche Beweggründe menschlichen Handelns unterstellen wir unseren Theorie-Modellen?
  • Wie lässt sich der Einfluss des Unwägbaren, Unplanbaren auf menschliches Leben sinnvoll in anthropologischen Modellen erfassen?
  • Welche normativen Unterstellungen sind mit der Annahme von Motivationen verbunden?
  • Wie lässt sich in konkretem pädagogischem Handeln Begeisterung feststellen, befördern oder eindämmen?
  • Wie lassen sich die nicht-rationalen Anteile im pädagogischen Handeln verstehen und zur Sprache bringen?

Diese und weitere Fragen waren für die Vorträge und Diskussionen leitend, die nach vier Schwerpunkten gegliedert waren: Geschichte, Theorie, Bergiff; Emotionen, Affekte, Wirkungen; Phänomene, Gegenstände, Praktiken sowie Kultur, Tanz und Theater. Am Ende stellte sich heraus, dass das ambivalente Thema und Phänomen Begeisterung jedenfalls keine reine „Geist-Figur“ ist, sondern durch die Wahrnehmung von Materialität/en und den sinnlichen Umgang damit ebenso entstehen kann wie durch Kulturtechniken, handwerkliche Tätigkeiten oder verschiedenste Bewegungs- und Aufführungsformen (z.B. Tanz oder Theater), d.h. durch alles, was danach verlangt, ganz bei der Sache zu sein, ohne dabei der Manipulation, Ausbeutung, Korruption und dem Fanatismus Tür und Tor zu öffnen.

Der Grat zwischen Hingabe, Konzentration und Passion, Obsession, Fanatismus und Gewalt ist schmal und gleichzeitig gibt es auch Menschen, , die sich für nichts erwärmen lassen und stoisch bleiben, Coolness zeigen und resistent gegenüber jeder Art von Schwärmerei, Übertreibung, maßlosem Handeln oder Extremismus sind, Bartleby der Schreiber von H. Melville wäre hierfür ein Beispiel. Beides, Fanatismus und Apathie, stellt pädagogisches Handeln nicht nur auf eine harte Probe, sondern hinterfragt und konterkariert worin es gründet. 

 

***

 

Der Tagungsband soll im Herbst 2022 bei Beltz Juventa erscheinen.

Die Veranstaltung wurde durch das VR Forschung, das Dekanat für Bildungswissenschaften und das Institut für Erziehungswissenschaft finanziell, von Diana Lohwasser und Stefanie Jäger organisatorisch, von Sophie Schubert technisch und von Helmut Eberhöfer im Freien unterstützt.

Dafür sei allen herzlich gedankt, einschließlich dem Busunternehmen Hechenberger und der gelebten Gastfreundschaft von Alexander Zainzinger mit seinem Team im Universitätszentrum Obergurgl.

 

Bild 10

 

Innsbruck, 21. Oktober 2020                                                                                                                                               Helga Peskoller

 

Foto 1: Christoph Wulf
Foto 2: Sabine Krause
Foto 3: Rupprecht Mattig
Foto 4: Jörg Zirfas
Foto 5: Johannes Bilstein
Foto 6: Helga Peskoller
Foto 7:Ursula Stenger
Foto 8:
Stephani Howahl

 

  Anlage: Programm Kommissionstagung „Begeisterung“

 


 

Nach oben scrollen