Fakultät für Politikwissenschaft und Soziologie

Ass.-Prof. Dr. Claudia Globisch

Blended-Learning als interaktives prozessorientiertes Methodenreflexionsinstrument

(Beginn 1.3.2012 Projektende 30.7.2012)

Abschlussbericht
 

Projektziel

Das soziologische Forschungspraktikum ist seinem Wesen als Übungsplattform für theoriegeleitete empirische Projektarbeit nach ein spezieller Lehrveranstaltungstypus. Als solcher bietet er sich in besonderem Maße für die Integration von Elementen des E-Learning bzw. deren Kombination mit traditionellen didaktischen Methoden als „Blended Learning“ an. Vor allem das vielschichtige und im Praktikum besonders zentrale Verhältnis von Theorie/Methodologie und Empirie machtdie angeführten Instrumente in hohem Maße sinnvoll und bereichernd.
Erfahrungen aus vergangenen Semestern zeigen, dass die Anwendung meist neu zu erlernender Methoden auf konkrete Forschungsgegenstände komplex, und für die Studierenden mitunter schwierig ist. Sowohl die Arbeit im Feld – Orientieren, Sondieren, Erheben – als auch die Auswertung des erhobenen Datenmaterials sind in der Regel neue Erfahrungen, die das bis dahin erworbene theoretische Wissen erstmals auf den realen sozialwissenschaftlichen Gegenstand anwenden sollen. Dabei entstehen oft Unsicherheiten und Hemmungen im ungewohnten Umgang mit den AkteurInnen im Feld und auch mit den erhobenen Daten. In den plenaren (Face-to-Face )Diskussionen verhindert mitunter die Schüchternheit gegenüber dem Neuen und Unbekannten oder auch die zeitliche Mittelbarkeit eine erfolgreiche und frühzeitige Bearbeitung von Problemen. Die Interaktivität der Online-Instrumente kann hierbei einige echte Erleichterungen bringen:

(1) Das zentrale interaktive Forschungstagebuch in Blog-Form soll zunächst die kontinuierliche Reflexion des Arbeitsprozesses ermöglichen. Dabei soll über die Kommentarfunktion des Blogs die Reaktivität und Kommunikativität des Instruments gewährleistet und bestmöglich ausgenutzt werden. Einerseits können so die Studierenden untereinander Erfahrungen austauschen und allfällige Hindernisse oder Probleme offen diskutieren (und bestenfalls lösen), und andererseits kann die/der studentische MitarbeiterIn/BetreuerIn in Abstimmung mit der Lehrveranstaltungsleiterin zeitnah auf Fragen, Problematiken oder auch Vorschläge eingehen. Das heißt, die „Blogs“ sollen nicht allein unter den Studierenden Kom¬mu¬nikation und Austausch ermöglichen, sondern vermittelt von der/dem studentischen BetreuerIn darüber hinaus Rückmeldungen an die Lehrveranstaltungsleiterin und mittels zeitweiliger Moderation umgekehrt von ihr an die Studierenden. Eine von den wöchentlichen Terminen unabhängige Kommunikationsplattform erscheint hier besonders sinnvoll, da es sich beim Forschungspraktikum um eine Lehrveranstaltung handelt, die zu einem großen und wichtigen Teil im Feld, also außerhalb der Präsenzeinheiten stattfindet und den Studierenden besondere Autonomie und Kreativität abverlangt. Empirische, zumal qualitativ orientierte Forschungsarbeit, ist immanent prozesshaft und dynamisch, und insbesondere für unerfahrene ForscherInnen zu Anfang herausfordernd. Deshalb kann ein niederschwelliges und zeitlich ungebundenes Forum zur Darstellung und Diskussion verschiedener Problemlagen dem individuellen und letztendlich auch gemeinsamen Gelingen des Vorhabens dienlich sein.
Nach der Feldarbeit, in der das interkative Forschungstagebuch vor allem eine dokumentarische und lösungsorientierte Funktion erfüllt, kann es im Auswertungsprozess, das heißt vor allem der Interpretation der Daten (Interviewtexte), aus den letzten Praktika bekannten Problemen begegnen. Rekonstruktive Auswertungsmethoden im Allgemeinen und die Objektive Hermeneutik im Besonderen sind komplexe und theoretisch voraussetzungsvolle Verfahren mit spezifischen Anforderungen an die Analyse. Um nicht erst in der autonomen Interpretation und Erstellung des Abschlussberichtes auf (wahrscheinliche) Probleme und Unsicherheiten im Vorgehen zu stoßen, kann das Forschungstagebuch in diesem Schritt ein Forum sein, erste Interpretationsversuche zu veröffentlichen und mit den Vorstellungen der KollegInnen sowie kritischem Feedback bzw. Verbesserungsvorschlägen der/des studentischen Mitarbeiterin/Mitarbeiters und der Lehrveranstaltungsleiterin zu konfrontieren. So soll im niederschwelligen Online-Raum schrittweise Gefühl und Verständnis für die hermeneutische Arbeit nach den Regeln der angewandten Methode ausgebildet werden, um für die abschließende relevante Analyse, die in das Gesamtergebnis der Studie einfließt, theoretisch und methodisch gewappnet zu sein. Die Studierenden können sich das kreative und dabei methodisch fundierte Auswertungsverfahren schrittweise und im besten Fall „spielerisch“ aneignen und gleichzeitig von den Erfahrungen der KommilitonInnen profitieren. Idealerweise bildet sich ein für alle Beteiligten fruchtbarer, offener Online-Diskurs, der die Präsenzeinheiten dabei so entlastet, dass die vorausgesetzte Theorie dort adäquat intensiv besprochen werden kann.
Zusätzlich zu seinen didaktischen Vorteilen erfüllt das Instrument darüber hinaus das der qualitativen Sozialforschung besondere Kriterium der Intersubjektivität, das heißt es ermöglicht die kommunikative Validierung oder Prüfung eigener Interpretationen an den alternativen Vorschlägen oder Einwänden der KollegInnen, wodurch die einzelnen Auswertungen an Tiefe, Robustheit und Reflexivität gewinnen. Nicht zuletzt die schriftliche Dokumentation des gesamten Forschungsprozesses (von der Feldorientierung bis zur rekonstruktiven Interpretation), auf die in der abschließenden Auswertung immer wieder reflexiv zurückgegriffen werden kann, bietet das Online-Tagebuch für die empirische Arbeit an. Die in der qualitativen Forschung besondere, anerkannt subjektive Stellung der Forscherin/des Forschers im Feld bzw. zum Gegenstand erfordert methodisch die Transparenz, Nachvollziehbarkeit, Explikation und Reflexion des Forschungsverlaufes und der Rolle der Interpretin/des Interpreten. Insofern sich diese Kriterien alle im interaktiven Forschungstagebuch verwirklichen sollen, bietet es sich gerade für ein sozialwissenschaftliches Forschungspraktikum an – im beschriebenen Sinne didaktisch, dokumentarisch und methodologisch. Ebenso genügt dieses Instrument dem Kriterium der Nachhaltigkeit, da es gewinnbringend kummulativ als Dokumentationsplattform für spezifische Schwierigkeiten und Umgangsweisen im Feldforschungsprozesses für kommende Forschungspraktika am Institut für Soziologie eingesetzt werden kann.

(2) Mit dem Instrument der Reflexionsfragen für können die Studierenden kontinuierlich und unverbindlich überprüfen, ob sie die wesentlichen Inhalte (aus den Texten und Vorträgen in den Präsenzeinheiten), die die grundlegende theoretische und methodologische Voraussetzung für die empirische Arbeit bilden, adäquat erfassen und auf die praktische Feldarbeit umlegen bzw. anwenden können. Es kann/soll durchaus in Wechselwirkung mit dem Feldtagebuch stehen, einerseits indem es darin angeführte Probleme explizieren kann, und andererseits indem Schwierigkeiten, die sich in der individuellen Beantwortung manifestieren, im Blog diskutiert und kommentiert werden können. Die Lernkontrolle über die theoretischen und methodologischen Inhalte soll sicherstellen, dass die theoretische Fundierung für die empirische Forschung gelingt. Ebenso hier werden Inhalte nachhaltig für weitere Forschungspraktika entwickelt und sind ebenso durch andere empirisch orienterte Lehrveranstaltungen adaptierbar.

(3) Die Bereitstellung von Lern-, Lese- und Arbeitsmaterialen über OLAT – auch über die Podcast-Funktion – erlaubt der Dynamik des sozialen Gegenstandes gemäß die dynamische Anbindung der Forschung an das Feld (die Lebenswelten der Betroffenen, die politischen Rahmungen, die spezifischen Diskurse, etc.) und seine potentielle Wandelbarkeit. So werden Aktualität und Realitätsbezug der empirischen Forschung beständig gewährleistet, etwa indem mediale Berichterstattung (etwa Radiosendungen als Podcast, Print- oder Onlineinhalte), institutionelle Veränderungen oder (externe) neue Erkenntnisse zeitnah integriert werden können.

Insbesondere die Instrumente (2) und (3) – Reflexionsfragen zur persönlichen Kontrolle des Lernfortschritts und verschiedene Distributionsplattformen für Lernmaterialen, vor allem auch mittels der Podcast-Funktion – scheinen als den Frontalunterreicht ergänzende Online-Elemente für die Vorlesung sinnvoll. Die kontinuierliche Begleitung des behandelten Stoffes mit Fragen zur individuellen Überprüfung des Verständnisses und der eigenen Fähigkeit zur Abstraktion und kreativen Umlegung der Inhalte auf bestimmte Problemstellungen kann sowohl den Studierenden als auch der Lehrveranstaltungsleiterin Aufschluss über Lücken und Brennpunkte geben und so direkt auf die Didaktik der Vorlesung Einfluss nehmen. Nicht zuletzt soll die wiederum über die OLAT-Plattform und ihre Fragebogenfunktion abgewickelte Themenreflexion einer gezielten Klausurvorbereitung der Studierenden dienen. Hauptsächlich zuständig für die Betreuung/Moderation und Befüllung der Instrumente soll in der Person der/des studentischen Mitarbeiterin/Mitarbeiters des Forschungspraktikums ein/e TutorIn („E-TutorIn“) sein, welcher die Instrumente mitentwickelt hat und daher für die Betreuung derselben am nachhaltigsten ist.

 
Mehrwert
 

Mit den dynamischen und prozessorientierten Online-Strukturen wird die Qualität und Effektivität insbesondere methodisch-empirischer prozessorientierter Lehrveranstaltungen verbessert und die Autonomie und Kreativität der Studierenden gefördert. Die Möglichkeit einer von den Präsenzveranstaltungen zeitlich entkoppelten individuell gestaltbaren, aber betreuten Methodenreflexion, wird ein qualitativ hochwertigeres und autonomeres Arbeiten innerhalb der Lehrveranstaltung ermöglichen. Ebenso ermöglichen betreute Online-Strukturen unterschiedlich informierte und interessierte Studierende in Ihren Geschwindigkeiten zu lernen. Die Möglichkeit der etappenweisen Lernkontrolle (über die Fragebogentools) ermöglicht eine schrittweise aufeinander aufbauende Entwicklung von Wissensstrukturen (für beide Lehrveranstaltungen), die die empirische Arbeit effektiver, genauer und qualitativer hochwertiger gestalten wird. Durch die Möglichkeit der Veranschaulichung und Aktualisierung der Inhalte durch ergänzende mediale Formen (podcast) können unterschiedliche Lerntypen motiviert werden.

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