Eugen von Böhm-Bawerk (1851–1914)

Eugen von Böhm-Bawerk ist einer der profiliertesten Ökonomen Österreichs. Er war ein Vertreter der österreichischen Schule und gilt als Begründer der österreichischen Kapitaltheorie. Ein Nachruf von Franz Myrbach von Rheinfeld (1850-1919) für den Bericht über das Studienjahr 1913/14.
Eugen von Böhm –Bawerk (1851-1914)
Bild: Eugen von Böhm –Bawerk (1851-1914)

Der kurz vorher entfesselte Weltkrieg hatte alles Denken und Empfinden in Anspruch genommen, hatte auch schon die Aufmerksamkeit von Einzelschicksalen abgelenkt, als sich in dem uns so nahen Dörfchen Achenrain bei Kramsach ein Ereignis vollzog, das zu anderer Zeit einen starken Widerhall nicht nur in weiten Kreisen Österreichs, sondern weit über dessen Grenzen hinaus in der ganzen wissenschaftlichen Welt gefunden hätte. Am 27. August 1914 starb daselbst völlig unerwartet der Präsident der Wiener Akademie der Wissenschaften, Geheimer Rat Dr. Eugen von Böhm-Bawerk, eine der hervorragendsten und liebenswürdigsten Erscheinungen im öffentlichen Leben unseres Vaterlandes, berühmt als Gelehrter, Lehrer und Finanzpolitiker, einst eine der Zierden der Innsbrucker Hochschule.

Am 21. Februar 1851 in Brünn geboren, besuchte Böhm-Bawerk das Wiener Schottengymnasium und gehörte da einer Klasse an, aus welcher eine auffallend große Zahl von Hochschullehrern hervorgegangen ist. Schon in der Mittelschule zeigte er hervorragende Begabung. An dieser, wegen ihrer hohen Anforderung an die Schüler bekannten Anstalt bedeutete es nicht wenig, dass Böhm abwechselnd mit seinem engeren Freunde und nachmaligen Schwager Friedr. v. Wieser den ersten Platz behauptete. Dabei bewahrte er aber stets eine große natürliche Bescheidenheit, Anspruchslosigkeit und Freundlichkeit gegen Jedermann, Eigenschaften, die ihn auch bei seiner späteren glänzenden Laufbahn nie verlassen haben. Heute, nach 50 Jahren, sehe ich noch vor mir den schmächtigen Jüngling mit dem schwarzen kurzen Kraushaar und den lebhaften geistvollen Augen, wie er im Winter in einer kurzen, hellgrauen Lodenjacke (für Wien zu jener Zeit eine seltsame Kleidung), meist in Gesellschaft des schon damals ungemein langen und dünnen Freundes Wieser den Schottenhof durchschritt.

In den Jahren 1868 bis 1872 studierte Böhm zu Wien die Rechte, natürlich mit derselben Gründlichkeit, mit welcher er alles tat, und promovierte daselbst im Jahre 1875. Nach Absolvierung des Rechtsstudiums war er 1872 (auch wieder gleichzeitig mit Wieser) in Wien als Konzeptspraktikant in den Finanzverwaltungsdienst eingetreten, in welchem er teils bei der Finanzlandesdirektion, teils im Finanzministerium (als Finanzkonzipist) tätig war. Einen 2 jährigen Urlaub 1875 bis 1877 benützte er, um mit einem staatlichen Reisestipendium ausgerüstet, in Gesellschaft Wiesers eingehendere nationalökonomische Studien an den Universitäten Heidelberg, Leipzig und Jena (bei Knies, Roscher und Hildebrand) zu betreiben. Es waren aber nicht die genannten akademischen Lehrer der historischen Richtung, die sein wissenschaftliches Denken befruchteten, sondern der damals an der Wiener Universität eben zur Geltung gelangende Karl Menger.

Ganz im Mengerschen Geiste und an dessen Theorien anknüpfend, verfasste Böhm seine erste wissenschaftliche Arbeit: „Rechte und Verhältnisse vom Standpunkt der volkswirtschaftlichen Güterlehre“ (erschienen 1881), auf Grund deren er sich 1880 an der rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät zu Wien für politische Ökonomie habilitierte. Diese Schrift ist meines Wissens die erste Veröffentlichung, welche die von Menger in seinem „Grundriss“ entwickelten Hauptlehren wiedergibt und dieselben fortzuführen bestrebt ist. Insofern muss wohl Böhm als der erste Angehörige der Menger’schen, oder sog. „österreichischen Schule“ bezeichnet werden. (Friedrich Freih. v. Wieser folgte mit seinem Buche „Ursprung und Hauptgesetze des wirtschaftlichen Güterwertes“ erst 1884 nach.)

Böhm hatte das seltene Glück, sofort nach seiner Habilitierung als der einzige damals in Betracht kommende Dozent in Österreich, mit der Supplierung der durch Abgang Inama-Sternegg’s erledigten Lehrkanzel für politische Ökonomie an der Universität Innsbruck betraut zu werden, und bald darauf (1881) wurde er auch zum außerordentlichen Professor daselbst ernannt. Im Jahre 1884 erfolgte dann seine Beförderung zum Ordinarius.

In der Zeit seiner Innsbrucker Lehrtätigkeit schuf Böhm sein Hauptwerk, das zweibändige Buch „Kapital und Kapitalzins“, das seither in 2. bzw. in 3. Auflage erschienen ist und in mehrere fremde Sprachen übersetzt wurde. Es ist eine mit außerordentlichem Fleiß und großer Gründlichkeit bearbeitete Monographie, deren erster Band die „Geschichte und Kritik der bestehenden Theorien“ enthält und sich ungeteilter großer Anerkennung erfreut, während im zweiten Band die eigenen „positiven Theorien“ des Verfassers entwickelt werden. Wenn letztere auch nicht durchwegs allgemeine Annahme finden, so beruhen sie doch auf scharfsinnigen Erwägungen und sind geistvoll und anregend vorgetragen. Eine längere Reihe von größeren und kleineren Abhandlungen, worunter besonders jene über die „Grundzüge der Theorie des wirtschaftlichen Güterwertes“ (1886) zu erwähnen ist, behandelt die Wertlehre und baut die Menger’sche Werttheorie im Sinne der sog. Grenznutzentheorie aus; einige Aufsätze kommen auch auf die Kapitalstheorie zurück. Nach dem Tode Böhms brachte die Zeitschrift für Volkswirtschaft, Sozialpolitik und Verwaltung (zu deren Herausgebern Böhm gehörte) im III. und IV. Heft des Jahrganges 1914 eine aus seiner Feder stammende größere Abhandlung „Macht oder ökonomisches Gesetz?“, welche ein anderes theoretisches Problem behandelt, nämlich die Frage, ob das ökonomische Geschehen sich nach unabänderlichen Gesetzen oder unter dem zweckbewussten Einflusse der gesellschaftlichen Machtfaktoren vollziehe.

Das literarische Arbeitsgebiet Böhms war also ein recht beschränktes und griff zudem nirgends über die reine Theorie hinaus. Und doch errang er eine erste Stellung im Kreise der Nationalökonomen aller Richtungen. Dies findet den beredtesten äußerlichen Ausdruck in seiner 1911 erfolgten Ernennung zum Präsidenten der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften. Diese Erfolge verdankte Böhm offenbar der ausnehmenden Klarheit seiner Gedanken und seiner Darstellungsweise, der Gründlichkeit und Ehrlichkeit seiner Forschung, der Vermeidung aller Phrase und allen gelehrten Flitters. Schlicht und ehrlich, wie als Mensch, war Böhm auch als Gelehrter, eben dadurch wirkte er auch überzeugend. Und die gleichen Eigenschaften traten bei ihm auch als Lehrer hervor. Ich war zwar nicht in der Lage, ihn als solchen selbst kennen zu lernen, er wurde aber auch nach dieser Richtung sehr gerühmt. Seine besondere Vorliebe für den Gelehrten– und Lehrberuf wird am besten dadurch gekennzeichnet, dass er nach seinem Rücktritt von einer höchsten leitenden Stellung wieder als Professor an der Wiener Universität zum Lehramte zurückkehrte.

Als Praktiker muss sich Böhm schon zur Zeit seiner ersten Verwendung im Finanzministerium hervorgetan haben, weil er, ohne sich je literarisch mit finanzwissenschaftlichen Problemen befasst zu haben, im Jahre 1889 von dem geschickten Finanzminister Dunajewski als Ministerialrat in das Finanzministerium berufen wurde. Den Anlass dazu gab die energische Wiederaufnahme des Planes einer radikalen Reform der direkten Steuern. Böhm wurde mit der schwierigen Aufgabe betraut, unter Bedachtnahme auf die überkommenen Einrichtungen den Entwurf zu einem Gesetze, das ein modernes Steuersystem schaffen sollte, auszuarbeiten. Mit Zuhilfenahme einiger jüngerer Kräfte, unter denen der kurz vor Böhm verstorbene Robert Meyer besonders zu nennen ist, löste Böhm diese große Aufgabe vortrefflich. Sie beschäftigte ihn noch, als er in der Eigenschaft als Sektionschefs die Sektion für direkte Steuern zu leiten hatte. Er war es auch, der hauptsächlich den Entwurf vor dem Reichsrate, besonders im Steuerausschuss, zu vertreten hatte. Wenn auch im Verlaufe der ungemein langwierigen parlamentarischen Behandlung im einzelnen manches an dem Entwurfe geändert wurde, so blieben doch die von Böhm mit Scharfsinn aufgestellten allgemeinen Richtungslinien und die meisten Einzelbestimmungen des Entwurfes aufrecht und so kann schließlich das Personalsteuergesetz vom 26. Oktober 1896 in der Hauptsache als sein Werk bezeichnet werden.

Zweimal bekleidete Eugen von Böhm durch kurze Zeit das Amt des Finanzministers (1895 unter Kielmannsegg, 1897 unter Gautsch), zum dritten Mal hatte er (unter Körber) dasselbe durch längere Zeit inne, nämlich von 1901 bis Oktober 1904. In die letztere Epoche fällt eine Reihe wichtiger staatsfinanzieller Transaktionen, so die Mittelbeschaffung für die großen Bahn- und Wasserstraßenbauten, die Umwandlung der gemeinsamen Rente, der Ausgleich mit Ungarn von 1903, die Brüsseler Zuckerkonvention, die Einführung der Fahrkartensteuer, die Erwirkung der großen Kredite für militärische Rüstungen und anderes. Im Gegensatz zu seiner literarischen Tätigkeit entfaltete Böhm als praktischer Politiker eine große Vielseitigkeit. Die so mannigfaltigen, ihm in dieser Eigenschaft zugefallenen Aufgaben behandelte Böhm mit großem Geschick und Erfolg. Durch seine beredten, klaren, sachlichen und unparteiischen Ausführungen gewann er sich auch im Parlament die vollsten Sympathien und seine Finanzexposés wurden als mustergültig bezeichnet.

Sein Tiroler Aufenthalt machte Böhm zu einem begeisterten Verehrer unserer Bergwelt und zu einem gewiegten Hochtouristen, der manchen stolzen Gipfel bezwang. Auch nach seinem Scheiden aus Tirol zog es ihn in seiner freien Zeit immer wieder in unsere Alpenwelt zurück. Da fand er auch, viel zu früh für sein Vaterland, seine Wissenschaft und seine Freunde, denen er stets Treue bewahrte, einen sanften Tod und die letzte Ruhestätte. Der Universität Innsbruck wird er als eines ihrer besten Mitglieder stets unvergesslich bleiben.

Diesen Nachruf auf Eugen Böhm-Bawerk hat Franz Myrbach von Rheinfeld (1850-1919) für den Bericht über das Studienjahr 1913/14 verfasst. Der in Graz habilitierte Franz Myrbach lehrte seit 1893 an der Universität Innsbruck Volkswirtschaftslehre, Volkswirtschaftspolitik und Finanzwissenschaften. Bekannt ist sein aus dem Jahr 1906 stammender „Grundriss des Finanzrechts“.

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