Alexandra Krassnitzer
Griechische Werkstattbilder
Darstellungen von Töpfern und Vasenmalern
im Spiegel ihrer Zeit
(ungedr. Dipl.arb. Innsbruck 2004)


Abb.  1   Arbeiter in der Tongrube, korinthischer Pinax, 630 – 610 v. Chr.,
Berlin Antikenmuseum

Ziel der Arbeit war es, Darstellungen von Töpfern und Vasenmalern auf ihren generellen Aussageinhalt hin zu untersuchen. Obwohl sich mit Hilfe von naturwissenschaftlichen Untersuchungen, durch Ausgrabungen antiker Werkstätten, Vergleiche mit modernen Töpfereien und durch den Einsatz der experimentellen Archäologie das Herstellungsverfahren antiker Gefäße rekonstruieren lässt, stellen die Abbildungen der Handwerker immer noch die Hauptquelle dar und bieten als solche eine Fülle an Informationen.


Abb.  2   Tonaufbereitung, attisch schwarzfiguriger Skyphos, 525 – 475 v. Chr.,
Fogg Art Museum Cambridge, Massachusetts

Die erhaltenen Abbildungen zeigen die technischen Produktionsweisen, angefangen vom Tonabbau (Abb. 1), dem Transport, der Aufarbeitung (Abb. 2), dem Töpfern der Gefäße (Abb. 3 und 7), der Bemalung (Abb. 8 und 9) bis hin zum Brandvorgang (Abb. 3 und 5). Auch sind die für die Herstellung notwendigen Werkzeuge und Geräte dargestellt.


Abb.  3   Töpferwerkstatt, attisch schwarzfigurige Hydria, 510 v. Chr.,
München Antikensammlung

Das Bildmaterial liefert aber auch Hinweise zum Arbeitsalltag in einer Töpferwerkstätte und so können auch Angaben über den Aufbau eines Betriebes und über die Orte an denen die einzelnen Fabrikationsschritte ausgeführt wurden, gemacht werden. Eine Werkstatt (Abb. 3) war ein Wohnhaus mit geräumigem Hof für den Ofen und die Schlämmanlage und regengeschützten Räu-men, in denen Regale und Abstellplätze für die zu trocknende Keramik, Werkzeuge, Brennmaterial und Ton vorhanden waren. Die Hütten, in denen getöpfert und gemalt wurde, bildeten somit die Werkstatt im engeren Sinne. Schlämmbecken, Öfen, Brunnen oder Zisternen könnten sich hingegen vielleicht sogar mehrere Werkstätten geteilt haben. In Zeiten der Prosperität des attischen Töpfergewerbes mag es bereits zur Bildung von Großbetrieben mit ausgeprägter Arbeitsspezialisierung gekommen sein, in denen bis zu einem Dutzend Angestellte beschäftigt waren. Wie manche  Darstellungen veranschaulichen, gab es Personal für niedrigere Aufgaben wie Träger, Stampfer, Kneter, Heizer usw. während andere Arbeiter wichtigere und verantwortungsvollere Tätigkeiten wie das Herstellen eines Gefäßes auf der Töpferscheibe oder die Bemalung ausführten. Die Unternehmen setzten sich dann gewöhnlich aus drei Personenkreisen zusammen, dem Werkstatteigentümer und Meister mit seinen Söhnen, den angeworbenen Töpfern und Malern, die ihrerseits wieder aus Töpferfamilien stammten und aus ungelernten Gelegenheitsarbeitern und Sklaven.


Abb.  4 Töpferwerkstatt, böotisch schwarzfiguriger Skyphos, Umzeichnung, 400 v. Chr.,
Athen Nationalmuseum

Dank des spätesten erhaltenen Werkstattbildes das außerhalb Attikas hergestellt wurde - eines böotischen Skyphos (Abb. 4) aus Lokris, der um 400 v. Chr. datiert wird, erhalten wir Einblicke in die Lebensumstände der Sklaven in einer Werkstatt. Diese einmalige Widergabe einer Bestrafung durch Peitschenhiebe lässt Rückschlüsse auf das Sklavendasein in einem Töpferbetrieb zu. Die Annahme, dass viele antike Töpfereien Familienbetriebe gewesen sein mussten, bestätigen nicht nur Signaturen, sondern auch die beiläufige Erwähnung Platons, dass Töpfer ihre Kinder gründlich in ihrem eigenen Beruf ausbildeten. Es darf angenommen werden, dass in den meisten Werkstätten Gefäße von unterschiedlichsten Formen und Größen fabriziert wurden, doch trat in manchen Betrieben früher oder später eine gewisse Spezialisierung ein, die nur noch die Produktion von bestimmten Gefäßgattungen zuließ. Auch manche erhaltene Werkstattillustration unterstreicht die Ansicht, dass nur eine bestimme Vasenart im jeweiligen Betrieb hergestellt wurde.


Abb.  5  Töpfer erblickt einen Töpferdämon, korinthischer Pinax, 6. Jh. v. Chr.,
Berlin Antikenmuseum

Die Werkstattbilder lassen sich generell nach der Art der Bildträger in drei verschiedene Gruppen einteilen: korinthische und attische Pinakes, Koroplastik und Gefäße.
Auffallend dabei ist die Gruppierung der einzelnen Themen. So finden sich bei den korinthischen Pinakes aus dem Heiligtum des Poseidon und der Amphitrite aus Penteskouphia – die den Hauptteil der Werkstattdarstellungen ausmachen –  die meisten Ofendarstellungen. Der Grund, den Ofen auf solchen Täfelchen abzubilden, hatte sicher mit der Schwierigkeit des Brennvorganges zu tun, denn es hing vom erfolgreichen Brand ab, ob die zuvor geleistete Arbeit nicht umsonst war. Daher handelt es sich bei diesen Pinakes (Abb. 5) um Weihgaben, die der Töpfer aus Furcht vor bösen Geistern und um den Schutz der Gottheit zu erflehen, im Ofen mitbrannte und sie dann anschließend dem Gott als Votive darbrachte. Bedeutend für Korinth ist der Fundkomplex von Penteskouphia, während wir im attischen Bereich nur zwei Abbildungen auf Tontäfelchen besitzen. Diese beiden Bilder behandeln das Formen auf der Töpferscheibe und die Bemalung eines Gefäßes, zwei Motive, die auch auf den attischen Gefäßen am häufigsten vorkommen.


Abb.  6   Terrakottastatuette einer Töpferin, Ende 6. Jh. v. Chr., Paris Louvre

Im Bereich der Koroplastik hingegen findet man nur zwei Darstellungen von Töpfern, die beide ans Ende des 6. Jh. v. Chr. zu datieren sind und aus Gräbern stammen. Es handelt sich um eine weibliche Terrakottastatuette (Abb. 6) aus Elaious, die den Handaufbau eines Gefäßes zeigt und ein männliches Kalksteinfigürchen aus Zypern, das an einer primitiven Vorstufe einer –  sonst eigentlich erst im Hellenismus belegten – Fußtöpferscheibe hantiert. Da die Figuren aus Gräbern stammen, wird teilweise vermutet, dass diese Totenbegleiter das Leben im Jenseits darstellen sollen, wo die Arbeit ohne Zwang und Mühen vor sich geht und die Figuren somit ein gerechtes und glückliches Leben repräsentieren.
Die dritte Gruppe der Werkstattbilder findet sich auf dem Gebiet der Vasenmalerei, vor allem im attischen Bereich. Sind es in Korinth die Töpferöfen, so finden sich bei den attischen Gefäßen hauptsächlich die Darstellungen eines Töpfers an der Töpferscheibe – teilweise wird er auch durch einen Gehilfen unterstützt – und die eines Vasenmalers beim Verzieren von Gefäßen. Öfen lassen sich nur auf einer Lekythos und einer Hydria (Abb. 3) erkennen.

Ein Aspekt, der ebenfalls bei der Bearbeitung des Themas nicht übersehen werden kann, ist der Zeitraum, in dem die Werkstattbilder entstanden sind. Die korinthischen Pinakes können in den Zeitraum vom 7. Jh. bis zum Anfang des 5. Jh. v. Chr. datiert werden und stellen somit die älteste Gattung der Werkstattbilder dar.
Die attischen Vasen mit Töpfer- und Werkstattabbildungen treten nur in der spätarchaischen und klassischen Zeit auf. Dieses plötzliche Auftreten der Werkstattszenen im Bereich der attischen Kunst ist wohl mit der historischen Entwicklung in Verbindung zu bringen. Aufgrund der Reformen durch Solon und Kleisthenes kamen die Handwerker zu mehr Rechten, ihre Lebensbedingungen konnten sich verbessern und somit stieg das Selbstvertrauen und die Selbsteinschätzung, was sich in ihren Darstellungen widerspiegelt. Die früheste attische Werkstattabbildung findet sich auf einer attisch schwarzfigurigen Kleinmeisterschale (Abb. 7) um 530 – 520 v. Chr. Das bisher jüngste Bild eines Töpfers ist das Fragment einer attischen Amphora aus dem Jahre 425 v. Chr.
In hellenistischer Zeit verschwindet das Motiv der Werkstattbilder völlig aus dem Repertoire der Künstler. Der Grund liegt möglicherweise in der Erfindung der Fußtöpferscheibe, welche die Kunst des Töpferns zu einer Massenproduktion degradierte. Einzig die Töpferscheibe selbst taucht noch ab und zu auf, allerdings – wie schon sehr vereinzelt in klassischer Zeit ihres ursprünglichen Verwendungszweckes beraubt –  als Gerät für akrobatische Übungen und als Art Karussell.


Abb.  7  Töpfer und Gehilfe beim Drehen eines Gefäßes, attisch schwarzfigurige Kleinmeisterschale,
Vorderseite, 530 – 520 v. Chr., Karlsruhe Badisches Landesmuseum

Die Darstellungen von Töpfern und Vasenmalern lassen sich nach der Art wie die Arbeiter abgebildet werden, in zwei weitere Gruppen unterteilen: einerseits die realistisch-banausischen, andererseits die idealisierten Darstellungen.
Arbeiter erster Gruppe zeigen sich nackt, alt, mit Stirnglatze, hager und ausgemergelt, mit übergroßem schlaffem Phallos, frontal mit unanständig gespreizten Beinen da hockend. Erscheinen sie im Profil, so strecken sie ihr Gesäß ordinär hinaus und haben gelegentlich ein ver-krümmtes Rückgrat. Diese Selbstdegradierung hatte aber nichts mit Selbstironie oder Selbstkarikatur zu tun, sondern es ging den Handwerkern darum, ein ungeschminktes Bild von der harten Wirklichkeit ihres Lebens und der täglichen Arbeitslast zu zeigen. Mit diesen Selbstdarstellungen, die hauptsächlich als Weihgeschenke gestiftet wurden, wollten sie den Segen der Gottheit für eine erfolgreiche Produktion erbitten oder sich dafür bedanken.


Abb.  8  Vasenmaler werden von Athena und Niken bekränzt, attisch rotfigurige Hydria,
 470 v.  Chr., Vicenza Banca Intesa

Das Phänomen  der abwertenden Bilder verschwindet im 5. Jh. v. Chr., einer Zeit, in der die attische Demokratie den Menschen unabhängig  von seiner sozialen Befindlichkeit als Subjekt zu sehen beginnt. Somit tritt ein neuer Typus auf, der eine idealisierte Welt zeigt, in der Götter zugegen sind und ihre Gunst sichtbar verteilen. Bei dieser Darstellungsgruppe darf man wohl annehmen, dass sich Töpfer und Maler darstellen, die durch die politischen Veränderungen zu etwas Wohlstand gekommen sind, nun den Status der alten reichen Familien beanspruchen und sich mit ihren Darstellungen auf die Stufe höherer Bürger begeben wollen. Es steht nicht mehr die soziale Befind-lichkeit im Vordergrund, sondern die moralische Persönlichkeit des einzelnen Handwerkers. Die Arbeiter der zweiten Kategorie erscheinen im Gegensatz zum Banausentypus bekleidet, wirken wohlerzogen, anmutig, jugendlich, und erscheinen fast wie zu höheren Schichten gehörend. Zum vornehmeren Selbstverständnis der jüngeren Zeit passt es daher, wenn sich die Maler auch von Siegesgöttinnen und von Athena (Abb. 8) bekränzen lassen, wie es sonst nur dem siegreichen Athleten oder dem tapferen Krieger gebührte.


Abb.  9   Vasenmaler bei der Arbeit, attisch rotfiguriges Schalenfragment,
480 v. Chr., Boston Museum of Fine Arts

Auf einer Vase (Abb. 9) stellt sich ein Handwerker sogar mit Stab, Strigilis und Ölfläschchen dar, also als freier Bürger, der wie die Aristokraten Sport in der Palästra trieb. Es stellt sich angesichts solcher Selbstzitate die grundsätzliche Frage nach dem Realitätsgehalt der Bilder. Darf man hier von wirklichkeitsgetreuen Darstellungen sprechen oder handelt es sich nur um Wunschbilder einfacher Handwerker, die wenigstens in der Phantasie ein schöneres Leben genießen wollten. Da sicherlich einige Töpfer und Vasenmaler durch die neue Rechtssprechung unter Solon und Kleisthenes, aber auch durch größere Absatzmärkte zu mehr Anerkennung – und dadurch zu Vermögen – gekommen waren, ist es durchaus vorstellbar, dass manch einer dies so zum Ausdruck bringen wollte. Er bezweckte damit sich von anderen Kollegen hervorzuheben, die den ganzen Tag für den Lebensunterhalt arbeiten mussten, und nicht wie er über seine Zeit ganz oder teilweise frei verfügen konnten. Die Bewertung körperlicher Tätigkeit von Seiten der herrschenden Oberschicht war nämlich keineswegs positiv. Eine Wertschätzung brachte man nur den Produkten der Töpfer und Vasenmaler entgegen, nicht aber ihrer Person selbst. War körperliche Arbeit in der homerischen Dichtung, in der adelige Helden gelegentlich noch selbst „zupackten“, aber auch im Werk Hesiods noch nicht negativ besetzt, setzte im 5. Jh. v. Chr. ein Wandel in der allgemeinen Auffassung ein, als die Sklavenarbeit immer stärker zunahm und so eine Trennung von körperlicher und geistiger Tätigkeit erfolgte. Dies hatte zu Folge, dass die herrschende Oberschicht jede körperliche Betätigung als sklavische Beschäftigung und daher als entehrend ansahen. Besonders deutlich machen dies die Aussagen von Platon, Aristoteles und Xenophon. Es ging den Autoren aber nicht so sehr darum, die Arbeit generell als verächtlich darzustellen als vielmehr aufzuzeigen, dass der so-zial niedrigstehende Mann den politischen Pflichten eines Vollbürgers nur unzureichend oder gar nicht gerecht zu werden vermochte und die anstrengende Arbeit dem Handwerker keine Zeit lässt, um in der Palästra zu trainieren oder sich der Muße hinzugeben. Da die sitzende, gebückte Haltung oft den Körper deformierte und verkümmern ließ, gab man ihnen den Namen Banausos, wörtlich Ofenhocker.


Bestand: Universitätsbibliothek Innsbruck

Kontakt: Alexandra Krassnitzer



Für den Inhalt verantwortlich: die Verfasserinnen und Verfasser der jeweiligen Arbeiten
© Institut für Archäologien / Klassische und Provinzialrömische Archäologie, Universität Innsbruck, 2004
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