Vortragende beim Symposium "Haiti - ein vergessenes Land zwischen Europa und den Amerikas?"

 

Am 12. Jänner 2010 bebt in Haiti die Erde, die internationale Gemeinschaft verspricht Hilfe. Wo aber steht Haiti elf Monate danach? Was bleibt von dem "Kieselstein", der "in der Sonne glänzt", jenem "caillou au soleil", den D. Laferrière in seinen frühen Texten beschwor? Seine Antwort lautet: "Retten wird uns unsere Kultur". Der literarischen Kultur Haitis, der Vielfalt vor allem seiner AutorInnen der Diaspora, ist dieses Symposium und der Leseabend gewidmet.

Dany Laferrière, 1953 in Port-au-Prince geboren, arbeitet als Journalist, bis er 1976 nach der Ermordung eines Freundes und Kollegen nach Montréal flieht. Sein erster Roman mit dem provokanten Titel Comment faire l'amour avec un nègre sans se fatiguer (1985) eröffnet seine aus zehn Romanen bestehende 'amerikanische Autobiographie', der zwei sehr beachtete Titel - Je suis un écrivain japonais (2008) und der mit dem Prix Médicis ausgezeichnet Roman L'énigme du retour (2009) - folgen. Tout bouge autour de moi (2010) ist zugleich das ergreifende Zeugnis der Tragödie, die ganz Haiti verändern sollte, und eine Hommage an das haitianische Volk.

Rose-Anne Clermont wurde 1971 als Tochter haitianischer Einwanderer in New York City geboren und kam nach ihrem Studium an der Columbia University (Journalismus) als Fulbright Fellow nach Berlin, wo sie noch heute lebt. Clermont schreibt u.a. für Spiegel Online, Die Zeit und International Herald Tribune über Integration und Bildung. Buschgirl (2010), das Buch über ihre oft merkwürdigen, manchmal bizarren und häufig erheiternden Erlebnisse in Berlin, im Schwarzwald und anderswo, versammelt komische wie nachdenklich stimmende Geschichten aus dem Leben der Autorin als Studentin, Sprachlehrerin und Journalistin.

Louis-Philippe Dalembert, Dichter und Romancier, wurde 1962 in Port-au-Prince geboren. Seit 1986 lebt er in Frankreich, wo er sein Studium abschloss. Ausgedehnte Reisen führen ihn nach Afrika, Europa, Amerika und in den Nahen Osten; heute lebt er "als Vagabund" zwischen Rom, Paris und Port-au-Prince. Die Eindrücke dieses Vagabundierens - Abschied und Rückkehr, Exil und Flucht - verarbeitet Dalembert in zum Teil preisgekrönten Gedichtsammlungen und neun Erzähltexten, von denen u.a. Le crayon du bon dieu n'a pas de gomme (1996) und Rue du Faubourg Saint-Denis (2005) Erwähnung verdienen.

Hans Christoph Buch wurde 1944 als Sohn eines Diplomaten in Wetzlar geboren und wuchs in Wiesbaden, Marseille und Kopenhagen auf. Nach seinem Germanistik und Slawistik Studium in Berlin übernahm er im Laufe der Jahre zahlreiche Gastdozenturen unter anderem in Bremen, San Diego, New York und Hongkong. Als Literaturtheoretiker, Journalist, Essayist, Erzähler und Romanautor stellt er immer wieder die Probleme und Spannungen postkolonialer Gesellschaften in den Mittelpunkt seiner Werke. Durch seine gebürtig haitianische Großmutter verbindet ihn eine ganz besondere Beziehung mit dem karibischen Raum, der auch häufig Schauplatz seiner Erzählungen ist. 1984 wurde ihm in Paris der Titel eines Chevalier des Arts et de la Littérature verliehen; 2004 erhielt er den Preis der Frankfurter Anthologie.

Martina Kaller-Dietrich, 1963 in Bad Aussee geboren, studierte in Wien, Berlin und Mexico City Philosophie, Geschichte und Spanisch und habilitierte sich im Fachbereich Geschichte. Seit 2000 ist sie Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Wien mit besonderem Fokus auf den Bereich Lateinamerika. Sie ist Leiterin des Interdisziplinären Universitätslehrgangs für Höhere Lateinamerika-Studien und stellvertretende Leiterin des Instituts für Geschichte. Visiting Fellowships führten sie unter anderem nach Harvard und an die Universität von Kalifornien in Santa Barbara. Ihr besonderes Interesse gilt der Erforschung von Esskulturen im Wandel der Zeit; nach ihrer Habilitation mit dem Titel "Macht über Mägen: Essen als eigenmächtiges Tätigsein von Frauen in einem mexikanischen Dorf" widmet sie sich in ihrem aktuellen Projekt der Frage, wie sich die Ernährungsgewohnheiten durch die globale Mobilität von Menschen und Waren im Laufe der Zeit veränderten. Die Ergebnisse werden im Mai 2011 in der historischen Ausstellung "Mobile Food" im Schlossmuseum in Linz präsentiert.

Robert Chaudenson ist einer der rennomiertesten Kreolspezialisten Frankreichs. Der heutige Präsident des Comité International des Etudes Créoles und Professor für Linguistik an der Université de Provence verbrachte nach seinem Militärdienst 15 Jahre auf der Insel Réunion, wo er sich intensiv mit der dort gesprochenen Kreolsprache auseinandersetzte. Die heutigen Forschungsgebiete Chaudensons umfasen unter anderem die vergleichende Grammatik französischer Kreolsprachen, die soziolinguistische Geschichte von Kreolsprachen und die politische Verbreitung des Französischen. Die wissenschaftlichen Publikationen Robert Chaudensons, wie zum Beispiel Des îles, des hommes, des langues, 1992 oder Creolization of Language and Culture, 2001, sind wichtige Grundlagenliteratur für die heutige Erfoschung und Analyse der Kreolsprachen.

Laennac Hurbon, Wissenschaftler am Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS) in Paris sowie Gründungsmitglied und Professor der Quisqueya Universität in Port-au-Prince, wurde in Haiti geboren und studierte Theologie und Soziologie in Paris. Seine wissenschaftliche Forschung konzentriert sich auf die sozio-anthropologischen Aspekte der haitianischen Geschichte und Kultur. Er veröffentliche wissenschaftliche Publikationen unter anderem zum Thema der Sklaverei und des Vodoo in Haiti. Zu den bekanntesten Veröffentlichungen zählen Le barbare imaginaire, 1988, Les mystères du vaudou, 1993 und Pour une sociologie d’Haiti au XXIe siècle, 2001.

Frantz Voltaire, ein in Haiti geborener Regisseur und Filmproduzent, lehrte nach seinem Studium in Santiago und Montreal (Geschichte und Politologie) unter anderem an der Université du Québec à Montréal und der an Université d’État d’Haïti, arbeitete als Berater für die Vereinten Nationen und war von 1993 bis 1994 Kabinettschef des haitianischen Premierministers Robert Malval. 1983 gründete er in Montreal das Centre international de documentation et d'information Haïtienne Caraïbéenne et Afro-Canadienne (CIDIHCA), eine Non-Profit-Organisation, die sich den Erhalt, die Verbreitung und die Erforschung der haitianischen Kultur als Ziel gesetzt hat. Neben einer Vielzahl an wissenschaftlichen Publikationen drehte Voltaire mehrere Dokumentarfilme, für die er unter anderem mit dem Preis des ONF (Office national du film du Canada) und dem Carribian Sunshine Award ausgezeichnet wurde. Seine Filmographie umfasst folgende Werke: Potoprens se pa m, 1999, ein Dokumentarfilm über das 200-jährige Bestehen der Hauptstadt Port-au-Prince und Les chemins de la mémoire, 2002, ein Film über die Geschichte Haitis der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis zur Duvalier-Diktatur. Weitere Filme: Le Pélerinage de Thomassin, 2003, Au nom du père… Duvalier, 2004, Musique Maestro, 2008.

Gérald Alexis, geboren in Haiti, studierte Kunstgeschichte in Texas und arbeitete danach unter anderem für das Musée du panthéon national haïtien, das Musée d’art haïtien und die Galerie Nader de Pétionville und hielt in Amerika und Europa Vorträge zur haitianischen Kunstgeschichte. 2004 verlässt er Haiti und zieht nach Québec. Dort schreibt er unter anderem für die Zeitschrifen Vie des Art und Nuit blanche. Abgesehen von den zahlreichen in Fachzeitschriften veröffentlichten Artikeln, zählen folgende Monographien zu den wichtigsten wissenschaftlichen Publikationen Alexis: Pour que vive la ligne, Tebo, une oeuvre picturale, 1995, Peintres haïtiens, 2000.

 

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