„Bauernforscher“ Hermann Wopfner

Anlässlich des 340. Jubiläums der Gründung der Universität Innsbruck werden Ausschnitte der Geschichte der Innsbrucker Alma Mater präsentiert.
Hermann Wopfner erhielt am 7. Juli 1956  das Ehrendoktorat der Universität Innsbruck.
Bild: Hermann Wopfner erhielt am 7. Juli 1956 das Ehrendoktorat der Universität Innsbruck [Foto: Universitätsarchiv]

Hermann Wopfner wurde als Sohn einer gutbürgerlichen Kaufmannsfamilie mit weit zurückreichenden Wurzeln im Tiroler Bauerntum (Hof Wopfenstatt am Wattenberg) am 21. Mai 1876 in Innsbruck geboren. Er studierte Geschichts- und Rechtswissenschaft und unterrichtete ab 1904 an der Universität Innsbruck Wirtschaftsgeschichte, nach 1909 zusätzlich Österreichische Geschichte. Im jungen Alter von nur 32 Jahren wurde Wopfner zum Universitätsprofessor für beide Fächer ernannt. In dieser Position bat er 1941 um seine vorzeitige Entlassung in den Ruhestand, den er mit der Arbeit am berühmten „Bergbauernbuch“ auf seinem Bauerngut in Natters verbrachte.

 

 

Die Arbeitsschwerpunkte Wopfners lagen in der Tiroler Wirtschafts- und Siedlungsgeschichte sowie in der Erforschung der bäuerlichen Kultur, was ihm den Beinamen „Bauernforscher“ eintrug. Der zeitliche Rahmen seiner Arbeiten bewegte sich zwischen der ersten Besiedlung Tirols bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Wopfner gilt als Begründer der Tiroler „Heimatkunde“ und als Bahnbrecher der Tiroler Siedlungsgeschichte.

 

 

Hermann Wopfner war alles andere als ein realitätsferner Wissenschafter, der von einem universitären Elfenbeinturm aus über Dinge schrieb, die er nie selbst erfahren hatte. Planmäßig durchwanderte er die Täler Tirols, lernte Land und Leute kennen und beobachtete aus nächster Nähe Arbeitstechniken, Traditionen und Lebensweise der Bergbauern. Diese jahrzehntelangen Feldforschungen wusste Wopfner auch umzusetzen: Gegen Ende seiner wissenschaftlichen Tätigkeit begann er mit der Verfassung des „Bergbauernbuchs“, ein Alterswerk, das „als glückliche Zusammenfassung seiner Lebensarbeit“ und als „geradezu monumental“ bezeichnet wird. Im Vorwort dazu wird Wopfners Bewunderung und Verehrung der Bergbauern deutlich: „Ich habe dies Buch in alter Liebe zum Bergbauerntum und im Gedenken an meine bergbäuerlichen Vorfahren dem Tiroler Bauernstand zugeeignet“. Er wollte nicht ausschließlich ein wissenschaftliches Werk über die Bauern, sondern vor allem eines für die Bauern schreiben.

 

 

Franz Huter, seinem Nachfolger auf dem Lehrstuhl für Österreichische Geschichte, verdanken wir diese treffende Charakterisierung seiner Person: „Auf zahlreichen Wanderungen über Berg und Tal durchstrich er das ganze alte Land Tirol, bis hinauf zu den letzten Einödhöfen am Fuß der Gletscher, herüber und hinüber über die Pässe und Jöcher, um das Verkehrsproblem am eigenen Leibe zu erleben. Die Kamera auf dem Rücken und den Notizblock in der Hand, die Augen offenhaltend für alle Eigenart und die Alten befragend, die selbst Zeugnis der Vergangenheit sind, gewann er Einblicke in das bäuerliche Leben und Denken wie keiner vor ihm.“

 

Wopfner erlebte die Vollendung seines „Lebenswerkes“ nicht. Er verstarb am 10. Mai 1963 auf seinem Bauerngut, dem Plumeshof, südlich von Innsbruck; das Manuskript des vierten Bandes lag aufgeschlagen auf seinem Schreibtisch. Zu seinen Lebzeiten erschienen zwischen 1951 und 1960 nur drei Lieferungen des ersten Bandes. Es oblag seinem Schüler, dem Innsbrucker Wirtschafts- und Rechtshistoriker, o.Univ.-Prof. DDDr. h.c. mult. Nikolaus Grass, das Werk aus dem Nachlass in drei Bänden herauszugeben (erschienen 1995 bis 1997 im Universitätsverlag Wagner als Schlern-Schriften 296 bis 298 bzw. Tiroler Wirtschaftsstudien 47. bis 49. Folge).

 

Weder vor Wopfner noch nach ihm gab es eine Persönlichkeit, die sich intensiver mit der Tiroler Bauernschaft beschäftigt hätte. Wopfner verhielt sich dem NS-Regime gegenüber vorsichtig, indem er eine Konfrontation mit der nationalsozialistischen Rassenlehre vermied. Er kann als Patriot eingestuft werden, der den schmalen Grat zum Nationalismus nicht überschritt, auch wenn sein Werk von der heute befremdlich wirkenden Diktion der Zwischenkriegs- und Kriegszeit nicht frei ist.

 

Wopfner bekleidete in den Jahren 1928 und 1929 das Amt des Rektors unserer Alma mater. Wopfner, der von 1945 bis 1949 der Lehrkanzel für Volkskunde vorstand, emeritierte 1950. Er war seit 1953 Ehrenmitglied der österreichischen Akademie der Wissenschaften und erhielt 1956 das Ehrendoktorat der Universität Innsbruck.

(ip)

Literatur:
  • Wolfgang Meixner/Gerhard Siegl, Erwanderte Heimat. Hermann Wopfner und die Tiroler Bergbauern, in: Agrargeschichte schreiben. Traditionen und Innovationen im internationalen Vergleich (Jahrbuch für Geschichte des ländlichen Raumes 1/2004), S. 228-239.

 

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