Die Grabungen in einer römischen Ansiedlung in Strad, Gem. Tarrenz

In den Jahren 2007–2008 und 2010–2011 wurden im Tiroler Gurgltal im Gemeindegebiet von Tarrenz, Ortsteil Strad die Überreste einer römischen Siedlung an der Via Claudia Augusta archäologisch untersucht. Die Grabungen wurden vom Österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF), vom Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank, der Gemeinde Tarrenz, der Universität Innsbruck, dem Verein Via Claudia Augusta, den Österreichischen Bundesforsten AG sowie dem Verein Arge Gastlichkeit finanziell unterstützt. Die Aufarbeitung der Grabungen wird durch das vom FWF finanzierten Projekt „The analysis of a Roman roadside settlement along the VCA“ (P 21342-G19) ermöglicht, das unter der Leitung von Assoz.-Prof. Dr. Gerald Grabherr noch bis Anfang 2013 durchgeführt werden kann.
Anlass dieser Forschungen boten zahlreiche Prospektionsfunde (hier vor allem Keramik und Knochen), die nicht als Verlustfunde an der römischen Straße, sondern als Siedlungsfunde zu interpretieren sind.

Abb. 1

Abb. 1: Via Claudia Augusta im Gurgltal

 

Die Befunde

Im Zuge der Ausgrabungen wurden zahlreiche Strukturen römischer Pfosten- bzw. Schwellbalkenbauten dokumentiert, die allerdings schwer zu erfassen und teilweise schlecht erhalten sind. Dies liegt einerseits an dem zum Teil dichten Baumbewuchs und zum anderen daran, dass das antike Gehniveau nahezu nicht mehr fassbar ist und damit keinerlei aufgehende Strukturen erhalten sind. Nur Befunde, die in römischer Zeit in den Boden eingetieft wurden, sind heute noch – wenn nicht durch Baumwurzeln gestört – erkennbar.
Das Grabungsareal erstreckte sich auf beiden Seiten der heutigen Forststraße (Abb. 1), der der antiken Trasse der Via Claudia entspricht. An beiden Straßenseiten standen Gebäude, wobei sich eine chronologische Abfolge abzeichnet. An der südlichen Seite wurden neben Pfostenlöchern, die sich zu keinem gesicherten Grundriss ergänzen lassen, mindestens ein Ofen und ein Herd entdeckt. Der erste Befund liegt in einem geschotterten Hofbereich, weist einen kreisförmigen Backbereich sowie einen Schürkanal auf und ist als Backofen anzusprechen (Abb. 2). Westlich davon liegt eine nahezu kreisrunde Grube, die unter anderem auch viel Holzkohle enthielt, die aus dem Ofen ausgeräumt wurde. Der Hof war im Westen durch eine Trockenmauer abgegrenzt, von der mehrere Lagen dokumentiert wurden, und wohl auch im Süden weisen einzelne Steine auf eine ähnliche Struktur hin. Dadurch wird ersichtlich, dass an dieser Stelle das Gelände in römischer Zeit leicht eingeebnet wurde, um eine entsprechende Fläche für den Hof zu schaffen. Ähnliche Geländemerkmale sind westlich und östlich des Hofes zu beobachten, die für eine Bebauung präpariert wurden.

Abb. 2

Abb. 2: Backofen, Grube und Trockenmauer

 

Abb.3

Abb. 3: Herdstelle


Im Süden der Grabungsfläche wurde ein aus Steinen gesetzter Herd (Abb. 3) wiederum mit zugehöriger Brandgrube entdeckt. Das Fehlen von Baustrukturen in unmittelbarer Nähe legt nahe, dass sich dieser nicht in einem Gebäudeinneren befunden hat. Nordwestlich von diesem zeigte sich ein kreisrundes Fundament (Abb. 4), das sich vielleicht auch mit einer Feuerstelle erklären lässt. Rundherum angeordnete Pfostelöcher weisen auf eine eventuelle Überdachung des Befundes hin.

Abb. 4

Abb. 4: Ehemals kreisrunde Fundamentierung

 

Neben der Pfostenbauweise lassen sich Steinfundamentierungen, die in den Boden eingetieft wurden und den hölzernen Wandaufbau trugen, nachweisen. So kennen wir die Reste eines  kleinen Gebäudes mit den entsprechenden Fundamenten (Abb. 5), die in mehreren Lagen erhalten waren. Das östliche Fundament ist fragmentiert erhalten und wurde in einer maximalen Ausdehnung von 1,23 m Länge und maximal 0,60 m Breite erfasst. Im Norden ist die Steinlage fast völlig zerstört, was wohl mit der Steinwiederverwendung zu erklären ist. Dort erstreckt sich eine schwarze Verfärbung, bei der es sich wahrscheinlich um eine verschobene Feuerstelle mit maximaler Ausdehnung von 3,30 m mal 3 m handelt, die zeitlich nach der Steinentnahme anzusetzen ist. Die westliche Fundamentierung ließ sich auf einer Länge von 3 m und mit einer Breite von maximal 0,80 m feststellen, sie ist stärker eingetieft als an anderen Stellen. Das südliche Fundament des Gebäudes weist eine Länge von 3,65 m und eine Breite von 0,60 m.

Abb. 5

Abb. 5: Fundamentierungen eines Gebäudes an der südlichen Straßenseite

 

In der Fläche nördlich der Straße zeichnen sich weitere römerzeitliche Befunde ab, die von zumindest zwei Phasen einer Holzbebauung zeugen. Die erste Phase ist gesichert durch nahezu rechtwinklige Fundamentierungen im Westen der Fläche (Abb. 6). Die Ecksituation im Südwesten ist durch die 1,20 m bzw. 2,80 m langen Steinreihen von einer Breite bis zu 0,50 m gut erkennbar. Die Ecke im Nordwesten ist weniger gut erhalten, dafür lässt sich die Steinsetzung auf einer Länge von circa 4 m und einer Breite bis zu 0,70 m verfolgen. Zu diesem Gebäude gehörig kann wohl auch die Steinreihe im Osten, die in der Flucht der südlichen Fundamentierung liegt, angesehen werden. Der Bereich zwischen diesen Befunden ist stark gestört, einerseits durch Baumbewuchs und andererseits durch neuzeitliche Eingriffe besonders im Nordosten der Fläche. Hier wurde eine Feuerstelle mit zugehöriger Brandschicht aufgedeckt, in der sich Keramik aus dem 16./17. Jahrhundert befand. Beide Befunde stören die römerzeitlichen Schichten und lassen keine Strukturen mehr erkennen. So fehlt die Ostfront des Hauses zur Gänze.

Abb. 6

Abb. 6: Fundamentierungen eines Gebäudes an der nördlichen Straßenseite


Die zweite Phase der Bautätigkeiten an dieser Stelle weist sich in Form einiger Pfostenlöcher aus, von denen zumindest vier in einem gemeinsamen Kontext zu sehen sind. Im Bereich des zuvor besprochenen Gebäudes liegen drei Pfosten in einer Flucht, mit einem vierten Pfosten lässt sich die Ecke rekonstruieren. Auch dieses Gebäude ist im Osten stark gestört, wobei im nördlichen Bereich wiederum das Areal um die neuzeitliche Feuerstelle verantwortlich ist.
Im Bereich der beiden genannten Baubefunde zeichnet sich ein Graben ab, der wohl durch eine weitere Bauphase zu erklären ist. Eine maximal 0,45 m breite dunkle Verfärbung mit einem V-förmigen Querschnitt in einer Länge von 1,50 m, die im Norden um die Ecke biegt und sich noch 0, 60 m weit verfolgen ließ, erstreckt sich nahezu parallel zu den westlich davon liegenden Pfosten. An der Sohle des Grabens fand sich ein Follis des Kaisers Maximian (RIC 80), der einen terminus post quem 306/307 n. Chr. für diesen Befund darstellt (Abb. 7).

Abb. 7

Abb. 7: Follis des Kaisers Maximian 306/307 n. Chr.

 

Fundmaterial

Vor allem aus den Gruben, die sich entlang der Straße im Süden feststellen ließen und die ursprünglich vielleicht für die Materialentnahme im Zuge des Straßenbaus angelegt und wieder verfüllt wurden, stammen zahlreiche Funde, die für die Chronologie und für die Interpretation der Siedlung relevant sind. Im Keramikspektrum dominieren feinkeramische Produkte, während die grobe Alltagskeramik nur vereinzelt vorkommt. Besonders hoch ist der Anteil an der Terra Sigillata, die aus Lezoux und vor allem aus Rheinzabern importiert wurden. Hauptsächlich wurde die Schalenform Drag. 37 nachgewiesen, daneben kommen auch zahlreiche Näpfe und Teller häufig vor.
Das Repertoire an weiteren Gefäßen und hier vor allem an Trinkbechern reicht von in Oberitalien hergestellten Henkeldellenbechern, über Becher in raetischer und rheinischer Glanztonware bis zu Schalen der sog. Terra Nigra. Ebenfalls als Trinkgeschirr sind Becher aus Glas verwendet worden.
Unter den Metallfunden sind Fibeln (Abb. 8), ein silberner Fingerring mit Gemme (Abb. 9) und eiserne stili hervorzuheben; letztere sprechen dafür, dass die Bewohner über Kenntnisse des Lesens und Schreibens verfügten und dass sie im Rahmen der hier angebotenen Dienstleistungen eine Rolle spielten.
Von besonderem Interesse sind Fragmente von Bronzegussresten, die von einer Bronzeverarbeitung vor Ort zeugen.

Abb. 8

Abb. 8: Bronzefibel des Typs Jobst 4F

Abb. 9


                  Abb. 9: Silberner Fingerring mit Gemme

Die Fundmünzen aus den Grabungen müssen differenziert gesehen werden, da sie zwei Zeithorizonte eröffnen. Zum einen decken die Denare und Asse der Kaiser Hadrian bis Severus Alexander die Jahre zwischen 150 und 235 n. Chr. ab, die auch durch die Terra Sigillata bezeugt sind. Auf der Grabungsfläche nördlich der Straße wurden circa 100 römische Münzen geborgen, die in der zweiten Hälfte des 3. und der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts geprägt wurden und auf römische Präsenz an dieser Stelle im Gurgltal noch zu dieser Zeit hinweisen.

 

Interpretation der Siedlung

Neben der ungewöhnlichen Zusammensetzung des Fundmaterials mit der Dominanz an importierter Feinware ist auch die Interpretation der Siedlung besonders interessant. Die unmittelbare Nähe zur Staatsstraße lässt zweifelsfrei an eine Siedlung, die vom Verkehr lebte, denken. Da der Bereich einer römischen Straße in staatlichem Besitz war, liegt der offizielle Charakter der Ansiedlung nahe. Eine Interpretation als staatlich organisierte Straßenstation des cursus publicus erscheint zunächst plausibel, erweist sich aber bei näherer Betrachtung als nicht schlüssig. Entlang der Via Claudia, der bedeutenden Strecke zwischen italischem Mutterland und Donau sind keine entsprechend organisierten mansiones durch antike Quellen wie der Tabula Peutingeriana oder das Itinerarium Antonini gesichert nachgewiesen.
Seit 1998 ist die direkt vor dem Anstieg auf den Fernpass liegende Straßensiedlung in Biberwier bekannt, die in den Jahren 1999 bis 2003 ausgegraben wurde. Die nächste entsprechende Siedlung, die dem Verkehr diente, wird im Norden in Bichlbach angenommen, südlich des Fernpasses ist die Gegenstation zu Biberwier noch nicht lokalisiert, allerdings weisen vermehrt Indizien in der Gemeinde Nassereith auf die Existenz einer römischen Siedlung hin. Das heutige Imst (Humiste) dürfte in römischer Zeit die Rolle einer Straßenstation eingenommen haben.
Alle diese genannten Niederlassungen liegen in einem regelmäßigen Abstand von ca. 8 milia passuum und lassen auf ein staatlich geregeltes System schließen, nur die neu entdeckte Siedlung in Strad fällt aus diesem Rahmen. Nach heutigem Stand der Kenntnisse erscheint eine Erklärung als privat geführtes Gast- oder Rasthaus auf staatlichem Grund am wahrscheinlichsten. Für eine Interpretation als entsprechende Serviceeinrichtung spricht nicht nur die Lage an der römischen Straße zwischen zwei vermuteten bzw. nachgewiesenen Stationen, die von öffentlicher Hand organisiert wurden, sondern vielleicht auch die große Anzahl an Tafelgeschirr und besonders an Trinkgeschirr, das in Gasthäusern in Gebrauch stand.  
Von besonderem Interesse sind in diesem Zusammenhang die Befunde an der nördlichen Straßenseite, die sich mit den spätantiken Münzen in Verbindung bringen lassen. Aus dieser Zeit fehlen nämlich die entsprechenden keramischen Produkte, die wiederum die Interpretation eines Gastbetriebs rechtfertigen würden. Somit ist vielleicht auch an eine andere Funktion der Siedlung in der Spätantike zu denken.

 

Weiterführende Literatur

G. Grabherr, Die Via Claudia Augusta in Nordtirol – Methode, Verlauf, Funde. In E. Walde / G. Grabherr (Hrsg.), Via Claudia Augusta und Römerstraßenforschung im östlichen Alpenraum. IKARUS 1 (Innsbruck 2006), 35–336.

B. Kainrath, Neues zur Infrastruktur an der Via Claudia Augusta. In: M. Meyer/V. Gassner, Standortbestimmung. Akten des 12. Österreichischen Archäologentages vom 28. 2. bis 1. 3. 2008 in Wien (Wien 2010) 181–186.

B. Kainrath, Zur Interpretation einer römischen Fundstelle an der Via Claudia Augusta im Gurgltal. In: G. Grabherr/B. Kainrath (Hrsg.), conquiescamus! longum iter fecimus. Römische Raststationen und Straßeninfrastruktur im Ostalpenraum. Akten des Kolloquiums zur Forschungslage zu römischen Straßenstationen. Innsbruck 4. und 5. Juni 2009. IKARUS 6 (Innsbruck 2010) 215–239.

B. Kainrath, Ein römisches Gasthaus im Strader Wald. Extra Verren. Jahrbuch des Museumsvereins des Bezirkes Reutte 5, 2010, 7–15.

Fundberichte aus Österreich 46, 2007, 712-713.
Fundberichte aus Österreich 47, 2008, 596-598.
Fundberichte aus Österreich 49, 2010, 432.
Fundberichte aus Österreich 50, 2011, 427-428.

 


Text: Barbara Kainrath; Photos: Barbara Kainrath und Gerald Grabherr
© Institut für Archäologien / Klassische und Provinzialrömische Archäologie, Universität Innsbruck, 2014