Forschungszentrum Organisationsforschung (Organization Studies)

Leiter

Ao.Univ.-Prof. Mag. Dr. Martin Piber (Institut für Organisation und Lernen)

Stellvertretender Leiter

ao. Univ.-Prof. Richard Weiskopf (Institut für Organisation und Lernen)

Forschungsziele

In ihren vielfältigen Erscheinungsformen sind Organisationen konstitutiv für moderne Gesellschaften. In weiten Bereichen des sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Lebens bilden Organisationen Kristallisationspunkte der Entwicklungsdynamik. Sie stellen die Form dar, mit der Arbeitsbeziehungen gestaltet, Interessen verfolgt, Informationen ausgetauscht und soziale Strukturen gefasst werden. Organisationen greifen somit wesentlich in die lebensweltlichen Bezüge von Menschen ein und beeinflussen andererseits den gesellschaftlichen Fortschritt auf entscheidende Weise. Der Befund, dass heutige Gesellschaften „Organisationsgesellschaften“ (Perrow) sind, belegt die überragende Bedeutung von Organisationen für das Verstehen und Gestalten von sozialen Zusammenhängen.

Organisationen werden zunehmend mit der gesellschaftlichen Forderung nach Transparenz konfrontiert. ‚Transparenz‘ gilt als ‚key for good governance‘ (C. Hood). In diesem Teilbereich des FSP gilt es, das Konzept der Transparenz zu problematisieren, als historisches Konzept zu rekonstruieren und in seiner Bedeutung für Organisationen zu erforschen. Dieser Forschungsbereich zielt darauf ab, Transparenz in seiner Mehrdeutigkeit zu erfassen. Zum einen wird Transparenz als ein governmentales Konzept verstanden, in dem es darum geht, Prozesse, Abläufe, individuelle und soziale Potenziale und Kompetenzen sichtbar und damit gestaltbar und steuerbar zu machen. In diesem Sinne bezeichnet Transparenz eine spezifisch moderne Form der Machtausübung in und durch Organisationen über das Felder der Sichtbarkeit und der Unsichtbarkeit hergestellt werden. Transparenz wird hier dominant im Modus der Quantifizierung hergestellt. Zum zweiten wird Transparenz als ein Konzept mit emanzipatorischen Wurzeln verstanden. Transparenz dient in diesem Sinne dazu Räume für einen gesellschaftlich-kritischen Dialog über Macht- und Entscheidungsprozesse in Organisationen sowie über Strukturen, die bestimmte Felder der Sichtbarkeit und der Unsichtbarkeit generieren, herzustellen. Organisationen und organisationale Praktiken stehen hier in einem Kräfte- oder Spannungsfeld, das man grob als ‚Transparenz von oben‘ und ‚Transparenz von unten‘ bezeichnen kann bzw. auch als Spannungsfeld von Schließung und Öffnung organisationaler Praktiken. Dies soll in zwei komplementären Dimensionen erfolgen: Im Innenverhältnis und im Außenverhältnis:

Im Innenverhältnis steht etwa die aktuelle Thematik des ‚Whistleblowing‘ in diesem Zusammenhang. Es wird als eine moderne, organisationale Form der ‚parrhesia‘ (Wahrsprechen) verstanden, die die Reproduktion von organisationalen Praktiken bzw. von ‚business as usual‘ unterbricht und einen ethisch-politischen Raum für die Um- und Neugestaltung von Organisationen öffnet. Es sollen die Bedingungen, Möglichkeiten und Konsequenzen des ‚Wahrsprechens‘ in Organisationen erforscht werden insbesondere soll die Bedeutung der parrhesiastischen Modalität des Wahrsprechens im Vergleich zu anderen Modalitäten des Wahrsprechens – etwa der ökonomisch-technischen Modalität – erforscht werden.

Während das Beispiel des ‚Whistleblowing‘ die (potenzielle) Öffnung von etablierten organisationalen Praktiken ‘von innen heraus’ thematisiert, soll in der zukünftigen Entwicklung dieses Bereiches v.a. auch die Öffnung organisationaler Praktiken durch Impulse, Anfragen und Anforderungen ‚von außen‘ thematisiert werden. Insbesondere im Zusammenhang mit der Entwicklung neuer sozialer Medien und digitaler Möglichkeiten erweitert sich nicht nur der Raum der ‚Transparenz von oben‘ sowie die Möglichkeit von Organisationen ihr Umfeld und die verschiedensten Stakeholder sichtbar, steuerbar, kontrollierbar und managebar zu machen, es erweitern sich auch die Möglichkeiten und Potenziale organisationale Praktiken von ‚Außen‘ und in unerwarteter Weise infrage zu stellen. Es geht hier v.a. darum das Innen/Außen-Verhältnis und von Organisationen vor dem Hintergrund der Entwicklung digitaler Netzwerkstrukturen und –architekturen zu erfassen und zu gestalten.

Im Weitern und damit zusammenhängend geht es darum der Verantwortung und ‚Accountability‘ von und in Organisationen neu zu thematisieren. Während ‚accountability‘ im Organisationszusammenhang im dominanten Organisations- und Managementdiskurs vor allem an die (quantifizierende) ‚Transparenz von oben‘ gebunden ist, geht es darum, Verantwortung im Sinne eines kritischen Dialogs bzw. eines ‚Antwortens‘ auf verschiedene ‚Andere‘ zu verstehen. 

In Bezug auf die verwendeten Methoden ist durch den Fokus auf die qualitative Sozialforschung eine große Kohärenz zu erkennen. In allen Arbeitsbereichen wird ein ähnliches Methodenrepertoire verwendet, woraus sich nachhaltige Synergie- und Lernpotenziale ergeben. Die beforschten Organisationen liegen sowohl im Profit- als auch im Non-Profit-Bereich (Schulen, Krankenhäuser, Museen und andere Kulturorganisationen). Dabei wird der Frage nachgegangen, welche Effekte die Verwendung von Praktiken des Organisierens und Steuerns auf gesellschaftliche Institutionen in den Bereichen Gesundheit, Bildung, Kunst, Kultur und Bildung hat.

 Interview mit Leiter Martin Piber (Video)

Beteiligte Organisationseinheiten

Homepage des Forschungszentrums

http://www.uibk.ac.at/organisationsforschung/