Harvard, Oxford, Bologna und wir

 

Mehrere aufregende Nachrichten haben in letzter Zeit das Interesse einer breiteren Öffentlichkeit an den Universitäten geweckt: Die ungünstigen Platzierungen der österreichischen Universitäten in den wichtigsten internationalen Rankings dem der „TIMES“ und jenem von Shanghai (die Uni Innsbruck hat in diesem Ranking Plätze gutgemacht, nachdem im vorangegangenem Ranking schlicht und einfach einer ihrer bedeutendsten naturwissenschaftlichen Forscher von den Rankern „vergessen“ worden war), die Steigerung der Studierendenzahlen Richtung 300.000 und schließlich die Aufsehen erregenden Proteste der Studierenden.

 

Ich habe die unmittelbare Übertragung der auf den angelsächsischen Raum abgestellten Rankings auf europäische und somit auch österreichische Universitäten stets grundsätzlich in Frage gestellt und ihre Aussagekraft angezweifelt.

 

Fächerspezifische Rankings sowie Anerkennung von auf besondere universitäre Kulturen und Traditionen bezogene Kriterien würden ein anderes Bild aufzeigen und insbesondere klarstellen, dass es auch in Österreich zahlreiche Forscher/Forscherinnen, akademische Lehrer und Lehrerinnen gibt, die in der Oberliga weltweit mitmischen, und dies in einem sehr breit gesteckten Fächerkanon und dass es gleichermaßen viele Disziplinen an allen österreichischen Universitäten gibt, vor allem auch an der Universität Innsbruck in denen die Studierenden eine Ausbildung auf allerhöchstem Niveau erfahren.

 

Unbestrittenermaßen gibt es aber überfüllte Hörsäle, unzureichende Labor- und Praktikaplätze, ein zu geringes Angebot an Seminaren und überlastete Hochschullehrer- und Lehrerinnen, denen insbesondere die Betreuung von Diplomarbeiten, Bachelorarbeiten, Master- und Magisterarbeiten sowie Dissertationen zur außerordentlichen Belastung werden.

 

Erschwert werden die Verhältnisse durch einen durchaus verständlichen Ansturm deutscher Studierender, die sowohl den Härten ihres ungerechten und ungerechtfertigten numerus clausus zu entfliehen trachten wie den Fallstricken ihres nicht gerade exportfähigen Bewerbungssystems. Dieses System hat auch für potentielle österreichische Studierende in Deutschland die Konsequenz der Unvorhersehbarkeit: Während deutsche Studierende sich Studium und Studienort in Österreich frei aussuchen dürfen, ist dies den Österreichern und Österreicherinnen nur im Rahmen des deutschen Bewerbungsmodalitäten gestattet: eine zumindest unfaire Ungleichbehandlung, ebenso wie es äußerst unfair ist, dass ein uns sehr nahestehendes, großes und kulturell wie ökonomisch überaus bedeutsames Land nicht die Bedrängnisse der österreichischen Hochschulen nachvollziehen will oder kann.

 

Ich möchte an dieser Stelle an alle in Deutschland an und für die Universitäten Verantwortung tragenden appellieren, mit den österreichischen Verantwortlichen einen fairen Dialog zu starten. Im Rahmen ihrer Proteste haben die Studierenden immer wieder auf die Unzulänglichkeiten des sogenannten Bologna Prozesses hingewiesen, und dies völlig zu Recht. Dieser sieht ein dreistufiges Studiensystem vor, das alle anderen Studien entweder schon ersetzt hat oder ersetzen soll. Es besteht aus einem 3jährigen Bachelor-, einem 2jährigen Master- und einem dreijährigen PhD(Doktorats)studium. Dieses System sollte einen europäischen Hochschulraum schaffen und zur Mobilität von Studierenden, Forschenden und Lehrenden führen. Nicht das System an und für sich, sondern die Umsetzung desselben, die von den Universitäten im Rahmen ihrer Autonomie erfolgte, hat zu schweren Verwerfungen geführt und ist zu Recht an den Pranger gestellt worden.

 

Trotz der englisch oder amerikanisch anmutenden Bezeichnung der Titel ist das Bolognasystem mit denn englischen und amerikanischen Curricula kaum zu vergleichen. Im Gegensatz zum englischen und amerikanischen System, das auf eine Jahrhunderte alte Tradition zurückblicken kann, ist das europäische abstrakt erfunden worden mit zweifellos lobenswerten Intentionen. Insbesondere die drei bis vierjährigen amerikanischen Bachelorstudien sind keineswegs nur berufsbezogen, sondern mit vielen Elementen einer allgemeinen Bildung durchzogen, dies gilt im besonderen für die bedeutendsten der Universitäten wie Harvard, wo in vielen Fällen auf das Bachelorstudium (sowohl im Bachelor of Arts wie in jenem of science sind intensive general education requirements erforderlich) ein Graduiertenstudium folgt, etwa in Form eines bisweilen 6jährigen PhD Programmes, in welchen ein zweijähriges Masterprogramm integriert ist. Einjährige Master werden häufig für ausländische Studierende angeboten. Juristen wiederum machen nach der Graduierung ihr dreijähriges Studium an der Law School und schließen mit ein JD (Juris Doctor) ab.

 

An der Universität Oxford werden eine Vielzahl von Bachelorprogrammen angeboten, die allerdings im Gegensatz zu den amerikanischen berufsbezogener sind und in der Regel entweder drei oder vier Jahre betragen. Die Juristen z.B. können zwischen einem dreijährigen nationalen und einem vierjährigen internationalen (das dritte Jahr verpflichtend in Deutschland, Frankreich, Italien oder Spanien bzw. Niederlande) Bachelor wählen. In vielen Disziplinen gibt es weiterführende Masterprogramme, die zumeist auf ein und zwei Jahre ausgerichtet sind. Die anschließenden Doktoratprogramme, Doctor Phil. Genannt, sind wie zumeist auch in Amerika als Forschungsprogramme ausgerichtet, was häufig zu einer Lehrtätigkeit an der Universität und damit zu einer sinnvollen Finanzierung junger Wissenschafter und Wissenschafterinnen führt.

 

Auffallend ist in Harvard wie in Oxford die Flexibilität der Curricula und weitgehende fächerübergreifende Wahlmöglichkeiten. Dagegen erscheinen die im Rahmen des Bolognaprozesses eingeführten Curricula an allen österreichischen Universitäten als viel zu starr und heillos überfrachtet. Eine Lehrende wie Studierende gleichermaßen belastende und überfordernde Verschulung ist allenthalben festzustellen. Hier heißt es zurück an den Start und zwar in erster Linie an den Universitäten: Ein Kanon von in mehreren Bachelor- oder Masterprogrammen einsetzbaren Wahlfächern kann Erleichterung schaffen, ein gesamtösterreichisches Monitoring (Die gesamtösterreichischen Studienkommissionen waren segensreich.), Fach für Fach, das vielleicht auch hin und wieder den Blick nach außen über die Grenzen richten könnte, erscheint wünschenswert, um die Studien im In- wie im Ausland kompatibel zu gestalten. Vielleicht sollte man das viel gescholtene Instrument der Akkreditierung stärker nutzen. Studierende wie Lehrende sollten allemal zu den Curricula Stellung beziehen können, entsprechende elektronische Plattformen sollten von den Curricula-Kommissionen eingerichtet werden.

 

Im Wesentlichen falsch wurde weiters mit den ECTS Punkten umgegangen. Diese beruhen auf einer (durchaus fragwürdigen) Berechnung der Arbeitsbelastung eines Studierenden. Zum Ausgangspunkt genommen wurde die durchschnittliche Arbeitsbelastung eines durchschnittlichen europäischen Arbeitnehmers während eines Jahres, in etwa 1.600 Stunden. Daraus errechnete man 60 ECTS im Jahr als Arbeitsaufwand für Studierende (das System ist in Amerika nicht bekannt, auch die Engländer verwenden es nur gezwungenermaßen siehe Oxford).

 

Die Schwierigkeit bei der Umsetzung besteht darin, wie viele Punkte einer Unterrichtseinheit, die selbstverständlich in einer gewissen Zeit besteht, zuzuweisen sind, dabei sind jedenfalls Vorbereitung, Nachbereitung und Prüfungsvorbereitung für Studierende mit einzuberechnen: Nur wer setzt dies fest, der/die Leiter/Leiterin der Lehrveranstaltung, ein Gremium, der/die Studierende? Auch hier ist jedenfalls eine erhöhte Flexibilität und Fairness gefordert. Ich verspreche mir aus einer grundlegenden Reform der Studien, die jedenfalls von den Universitäten auszugehen hat, eine substantielle Erleichterung der Belastung der Studierenden und Lehrenden.

 

Man möge doch auch die überaus positiven Aspekte der Reform des UG 2002 diesbezüglich nützen: Eingangs- und Orientierungsabschnitte, aber derart, dass über den modularen Charakter den Studierenden eine Anerkennung in mehreren weiterführenden Studien geboten werden kann, sowie Internationalisierung der Studien. Seit der verstärkten Einführung von Bologna ist die Zahl österreichischer Studierender im Rahmen der Erasmusprogramme dramatisch zurückgegangen und hat somit den Geist des europäischen Hochschulraumes im Mark getroffen. Zumindest ein Semester im europäischen Ausland muss jedem/jeder Studierenden auf Grund der Curricula aber auch auf Grund von Stipendien ermöglicht werden. Als Jurist finde ich beispielsweise die Curricula von Oxford großartig.

 

Dem von BM Hahn ins Leben gerufenen Bildungsdialog kommt in dieser Situation eine wichtige Rolle zu, an dem sich selbstverständlich auch die Senate und Universitätsräte mit Engagement beteiligen werden. Neben den in diesem Beitrag aufgezeigten substantiellen Problemen sollte grundsätzlich über die einzelnen Strukturen des tertiären Sektors, den Universitäten, Fachhochschulen, Pädagogischen Hochschulen und Privatuniversitäten sowie deren Vernetzung diskutiert werden. Grundsätzlich sollte auch über die Bedeutung von Bildung und Ausbildung diskutiert werden, wobei in meinen Augen zusammen mit einer soliden, berufsbezogenen Ausbildung ein möglichst hoher allgemeiner Bildungsstand einer Gesellschaft einen unabdingbaren Wert darstellt. Europaweit könnte Österreich damit eine Vorreiterrolle zukommen.

 

Univ.-Prof. DDr. Johannes Michael Rainer, Vorsitzender des Universitätsrates