© Firenze, Biblioteca Nazionale Centrale, Conv. Soppr. C.VII.1170, fol. 1r.


Der Marco Polo des Christoph Kolumbus
Francesco Pipinos lateinische Version von Il Milione

Fördergeber: Wissenschaftsfonds (FWF)

Projektleiter: Univ.-Prof. Dr. Mario Klarer

Projektbeschreibung

Als Christoph Kolumbus die Reise antrat, die die Neue Welt in den europäischen Wahrnehmungshorizont brachte, tat er das mit dem eigentlichen Ziel einen neuen Seeweg nach Asien zu finden. Es ist daher nicht überraschend, dass Christoph Kolumbus sich Wissen über den Fernen Osten für seine Reise in den Fernen Westen aneignete. Einer der Texte, den Kolumbus intensiv benutzte, war die lateinische Version von Marco Polos Reisen. Marco Polos Il Milione war die wichtigste Quelle über den Fernen Osten im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit, die maßgeblich die europäische Vorstellung von Asien und den beiden Amerikas über Jahrhunderte bestimmen sollte.

Überraschend ist, dass ein solch zentraler Text nicht als kritische Ausgabe verfügbar ist. Die lateinische Übersetzung, die der Dominikaner-Mönch Francesco Pipino von 1310 bis 1322 anfertigte, ist in fast sechzig Manuskripten überliefert und übertrifft damit alle anderen vorhandenen Polo-Versionen. Keine andere Sprachversion von Marco Polos Bericht hatte mehr Einfluss im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit als die Pipino-Übersetzung.

Vor diesem Hintergrund verfolgt das Marco-Polo-Projekt, unter der Leitung von Prof. Mario Klarer, drei eigenständige, aber ursächlich miteinander verbundene Ziele, die sich einerseits auf die lateinische Pipino-Übersetzung konzentrieren, andererseits auch die größeren Auswirkungen der Rolle und Position der Pipino-Version in der gesamten Marco-Polo-Tradition verorten:

  1. Das Team wird auf der Basis aller überlieferten Pipino-Manuskripte aus dem 14. Jahrhundert eine eklektische Ausgabe und eine englische Übersetzung der lateinischen Pipino-Version anfertigen.
  2. Eine intratextuelle Analyse von Pipinos Gesamtwerk berücksichtigt ebenso Pipinos Chronicon, eine Weltgeschichte, in die der Autor große Teile von Polos Reisen einarbeitete. Pipinos doppelte Verwendung Polos – für seine Milione-Übersetzung und für Teile seiner Weltchronik – bietet eine einzigartige Fallstudie für spätmittelalterliche Übersetzungs- und Adaptionsmechanismen.
  3. Eine größere intertextuelle Untersuchung vergleicht den Pipino-Text mit anderen lateinischen Übersetzungen vor dem Hintergrund der franco-italienischen Fassung als der wichtigsten volkssprachlichen Version, um die spezifisch kulturelle, religiöse und politische Stoßrichtung der Pipino-Übersetzung zu beleuchten und ihren Einfluss auf andere spätmittelalterliche Autorinnen und Autoren herauszuarbeiten.

Diese sich gegenseitig bedingenden editorischen und interpretatorischen Bemühungen sollten eine lang erwartete philologische Basis für die Polo-Forschung liefern und damit Licht auf das gesamte textliche Universum von Marco Polos Milione im Kontext von kulturellen und religiösen Verbreitungsmechanismen eines der einflussreichsten Werke des 14. und 15. Jahrhunderts werfen.

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