Józef Niewiadomski

Sakrament, Institution, Amt.

Konturen einer Dramatischen Ekklesiologie

Gliederung der Vorlesung zur Ekklesiologie im WS 1999/2000

0. Prolegomena

Ernüchternde Erfahrung der Gegenwart: de ecclesia numquam satis: v.a. in den Massenmedien im Kontext der Skandalgeschichten und der Seufzer der Gläubigen: de ecclesia nunc iam satis!

Prognosen der Kulturtheoretiker und Religionssoziologen: vgl. R. Gronemeyer, Wozu noch Kirche? Berlin 1995: "Wenn am Jahresende 1999 die Champagnekorken knallen, dann geht ... auch das letzte christliche Jahrhundert zu Ende. Die Kirche blutet aus..."

demgegenüber:

  • der Traum von O. Dibelius (1926) vom Jahrhundert der Kirche
  • Vatikanum II und die Konstitutionen "Lumen gentium" und "Gaudium et spes"
  • das mysterium tremendum et fascinosum des organisierten Katholizismus

Struktur der Vorlesung:

Drei konzentrische Kreise

I.Proseminar zur dogmatischen Ekklesiologie und Amtstheologie:

"Sakrament, Institution, Amt" im Kontext einer methodologischen Metapher: Autobahnbild und dessen Logik (v.a. dogmengeschichtlicher Teil) = Basiswissen

II. Ängste und Hoffnungen der Menschen im Horizont ihrer Geschichte mit dem emphatischen Gott (v.a. biblischer Teil: Volk Gottes unterwegs ins Gelobte Land gerade am Ende des 20. Jahrhunderts versus Versuchung zur religiöser Unmittelbarkeit an Ort und Stelle)

III. Systematische Mosaiksteine: Konturen ekklesiologischer Vorstellungskraft

Präludium

Ausgangspunkt des dogm. Denkens

1. früher:

- Axiomatik der "Denzinger-Theologie":

Kompendium an Dogmen, Sentenzen

- Querhinweise zur Bibel, zu den

Kirchenvätern, scholastischen Autoren

- Abgrenzung zu den Gegnern

- Trennung zwischen der "dogmatischen Wahrheit" und pastoralen Tatsachen als Grundregel:

Dogmatik reflektiert die Grundsätze, Pastoraltheologie bemüht sich um die kontextuelle Anwendung

2. Situation nach dem Vatikanum II: Gaudium et spes//

- Notwendigkeit einer neuen dogmatischen Kultur

- Identifizierung mit den Menschen von heute/Emphatie:

primärer ekklesialer Grundvollzug >> weil Empathie Gottes mit den Menschen

- Jahrelange Fokussierung des theol. Denkens nach dem Konzil auf die biblischen und pastoralen Fächer (Dogmatik diente vielen als Negativfolie)

- Verlust des Gespürs für die Notwendigkeit des systematischen Rahmens in der Theologie

3. "Mein Selbstverständnis"

3.1 Ausgangspunkt: unsere gegenwärtige Welt:

3.1.1 Plausibilitäten der durch Markt und Medien//Werbung strukturierten "Alltagsautobahn" in der bürgerlichen Kultur

  • Erwartung der Leistung im Alltag// Hoffnung auf ein problemloses Ende (D. Rodman, Bad as I wanna be)
  • Das Leben als letzte Gelegenheit: Leistungs- und Erlebnisstreß; Beschleunigung durch das elektronische Zeitalter
  • Rechts- und Anspruchskultur für den Alltag (Spiritualität für den "Sonntag")

3.1.2 Diffuse Religiosität der durch Markt- und Medien strukturierten Kultur und der "versteckte" religiöse Anspruch: extra mercatum nulla vita/salus;

extra media nulla salus

  • Erwartung einer "unmittelbaren" Erfüllung von Hoffnungen und und Beseitigung von Ängsten >>

Instrumentalisierung der traditionellen Religionsgemeinschaften als Dienstleistungsunternehmen für individuelle Lebenshilfe zur besseren Bewältigung der Herausforderungen des modernen Lebens (Kirche als Psychosekte; "Johannes" von H. Körner)

  • Exkurs: W. Benjamin, Kapitalismus als Religion (1921):

Kapitalismus:

eine reine Kultreligion (ohne Dogmatik und Theologie);

Kult von permanenter Dauer;

kein entsühnender, sondern verschuldender Kult.

J. Hörisch: "Im durchkommerzialisierten Mediensystem hat der reife Kapitalismus kultisch zu sich selbst gefunden. Und das ist gut so."

Rituale einer durch Markt- und Medien strukturierten Gesellschaft (Talk-shows usw)

3.1.3 Ekklesiale Relevanz der modernen Medienkultur:

  • Die Markt- und Medienreligion (mit ihrer quasisakramental konstituierten Einheitswelt:

unterschiedlichste Sender in verschiedensten Ländern haben denselben Typus von Bildern und Geschichten) setzt sich erfolgreich an die Stelle traditioneller Religionsgemeinschaften; ihre Bilder und Geschichten strukturieren den Wahrnehmungshorizont der Jugend und entscheiden über die Standards dessen, was als rational, plausibel und wertvoll in unserer Welt zu gelten hat.

  • Diaspora-Situation der Kirche; das vorherrschende (konstantinische) Selbstverständnis und mögliche kirchliche Reaktionen>> Strategien:

Fundamentalismus,

Kirche als Dienstleistungsunternehmen und Psychosekte,

Sozialkritisches Christentum

3.1.4 Spannung zwischen der liberalen Mark- und Medienkultur und dem kirchlich vermittelten "Gott" : Abschied vom Traum des "Konstantinismus" und die Glaubenslogik gemäß Mi 4,5 (Im Kontext der Welt, des "theatrum historiae generis humani" GS 2 die Lebenskultur aus dem Glauben leben)

3.2 Jüdisch-christliche Tradition (biblische und dogmatische Kultur) als Maßstab zur Würdigung und Kritik der liberalen Kultur

>>Bekenntnis:

-Lange vor dem Markt und seinen Mechanismen und auch vor der medial strukturierten Welt ist "Gott" gewesen und er wird auch nach ihnen sein;

- seine Präsenz in der Welt kann nur zeichenhaft sein; das Zeichen par excellence stellt die Kirche dar:

Kirche als Sakrament der Selbstmitteilung Gottes >> LG 1 (DH 4101): Kirche (in Christus): Sakrament (Zeichen und Werkzeug)

für die Vereinigung mit Gott und

die Einheit der ganzen Menschheit >>

LG 48 (DH 4168): - durch den Hl. Geist ist die Kirche "allgemeines Sakrament des Heiles"/ "allumfassendes Heilssakrament" (universale salutis sacramentum); - als pilgernde Kirche gehört sie mit ihren Sakramenten und Einrichtungen dieser Weltzeit an

deswegen ist die kulturelle Versuchung zur "religiösen Unmittelbarkeit" an Ort und Stelle ein ambivalentes Phänomen

3.3 Fragmentarische Präsenz der jüdisch- christlichen Tradition in unserer Öffentlichkeit;

- Aufgabe der Systematik (Dogmatik):

die Fragmente aufzugreifen und einzubinden in den "Strom" der jüdisch-christlichen Tradition

- deswegen auch die narrativ-reflektierende Methode (sinnstiftende Erzählung + Reflexion im Kontext des "dramatischen Modells" -

zur wissenschaftstheoretischen Begründung und Einordnung vgl. R. Schwager, J. Niewiadomski u.a., Dramatische Theologie als Forschungsprogramm. In: ZKTh 118 (1996) v.a. 323-341.

Prüfungsliteratur. Lumen gentium;

S. Wiedenhofer, Ekklesiologie. In: Handbuch der Dogmatik 2. Hg. v. Th. Schneider, 47-154; F. J. Nocke, Preisterweihe. In: Ebd. 344-361,

J. Niewiadomski, Menschen, Christen, Priester. Dogmatische Überlegungen zur Amtsfrage auf dem Hintergrund der Diskussion über "kooperative Seelsorgemodelle. In ThPQ 143 (1995) 159-169.

J. Niewiadomski, Notwendige, weil not-wendende Diakonninenweihe. In: ThPQ 144 (1996), 33-348.

I. Basiswissen

Ekklesiologie und Amtstheologie im Kontext einer methodologischen Metapher - oder ein thematisch orientierter Ausflug in das dogmatische Proseminar

sinnstiftende Erzählung: Metapher der Wüstenwanderung am Ende des 20. Jh.s:

Autobahnbild und seine Logik

1. Normative Grenzsteine der christlichen Autobahn /biblischer, dogmatischer, rechtlicher, moralischer >> spiritueller Art

- Anzeige der Grenzen für den Weg, auf dem das Leben möglich ist

- Hauptversuchungen der akademischen Theologie:

"Leitplankenpflege" und "Leitplankendemontage" im Hinblick auf historisches Wissen

- Die Lehre der "leeren" Autobahn:

Wir können der Spannung zwischen der intensiven Forschung über die kirchliche Tradition und der erschreckenden Irrelevanz derselben im gesellschaftlichen (auch im kirchlichen) Alltag nicht entfliehen.

2. Stellenwert des Glaubensartikels im Credo: (das Apostolische Glaubensbekenntnis, DH 30, NR 911)

credo sanctam ecclesiam catholicam:

Explikation des Artikels:

credo in Spiritum sanctum

3. Traditionelle ekklesiologische "Grenzsteine"/Leitplanken und deren Funktion >> beachte: Ekklesiologie als Traktat gibt es erst seit der Reformationszeit: Abgrenzung

  • zu einer freien (nicht insitutionalisierten) Religiosität
  • zu alternativen Kirchen, die sich auch als Institutionen begriffen haben

3.1 Fokussierung biblischer Botschaft in diesem Kontext

>> Diskussion folgender Sachverhalte:

  • Gründung der Kirche durch Jesus und zwar im formalrechtlichen Sinn (als einer rechtlich festgelegten Institution)>> dicta probantia: Mt 16,18f.
  • Verhältnis zum Gottes Volk des Alten Testamentes: Substitutionsthese als "dogmatische" Voraussetzung selbst für die Auslegung von Röm 11
  • (Hierarchische) Verfassung der wahren Kirche: die fundamentale Bedeutung der Pastoralbriefe (Problembewußtsein: Strukturelemente der neutestamentlichen Gemeinden):

Timotheus und Titusbriefe kennen deutliche, als verbindlich hingestellte Struktur der Gemeinde; der Tenor der Argumentation lautet: Timotheus und Titus sollen sich um die Ordnung sorgen!

- Der freikirchliche Umgang: (auch Reformierte): es gibt keine theologische Legitimation der Normativität des Amtes; es stellt nichts anderes dar, wie jede andere soziale Struktur.

- Traditionelle Luth.-evang. Position: das Amt ist zwar normativ, nicht die konkreten Formen desselben: Träger des Amtes ist die Kirche selber;

- traditionelle kath. Position (Trient): Amtsstrukturen der Pastoralbriefe und darüber hinaus: Unterschied zwischen Bischof und Priester, sacerdotale Vollmacht des Priesters und die Einsetzung der Bischöfe und Priester (beim letzten Abendmahl) sei normativ;

- die moderate kath. Position gibt zu, daß es eine Entwicklung gab und die einzelnen Strukturen nicht von Christus stammen/ es war aber eine Entwicklung unter der Leitung des hl. Geistes - deswegen auch Normativität dieser Entwicklung.

3.2 Systematisierung patristischer Ansätze im Dienste derselben Logik (die Auseinandersetzung mit der Gnosis und der Frage der kirchlichen Einheit wurden als Antizipation der neuzeitlichen und modernen Probleme begriffen)

  • Cyprian von Karthago: "Gott kann der nicht zum Vater haben, der die Kirche nicht zur Mutter hat">> "Außerhalb der Kirche kein Heil!"
  • Substitution oder die verworfene Synagoge:

- Die diffamierende Sicht des Barnabasbriefes

- Die Positionen von Justin dem Märtyrer (geistiges und fleischliches Israel), Tertullian (zwei Völker-Lehre) Origenes (das Reich Gottes wurde den Juden genommen und den Christen gegeben, die Kirche sei aber die Tochter der Synagoge und Israel der älter Bruder der Kirche)

- Die Konzeption der Ablösung bei Augustinus (Abfall vom Glauben Abrahams, Verwerfung des Volkes Israel; der Name Israel kommt nun ausschließlich den Christen zu: Israel verus; Jude ein pejorativer Begriff; Synagoge und die Kirche eindeutig getrennt, auch wenn eine eschatologische Wiedervereinigung zu erwarten ist). Juden: "Zeugen ihrer Bosheit und unserer Wahrheit"

  • Ignatius von Antiochien (vor 170): "Jene Eucharistie gelte als zuverlässig, die unter dem Bischof oder einem von ihm Beauftragen stattfindet. Wo der Bischof erscheint, dort soll die Gemeinde sein, wie da, Christus Jesus ist, die katholische Kirche ist." (Brief an die Smyrnäer): >> die Frage des monarchischen Episkopates: "Frühkatholizismus"

Amt als Garant der Kirchlichkeit

> der erste Klemensbrief (96/97) gegen die Absetzung der bewährten Episkopen und Presbyter;

> Irenäus von Lyon (+202): gegen die geheime Traditionen, die Öffentlichkeit der apostolischen Lehre und die Amtssukzession >> vgl. Kanonfrage

> Hippolit von Rom (+235): Kirchenordnung: Bischöfe, Priester, Diakone die einander hierarchisch zugeordnet sind und durch Handauflegung geweiht werden (als Bischof werde nur der geweiht, der vom Volk gewählt wurde).

  • katholische Vielfalt der Bilder/Metaphern/Gleichnisse zur "decoratio" und theol.-spirituellen Vertiefung des klar abgegrenzten kirchlichen Weges: Kirche als Mysterium, als Abbild der Trinität; Braut und Leib Christi, Volk und Tempel Gottes, casta meretrix, mysterium lunae usw.
  • Martyrium als Zeugnis der Wahrheit

3.3 Segen und Fluch des Imperiums: Kirche im Kontext des konstantinischen Traums (Identität von Kirche und Reich/Staat/Gesellschaft):

beachte: radikale Kritik der Institution Kirche (v.a. der Katholischen) in der medial strukturierten Öffentlichkeit: vgl. hier: Präludium 3.1.3 (zugespitzt nach dem Motto: "Kriminalgeschichte des Christentums"); die durch diesem Impuls motivierte Forschung "verklärt" die biblische und vorkonstantinische Epoche der Kirche als mysteriums ("Freiheit statt Herrschaft") und vermag der Problematik: Kirche als Imperium nichts positives abzugewinnen.

3.3.1 Der Traum von der absoluten Einheit: Reich Gottes auf Erden >> das Römische Reich >> Kirche

  • Messianische Geschichtstheologie des Eusebius: Chiliasmus der "Kaiser-Theologie":

- Sieg Konstantins als Erfüllung alttestamentlicher Verheißungen

- Kaiser: Abbild des Universums, Nachahmung/Ikone des Logos-Christus

- Kaiser über der kirchlichen Lehre; Gottes Stellvertreter auf Erden (beachte: bereits Tertullian wies dem heidnischen Kaiser den zweiten Platz nach Gott zu; der Gedanke des Gottkaisertums schon im 3. Jh.)

  • Praktische Folgen:

Anordnungen gegen die Häretiker (Toleranz gegen die Heiden), Kirche und Reich sollten möglichst deckungsgleich werden, Bischöfe Beamte des Reiches, christliche Kirchen auf den heidnischen Tempeln, Kaiser: Beschützer (Herr) der Kirche (altkirchliche Konzilien, Glaubenssätze als staatliche Gesetze) >> damit aber das Symbol und auch Garant der Einheit

  • Staatskirche unter Theodosius I (380)

(vgl. später der cäsaropapistische Traum/ das theokratische Trauma der justinianischen Reform und die grundsätzlichen Folgen für die Orthodoxie >> nationale Kirchen, in denen die Religion oft im Dienste der Politik steht)

  • Lehramtliche Spuren:

die Bedeutung des Kaisers wirft die Frage des Ehrenprimates von Konstantinopel auf (Konzil von Konstantinopel 381: can 3; Chalcedon 451: can 28); die Zurückweisung dieser canones durch Rom (vgl. die spätere Problematik: ab dem 6. Jh. wurde im Osten dem Patriarchen von Konstantinopel der Titel "Ökumenischer Patriarch" zuerkannt, was Gregor I. als verabscheuungswürdig zurückwies >> Steigerung der Konflikte bis hin zur gegenseitigen Exkommunikation im Jahr 1054).

3.3.2 Der Schrecken des Zusammenbruchs und die Traumkorrekturen

  • Teilung des Reiches (395); Zusammenbruch von Rom (410) und der Untergang des Westreiches (476)

>> heidnische Deutungen: Rache der Götter für die Christianisierung des Reiches

  • Eindeutige augustinische Korrektur: Ekklesiologie anstelle des Chiliasmus (Abgrenzung gegen die "Schwärmer"): Zur fundamentalen Bedeutung von "De civitate Dei" im Westen >>

Annahme eines "Bruchs" innerhalb der geschichtlichen Entwicklung: Ende der Geschichte/der jüngste Tag/die Wiederkunft Christi bleiben Gott überlassen

Entmachtung Satans: Kein politisches Ereignis/ Bekehrung des Einzelnen (Taufe) >> kein "harmonischer" Übergang zwischen der Geschichte und der Vollendung

  • spirituelle augustinische Unterscheidungen zwischen

- civitas Dei (Gottesliebe) und civitas diaboli (Selbstliebe) >> civitas terrena

- Ecclesia ab Abel (Prädestinierte) > Ecclesia mixta (Kirche in der Geschichte im Kontext der civitas terrena > Kirche in der Vollendung ("ohne Runzel und Makel")

  • Folgen:

- ecclesia qualis nun est ist nicht identisch mit ecclesia quae futura est (gegen die Donatisten und deren Heiligkeitsvorstellung)

- ecclesia vera: vom Hl. Geist zusammengehalten (kann nicht untergehen im Kontext der politischen Ereignisse >> lebt aber unter den "normalen Umständen" im Horizont der ecclesia mixta: institutionalisiert!)

  • "Doppelgleisigkeit" der augustinischen Tradition im Hinblick auf die Unterscheidung zwischen Kirche und Staat (Reich): Wahre Kirche ist niemals identisch mit dem Staat >> wie steht es aber mit der Identität der ecclesia mixta und auch mit der Identität des heidnischen Staates (Gregor der Große: dieser ist nur von der Selbstliebe geprägt)?

3.3.3 Segen und Fluch der kirchlichen Macht

3.3.3.1 Gelasius I (492-496) und seine Lehre von den zwei Schwerter (DH 347)

Petrus erhält zwei Schwerter von Christus

das des Priesters >> es geht an den Bischof von Rom über

das des Königs >> es geht an den christlichen König

Folgen: Harmonie und Auseinandersetzungen um die Zuordnung von imperium et sacerdotium

3.3.3.2 Anspruch der fränkischen Könige, "westliche" Kaiser zu sein >> Einberufung der Synode in Frankfurt (794) durch Karl den Großen/ der Anspruch setzt sich nicht durch!

3.3.3.3 Kirchliche Autorität auf dem Weg zu weltlicher Macht "höherer Ordnung" >> Der Traum von einer fragmentarischen Einheit (der ecclesia mixta und des Staates)

  • "Dictatus Papae" (1075) vom Gregor VII:

Der Papst als Quelle universalen Rechtes (er kann neue Gesetzte erlassen, Bischöfe ein- und absetzen, Kaiser absetzen, Untertanen vom Treueeid entbinden, und über Rechtmäßigkeit von Synoden und Konzilien entscheiden)

  • 1132 : das erste päpstliche Konzil (Lateranum I)
  • theologische Begründungen:

- ratione peccati hat der Papst eine Vollmacht über Kaiser und Könige (im politischen Bereich)

- Konzeption der gratia capitis, die gleichermaßen die Einheit der Kirche nach innen (Einheit durch die Gnade) und außen (durch die Vollmacht des Amtes) begründet: die Menschheit Christi als alleinige Quelle der geschaffenen Gnade: über das Haupt der Kirche (caput ecclesiae - Christus) und dessen Stellvertreter (Papst) gelangt die Gnade über Bischöfe, Priester zum Volk (zu den Laien): >> Christomonismus der mittelalterlichen Ekklesiologie

extreme Folgen: vgl. Bonifaz VIII (1294-1303) : Unam Sanctam 1302: (DH 870-875; NR 429f.): Heilsnotwendigkeit der Unterwerfung unter den Papst (gilt für jede menschliche Kreatur):

"Clericis laicos" (1296): die Laien sind den Klerikern bitter feind

  • Die Ambivalenz der Kreuzzüge (Papst ruft die Kreuzzüge aus; kurzfristige und langfristige Folgen der Kreuzzüge)

3.3.3.4 Der Schrecken des Niedergangs und die Traumkorrekturen

  • "Exil von Avignon" (1309-1377);

das große abendländische Schisma (1378-1417)

  • >> Konzil von Konstanz (1414-1418): "Haec sancta" (NR 433): das Konzil als höchste Instanz in der Kirche;

Scheitern der nachfolgenden Konzilien (aufgrund der Uneinigkeit) aber auch Unfähigkeit des Papsttums zur Reform.

  • Traumkorrekturen in den Reformbewegungen versus reformatorische Traumata (vgl. der gegenwärtige Trend der "Verklärung" antiinstitutioneller - kirchenkritischer - Bewegungen) :

aufgrund des Erschreckens über die Korruption der institutionalisierten Kirche radikale Machtkritik und Preisgabe der Institution (auch im Kontext der neu diskutierten Frage nach der Sakramentalität des Ordo):

der radikale Traum eines Joachim von Fiore (die wahre Kirche der Mönche löst die korrupte Kirche der Kleriker auf); Franziskus (Armutsbewegung in der reichen, Gewaltlosigkeit in der gewaltkanalysierenden, ja gewaltprovozierenden Kirche; er will Laie bleiben, wenn er auch die Legitimität des Ordo nicht in Frage stellt; Diakonatsweihe des Franziskus als Versuch ihn in die Logik des Ordo einzubinden); die Franziskanischen Spiritualen (in der Linie des Joachim von Fiore: zur Kirche gehören nur die radikal armen), Wyclif (Rückgriff auf die augustinische Konzeption der ecclesia vera: Gemeinschaft von Prädestinierenden: dies sei Kirche >> radikale Kritik des hierarchischen Amtes >> auch der Papst kann ein Nicht-Prädestinierter sein vgl. DH 1158; NR 431), Huss (Unterordnung der amtlichen Logik unter die Frage nach subjektiven Heiligkeit der Amtsträger: ein sündiger Priester bringt das Sakrament nicht zustande: (DH 1262, NR 500); Calvin: Kirche als Gemeinschaft der Prädestinierten >> Genfer Kirchenordnung ( 1561) und das Trauma der Gottesrepublik von Genf;

Luther (CA: Kirche >> Versammlung der Gläubigen, in der das Evangelium rein gepredigt wird und die Sakramente gemäß dem Evangelium gespendet werden; das kirchliche Amt: ministerium verbi; Aufwertung der Wahrheit vom allgemeinen Priestertum (vgl. 1. Petr. 2,9 ) Depotenzierung der kirchlichen Amtsträger, Aufwertung der Fürsten>> "Bischöfe für die äußere Angelegenheiten" >> Versuchung zur Unterordnung der Religion unter die Politik).

3.3.4 Ambivalenz der tridentinischen Reform:

  • Besiegelung der Abendländischen Kirchenspaltung;
  • Klares Kirchenbild

Das Bild von Turrecrema: Gemeinschaft der Gläubigen, die im Glauben und im Gehorsam gegenüber dem apostolischen Stuhl verharren >>

spätere Differenzierung durch R. Bellarmis SJ:

Kirche als ecclesia militans: Versammlung der Menschen, die den gleichen Glauben bekennen, durch die gleichen Sakramente verbunden werden und unter der Leitung der legitimen Hirten (besonders des römischen Papstes) stehen.

Ausgeschlossen bleiben: Ungläubige, Häretiker, Exkommunizierte, Schismatiker und Katechumenen (Kirche sei so sichtbar, wie die Republik Venedig).

  • Klare Konzeption des Ordo:

Ordo vom Priestertum her gedacht; Priestertum vom Opfer her (DH 1764, NR 706 vgl. auch jeweils die entsprechenden canones); die sieben Weihen (DH 1765, NR 707); character (1767, NR 709) >> vgl. die thomasischen Unterscheidungen zwischen der aktiven und passiven Befähigung zum Gottesdienst); hierarchische Verfassung des Ordo ("wie ein geordnetes Kriegsheer) (DH 1767, NR 710); Stellenwert des Bischofs (DH 1768, NR 711) << vgl. die scholastischen Unterscheidungen von "potestas iurisdictionis" und "potestas ordinis"; von "in persona Christi" und "in persona ecclesiae"

  • Religionskriege /cujus regio ejus religio
  • Missionierung im Kontext des Kolonialismus (der katholischen, aber auch der evangelischen Staaten)
  • Der Verlust des Kirchenstaates und die verpaßte Chance zum radikalen Aufwachen aus dem konstantinischen Traum
  • Vatikanum I: der Primat und die Unfehlbarkeit des Papstes (DH 3050-3074, NR 436-454)

Absicht des Konzils, eine umfassende Ekklesiologie zu entwickeln (zum geistigen Hintergrund vgl. die ironische "Zusammenfassung" der ekklesiologischen Tendenzen, die die Kirche auf die Hierarchie fixieren durch J.A. Möhler bereits im Jahre 1823: "Gott schuf die Hierarchie, und für die Kirche ist nun bis zum Weltende mehr als genug gesorgt" und J. H. Newman im Jahr 1859: Der laienstand als Ganzes blieb seiner Taufgnade treu >> und hat die Kirche - im Kontext des Arianismus - gerettet)

Entwurf der nicht verabschiedeten Konstitution über die Kirche

NR 388: der Wille Christi seine Religion so der von ihm gestifteten Gemeinschaft zu verbinden, daß es außer ihr keine wahre Religion Christi gäbe.

NR 389: die geistige und übernatürliche Gemeinschaft trete nach außen in Erscheinung: das sichtbare Lehramt legt öffentlich vor, was zu glauben und zu bekennen ist; das sichtbare Priesteramt leitet und besorgt die sichtbaren Geheimnisse Gottes; das sichtbare Hirtenamt ordnet die Einheit der Glieder untereinander und leitet das öffentliche Leben; der sichtbare Leib der Kirche umfaßt auch die Sünder.

NR 369: Außerhalb der Kirche kann niemand gerettet werden (ausgenommen jene, die in unüberwindlicher Unwissenheit über Christus und seine Kirche leben).

NR 394: Kirche nicht eine Gemeinschaft von Gleichgestellten >> eine Gemeinschaft von Ungleichen: Kleriker und Laien; die einen haben die Vollmacht zum Heiligen, Lehren und Leiten, die anderen nicht.

Primat im Konzil:

DH 3058 NR 443: Vorrang der Rechtsbefugnis (nicht nur Ehrenprimat) über die gesamte Kirche beim Petrus nach dem Willen Christi; der Bischof von Rom als Nachfolger Petri in diesem Vorrang.

DH 3060; NR 445: Vorrang der ordentlichen Gewalt der römischen Kirche über alle andere Kirchen; die Gewalt des römischen Bischof ist unmittelbar (von Christus) >> Hirten und Gläubige jeglichen Ritus und Rangs verpflichtet zur hierarchischen Unterordnung (in Sachen des Glaubens und der Sitten, der Ordnung und Regierung der Kirche).

Unfehlbarkeit im Konzil:

DH 3065; NR 449: die höchste Lehrgewalt im Primat eingeschlossen

DH 3069f.; NR 451: das Lehramt zur Bewahrung und Auslegung des Glaubensgutes

DH 3074; NR 454: Bei endgültigen Entscheidungen des römischen Bischofs (ex cathedra) über Glauben oder Sitten besitzt er jene Unfehlbarkeit, mit der Christus seine Kirche ausgerüstet sehen wollte.

Zur Interpretation beachte v.a. daß diese Entscheidungen eine polemische Spitze gegen den Gallikanismus bilden:

(vgl. Erklärung des französischen Klerus von 1682 von Bousset formuliert:

- die Gewalt über geistliche und auf das ewige Heil bezügliche Dinge, nicht aber über die bürgerlichen und zeitlichen bei Petrus und seinen Nachfolgern;

- Könige und Fürsten sind nach göttlicher Anordnung keiner kirchlichen Gewalt in weltlichen Dingen unterworfen, können von ihr nicht abgesetzt werden, genauso wie die Untertanen nicht vom Treueid entbunden werden können;

- auch in Sachen des Glaubens ist das Urteil des Papstes nicht unabänderlich, wenn nicht die Zustimmung der Kirche hinzutritt).

  • Reaktion auf das Vatikanum I: Bildung der Altkatholischen Kirche

1871: Katholikenkongreß in München >>

Bekenntnis zu der alten Verfassung der Kirche:

- Bischöfe leiten die Einzelkirchen unmittelbar und selbständig;

- Widerspruch gegen den juridischen Primat im Namen der tridentinischen Beschlüsse (der göttlich gestifteten Hierarchie von Bischöfen, Priestern und Diakonen) und Bekenntnis zum Primat, wie er in der alten Kirche anerkannt war; - Anstrebung der Reform in der Kirche, die "die berechtigten Wünsche des katholischen Volks auf verfassungsmäßig geregelte Teilnahme an den kirchlichen Angelegenheiten erfüllen werde, wobei ... die nationalen Anschauungen und Bedürfnisse Berücksichtigung finden können".

  • 1875: Kollektiverklärung des Deutschen Episkopates

(als Antwort auf den Vorwurf von Bismarck, die Bischöfe wären nur Beamte des Papstes, ihre Verfassungstreue sei anzuzweifeln) DH 3112-3117; NR 455-458:

- der Bischof von Rom ist nicht Bischof irgendeiner anderen Stadt oder Diözese; - er ist Oberhaupt der ganzen Kirche und hat darüber zu wachen, daß jeder Bischof im ganzen Umfang seines Amtes seine Pflicht erfülle;

- Vatikanum I bietet keinen Grund für die Behauptung, der Papst sei ein absoluter Souverän geworden, mehr als irgendein absoluter Monarch in der Welt;

- es ist ein Mißverständnis zu glauben, die bischöfliche Jurisdiktion sei in der päpstlichen aufgegangen und Bischöfe nur Werkzeuge des Papstes seien.

  • Fazit:

Die Bindung des Katholizismus an das päpstliche Amt verhindert (längerfristig betrachtet) die Unterordnung der Kirche unter die nationalen Interessen, verhindert aber gleichzeitig (v.a. im Kontext der Umbrüche des 19.Jh.s) eine kreative Auseinandersetzung mit dem modernen Welt.

  • Leo XIII: Von der societas perfecta zum corpus mysticum/ Enzyklika Satis cognitum (1896)

3.3.5 Exkurs:

Kulturprotestantismus: die These von R. Rothe (1870) über die Auflösung der Kirche in den Staat; die Konzeption von R. Sohm (1887): wo Christus ist, da ist Kirche, es bedarf weder des Priestertums, noch einer rechtlichen Verfassung; der natürliche Mensch widerstrebt der Freiheit des Evangeliums>> aus diesem Antrieb ist der Katholizismus entstanden; A. von Harnack, "Wesen des Christentums" (1900): die Lehr- und Gesetzeskirche ("Katholizismus") ist im Kampf gegen den Gnostizismus entstanden, hat viel von ihrer Freiheit eingebüßt>> individualistische Konzeption der Botschaft vom Reich Gottes.

3.3.6 Sackgasse des Antimodernismus (in den Fragestellungen und auch in den Antworten)

  • Tragödie von A. Loisy: L´Évangile et l´Église (1902):

Gegen Harnack eine Apologie des Katholizismus: "Der katholischen Kirche die ganze Entwicklung ihrer Verfassung zum Vorwurf zu machen, hieße ihr ihre Existenz vorwerfen"; "im Evangelium Jesu fand sich ein Ansatz sozialer Gliederung vor"; "das Reich Gottes sollte Gesellschaftsform annehmen"; "Jesus hatte das Reich angekündigt, und dafür ist die Kirche gekommen. Sie kam und erweiterte die Form des Evangeliums"; "Das grundlegende Prinzip des Katholizismus hat doch niemals aufgehört das Prinzip des Evangeliums zu sein".

Exkommunikation von Loisy>>

  • "Modernismus": eine durch das Lehramt konstruierte "Häresie":

Lehramtliche Verkürzungen auf dem Hintergrund des Bildes der "societas perfecta" in der Atmosphäre einer "belagerten Burg": "Pascendi dominici gregis" von Pius X (1907) DH 3475-3500; "Lamentabili" (1907): DH 3401-3466, NR 395-401>> Antimodernisteneid 1910: DH 3537-3550.

3.3.7 Neuaufbrüche:

  • Katholische Aktion: Laienapostolat als participatio/collaboratio an der Sendung der Hierarchie (Pius XI).
  • Pius XII: Mystici corporis (1943) DH 3800-3822, NR 402407:

der organische Aufbau des Leibes Kirche beschränke sich nicht allein auf die Stufenfolge kirchlicher Ämter; neben der institutionellen, auch charismatische Seite der Kirche

  • Theologische Neuansätze:

R. Guardini, Vom Sinn der Kirche (1922): Die Kirche erwacht in den Seelen>> die Gemeinschaft der Kirche ist wesentlich persönlichkeitsbezogen und die christliche Persönlichkeit richtet sich wesentlich auf die Gemeinschaft.

K. Rahner (1904-1984): Kirche als Ursakrament>> die eine und bleibende, zeichenhafte, inkarnatorisch strukturierte Präsenz des Heiles Christi.

3.3.8 Exkurs: Barmer Theologische Erklärung (1934) gegen den Nationalsozialismus (als Antwort auf die "Deutschen Christen"): Wir verwerfen die Lehren: außer und neben dem Wort Gottes gäbe es noch andere Ereignisse und Mächte, die als Offenbarung anzuerkennen wären; es gebe Bereiche im Leben in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären; die Kirche dürfe die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Trend überlassen (vgl. schon den Text von D. Bonhoffer über den Arierparagraph in der Kirche von August 1933)

4. Kirche als Sakrament

Johannes XXIII: Gaudet Mater Ecclesia (1962)

universaler Heilswille Gottes; Kirche im Dienst der Einheit der ganzen Menschheit; Zurechtweisung der Unglückspropheten Aufgabe: nicht nur den kostbaren Schatz bewahren, sondern auch einen "Sprung nach vorne" wagen.

4.1 Lumen Gentium (21.11.1964) DH 4101-4179; NR 408-424; 462466.

  • I: Mysterium der Kirche

1. Christus: das Licht der Völker; seine Herrlichkeit widerscheint auf dem Antlitz der Kirche; Kirche als Sakrament: Zeichen und Werkzeug für die Vereinigung mit Gott und die Einheit der ganzen Menschheit

2-4: Mysterium der Kirche vom Mysterium der Trinität her: Kirche als das von der Einheit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes her geeinte Volk.

5. Gründung der Kirche als Prozeß (nicht mehr die Logik der dicta probantia)

6. Biblische Bilder zur Beschreibung des Wesens der Kirche

7. Kirche als Leib Christi (Vielfalt der Glieder-Einheit des Leibes; Haupt des Leibes: Christus; Gleichgestaltung aller; die Seele des Leibes: Hl. Geist)

8. Kirche als Komplexe Wirklichkeit (hierarchisch strukturierte Gesellschaft und Leib Christi) ist verwirklicht ("subsistit" nicht "est") in der Katholischen Kirche; sie ist heilig und stets der Reinigung bedürftig

  • II. Das Volk Gottes (vorgeordnet der Hierarchie)

9. Gott heiligt die Menschen nicht einzeln, sondern in Gemeinschaft: Zu aller Zeit und in jedem Volk (nicht eine partikuläre Kultur)

10. Das gemeinsame Priestertum als Grundlage der Gemeinschaft (das hierarchische Priestertum und das gemeinsame unterscheiden sich zwar dem Wesen - und nicht bloß dem Grade nach, dennoch sind sie einander zugeordnet: die Logik der Zuordnung und nicht der Trennung!

11. Volk Gottes und die Sakramente (vgl. Vl über die Sakramente)

12. Anteil des Volkes Gottes am prophetischen Amt Christi: es kann nicht irren>> sensus fidelium

13. Volk Gottes: ein einziges (über die ganze Welt, durch alle Zeiten hin); Verhältnis zu den Einzelvölker und den Teilkirchen;

Neubestimmung der katholischen Einheit: Berufung aller Menschen zum Gottesvolk, das den allumfassenden Frieden bezeichnet und fördert: von daher: die gestufte Zugehörigkeit zur Kirche>> kein Entweder - Oder (wie bei Bellarmin).

14. "extra ecclesiam nulla salus". Neu: Voraussetzung der Gewissensüberzeugung; Gestufte Zugehörigkeit zur Kirche: volle Eingliederung: Glaubensbekenntnis, Sakramente, kirchliche Leitung.

15. Zuordnung der Nicht-katholischen Christen: Betonnung der Verbindungspunkte; Zuerkennung des kirchlichen Charakters

16. Zuordnung der Nichtgetauften: Juden, Muslim, die an den unbekannten Gott glauben, Atheisten

17. Verkündigungsauftrag der ganzen Kirche (nicht nur der Hierarchie)

  • III: Hierarchische Verfassung der Kirche (erst nach dem "Volk Gottes")

18. "sacra potestas" im Dienste der Brüder; der Sinn: das sichtbare Prinzip und Fundament der Einheit

19,20. "göttliche Einsetzung" der Bischöfe: Christus setzte die Apostel als Kollegium ein, Fortsetzung dieser Sendung bis zum Ende der Welt; Bischof: Lehrer, Priester, Leiter.

21. Bischofsweihe als Fülle des Weihesakramentes und Ursprung der Vollmacht (vgl. Trient: Fülle des Sakramentes: Priesterweihe, da Weihe vom Opfer her verstanden); Bischof von der umfassenden Verkündigung her.

22. kollegiale Beschaffenheit des Episkopates (Spannung bei der Bestimmung der höchsten und vollen Gewalt über die ganze Kirche)

23. Einzelbischof: Prinzip und Fundament der Einheit in der Teilkirche

24. Sendung der Bischöfe: direkt vom Herrn, Kanonische Sendung durch den Papst (vgl. Ostkirche)

25. Bischof als Lehrer (Lehramt)

26. Bischof als Priester (Eucharistie: wo Eucharistie dort Kirche)

27. Bischof als Leiter: sacra potestas>> eigene (nicht delegiert vom Papst); ordentliche (nicht außerordentliche), unmittelabare (direkt vom Christus); Bischöfe nicht Stellvertretter des Papstes

28,29. Differenzierungen des Ordo: Abstufungen: Priester (Verkündigung des Wortes, Hirtendienst, Feier des Gottesdienstes>> unter der Autorität des Bischofs heiligen und leiten sie den "ihnen zugewiesenen Anteil der Herde des Herrn"), Diakon (nicht zum Priestertum, sondern zur Dienstleistung); vgl. Trient und die 7 Stufen.

  • IV: Laien

31. Definition des Laien: Taufe, Zugehörigkeit zum Volk Gottes, dreifache Teilhabe am Amt Christi, Sendung

32. "wahre Gleichheit" aller Gläubigen (vgl. die Kirche eine Gemeinschaft von Ungleichen)

33. Apostolat der Laien: Teilhabe an der Sendung der Kirche selbst (anders als Pius XI: Kath. Aktion): Alle Gläubigen sind Nachfolger der Apostel, Sendung der Laien nicht reduzierbar auf die Sendung der Bischöfe; Mitarbeit an der Sendung der Hierarchie

34. Priesterlicher Charakter des Laienapostolates (die Laien sind Christus geweiht und mit dem Hl. Geist gesalbt) >> vgl. den mittelalterlichen Unterschied zwischen aktiver und passiver Befähigung zum Gottesdienst.

35. Prophetischer Charakter (Zeugnis im Alltag, auch (hauptamtliche) Verkündigung.

36. Königlicher Charakter (Freiheit, Gerechtigkeit)

37. Verhältnis Laie-Hierarchie:

das Recht auf Predigt und Sakramente; die Pflicht zur konstruktiven Mitarbeit

Gehorsam; Anerkennung der Würde und Verantwortung der Laien

  • V: Allg. Berufung zur Heiligkeit

39. Kirche unzerstörbar heilig, daher: Berufung aller zur Heiligkeit

40. Legitimation durch die Bergpredigt!! (früher: Stand der Gebote, Stand der Räte): seid vollkommen.

41. Verschiedene Arten der Berufung zur Heiligkeit: (Bischöfe, Priester, Diakone, Eheleute und Eltern, Witwen und Unverheiratete, Arme, Schwache, Kranke....)

42. Grundprinzip der Heiligkeit: Liebe (Hl. Geist)

  • VI: Ordensleute

43. Evangelische Räte: eine göttliche Gabe

Ordensstand (kirchenrechtlich: kein eigener Stand)

44. Berechtigung des Sonderweges (Gelübde), doch Zuordnung der ganzen Kirche

45. Hierarchie soll die Orden weise lenken

46. Verzicht darf die menschliche Entfaltung nicht beeinträchtigen

VIII. Der endzeitliche Charakter der pilgernden Kirche

48. durch den Hl. Geist ist die Kirche allgemeines Sakrament des Heiles, als pilgernde Kirche gehört sie mit den Sakramenten und Einrichtungen dieser Weltzeit an

49. Einheit der irdischen und himmlischen Kirche (communio sanctorum: Beispiel, Fürbitte); sichtbar in der Liturgie

  • VIII: Maria

53. Überragendes und völlig einzigartiges Glied der Kirche

55-59 Ihre Rolle in der Heilsökonomie: kein passives (von Gott benutztes) Werkzeug, sondern Mitwirkung im freien Glauben und Gehorsam (Voraussetzung dafür: Maria vom ersten Augenblick sündenrein); ihr Mitgehen mit Jesus bis Pfingsten; 60,61: Maria und die Kirche: großmütige Gefährtin (socia)

62: Fürbitterin, Verehrung (vgl. die Bemühungen um das Dogma der Miterlöserin); 65: in Maria ein Bild der Kirche in der Vollendung

4.2 Andere zukunftsweisende ekklesiologische Wegweiser ("Leitplanken") des II. Vatikanums/

  • "Unitatis redintegratio" (21.11.1964) - Ökumenismusdekret

DH 4188f (3): - Elemente oder Güter, aus denen die Kirche erbaut wird, auch außerhalb der sichtbaren Grenzen der kath. Kirche

- die getrennten Kirchen und Gemeinschaften sind nicht ohne Bedeutung im Geheimnis des Heiles

(4) - alles was der Geist in den Herzen der getrennten Brüder wirkt, kann auch zu unserer eigenen Auferbauung beitragen (beachte die Folge: Ökumene kann deshalb nicht einfache Rückkehr zur kath. Gestalt sein)

DH 4192 (11) : - Rangordnung, oder "Hierarchie" der Wahrheiten innerhalb der katholischen Lehre

  • "Nostra aetate" (28.10.1965)

DH 4198 (4): Vielfältige Verbindung zum "Alten Bund": - Anfänge des Glaubens und der Erwählung bei den Patriarchen, Mose, Propheten; - Alle Christgläubigen als Söhne Abrahams eingeschlossen in die Berufung dieses Patriarchen; - Anstatt Substitution: Röm 11,17-24: die Wurzel des Alten Bundes>> die Heiden: wilde Schößlinge; Abschied von der Gottesmord- und exklusiven Kollektivbeschuldigung der Juden.

  • "Apostolicam actuositatem" (18.11.1965): Laiendekret

(3) Pflicht und Recht der Laien zum Apostolat kraft der Vereinigung mit Christus, dem Haupt >> sie werden vom Herrn selbst mit dem Apostolat betraut;

- Zum Vollzug dieses Apostolates: besondere Charismen.

  • "Dignitatis humanae" (7.12.1965): Religionsfreiheit

DH 4240 (2): - menschliche Person hat das Recht auf religiöse Freiheit, das auf die Würde der menschlichen Person selbst gegründet ist.

- Freiheit von jedem Zwang von seiten Einzelner, wie gesellschaftlichen Gruppen.

- im religiösen Dingen darf niemand gezwungen und gehindert werden gegen sein Gewissen zu handeln.

(2) Dies ist der Weg Christi und der Apostel: - diese Lehre wurde im Laufe der Zeit bewahrt und weitergegeben, auch wenn es im Laufe der Geschichte "eine Weise der Handelns vorgekommen ist, die dem Geist des Evangeliums wenig entsprechend, ja sogar entgegengesetzt war".

  • "Gaudium et spes" (7.12.1965): Pastoralkonstitution

DH 4301f (1f) Empathie als ekklesialer Grundvollzug; Ausrichtung auf die gesamte Menschheitsfamilie

DH 4340 (40): Grundlage des Dialogs zwischen der Kirche und Welt in der Anthropologie (die gemäß GS 22 auf die Christologie hingeordnet bleibt >> Christus: "homo perfectus").

DH 4342 (42): Anerkennung, Unterstützung und Förderung des Wahren, Guten und Gerechten, das sich die Menschheit in den verschiedenen Institutionen geschaffen hat.

DH 4343 (43): Weltengagement: eine Konsequenz des Evangeliums (Infragestellung des 2-Stock-Werk-Modells in der Gnadenlehre).

DH 4344 (44): Die Kirche selbst verdankt sehr viel der Geschichte und Entwicklung der Menschheit

  • Fazit:

Vision einer Kirche geprägt nicht durch die Logik der Gegenüberstellungen und Abgrenzungen (vgl. die traditionelle antireformatorische ekklesiologische Logik), sondern der Identifikationen >> das daraus entspringende kreative Potential, aber auch das Problem der Identität (vgl. das Dilemma vom Erzbischof Lefebvre)

4.3 Lateinamerikanische Entwicklung: Auf dem Weg zur Identifikation mit den Armen

  • Medellin (1968) (beachte den Impuls der Enzyklika von Paul VI: Populorum progressio aus dem Jahr 1967>> vgl. Gnadenlehre):

DH 4496 (14,8) die Kirche Lateinamerikas: solidarisch mit den Armen; Bischöfe wollen sich den Armen nähern, aber auch das Gewissen zur solidarischen Verpflichtung mit den Armen schärfen

(15,10)- Basisgemeinschaften als der Ort, and em das Leben der Gemeinschaft zu dem der Christ aufgerufen wird, stattfindet: "Gemeinschaft an Ort oder in der Umgebung, die der Wirklichkeit einer homogenen Gruppe entspricht und eine solche Dimension hat, daß sie die persönliche brüderliche Begegnung unter ihren Mitgliedern erlaubt".

- Basisgemeinschaft als Kernzelle kirchlicher Strukturierung und Quelle der Evangelisierung

  • Puebla (1979):

(1145-1162) - die Entwicklung seit 1968 erlaubte, das evangelisatorische Potential der Armen zu entdecken.

DH 4632: Vorrangige Option für die Armen (und die Jugend: DH 4635)

- Notwendigkeit der Überprüfung kirchlicher Strukturen und des Lebens (besonders der Pastoralträger) >> Forderung nach einem einfachen Lebensstil und dem völligen Vertrauen auf den Herrn

4.4 Evangelii nuntiandi: Paul VI (1975)

(60): - Evangelisieren: zutiefst kirchliches Tun: der einfachste Prediger, Katechet, Seelsorger vollzieht - selbst wenn er ganz alleine ist - einen Akt der Kirche (weil: Verbindung mit der Sendung der Kirche);

- Teilkirchen >> konkrete Gestalt der Universalkirche: eine bestimmte konkrete Menschengruppe, die eine bestimmte Sprache sprechen, einem kulturellen Erbe verbunden sind, einer Weltanschauung, einer geschichtlichen Vergangenheit und einer bestimmter Ausformung des Menschlichen;

- Universalkirche nicht Summe, oder lockerer Zusammenschluß von Teilkirchen > Berufung und Sendung der Universalkirche in verschiedenen Kulturräumen, sozialen und menschlichen Ordnungen verschiedene Erscheinungsweise und äußere Ausdrucksformen anzunehmen.

4.5 Johannes Paul II. und der theologische Fokus seiner Sozialenzykliken (vgl. Gnadenlehre): Kirche im Kontext der totalitären Weltanschauung des liberalen Marktes.

II. Volk Gottes unterwegs

Ängste und Hoffnungen der Menschheit im Horizont ihrer Geschichte mit den emphatischen Gott; biblischer Teil: (das eine) Volk Gottes unterwegs ins Gelobte Land gerade am Ende des 20. Jahrhunderts versus Versuchung zur religiösen Unmittelbarkeit an Ort und Stelle.

Literatur:

zum dramatischen Verständnis der Sammlung vgl.:

R. Schwager, Ekklesiologie (Skriptum) 5-11.

Zu den dramatischen Aspekten der Ekklesiologie:

J. Niewiadomski, Herbergsuche. Münster/Thaur 1999, 197-217 und dann 133-147.

Zu den Grenzen ekklesiologischer Vorstellungskraft vgl.

J. Niewiadomski, Global village und Weltkirche. In: ThPQ 148 (2000), 25-32

Systematisierende Zusammenfassung der Literatur:

1. Dramatische Ekklesiologie: Prolog

erste sinnstiftende Erzählung: die Lebenslust der biblischen (Patriarchen-) Tradition (nachzulesen in: J. Niewiadomski, Herbergsuche 47-49)

Bedürfnisorientierte Logik (primäre menschliche Bedürfnisse) als logischer und biographischer Zugang zur Beschreibung der Geschichte Gottes mit der Menschheit auch im Kontext der Frage nach der Kirche -

vgl. GS 9 - profundior et universatior appetitio);

"soteriologischer Grundzug" der Geschichte - eine "weltliche", konfliktgeladene - deswegen auch die Vision der Menschheit oft in Frage stellende - Soteriologie;

der "Mehrwert" der Anwesenheit Gottes: er ersetzt den Lebensraum nicht, "verwandelt" ihn aber:

"unaufdringliche, anonyme Gegenwart Gottes im Alltag" (der Lebensraum wird zur Kultur, der Mensch zum Menschen: "Qualität aufgrund einer Relation)

erster systematischer Ertrag:Die nachkonziliare Ekklesiologie ortet die "Kirche" ohne das Gefühl von Ressentiment innerhalb der modernen (auch der durch Markt- und Medien strukturierten) Welt (und zwar in der Tradition des Vatikanum II: Kirche als Zeichen und Werkzeug der Einheit der Menschen untereinander und der Einheit mit Gott). Ein anthropologischer Vertrauensvorschuss ist für diese Ekklesiologie (logisch) unverzichtbar. Im Horizont des sich in die Geschichte inkarnierenden Gottes ist es zuerst er selber, der immer wieder die Einheit mit den Menschen herstellt und so die Zukunft garantiert, aber auch die "Letztverantwortung" trägt; wir sind nicht die letzten Partisanen!

Im Horizont des emphatischen Gottes ist damit die Lebensbejahung der entscheidende Grundvollzug der Existenz; banal ausgedrückt: es geht gerade in der Kirche um Menschen, die es sich leisten können so zu sein, wie sie sind.

zweite sinnstiftende Erzählung:seelsorgerliche Nuancen der biblischen Führungskultur durch die Wüste (nachzulesen in Herbergsuche 201- 216)

(das dogmatische Problem des gemeinsamen Priestertums innerhalb der modernen Welt) Mose als Prototyp des Christen:

er ist einer vom wandernden Volk, setzt sich aber auch ab (verkehrt mit dem Herrn vom Angesicht zu Angesicht, erfleht und bewirkt Segen für seine Mitmenschen, hat einen Auftrag und er versagt. Er darf auch versagen)

zweiter systematischer Ertrag:Christsein in der Gemeinde ist deshalb mit dem Lebensvollzug gleichzusetzen und kann (im Kontext der seelsorgerlichen Logik) letztendlich als Repräsentatio Christi in unserer Welt beschrieben werden: ja sogar als Handeln in persona Christi aufgrund der Tauf- und Firmgnade

Die Dimensionen dieses Handelns:

- alle Christen haben Anteil am Priestertum Christi - Lebenshingabe im Tun und Ergehen: im Gebet und apostolischen Unternehmungen, durch die dem Menschen jeweils entsprechende Lebensform, durch Arbeit und Erholung, durch die Lasten des Lebens.

- alle Christen haben Anteil am prophetischen Amt Christi: Glaubenssinn des Volkes (ideologiekritische Dimension im Hinblick auf die Welt, aber auch im Kontext der kirchlichen communio selbst), prophetische Dimension: Evangelisation durch Zeugnis des Lebens und durch das Wort (alle Christen haben die Möglichkeit dies auch vollberuflich zu tun).

- alle Christen haben Anteil am königlichen Amt Christi: königliche Freiheit im Tun (Gestaltung der Welt) aber auch im Ergehen: die Möglichkeit des Scheiterns: vgl. der König am Kreuz.

2. Dramatische Ekklesiologie: 1. Akt

Katholische versus freikirchliche (aus der Versuchung zur religiösen Unmittelbarkeit lebende) Strukturen:

Sinnstiftende Erzählung:ordnungsstiftende Nuancen im Kontext der biblischen Führungskultur durch die Wüste (nachzulesen in: Herbergsuche 56f).

Ordnung im Kontext der Übereinstimmung der Wünsche;

Ordnung durch Grenzziehung: vgl. die Etymologie von "decidere": (den Kopf vom Rumpf lösen) >> Entscheidung

dritter systematischer Ertrag:Die soziologische Notwendigkeit des Ordo ergab und ergibt sich vor allem aus der Frage nach der Einheit und der Leitung der Gemeinde. Wo die Leitung der Gemeinde nicht ausgeprägt ist, werden Spannungen durch Trennungen gelöst, was niemals der katholische Weg war.

Aus dieser soziologischen Notwendigkeit müßten katholischerseits die theologischen Gründe für eine sakramentstheologische Dimension entwickelt werden. Diese darf nicht gegen die soziologische Ebene ausgespielt werden. Das würde dem Grundanliegen des Konzils, Kirche als Sakrament in der modernen Welt zur Sprache zu bringen, widersprechen. Vielmehr muß sie diese (nach dem katholischen Prinzip: gratia supponit naturam et perficit illam) voraussetzen. Die amtstheologische Frage könnte demnach folgendermaßen umschrieben werden: Vom soziologisch Notwendigem zum theologisch Not-wendenden.

Erster Schritt dazu:

vierter systematischer Ertrag: (aus dem dogmengeschichtlichen Teil)Das hierarchische Amt war und ist (primär) ein Dienst an der Kirche, die selbst eine Gemeinschaft von Priestern, Propheten und Königen (das Volk Gottes/communio) ist. Bei allen geschichtlich sich wandelnden Formen dieses Amtes ist es der Gedanke der Einheit dieser Gemeinschaft, der sich als Grund für ein der Gemeinde gegenüber gestelltes Amt durchhält. Mit dieser Gegenüberstellung muß die grundsätzliche Würde und Gleichheit des Volkes Gottes keineswegs in Frage gestellt werden. In der konkreten Ausgestaltung des hierarchischen Amtes kann dies zwar geschehen und ist es auch über Jahrhunderte hindurch so passiert; dies fällt aber letztlich in den Bereich der juridischen, pastoralen und spirituellen Entscheidungen der Kirche. Diese waren, sind und können sein: zeitlich und geographisch verschieden (was keineswegs Beliebigkeit bedeutet und auch nicht zu illusionären, an den kulturellen, spirituellen und juridischen Wirklichkeiten vorbeigehenden Planungen eigener Lebensweise führen soll).

erste konkrete Folgerung: Die Fragen nach den Formen der Ausgestaltung dieses Amtes (7 Stufen, 3 Stufen oder auch mehrere; die Zuordnung zueinander: nur hierarchisch - oder auch synodal), aber auch jene nach den Trägern des Amtes (Männer, Frauen), sowohl hinsichtlich des Modus ihrer Auswahl (durch die Gemeinde selbst, durch das Los, durch eigene Entscheidung und die Vorbereitung durch Studium, durch Erwählung seitens anderer Amtsträger), als auch hinsichtlich ihrer Lebensweise (zölibatär oder nicht, in Armut oder im bürgerlichen Durchschnitt, in Gemeinschaft oder einzeln), sind keine Fragen des dogmatischen Konsenses im strikten Sinne des Wortes; d.h. sie betreffen nicht die ganze Kirche (sowohl, was ihre Geschichte als auch ihre Gegenwart anbelangt). Oft wurden sie aus der "Not" der jeweiligen Zeit und auch der Gemeinde schöpferisch gestellt und beantwortet.

zweite konkrete Folgerung: Die in aller Verschiedenheit sich durchhaltenden Gedanken betreffen das Grundproblem der Einheit, die deswegen notwendige Gegenüberstellung des Amtes zur Gemeinde und den Ursprung der Vollmacht des Amtsträgers. Ganz gleich, wer sie sind, wie sie ausgesucht werden und wie sie leben, sie alle erhalten ihre Vollmacht aufgrund des autorisierten Gebetes der Kirche um die Amtsgnade: d.h. sie werden geweiht.

Das geltende Kirchenrecht bleibt dieser Traditionslinie treu, wenn es die Weihe zur Grundlage jenes Amtes, das die "plena animarum cura" beinhaltet, erklärt (CIC 150).

Warum Weihe? Was beinhaltet "plena animarum cura"?

3. Dramatische Ekklesiologie: 2.Akt

Seelsorge versus Leitung

sinnstiftende Erzählungen über die vielfältigen Konflikte zwischen Mose, Aaron, Mirijam u.v.a.m. und deren systematische Folgen

Fünfter systematischer Ertrag:Die durch das Zweite Vatikanische Konzil neu entdeckte Wahrheit des gemeinsamen Priestertums aller Gläubigen macht nur die klassische theologische Begründung des Amtes, keineswegs aber die theologische Dimension desselben obsolet. Eine Gemeinde, in der alle Mitglieder dieselbe Würde haben, also Priester, Propheten und Könige zugleich sind, ist noch lange kein "Himmelreich auf Erden". Die aufgrund der Taufe und Firmung bestehende Kompetenz eines jeden Mitglieds zur authentischen Repräsentation Christi (auch im aktiven Sinn) reduziert die Spannungen nicht, sondern potenziert sie erheblich, bildet oft erst den Grund für Konflikte und macht die Aufgabe der Gemeindeleitung zu einer theologisch brisanten Angelegenheit. Diese an sich vielfältige Aufgabe kulminiert in der Vollmacht, Entscheidungen zu treffen und damit geschichtlich unumkehrbare Tatsachen in Namen Gottes zu schaffen.

Die Lösung M. Luthers und der Kirchen der lutherisch-reformatorischen Tradition):Delegierung der (in unserem Kontext) brisanten Leitungsvollmacht an andere Personen und Institutionen (Feudalfürsten, später kirchenleitende Gremien) >> (prinzipielle) Loslösung des Dienstes am Wort und Sakrament von der Sorge um die Einheit der Gemeinde (Dienst am Wort und Sakrament wird damit in einen konfliktfreieren Raum hineingestellt)

katholische Bemühung beides (prinzipiell) zusammenzuhalten: Priester sind Seelsorger, gleichzeitig aber auch (prinzipiell) Gemeindeleiter und umgekehrt>> Folge davon: Konflikthaftigkeit auf die meisterhaft F. Dostojewskij aufmerksam macht>> die Legende vom Großinquisitor aus dem Roman: "Die Brüder Karamasov"

sechster systematischer Ertrag:Die soziologische Notwendigkeit des Amtes und die Entscheidungsvollmacht macht auf die Kehrseite der inkarnatorischen Logik und deren weitreichende theologische Konsequenzen aufmerksam. Gott inkarniert sich nicht nur in der Geschichte, und Christus verbindet sich nicht nur mit den Menschen; Gott wird auf realpolitischer Ebene auch in die Geschichte der Menschheit mithineingezogen. Die Menschen, die durch ihr Leben Christus repräsentieren, ziehen ihn in dieses Leben hinein. Die sakramentale Repräsentation kann sich der Zweideutigkeit des Zeichens niemals entziehen. Die Dramatik von Gnade und Sünde, von "agere in persona Christi" und "contra Christum agere", die sich schon im privaten Leben eines jeden Christen darstellt, potenziert sich bei jedem institutionalisierten, auf Dauer angelegten amtlichen Handeln, v.a. dort, wo dieses im Dienste der Einheit stehen soll.

erste systematische Folgerung daraus: Zwar tut ein Amtsträger zunächst alles, was auch die anderen Christen tun, weil auch er von der Tauf- und Firmgnade getragen und auch als Christ auf alles verpflichtet ist, was den Inbegriff des priesterlichen, prophetischen und königlichen Amtes Christi darstellt. Doch bekommt sein Handeln im Bereich der Öffentlichkeit ein anderes Gewicht. (Die Veränderung des Öffentlichkeitbegriffes im Kontext des medial strukturierten Alltags verstärkt diese Problematik zusätzlich >> vgl. die Skandalproblematik im Zusammenhang mit den kirchlichen Amtsträgern und deren Folgen für die Seelsorge).

zweite systematische Folgerung: Das kirchliche Amt entscheidet und schafft geschichtlich unumkehrbare Tatsachen in Namen Gottes gerade dort, wo es im Dienste der Einheit stehen soll. Die Spannung, die sich aus der Zweideutigkeit des sakramentalen Zeichens im individuellen Leben der Christen ergibt, wird auf der institutionellen Ebene im Bereich der Öffentlichkeit noch prägnanter. Durch amtliches Handeln wird Gott und seine sakramental greifbare Gegenwart in dieser Geschichte auf Orte und Zeiten und auf Gestalten "fixiert". In diesen theologischen Kontext ist nun die juridisch relevante Frage nach der "sacra potestas" (LG 18) des Amtes zu stellen.

Eine solche Amtstheologie darf aber niemals die Tatsache verdrängen, daß Jesus selbst der sacra potestas zum Opfer fällt.

Diese Fragestellung stellt sich kaum für die evangelische Tradition schon aufgrund einer anderen Zuordnung von Natur und Gnade und der 2 Reiche Lehre (das spannungsgeladene Verhältnis beider Traditionen wird in der medialen Öffentlichkeit eingeebnet).

Verdrängung dieser Spannungen in der nachkonziliaren Diskussion>> Die "progressiv" motivierte Frage nach der Fachkompetenz des Amtsträgers (menschlich reif und fachlich nach den neuesten Methoden gebildet) als auch die "konservativ" geprägte Umwandlung der Amtsproblematik in die Frage nach dem Priesterbild und subjektiver Heiligkeit verschleiern die auf das Individuum nicht reduzierbare Komponente der Öffentlichkeit.

>> Sie verleiten zur Annahme, das darin enthaltene Konfliktpotential wäre auf mangelnde Kompetenz und Bemühung oder aber auf bewußte Korruption zurückführbar. Die Grundsatzproblematik wird damit zur Gestaltungsfrage.

4. Dramatische Ekklesiologie: 3. Akt:

Leitung versus Prophetie

erste sinnstiftende Erzählung: Gerichtspredigt eines Amos: prophetische Kritik des korrupten Amtshandelns (nachzulesen in: J. Niewiadomski, Den Frommen ein Skandal 14-17)der Unterschied zwischen der Kritik:

- der modernen medial strukturierten Öffentlichkeit (öffentliche Meinung wird zuerst als Meinung irgendwelcher unbeteiligter Dritter verstanden >> Statisten, die sich über ihre Egoismen und Emotionen mobilisieren lassen >> Marketing als entscheidender Faktor für die Mehrheitsbildung) und

- dem kritischen Engagement der Prophetie (prophetisches Engagement entspringt dem Glauben an göttliche Identifizierung mit dem Opfer/mit den Opfern und nicht der abstrakten Religionskritik: diese legt die Illusion eines neutralen Beobachtungspostens nahe; Potenzierung der Versuchung zur Neutralität durch die medial strukturierte Welt)

Versagen der katholischen Öffentlichkeit in den letzten Jahren >> Rückgriff auf die Öffentlichkeitsmechanismen anstatt auf eigene Quellen.

zweite sinnstiftende Erzählung: notwendige, weil not-wendende Opfer: die Frage nach dem prophetischen Geschick (nachzulesen in: Herbergsuche 68-72)Warum das prophetische Wirken und v.a. das prophetische Geschick?

- Unverständlichkeit dieses Geschicks im Kontext einer synkretistischen

(sich ausschließlich an den Bedürfnissen des Lebens orientierter, die Katastrophen des Lebens aber verdrängender) Logik.

- Deutung des prophetischen Geschicks in der "dramatischen Theologie":

weil "Gott" im Kontext der tödlichen Konflikte beschrieben wird (ist die Position eines Beobachters nicht möglich), ist das prophetische Wirken und das Schicksal von Propheten als notwendig zu begreifen, nicht im Sinne einer logischen, wohl aber einer heilsgeschichtlichen Notwendigkeit: "Um Not zu wenden" (nicht jene Not, die dem moralischen Versagen entspringt und die man mittels pädagogischer, rechtlicher und politischer Maßnahmen wenden kann; hier geht es um eine Not, die das Gegenteil des moralischen Versagens darstellt und als Konsequenz von heiligen Pflichten erscheint). Weil die Menschen sich nicht neutral verhalten: Gott gegenüber nicht und schon gar nicht ihren Mitmenschen gegenüber, weil sie als Partner, mehr noch: als Repräsentanten Gottes diese Geschichte des sich mit den Ängsten und Hoffnungen identifizierenden Gottes fortschreiben, und so zwar Hoffnung spenden, aber auch das Gegenteil bewirken, ist die Gefahr, daß dieser Gott zum Opfer seiner Repräsentanten wird, nicht von der Hand zu weisen. So wird durch die Propheten das Wirken Gottes und seine "Inkarnation" in der Geschichte ein Stück weiter präzisiert. Was grundsätzlich für die individuelle Lebensgeschichte gilt, potenziert sich im Kontext des institutionellen Amtshandelns:

Gott "setzt" den menschlichen Tatsachen (Ausgrenzung), seine Tatsachen entgegen; im Erleiden wird die Ausgrenzung zur Hingabe transformiert.

Der allen Menschen zugewandte Gott (Einheit der Menschen mit Gott und Einheit der Menschen untereinander) wird demnach nicht direkt über den Umweg der Gewalt erreicht auch nicht auf dem Abstraktionsweg der rationalen Reflexion, sondern über den Umweg der Opfer der Ausgrenzung (indem Gott dem Opfer das Recht verschafft, sein Leiden aber als Stellvertretendes annimmt und so die Sündenbockexistenz des Opfers in eine soteriologische "Pro-Existenz" verwandelt).

siebter systematischer Ertrag:Die sich im Geschick der Propheten sich zuspitzende Spannung zwischen der amtlichen Repräsentation Gottes, der Haltung der Propheten (v.a. "Gottesknecht"), die im Erleiden und in der Hingabe an Gott besteht, und der Identifikation Gottes mit den zum Opfer des amtlichen Handelns gewordenen Menschen kann unmöglich durch moralisierende Anklagen der Amtsträger (auch jener der heilsgeschichtlichen, antijüdischen Art) gelöst werden. Sie handeln im besten Wissen und Gewissen im Namen Gottes, stellen also keineswegs den Typus eines unfähigen und korrupten Amtsträgers dar.

spirituelle Folgerung daraus: Gerade im Kontext der christlichen Gemeinde, in der alle Mitglieder den "unmittelbaren" Zugang zu Gott haben, sich auf unterschiedlichste Erfahrungen berufen und verschiedene Visionen von einer christlich gelebten Gegenwart vertreten, wird das einheitstiftende Handeln oft als "contra Christum agere" erlebt und gedeutet. Die Lösung dieser Spannung ausschließlich durch die Anschuldigungslogik oder gar durch Trennungen verstärkt den Anspruch der medialen Religiosität; die christliche Spiritualität braucht heute notwendiger denn je die Rückbesinnung auf den systematischen Wert der prophetischen Logik (im Kontext der Frage nach prophetischem Geschick).

achter systematischer Ertrag:Das aus der soziologischen Not entspringende Konfliktpotential ist also theologisch relevant und kann letztlich wiederum nur auf sakramentaler Ebene im Kontext der kirchlichen Öffentlichkeit gelöst werden.

5. Dramatische Ekklesiologie: Epilog (vgl. auch die Vorlesung über die Sakramente)

Christologisches Bekenntnis: Verdichtung und Versöhnung des dramatischen Geschehens in einer Person und einer Lebensgeschichte >>sakramentale Teilhabe an seiner Person

"Logik" des sakramentalen dramatischen Geschehens- Ähnlichkeit zur Postmoderne : Vielfalt und Widersprüchlichkeit der Rollen (die gewählt werden können, oder in die man hineingedrängt wird)

- Unterschied: Weder ein Nebeneinander, noch eine Reduktion aufeinander, sondern eine Anordnung gemäß einer inhaltlich geprägten Logik (signum rememorativum: Anamnese) und Wandlung aufgrund der Rollenveränderung

- "Katastrophe" des Konzeptes in dem die Kirche als Moralanstalt begriffen wird (zu allen diesen Punkten vgl. auch: Herbergsuche 9-30)

neunter systematischer Ertrag:Die im Sakrament des Ordo, im Namen der ganzen Kirche erbetene Gnade stellt keine auf das Individuum zugeschnittene Gnadengabe dar (Er ist Amtsträger für andere und nicht für sich selbst; seine potestas ist eine nur zugeordnete potestas: im Dienste der Gemeinde); sie vergegenwärtigt die Dramatik der Heilsgeschichte für die christliche Gemeinde mit all deren Aspekten, sind doch Sakramente signa rememorativa, demonstrativa et prognostica.

Deswegen nivelliert die Gnade des Amtes die Spannung zwischen der Repräsentation, der Hingabe und der Identifizierung keineswegs, auch wenn sie immer die Vollendung anzeigt. Diese im Sakrament des Ordo im Namen der ganzen Kirche erbetene Gnade macht die soziologische und pädagogische Ebene (weder für den Amtsträger, noch für die Gemeinde) nicht irrelevant, übersteigt aber diese: Gnade setzt die Natur voraus, insofern ist es klar, daß wir dumme und kluge, machtgeile und demütige Amtsträger haben - dies ist aber nicht die Frage nach der Wirklichkeit der Weihegnade; es geht hier auch nicht um die Frömmigkeit, und um die subjektive Sündhaftigkeit und Schwachheit des Amtsträgers, sondern um die seine Funktion erst schaffende Dimension.

Die wichtigste Folgerung daraus: Die sakramental vergegenwärtigte Dramatik macht die Amtsentscheidungen (gerade jene, die die sakramentale Dimension der Kirche betreffen) auch oder gerade in ihrer Fragmentarität möglich und entlastet den Amtsträger als Person, auch wenn sie ihn dazu verpflichtet, seinen einheitsstiftenden Dienst als Versöhnungsdienst zu begreifen und im Geiste der Hingabe Jesu zu praktizieren. Die Fragmentarität wird in der Kirche somit nicht nur kritisiert, oder aber verdrängt, sondern bewusst auch erlitten, damit aber auch stückweise transformiert.

Darin besteht der entscheidende Unterschied zur quasisakramentalen Einheitsvision der Medienreligiosität, in der die Fragmentarität kritisiert, den Verantwortlichen zur Last gelegt, oder auf die Sündenböcke abgewälzt wird.

Zweite Folgerung daraus:Konkret kommt diese sakramental angezeigte Dramatik inklusive ihrer Vollendung am deutlichsten in der Eucharistiefeier zum Ausdruck. Diese ist sowohl eine sakramentale Vergegenwärtigung des dramatischen Geschickes Jesu Christi als auch Kirche in actu. Die Leitung der Gemeinde und der Vorsitz bei der Eucharistie müssen normativ aneinandergekoppelt bleiben.

>> Sakramentale Feier des Geschickes Jesu Christi als einer Feier der Versöhnung und der Integration des im Namen Gottes Ausgestoßenen und

>> die juridische Leitung im Dienste der Einheit werden damit als ständiges Korrektiv aufeinander bezogen. Andernfalls reduziert sich die Gemeindeleitung zur Verwaltungsaufgabe.

Der christliche Amtsträger steht sakramental jener Versammlung vor, die zwar eine Antizipation der wahren Gemeinschaft ist, gleichzeitig aber Erinnerung an das dramatische Geschick Jesu Christi und Abklatsch des gegenwärtigen - in der Gegenwart durch die strukturierende Kraft der Medienreligion geprägten - Lebens, das von gleichen Handlungsimpulsen aber auch Mechanismen geprägt ist wie das Geschick Jesu.

Die Eucharistiefeier macht also deutlich, daß zum einen der geweihte Amtsträger in die Gemeinde als Christ eingebunden ist, daß es ihn ohne die Gemeinde nicht gibt (Er ist Amtsträger für andere und nicht für sich selbst; seine potestas ist eine nur zugeordnete potestas: im Dienste der Gemeinde), daß er aber gleichzeitig, wegen seiner sakramental verankerten Entscheidungsvollmacht, von der Gemeinde "wesensmäßig" unterschieden bleibt.

Dritte Folgerung daraus:Die Gnade des Ordo ist als die "Amtsgnade" im Kontext der kirchlichen Gemeinschaft zu deuten, nicht aber mit der statischen Eindeutigkeit des Amtshandelns zu identifizieren (die Zweideutikeit der sacra potestas bleibt geschichtlich nicht aufgelöst). Die Eindeutigkeit der Amtsgnade ist zeichenhafter, "sakramentaler" Natur. Im Kontext der Frage nach der Heiligkeit der Kirche folgt

daraus:

zehnter systematischer Ertrag:Die Bußfertigkeit des kirchlichen Amtes: Die Entgleisungen sind nicht nur auf das versagende Handeln der Amtsträger zurückzuführen, sondern auch auf die real-politisch greifbare Zweideutigkeit des Amtes selbst; (hierarchische) Amtsstrukturen sind zwar wirkungsvoll, aber gerade deswegen zweideutig. Die fragwürdigen Entscheidungen des Amtes können durch subjektives Bemühen der Amtsträger zwar gemildert, aber nicht aufgehoben werden; eine solche Sicht sieht die Heiligkeit als etwas dynamisches und nicht statisches an. Sie macht auch eine ständige Ämterreform notwendig und unterminiert die kontraproduktiven Träume von der Ämterabschaffung.

Zusammenfassung:

Wo ereignet sich also die Kirche?

1. Kirche ereignet sich dort, wo Menschen sich ihrer profundior et universalior appetitio bewußt werden, diese kultivieren, indem sie Lebensrollen übernehmen (die ihnen "Gott der Liebhaber des Lebens" ermöglicht: vgl. Abraham und Co und die ekklesiale Dimension des miteinander essens, trinkens, schalfens usw.) , ihnen gerecht werden (Lebensbejahung (Let me be!); Kommunikationsfähigkeit (Let it be!); Inkulturation, Synkretismus, Bastelmentalität... stellen den biographischen und logischen Zugang zum Gott, dem Liebhaber des Lebens, dessen universaler Heilswille von vorne herein ekklesiale Konturen zeigt.

2. Kirche ereignet sich dort, wo Christen sich in den zahlreichen Rollen der "Seelsorger" wiederfinden: Zeitgenossenschaft (Mitwandern, Segen erbitten, Segen bewirken: "Priestersein" als Lebenshingabe im Tun und Ergehen, in Arbeit und Freizeit); prophetischer Widerstand ("sensus fidelium"), königliche Freiheit im Gestalten aber auch im Versagen ("Christus der König>> am Kreuz)

Taufe und Firmung als theologische Grundlage für die Dienste in der Welt und auch etliche Ämter in der ekklesialen Gemeinschaft, die dem universalen Heilswillen Gottes entspringt.

3. Kirche ereignet sich aber auch (oder gerade) dort, wo verschiedene Ämter und Dienste (Pluralismus von Glaubensformen und Lebensvollzügen) in ein Verhältnis zueinander gesetzt werden zu der "einen Gemeinschaft", die dem göttlichen Heilswillen entspringt:

Mysterium tremendum et fascinosum der sacra potestas: (Spannung zwischen Amt und Charisma; Repräsentation und Prophetie; ordnungsstiftender Macht und der Tatsache, daß auch Jesus der sacra potestas zum Opfer fällt >> wie wird diese Spannung in der biblischen Tradition ausgetragen?)

Kirche gibt es dort, wo sich Christen in den christlich transformierten Rollen des "ordnungsstiftenden Mose" ...wiederfinden >> die Problematik von "decidere";

d.h. sich in den Dienst des Amtes stellen (um Gemeinde zu sammeln/führen (Hirte)

* durch Integration/ Let it be...

*durch Ermöglichung der Lebensbejahung der Gemeinde (Förderung der Schwache, Zurückdrängen der Starken)

* durch gezielte Zurücknahme seiner selbst

* durch Förderung der Kommunikation

* durch Entscheidungsvollmacht: Entscheidungen, die im Gewissen des Amtsträgers getroffen werden und ekklesial relevante Tatsachen schaffen, die angenommen, oft nur noch erlitten werden ...

4. Kirche ereignet sich dort, wo sich Christen (auch Amtsträger) in den prophetischen Rollen wiederfinden und das Ihnen zufallende Geschick auch erleiden (Keine "kastrierte", auf äußere Kritik beschränkte Prophetie!)

- sie ereignet sich also dort, wo (v.a.) die Amtsträger:

aus der Erkenntnis, daß nicht Gott Opfer will, sondern Opfer Ergebnisse menschlicher Freiheit, der geschöpflicher Begrenztheit und auch des Sündenbockmechanismus sind * sich um Opferminimierung bemühen

* sich den Opfer bewusst zuwenden, qualitative Toleranz im Geiste Jesu

* faktisch gemachte (auch ekklesiale ) Opfererfahrung durch Mitleid/Solidarität transformieren (hier: ein radikaler Defizit: Kirche als Spiegelbild der medialen Öffentlichkeit)

* Opferstatus erleiden (vgl. den Topos des verfolgten Priester, Katechisten...)

5. Verdichtung der Vielfalt und Widersprüchlichkeit dieser Rollen in der Person und dem Geschick Jesu Christi>>

sakramentale Vergegenwärtigung dieses Geschicks in der Eucharistiefeier (Jede Eucharistie ist Kirche in actu genauso wie die weltweite Institution Kirche ist)

6. Die Teilhabe an der so verstandenen Rolle Jesu Christi erfolgt primär auf sakramentstheologische Art und erst nachträglich auf ethische Art (nachfolge im Tun!):

Christus verbindet sich mit dem Menschen >>

menschliches Leben (Menschen übernehmen Rollen, oder diese werden ihnen aufgedrängt) stellt das "signum" dar >>

Identifikation Christi mit den Menschen ist als "res" zu glauben, die das "signum" verwandelt/transformiert: Rollentransformation im sakramentalen Geschehen!

So stellt auch das Sakrament des Ordo den Amtsträger in die heilsgeschichtliche Dramatik hinein; ermöglicht erst die Amtsentscheidungen (auch in ihrer Ambivalenz) und entlastet so den Amtsträger als Person;

deswegen auch:

prinzipielle Koppelung der Gemeindeleitung an den Vorsitz der Eucharistie!

die nicht geweihten Gemeindeleiter sind strategisch nur dann sinnvoll, wenn man sie als "defiziente" Formen des sakramentalen Amtes begreift.

III. Systematische Mosaiksteine: Konturen ekklesiologischer Vorstellungskraft

1. Religiöse Unmittelbarkeit an Ort und Stelle versus "Leben durch den Tod hindurch"

die normativen "Grenzen": Teilhabe am Leben des dreifaltigen Gottes (Einheit mit Gott) >> communio sanctorum (Einheit der Menschheit)

2. Kirche an Ort und Stelle: Sakrament (Zeichen/ Werkzeug) der eschatologischen Vision; ihre notae (Einheit, Heiligkeit, Katholizität, Apostolizität).

3. Grenzen der communio sanctorum und die Frage nach der Sichtbarkeit:

"Gott will, daß alle Menschen gerettet werden..." 1 Tim 2,4

viele oder alle?

einzeln (vgl. schon Luther: wie finde ich den barmherzigen Gott?) oder gemeinsam?Vatkanum II:

LG 9: Gott will die Menschen "nicht einzeln, unabhängig von aller wechselseitigen Verbindungen ... heiligen, retten..., sondern sie zu einem Volke machen" (DH 4122)

Gemeinschaft impliziert die Frage nach Institution:

Begründung der Institution: aus der Logik der Repräsentation (traditionell), aus der Logik der Liebe (moderne Versuche), im Kontext der Frage nach Pro-Existenz (im Kontext vom GS die lateinamerikanischen u.a. kontextuellen Versuche, dramatische Ekklesiologie >> sie wirft die Frage nach der Kirche analog zu den kontextuellen Versuchen im sakramentstheologischen Kontext - thematisiert dort die proexistente Haltung der Christen, thematisiert aber auch die sich daraus ergebende Konflikthaftigkeit. Über den Umweg der Frage nach dem Amt und dessen einheitsstiftenden Bedeutung vertieft sie den sakramentstheologischen Zugang: Ansatz beim Sakrament, Umweg über die Institution, Versöhnung im Sakrament).

Konsequenz der sakramentstheologischen Begründung der Institution aus dem Gedanken der Proexistenz: (Vgl. das religionssoziologische Urteil von Gronemeyer: Das "Wenn am Jahresende 1999 die Champagnekorken knallen, dann geht ... auch das letzte christliche Jahrhundert zu Ende. Die Kirche blutet aus..."): solange es zwei oder drei Menschen gibt, die die Logik der ekklesialen Proexistenz leben, ist die Kirche als Sakrament (Zeichen und Werkzeug) gegeben: Von daher muß auch in der Gegenwart die entscheidende kirchenpolitische Frage der Gegenwart formuliert werden (und nicht aus der Perspektive der religionssoziologischen Befunde). Sie lautet nicht, wie sich die Kirche an eine liberale Kultur anpaßt sondern: welche Bedeutung hat die Kirche (als Institution) für die liberale Kultur. (Vgl. Gnadentheologie).