Florian Martin Müller
Zu Attributen, Schmuck und Trachtbestandteilen der orientalischen Priester der Kybele.
Archäologische und literarische Quellen zu Galli und Archigalli
(Diplomarbeit Innsbruck 2003)

Als im Jahre 205 v.Chr. der Kult der Magna Mater in Rom offiziell eingeführt wurde,  kamen gemeinsam mit der Göttin auch ihre Priester, lat. Galli genannt, von Kleinasien nach Rom, um die traditionellen Riten der Gottheit nun auch am Tiber auszuüben. Der Kult wurde von einem phrygischen Priester, einer phrygischen Priesterin und einer Anzahl Galli versehen.

Neben ihrem fremdartigen Aussehen, ihren langen Haaren, ihren bunten wallenden Gewändern und ihrem Übermaß an Schmuck waren vor allem das ekstatische Gehabe ihrer Riten, die blutigen Selbstzüchtigungen und die Tatsache für die Römer erschreckend, daß es sich bei ihnen um Eunuchen handelte, eine rituelle Selbstkastration also für die Aufnahme in die Priesterschaft unabdingbare Voraussetzung war. Als unwiderrufbarer Akt der persönlichen Weihung von sich selbst an die Göttin wird der Gallus von da an als ihr Sklave, ihr unveräußerliches Eigentum, betrachtet. Der Mythos von Attis, dem Vorbild der Galli, ist hingegen als aitiologische Erklärung dieses Kultgebrauches, aus dem er erwachsen ist, zu verstehen. Die enthusiastische Begeisterung und der unheimliche Fanatismus der phrygischen Frömmigkeit müssen den konservativen Römern nicht nur fremd, sondern ärgerlich und sogar bedrohlich erschienen sein und machen so das Maß hoher Ablehnung des Kultes zu bestimmten Zeiten in Rom verständlich.


Abb. 1: Marmorbüste Rom, Kapitolinische Museen

 
Umfassende monographische Zusammenstellungen zu dieser Priesterschaft fehlen bisher völlig, obwohl sie – sowohl aus heutiger zeitlicher Distanz betrachtet, als auch durch die Augen eines in der Tradition tief verwurzelten Römers – zu den sicherlich eigentümlichsten und in ihrem auffälligen Gehabe und ihren orgiastischen Riten wohl schwer zu verstehenden Erscheinungen der antiken Religion gehören.

So galt, auch in Hinblick auf weiterführende Arbeiten zu dieser Thematik, ein erstes Hauptaugenmerk der Sammlung und katalogmäßigen Erfassung sämtlicher bisher bekannter Darstellungen von Galli und Archigalli und deren Niederschlag in der bisherigen Sekundärliteratur.

Der Bestand an Denkmälern, die eindeutig den Galli bzw. Archigalli zugewiesen werden können, ist sehr gering. Es handelt sich fast ausschließlich um plastische Werke, Reliefs und Statuen. Außerdem läßt sich im Vergleich mit ihnen eine Reihe bestimmter Schmuckstücke mit großer Wahrscheinlichkeit der Trachtausstattung solcher Priester zuweisen. Daß es sicherlich noch weitere, bisher unerkannte Darstellungen von Galli bzw. Archigalli gibt, die aufgrund ihres Aussehens möglicherweise für Priesterinnen gehalten oder aber wegen ihrer phrygischen Tracht mit Attis identifiziert werden, bleibt zu vermuten. Umgekehrt gibt es aber auch Werke, bei denen es sich eindeutig um keine Priesterdarstellungen  handeln kann, die aber vereinzelt als solche bezeichnet werden.


Abb. 2: Marmorrelief Ostia, Museo Ostiense

Interessant, vielleicht aber auch mit der Forschungsgeschichte in Zusammenhang zu sehen, ist die Konzentration der Denkmäler auf Rom und Ostia. Bei Ostia wird gewiß die Funktion als Hafenstadt eine große Rolle beim Aufkommen und der Verbreitung orientalischer Kulte gespielt haben, wie uns dort auch eine Reihe von Tempeln, Kultbezirken und Weihungen belegen.  Wegen der geringen Anzahl an Objekten dürfen aber wohl keine verbindlichen Schlüsse aus ihrer Verbreitung gezogen werden. Aus dem übrigen im Römischen Reich bekannten Fundbestand des Kybele- und Attis-Kultes läßt sich allerdings seine Beliebtheit deutlich erkennen, und damit ist an den einzelnen Fundorten auch die Anwesenheit von Galli und Archigalli zu erwarten. Die geringe Anzahl der Denkmäler wird aber sicherlich auch durch die den Priestern gegenüber ablehnend bis feindlich einzustufende Stimmung in der Öffentlichkeit bedingte eingeschränkte Möglichkeit, solche überhaupt aufzustellen, in Verbindung zu bringen sein.


Abb. 3: Marmorrelief Ostia, Museo Ostiense

Über die öffentliche Meinung zu den orientalischen Kybelepriestern geben die antiken Schriftquellen deutliche Auskunft. Schon aus   archaischer Zeit erhalten wir erste Informationen zum Aussehen der Priester und ihrer Riten.  In römischer Zeit kommen Galli, neben historischen Werken, gerne in Komödien vor, sind dort aber, vielfach in ihrer Funktion als Wahrsager, Objekte des Spottes und der Verachtung. Oft wird aber auch generell das Bild des Orientalen mit dem eines prunkvoll gekleideten, als weibisch angesehenen Gallus gleichgesetzt und dieser somit als Synonym für verweichlichte und feige Männer angewandt. Zudem eignete sich gerade eine solche Priesterschaft wie die der Kybele für christliche Schriftsteller, um gegen das Heidentum und im speziellen gegen die in dieser Zeit in direkter Konkurrenz zum Christentum stehenden Mysterienkulte zu wettern.

Neben der Sammlung archäologischer Zeugnisse wurde somit auch als zweites versucht, alle antiken Schriftzeugnisse im Original und in Übersetzung in ihrem Kontext zusammenzustellen, die - bezugnehmend auf das Thema der Diplomarbeit - Informationen zu den Attributen, Schmuck und Trachtbestandteilen der Galli und Archigalli liefern. Sowohl der antike Denkmälerbestand als auch die schriftlichen Quellen belegen uns eine in ihrem Aussehen und Gehabe auffallende orientalische Priesterschaft der Kybele, eine isolierte Kaste, deren Mitglieder sich durch ihre Abzeichen, ihre Kleidung und Tonsur  von den gewöhnlichen Sterblichen wie aber auch von der traditionellen römischen Priesterschaft unterschieden.

Durch eine erste Zusammenstellung bzw. katalogmäßige Erfassung der verschiedenen Quellengattungen ließen sich nun deutlich einzelne Elemente der Tracht der Galli und Archigalli herausarbeiten. Es zeigte sich, daß die aus der Literatur bekannten Beschreibungen von Galli und Archigalli vielfach ihre Entsprechung in den vorhandenen Denkmälern  mit den  Darstellungen dieser  Priester finden,  bzw. sich die  Quellengattung  in gewissen Bereichen gegenseitig ergänzen. Geben die Schriften der antiken Autoren Hinweise zum Aussehen, v.a. auch aus dem Bereich der Körperpflege, sowie zur vorherrschenden öffentlichen Meinung über die Galli, so liefern gerade die Denkmäler wichtige Informationen zur Tracht- und Schmuckausstattung, den kennzeichnenden, auch oftmals aus dem unmittelbaren Kultbetrieb stammenden Attributen, aber auch zum Selbstverständnis dieser Priester.


Abb. 4: Marmorstatue Rom, Kapitolinische Museen

Aufbauend auf dem zusammengestellten Quellenmaterial lassen sich nun für die orientalischen Kybelepriester charakteristische Tracht- und Schmuckelemente ableiten. Sie trugen ihr gepflegtes Haar lang, waren bartlos, das Gesicht war geschminkt und Tätowierungen wiesen sie als Besitz der Göttin aus. Bekleidet waren sie mit langen, buntverzierten Gewändern mit langen Ärmeln (lat. tunicae manicatae), die von den antiken Autoren oftmals als Frauenkleider angesprochen wurden. Inwieweit hier allerdings traditionell prunkvollere orientalische Tracht einfach verächtlich mit Frauenkleidung gleichgesetzt wurde, bleibt zu überlegen. Auf dem Kopf trugen sie aus dem orientalischen Raum stammende Kopfbedeckungen wie die Tiara (lat. tiara), die Mitra (lat. mitra) und die phrygische Mütze, aber auch einfache Kopfbinden (lat. infula).

Daneben kommen, wie gerade die archäologischen Denkmäler zeigen, auch Diademe, Kränze und Büstenkronen aus Edelmetall vor. An sonstigem Schmuck begegnen wir Ohrringen, Halsringen, hier sind besonders die torques als kennzeichnend anzusprechen, sowie Fingerringen und Armbändern, wie dem occabus. Die Verbindung sowohl von literarischen Quellen, Darstellungen und Originalfunden erwies sich bei dem kennzeichnenden Brustschmuck der Priester, ädikulaförmigen reliefierten Täfelchen aus Edelmetall, als besonders günstig. Dieses über mehrere Jahrhunderte nachgewiesene Element der Schmuckausstattung ist sowohl aus der Literatur wie auch dem Denkmälerbestand bekannt, und kann somit wohl als charakteristischer traditioneller Priesterornat der Galli angesprochen werden. Generell ist abschließend zum Schmuck zu sagen, daß die Darstellungen, wie auch die Beschreibungen, auffällig zeigen, daß die Anhänger der Kybele, wie auch die Anhänger der Isis, gerne ihren orientalischen Prunk zeigten, ganz im Gegensatz beispielsweise zu den Mithrasanhängern, welche immer versuchten, sich einfach zu zeigen, so reich sie selbst auch immer sein mochten.


Abb. 5: Umzeichnung des Oberkörpers

Als das charakteristischeste Attribut der Galli ist sicherlich die Geißel (lat. flagellum bzw. flagrum) als erstes anzuführen; weiters eine Reihe von generell für den Kult der Kybele bedeutsamen Musikinstrumenten wie die Handpauke (lat. tympanum), die Becken (lat. cymbala) und die Doppelflöte. Vereinzelt auftauchende Gerätschaften wie das aspergillum, zum Besprengen der Gläubigen, und v.a. das eigenartige Zepter, welches die Büste eines Priesters in ihrer Hand hält (Abb. 1), werden wohl, wenn auch nicht nachweisbar, eine nicht unbedeutende Rolle im Kult gespielt haben.


Abb. 6: Marmorrelief Rom, Kapitolinische Museen

Nicht zuletzt gewinnt man durch die Auseinandersetzung mit den orientalischen Priestern der Kybele aber auch Verständnis für die Ängste und Befürchtungen der Römer vor dem unheimlichen Fanatismus und den wilden orgiastischen Sitten und Gebräuchen, welche sich so deutlich von der Würde und Zurückhaltung der alten römischen und italischen Tradition unterschieden.

Es kann im nachhinein jedoch nicht ohne einer gewissen Ironie festgestellt werden, daß es gerade diese orientalischen Religionen waren, die sich noch zu einer Zeit gegen das aufkommende Christentum stemmten, als die traditionelle römische Religion schon begann, in der Bedeutungslosigkeit zu versinken.


Publikationen:

- Müller F. M., Überlegungen zum Brustschmuck der orientalischen Priester der Kybele (Abstract), Forum Archaeologiae 29/XII/2003
- Müller F.M., Überlegungen zum Brustschmuck der orientalischen Priester der Kybele, in: G. Koiner, M. Lehner, Th. Lorenz, G. Schwarz (Hrsg.), Akten des 10. Österreichischen Archäologentages in Graz 2003 (Wien 2006) 131-136.
- Müller F.M., Die Statue eines Kybelepriesters in Caesarea Mauretania und die Ausbreitung des Kybelekultes im römischen Nordafrika, in: Ch. Franke, u.a. (Hrsg.), Thiasos. Festschrift für Erwin Pochmarski zum 65. Geburtstag, Veröffentlichungen des Instituts für (klassische) Archäologie der Karl-Franzens-Universität Graz (VdlGraz) 10 (Wien 2008) 645-651.

Bestand: Universitätsbibliothek Innsbruck: Hauptbibliothek Sign. DG37507
                OeNB Wien: Hauptabteilung Sign. 1708242-C

Kontakt: Florian Martin Müller



Für den Inhalt verantwortlich: die Verfasserinnen und Verfasser der jeweiligen Arbeiten
© Institut für Archäologien / Klassische und Provinzialrömische Archäologie, Universität Innsbruck, 2003

HOME