Gerald Grabherr
Michlhallberg
Die Ausgrabungen in der römischen Siedlung 1997-1999
und die Untersuchungen an der zugehörigen Straßentrasse
(Diss. Innsbruck 2001)

Abstract


Ansicht des Sandlings mit Lage des Grabungsplatzes (rotes Kreuz)

Lage
Die römerzeitliche Siedlung am Michlhallberg liegt im Salzkammergut am südlichen Abhang des Sandling (1716 m) im Gemeindegebiet von Altaussee (KG Lupitsch) an der Landesgrenze zwischen Oberösterreich und Steiermark auf einer Seehöhe von 1000 m. Die Siedlung selbst erstreckt sich über mehrere kleine Terrassen östlich des Michlhallbaches und bildet gleichsam den Scheitelpunkt einer römischen Straße, die von Bad Aussee kommend weiterführt Richtung Bad Goisern.

Befunde
Nach der Entdeckung der römischen Fundstelle im Jahre 1993 fanden am Michlhallberg von 1997 bis 1999 archäologische Ausgrabungen statt, bei denen zwar zahlreiche Kleinfunde geborgen werden konnten, jedoch keine gesicherten römischen Baubefunde festzustellen waren. Das Grabungsareal am Abhang des Sandling wird durch mehrere kleine Terrassen gegliedert. Im westlichen Bereich (Quadrant H11) befand sich eine postamentartige Struktur aus großen Steinen als Randbefestigung, mit kleineren Steinen als Hinterfüllung und parallelogrammförmigem Grundriß. Die trockengemauerte Struktur ist in gelbgrauen Lehm eingebettet und nur in einer Steinlage erhalten. Westlich neben der Struktur konnte eine flache Aschengrube mit annähernd kreisrundem Umriß festgestellt werden.
Im südöstlichen Grabungsbereich (Quadrant S8), direkt unter dem rezenten Wanderweg konnte ein rechteckiges, gemörteltes Fundament aus Kalksteinen und wenigen Ziegeln freigelegt werden, das nach den mitgefundenen Kachelfragmenten als Fundament eines Kachelofens anzusprechen ist. Das Fundament lag teilweise über einer stark mit römischem Fundgut durchsetzten Schicht, die als Rest eines römischen Kulturhorizonts oder einer flachen Abfallgrube anzusehen ist.
Im Großteil der untersuchten Flächen waren römische Kleinfunde vorwiegend im humosen Waldboden anzutreffen. In dem darunter folgenden, etwas humos verfärbten Tonstratum waren nur mehr vereinzelte Funde nachweisbar. Lediglich im östlichen Hangschnitt (S10-14) und im anschließenden Quadranten konnte eine bis zu 2,70 m starke Schichtenabfolge dokumentiert werden. Da der Verlauf der Straten dem des Hanges entgegengesetzt ist und die Abfolge der Schichten nicht ihrer chronologischen Einordnung entspricht, ist hier mit einer Verfrachtung der Schichten im Zuge geomorphologischer Veränderungen und einer Anlagerung derselben an einem Geländerücken zu rechnen. Diese Veränderungen sind in engem Zusammenhang mit den überlieferten Bergstürzen von 1546 und 1920 oder ähnlichen Ereignissen zu sehen.

Funde
Im Zuge der Prospektionen wie auch der folgenden Ausgrabungen konnte eine beachtliche Anzahl an römischen Kleinfunden im Siedlungsbereich und entlang der römischen Wegtrasse geborgen werden. In den Katalogteil dieser Arbeit sind 1722 Nummern aufgenommen worden, darunter 661 Münzen, 351 Keramikgefäße, 13 Glasgefäße sowie 697 Katalognummern mit Kleinfunden aus Metall, Glas, Stein und Holz. Das umfangreiche, nur zum geringeren Teil stratigraphisch auswertbare Fundmaterial setzt mit Funden des 2. Jh. n. Chr. ein und stammt vorwiegend aus dem 3. und 4. Jh. Funde, die mit Sicherheit dem 5. Jh. zuweisbar sind, fehlen bereits.
Die Münzreihe vom Michlhallberg beginnt mit einem Sesterz des Hadrian (117-138) und endet mit zwei Centenionales des Theodosius I. (379-395). Der Großteil der Münzen umfaßt späte Antoniniane (Billon) von Gallienus und seinen Nachfolgern sowie Aes-Prägungen des 4. Jh. Denare der severischen Epoche sind gut vertreten, hingegen fehlen Silberprägungen des 4. Jh. völlig.
Die ältesten Fibelformen, die am Michlhallberg vorkommen, stellen zweigliedrige kräftig profilierte Fibeln sowie eine Spätform der norisch-pannonischen Doppelknopffibel dar. Am häufigsten vertreten sind Kniefibeln und Zwiebelknopffibeln, Formen die den Siedlungsschwerpunkt im 3. und 4. Jh. widerspiegeln. Auch die restlichen Schmuck- und Trachtbestandteile, wie Gürtelschnallen, Zierbeschläge, Armreifen und Perlen weisen zeitlich in die Spätantike. Werkzeuge und Gerätschaften zeugen von handwerklicher Produktion, wobei schweres Werkzeug zur Steinbearbeitung auf eine Verwendung als Bergmannsgezähe im Salzbergbau hindeuten könnte. Von der Straßentrasse stammt eine große Anzahl von Hipposandalen, die auf ein beachtliches Verkehrsaufkommen schließen lassen.
Das keramische Fundmaterial aus der Siedlung am Michlhallberg reicht zeitlich vom 2. Jh. n. Chr. bis ins 4. Jh. Frühe Formen des 1. Jh. sind weder bei der Feinkeramik noch beim Kochgeschirr nachweisbar. Der überwiegende Teil des Fundmaterials ist der groben, lokal hergestellten Gebrauchskeramik zuzurechnen. Terra Sigillata ist nur in sehr geringem Maß vertreten. Sicher nachgewiesen sind hierbei die Töpfereien von Rheinzabern und Betriebe in Nordafrika. Rheinische Glanztonware, sogenannte Spruchbecherkeramik, ist mit Erzeugnissen aus Trier in Einzelstücken in die Siedlung am Michlhallberg gelangt. Tonlampen und Amphoren – beide Hinweise für eine starke Romanisierung der Bevölkerung - fehlen im Fundbestand, wie in den meisten nicht-städtischen Siedlungen Zentral- und Südostnoricums. Graffiti auf Terra Sigillata und auch alltäglicher Gebrauchskeramik hingegen zeugen von romanisierter Bevölkerung. Glasgefäße sind nur in geringer Anzahl im Fundgut zu finden.

Hülse aus Goldblech mit Golddrahtauflagen
Kniefibel mit Spiralhülse
Propellerförmiger Beschlag von einem spätantiken Gürtel

Die Siedlung
Nach Ausweis des bisher geborgenen Fundmaterials scheint die Siedlung am Michlhallberg vom Ende des 2. Jh. n. Chr. bis ins späte 4. Jh. bestanden zu haben. Der Grund für die Siedlungstätigkeit in dieser eher abgeschiedenen Höhenlage am Abhang des Sandling dürfte in der Ausbeutung der anstehenden Salzvorkommen zu suchen sein. Aufgrund des Fehlens von entsprechenden auswertbaren römischen Befunden ist der archäologische Nachweis für Salzverarbeitung vor Ort nicht möglich.

Die Straße
Die Anbindung der Siedlung am Michlhallberg ins römische Straßennetz erfolgte über eine Straße, die vom Michlhallberg aus einerseits über Bad Goisern zur Traun führte und dieser bis Wels/Ovilava folgte. Andererseits bestand in entgegengesetzter Richtung über Bad Aussee und Bad Mitterndorf ins Ennstal auch eine Verbindung in den Süden. Die Straße war als reiner Erdweg ausgebaut, der nur in Feuchtgebieten notdürftig mit Hölzern befestigt worden ist. Dieser mangelhafte Ausbau weist auf die vorwiegend lokale Bedeutung der Straße, die zahlreichen gefundenen Hipposandalen hingegen weisen auf einen regen Verkehr hin.



Abstract

1997-1999 the Institut of Classical Archaeology/University of Innsbruck excavated a Roman settlement in the locality of Michlhallberg, municipality Altaussee in the region Salzkammergut (Austria). The area is damaged by several landslips and therefore it was impossible to prove vestiges of buildings. The singular position of this settlement is substantiated in its central-alpine location and the abundant small finds. Up to now 658 coins, 73 brooches, pieces of military equipment and objects for everyday use were saved. Fine wares and glass vessels represent a minor part of the finds. The main part of pottery is formed by local coarsewares. Mining tools and the local salt deposits suggest the interpretation as a salt-mine or a saltern. The small finds indicate the establishment of the roman settlement in the late of 2nd and the end in the 2nd half of the 4th century AD.
The road, which led to the roman site, was also part of the excavations. Over 120 hipposandals were found beside the road without any pavement or consolidation. These numerious hipposandals represent the biggest complex in the Roman Empire.



Publikation:
Gerald Grabherr, Michlhallberg - Die Ausgrabungen in der römischen Siedlung 1997-1999 und die Untersuchungen an der zugehörigen Straßentrasse. Schriftenreihe des Kammerhofmuseums Bad Aussee 21 (Bad Aussee 2001) mit Beiträgen von Friedrich Bauer/Harald Stadler, Kurt Nicolussi, Erich Pucher/Manfred Schmitzberger und Carolina Walde.
ISBN 3-901370-22-6


Bestand: Universitätsbibliothek Innsbruck

Kontakt: Gerald Grabherr



Für den Inhalt verantwortlich: die Verfasserinnen und Verfasser der jeweiligen Arbeiten
© Institut für Archäologien / Klassische und Provinzialrömische Archäologie, Universität Innsbruck, 2003
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