Plenarvorträge

 

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PLENARVORTRAG 1: Mi, 7.9.2022, 13:45-14:45 Uhr, Aula

Eva Martha Eckkrammer (Universität Mannheim):

"Quo Vadis Sprachvergleich? Zur politischen Dimension des Sprachvergleichs in Zeiten des Populismus"

Wohin entwickelt sich der romanisch-deutsche und innerromanische Sprachvergleich zum aktuellen Zeitpunkt? Welche aktuellen Herausforderungen bieten sich auf methodischer und thematischer Ebene? In diesem Vortrag möchte ich anhand eines konkreten politolinguistischen Fallbeispiels programmatischen Fragestellungen des Sprachvergleichs nachspüren, um dessen Leistungsfähigkeit auch in Zeiten unter Beweis zu stellen, in denen die Allgegenwart der automatisierten Übersetzung suggeriert, dass Sprachbarrieren und Unterschiede kaum mehr existieren.
Als besondere Herausforderungen erweisen sich dabei auf theoretischer – vorrangig textsortenlinguistischer – Ebene die digitalen Textwelten, mit ihren hypertextuellen Supergenres, emergenten Textsorten und Kommunikationsformen wie Tweets, Posts, Videobotschaften oder Kommentaren. Wie soll hier überhaupt noch ein klares tertium comparationis greifen? In welcher Art und Weise können wir den dort generierten multimodalen Textkorpora analytisch gerecht werden? Sind die zentralen Textsorten überhaupt noch der Forschung zugänglich, wenn – wie etwa im Falle des Wahlkampfs von Bolsonaro in Brasilien – über persönlich adressierte Whatsapp-Nachrichten auf die Bevölkerung Einfluss genommen wird?
Damit schlagen wir eine Brücke zum Twitterdiskurs der Ränder des politischen Spektrums in Europa. Dort tummeln sich mittlerweile zahlreiche populistisch agierende Parteien (VOX, AfD, Rassemblement de France, Lega Nord, CasaPound etc.), die sich mit wachsender Virulenz in den digitalen Medien äußern. Anhand verschiedener methodischer Zugriffe der Politolinguistik, die bewusst vergleichend angelegt werden, gilt es aufzuzeigen, dass der Sprachvergleich aktueller denn je ist, um Licht in manch dunkle Ecke der politischen Kommunikation zu bringen und damit selbst eine politische Dimension hat, da er unter Aktivierung unterschiedlicher Methoden globale politische Verschiebungen auf einer Metaebene kritisch zu hinterfragen weiß.


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PLENARVORTRAG 2: Do, 8.9.2022, 09:00-10:00 Uhr, Hörsaal 7

Carsten Sinner (Universität Leipzig):

"Eben oder nicht eben? Zu deutschen Modalpartikeln und ihren romanischen Entsprechungen"

Im Zentrum des Vortrags steht ein Vergleich tradierter Positionen zu den Entsprechungen deutscher Modalpartikeln in den romanischen Sprachen mit den Ergebnissen neuerer Studien, insbesondere kontrastiver Perzeptionsstudien. Der Beitrag setzt sich mit der Frage nach den Problemen hinsichtlich der Ermittlung der Entsprechungen deutscher Modalpartikeln in anderen Sprachen, hier vor allem im Spanischen, aber auch anderen romanischen Sprachen, auseinander. Dabei soll auch die Herangehensweise an die Ermittlung deutsch-romanischer Entsprechungen kritisch analysiert werden.
Ausgangslage ist die Betrachtung der – meist über einen längeren Zeitraum tradierten – Lehrmeinung zu den Bedeutungen verschiedener Modalpartikeln sowie zu ihren vermeintlichen Entsprechungen in verschiedenen romanischen Sprachen und die Art und Weise, wie diese Äquivalente ermittelt wurden.
Am Beispiel einer dieser Partikeln, eben, soll einerseits aufgezeigt werden, dass die hohe Kontextabhängigkeit und Flexibilität der Bedeutungen eine besondere Herausforderung für die genaue Eingrenzung der Bedeutungen darstellen und dass genau diese semantische Variabilität die Ermittlung möglicher Entsprechungen in anderen Sprachen erschweren kann (bzw. de facto erschwert hat). Andererseits soll dargelegt werden, dass die traditionellen Positionen zu romanischen Entsprechungen deutscher Modalpartikeln angesichts der neuen Ergebnisse nur bedingt aufrecht erhalten werden können.


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PLENARVORTRAG 3: Fr, 9.9.2022, 09:00-10:00 Uhr, Hörsaal 7

Elton Prifti (Universität Wien):

"Sprachpragmatische und sprachpolitische Muster und Modelle in der Romania 'minor'. Eine vergleichende Analyse"

Im Mittelpunkt des Vortrags stehen überdachte romanische Minderheitensprachen der Gegenwart, die die sogenannte Romania "minor" ausmachen. Ziel ist es, durch eine vergleichende Herangehensweise relevante Konvergenzen und Divergenzen vorwiegend im Bereich der Soziolinguistik, der Sprachnormierung sowie der Sprachpolitik nachzuzeichnen und zu interpretieren.
Nach einführenden methodischen Überlegungen zum Sprachvergleich im Allgemeinen werden die Sprach- und Varietätenräume der Romania "minor" vorgestellt. Im Anschluss daran werden die inhaltlichen Analysebereiche erläutert, die im Rahmen des Vortrags thematisiert werden sollen. Es handelt sich dabei vor allem um Aspekte, die die Sprachpragmatik, die Sprachnormierungstätigkeit sowie das sprachpolitische Handeln betreffen. Auf dieser Grundlage erfolgt eine differenzierte vergleichende Analyse, die es erlaubt, prototypische Muster herauszuarbeiten und kritisch zu kommentieren.

 

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PLENARVORTRAG 4: Fr, 9.9.2022, 16:00-17:00 Uhr, Hörsaal 7

Gudrun Held (Universität Salzburg):

"Sprachliche Höflichkeitskonventionen unter der kontrastiven Lupe – eine pan-europäische Geschichte?"

Der Beitrag gehört in den Bereich der historischen Pragmatik und versucht aus kontrastiver Sicht, gemeinsame diachrone Entwicklungen im sozialen Sprachverhalten aufzudecken, die durch die hegemoniale Ausbreitung des lateinisch-romanischen Kulturraums zwischen Mittelalter, Renaissance und Ancien Regime bedingt sind. Ein vergleichender Blick auf die sog. 'Sprache der Höflichkeit', i.e. das Repertoire an festen Formeln, phrasenhaften Konventionen und präferierten Sequenzfolgen, enthüllt in den meisten europäischen Kultursprachen eine interessante Kongruenz und zwar nicht nur an formal-strukturellen Okkurrenzen, sondern auch an deren funktionalen Ausprägungen, Veränderungen und Brüchen. Eine diskursanalytische Untersuchung dialog-naher italienischer und französischer Dokumente aus dem Zeitraum zwischen 13. und 16. Jh. soll deutlich machen, dass gerade lexikalische Einheiten, die sich semantisch im Schnittbereich zwischen Ästhetik und Ethik bewegen, auf Prozesse der Pragmatisierung sowie ihrer Imitation und Diffusion anfällig sind.
Der Vortrag versucht, diese These an zwei Schlüsselwörtern der europäischen Zivilisationsgeschichte – i.e. lat. GRATIA und PLACERE – aufzugreifen und anhand von deren Kristallisationsformen in den romanischen Volkssprachen sowie den Entlehnungen ins Englische einerseits und Deutsche andererseits zu überprüfen. Zum einen interessiert uns das ital. GRAZIA im semantischen Wandel vom Inbegriff rinascimentaler Ästhetik zum höchsten ethischen Gut. Dies hat nicht nur das (meta-pragmatische) Konzept der sog. "bella figura" geprägt, sondern spielt auch für die Konstitution und Variation von romanischen Bitt- und Dankesformeln eine wichtige Rolle. Sie weisen soziales Handeln als rituellen Austausch dieser höchsten, gesellschaftsideologisch begründeten 'Gabe' aus und schreiben die 'höfliche' Bedeutung dem zeitbedingten metaphorischen Transfer vom sozialen Rang auf den sozialen Wert schlechthin zu. Zum anderen gibt die Untersuchung von PLACERE einen Einblick in die morphologischen Entwicklungsfacetten der 'Sprache der Höflichkeit'. Wie sich das in den historischen Einzelsprachen bemerkbar macht, kann gezeigt werden (a) am Wandel des 'psychologischen' Verbums vom unpersönlichen Konstrukt über das handlichere Transitivum zum 'performative hedge' (it. piacere, frz. plaire > vouloir bien > aimer; span. placer > gustar; engl. please > like sowie dt. gefallen > mögen), (b) an der differenzierten Ausformung der Derivate und Komposita (frz. plaisir, engl. pleasure, it. dispiacere, u.ä.) und (c) an der Tendenz zur De- und Resemantisierung, welche die Herausbildung von verfestigten Mustern und Formeln (wie s’il vous plaît, please, gefälligst, einen Gefallen tun, etc.) zur Folge hat.
Anhand beider Beispielbereiche wird versucht, die verschiedenen Phänomene und Entwicklungsprozesse mit den epistemologischen Phasen der Höflichkeitstheorien funktional schlüssig zu erklären und damit gleichzeitig die Bedeutung aufzuzeigen, die die soziopragmatischen Paradigmen für den diachronen Sprachvergleich und die interkulturelle Kommunikation haben.

 
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