Josef A. Jungmann

Der Innsbrucker Theologe Josef Andreas Jungmann war maßgeblich an der Liturgiereform der katholischen Kirche im Rahmen des Zweiten Vatikanischen Konzils beteiligt. Im Studienjahr 1953/54 war er Rektor der Universität Innsbruck. Untenstehender Nachruf wurde von Prof. H. B. Meyer verfasst und erschien 1975 im „Nachrichtenblatt der Universität Innsbruck“.
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Bild: Josef Andreas Jungmann war im Studienjahr 1953/54 Rektor der Universität Innsbruck.

P. JUNGMANN wurde am 16. November 1889 in Sand in Taufers (Südtirol) als zweiter Sohn des dortigen Mühlenbesitzers, Bürgermeister und Landtagsabgeordneten J. Jungmann geboren. Nach sechs Schuljahren in seinem Heimatort besuchte er von 1901 – 1909 das Gymnasium am fürstbischöflichen Vincentinum in Brixen, studierte von 1909 – 1913 in Brixen Theologie und wurde 1913 zum Priester geweiht. Von 1913 – 1917 arbeitete er als Kooperator in Niedervintl und in Gossensaß. Am 23. 9. 1917 trat er in die Gesellschaft Jesu ein, verbrachte ein Noviziatsjahr in St. Andrä im Lavanttal und kam dann nach Innsbruck, um seine philosophisch-theologischen Studien zu vervollständigen. 1923 wurde er mit der handschriftlich eingereichten und bis heute unveröffentlichten Arbeit „Katechetische und kerygmatische Formulierungen der Gnadenlehre in den ersten drei Jahrhunderten“ zum Dr. theol. promoviert. Nach weiteren Studienjahren in München und Wien habilitierte sich P. JUNGMANN im Jahr 1925 an der Theologischen Fakultät Innsbruck mit der Studie über „Die Stellung Christi im liturgischen Gebet“ und begann seine Lehrtätigkeit in Innsbruck, wo er Pädagogik (bis 1952), Katechetik (bis 1957) und Liturgik (bis 1963) dozierte, 1930 zum ao. Professor ernannt und 1934 als Nachfolger von P. Gatterer auf den Lehrstuhl für Pastoraltheologie berufen wurde. Er hatte sich bis dahin durch zwei Buchveröffentlichungen – nach seiner Habilitationsschrift (1925; 21962) war 1932 das Buch „Die lateinische Bußriten in ihrer geschichtlichen Entwicklung“ erschienen – und etwa 20 Artikel bereits einen guten Namen gemacht und betreut seit 1927 als Hauptschriftleiter die von der Theologischen Fakultät herausgegebene „Zeitschrift für katholische Theologie“, ein Amt, das er mit einigen Unterbrechungen bis 1963 innehatte.

P. JUNGMANN, der zunächst für seine Spezialisierung in Pädagogik vorgesehen war – deshalb hatte er in Wien Psychologie studiert -, blieb dem pastoralen Grundanliegen, das von Anfang an seine Arbeit bestimmt hat, treu: Konzentration der seelsorglichen Arbeit auf die zentralen Inhalte des Evangeliums, besonders auf die Person und das Werk Jesu Christi selbst. Was uns heute selbstverständlich erscheint, war aber damals so neu und ungewohnt, dass sein 1936 erschienenes Buch „Die Frohbotschaft und unsere Glaubensverkündigung“ (2. überarbeitete Auflage: „Glaubensverkündigung im Lichte der Frohbotschaft“, 1963) auf Veranlassung der Glaubenskongretation aus dem Handel gezogen werden musste. Andererseits kam eine wachsende Zahl von Schülern aus aller Welt an die Innsbrucker Theologische Fakultät, um nicht zuletzt P. JUNGMANN zu hören, der zusammen mit anderen Professoren (F. Dander, F. Lakner, H. Rahner) die Diskussion um eine „Theologie der Verkündigung“ in Gang brachte. Mittlerweile aber verlagerte sich der Schwerpunkt der wissenschaftlichen Arbeit von P. JUNGMANN spürbar auf das Gebiet der Liturgiewissenschaft, obgleich seine Bemühungen um eine materialkerygmatische Erneuerung der Katechese für die Entwicklung im deutschen Sprachgebiet und darüber hinaus von großer Bedeutung waren und noch 1953 sein katechetisches Hauptwerk erschien, die in vielen Sprachen übersetzte „Katechetik“ (31965).

Zu Weltruf kam P. JUNGMANN jedoch vor allem als Liturgiewissenschaftler. Als das Jesuitenkolleg in Innsbruck, dessen Rektor P. JUNGMANN seit dem Sommer 1938 war, am 12. Oktober 1939 von den Nationalsozialisten aufgehoben und die Theologische Fakultät mit einem Teil der Professoren nach Sitten in der Schweiz evakuiert wurde, hatte P. JUNGMANN bereits einen guten Ruf als Fachmann der Liturgie. Nun aber ging er zuerst nach Wien (1939 – 1942) und dann als Kaplan zu den St. Pöltener Schulschwestern nach Hainstetten (1942 – 1945) und arbeitete in der durch die Nationalsozialisten und den Krieg erzwungenen Unterbrechung seiner akademischen Lehrtätigkeit, die er erst 1945 wieder aufnehmen konnte, an seinem zweibändigen Hauptwerk „Missarum Sollemnia“ (1948; 51962), das bis heute das Standardwerk über die Geschichte der Eucharistiefeier und auch in vielen anderen Ländern und Sprachen in zahlreichen Auflagen erschienen ist. Dieses Buch hat P. JUNGMANN weltbekannt gemacht. Zugleich zeigt es besonders deutlich die Eigenart seiner liturgiewissenschaftlichen Arbeit: vor dem Hintergrund und mit der Hilfe solider historischer Forschung hat er versucht, das Werden und das Wesen liturgischer Vollzüge zu erhellen, um die Voraussetzungen für eine ebenso der Tradition wie den Zeiterfordernissen gerecht werdende Feier des Gottesdienstes zu schaffen. Seine unbestechliche Sachorientiertheit und selbstverständliche Kirchlichkeit, der Wille, nicht dem Wissen, sondern mit seiner Hilfe dem Leben zu dienen, verliehen der Arbeit P. JUNGMANNS, der selber zwar zäh, aber kein Kämpfer, fleißig und klarsichtig, aber kein Genie, praxisorientiert, aber eher unpraktisch war, so große Bedeutung für jene Phase im Leben der Kirche, die in das Zweite Vatikanum mündete: er war einer jener Männer, die der „Liturgischen Bewegung“ das sachliche Fundament gaben; er hat entscheidend mit dazu beigetragen, den juridisch verengten Liturgiebegriff aufzusprengen; er hat gezeigt, dass der Gottesdienst gewachsen ist und weiter wachsen muss. Als daher von Johannes XXIII. das Konzil angekündigt wurde und die Vorbereitungsarbeiten begannen, war es sozusagen unvermeidlich geworden, P. JUNGMANN, der von 1950 bis 1956 Consultor der Gottesdienstkongregation gewesen war, 1960 als einen der ersten in die Vorbereitende Kommission zu berufen. Er gehörte einfach dazu, so wie er seit deren Gründung (1940) als Mitglied zur Deutschen Liturgischen Kommission gehörte und lange Mitglied der Liturgischen Kommission Österreichs war. Seit 1962 arbeitete P. JUNGMANN als Sachverständiger in der Liturgiekommission des Konzils mit und durfte in der Promulgation der Liturgiekonstitution am 4. Dezember 1963 sozusagen die Krönung seines Lebenswerkes miterleben. Als Mitglied des Rates zur Durchführung der Liturgiekonstitution hat er von 1964 an mitgeholfen, die in diesem Dokument festgelegten Grundsätze in die Praxis kirchlichen Lebens umzusetzen.

Aber auch im engeren Kreis der Innsbrucker Universität und im Orden nahm P. JUNGMANN Verantwortung auf sich. Schon 1934/35, dann wieder 1952/53 war er Dekan der Theologischen Fakultät und wurde für das Studienjahr 1953/54 zum Rektor der Universität gewählt. Von 1956 – 1962 versah er das Amt des Rektors im internationalen Theologenkonvikt „Canisianum“. Mehr als solche Ämter interessierte und beschäftigte ihn jedoch seine Tätigkeit als akademischer Lehrer; seine mit leiser Stimme, nüchtern und sachlich, fast langweilig vorgetragenen Vorlesungen, deren Gewicht und Bedeutung sich erst bei genauem Hinhören erschloss, und seine Seminarübungen, in denen er zahllose Seelsorger und viele Professoren mit den Quellen der Liturgie und der Methode wissenschaftlicher Arbeit vertraut machte.

Trotz seiner sprichwörtlichen Bescheidenheit und Zurückhaltung und obwohl er sein Leben lang alles zu vermeiden suchte, was ihn von seiner eigentlichen Arbeit abhalten konnte, wurden P. JUNGMANN auch öffentliche Ehrungen zuteil. Zu seinem 60., 70. und 80. Geburtstag widmeten ihm Freunde und Schüler Festschriften: F. X. Arnold – B. Fischer (Hg.), Die Messe in der Glaubensverkündigung. Freiburg i. Br. 1950 (21953); B. Fischer – J. Wagner (Hg.), Paschatis Sollemnia, Freiburg i. Br. 1959; Sonderheft zum 80. Geburtstag: ZKTh 91 (1969 Heft 3) 249-516. Im Jahr 1957 verlieh ihm der Bundespräsident das Große Silberne Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich; im Jahr 1961 erhielt er das Ehrenzeichen des Landes Tirol für Verdienste auf dem Gebiet der Wissenschaft. Seine Heimatgemeinde Sand in Taufers verlieh ihm 1967 das Ehrenbürgerrecht. Er war außerdem korrespondierendes Mitglied der Wiener Katholischen Akademie und Ehrenmitglied des Abt-Herwegen-Institutes. Als letzte offizielle Anerkennung, die ihm für seine Verdienste um die Wissenschaft zuteil wurde, verlieh ihm 1972 die Salzburger Theologische Fakultät das Ehrendoktorat. Zu diesem Zeitpunkt war P. JUNGMANN schon sehr behindert. In einer persönlichen Aufzeichnung notierte er: „1967 das Gehör und (Juni 1970) das Augenlicht beginnt zu versagen. Semper Deo gratias!“ Trotzdem nahm er bis zuletzt am Leben der Kirche und seines Ordens Anteil und schrieb noch bis wenige Wochen vor seinem Tod – im verdunkelten Zimmer, mit einer starken Lampe und langsam mit einer Lupe Zeile um Zeile entziffernd – Besprechungen für die ZKTh. Er starb, am 26. Januar 1975, am frühen Morgen des „ersten Tages der Woche“, wie er gelebt hat: still, fast unbemerkt und gerade so ein unübersehbares Zeichen setzend – für den Glauben an die Vollendung unseres Gottdienens in der liturgia caelestis.

Requiescat in pace!

H. B. MEYER SJ