Johannes Pöll
Der Verlauf der Via Claudia Augusta zwischen Biberwier und Lermoos/Bez. Reutte.
Untersuchungen am Lermooser Prügelweg und dem Geleisestraßenrest von Biberwier
(ungedr. Diplomarbeit Innsbruck 1994)



Es war das vorrangige Ziel dieser Arbeit, den Verlauf der römischen Reichsstraße Via Claudia Augusta zwischen den nördlich des Fernpasses befindlichen Orten Biberwier und Lermoos festzulegen. In diesem Zusammenhang wurden 1992-1993 zwei Altstraßenreste, die einen grundverschiedenen Trassenverlauf repräsentieren, feldarchäologisch untersucht. Begleitend zu den Ausgrabungen am Prügelweg im Lermooser Becken wurden palynologische Untersuchungen durch Univ. Doz. Dr. Klaus Öggl/ Institut für Botanik - Universität Innsbruck durchgeführt. Für die Beprobung und dendrochronologische Auswertung der Bauhölzer zeichnet Dr. Kurt Nicolussi/ Institut für Hochgebirgsforschung – Universität Innsbruck verantwortlich.
Prügelweg Lermoos. Grabung 1993. Blick von oben auf die Grabungsfläche mit Straßenkörper und Holzstämmen des 2./3. Jh.
Prügelweg Lermoos. Grabung 1993. Quadrant Q 11 mit Basisholzlage (45/46 n. Chr.) und darüber angeschüttetem Straßenschotter

Der schnurgerade in nord-südlicher Richtung verlaufende, 1,5 km lange Prügelweg weist eine Breite zwischen 6-8 m auf. Die erste Bauphase besteht aus einem Holzunterbau über den eine Kiesschicht aufgebracht wurde, welche die Fahrbahn bildete. Der Holzrost besteht aus 2 Reihen querverlegter Halbstämme, die über längs gerichteten Rundlingen aufgebracht wurden. Die dendrochronologische Auswertung der Holzstämme ergab, dass der überwiegende Teil in den Jahren 45/46 n. Chr. gefällt wurde, weshalb der Bau des Prügelweges mit dem durch 2 Meilensteine aus Feltre bzw. Rabland überlieferten Baudatum der Via Claudia Augusta zusammenfällt. Über dem ältesten Fahrbahnniveau befinden sich mindestens 3 weitere Kiesaufschüttungen. An der Straßenoberkante waren Holzstämme einer jüngeren Reparaturmaßnahme fassbar, über der wiederum Fahrbahnschotter angeschüttet wurde. Vermutlich im späten 3. Jh. wurde noch einmal eine Holzlage verlegt, bei welcher man aber auf Stämme aus der ersten Neubauphase zurückgriff.
Am Nordende des Dorfes Biberwier befindet sich beim „Scharfen Eck“ neben der Landesstraße ein kleines Felsplateau auf dem sich 2 Radrinnen eines alten Verkehrsweges erhalten haben. Dieser Geleisestraßenrest konnte auf Grund der Spurweite von 1 m als spätmittelalterlich/ frühneuzeitlich eingestuft werden.
Aufbauend auf diese überraschenden Ergebnisse wurde das Grabungsprojekt „Prügelweg Lermoos“ in den Jahren 1994-1995 fortgesetzt und der Straßenkörper an drei weiteren Stellen untersucht. Die neuen Befunde präzisierten das Bild der Bau,- und Benutzungsphasen dieses in Mitteleuropa einzigartigen Straßendenkmals. Intensive Nutzung und Pflege der Straße sind vor allem im 2. Jh. greifbar. Zu Beginn des 3. Jh. scheinen die Instandsetzungsarbeiten zurückzugehen, was mit der Bedeutungssteigerung der Brennerstraße in Zusammenhang stehen könnte. Ein kurzzeitiges Veröden der Straße nach der Mitte des 3. Jh. wird als Folge der Alamanneneinfälle in Raetien zu verstehen sein. Eine Nachblüte erfährt der Prügelweg ab dem Ende des 3. Jh. und während des 4. Jh. Die letzte nachweisbare Bauphase stammt aus den 70er Jahren des 4. Jh. Bald danach dürfte die Trasse durch das Moor aufgegeben worden sein.


Prügelweg Lermoos. Grabungen 1992-1995.
Rekonstruktionsversuch der baulichen Entwicklung der Via Claudia Augusta
vom 1.-4. Jh. n. Chr. anhand der Grabungsbefunde.

Die aus dem Straßenkörper geborgenen Kleinfunde sind Zeugen des antiken Verkehrsgeschehens. Vollständige Hufschuhe, Radnabensteckbolzen, Achsnägel, eine Reibnagelführung, ein Bremshaken und eine Ledersohle eines genagelten Schuhes zeigen dies auf eindrucksvolle Weise. Von den Reisenden verloren wurden Eisenmesser, Münzen oder eine Spinnwirtel.


Prügelweg Lermoos. Grabung 1995. Genagelte Schuhsohle aus Leder. Dat. 2. Jh. n. Chr.


Publikation: J. Pöll, Ein Streckenabschnitt der Via Claudia Augusta in Nordtirol. Die Grabungen am Prügelweg Lermoos/ Bez. Reutte 1992-1995, in: E. Walde (Hrsg.), Via Claudia – Neue Forschungen (Innsbruck 1998) 15-111.


Bestand: Universitätsbibliothek Innsbruck, Sign. 64748

Kontakt:
J. Pöll, Bundesdenkmalamt-Landeskonservatorat Tirol, Burggraben 31, 6020 Innsbruck
email: tirol@bda.at



Für den Inhalt verantwortlich: die Verfasserinnen und Verfasser der jeweiligen Arbeiten
© Institut für Archäologien / Klassische und Provinzialrömische Archäologie, Universität Innsbruck, 2003

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