Ernst Kalinka und Julius Jüthner

Die Klassische Philologie blickt in Innsbruck auf eine inzwischen über 150-jährige Geschichte zurück. Zwei Professoren haben das Fach in Innsbruck im angehenden 20. Jahrhundert stark geprägt: Ernst Kalinka und Julius Jüthner. Zwei Nachrufe von Ludwig Radermacher und Camillo Praschniker.
Ernst Kalinka
Bild: Ernst Kalinka

Vor 150 Jahren wurde am 20. Oktober 1860 das Klassisch Philologische Seminar der Universität Innsbruck gegründet. In jenem Jahr lehrten nach dem Weggang von Alois Flir oder Anton Malecki an der Universität Innsbruck Karl Schenkl (1858-1863, dann nach Graz und 1875 nach Wien berufen) und Karl Libor Kopetzky (1852-1870, von der aufgelösten Universität Olmütz nach Innsbruck versetzt) dieses Fach. Zu ihren Nachfolgern zählen Bernhard Jülg (1863 aus Krakau berufen bis zu seinem Tod 1886 in Innsbruck), August Willmanns (nur kurz 1871-1873 in Innsbruck, dann UB-Direktor in Berlin), Anton Zingerle (1873-1910), Johann Müller (über drei Jahrzehnte von 1868-1902 an der Universität aktiv), Friedrich Stolz (1879 für Klassische Philologie habilitiert, dann als Professor vor allem für die allgemeine Sprachwissenschaft zuständig), Ernst Kalinka (1903 bis zur Emeritierung 1935), Julius Jüthner (von 1912-1936 in Innsbruck lehrend), Ernst Diehl (von 1911 bis zur Berufung nach Halle 1925 in Innsbruck), Albin Lesky (1936-1949 in Innsbruck, dann Universität Wien) und Karl Jax (1932-1957). - Über sie hat ihr seit 1944/45 lehrender Nachfolger Robert Muth (1916-2008) in: „Die Begründung des heutigen Instituts für Klassische Philologie der Universität Innsbruck im Jahre 1860, in: Acta Philologica Aenipontana I (Innsbruck 1962), 12-37“ und „Die Habilitationen aus Klassischer Philologie an der Universität Innsbruck, in ebenda IV (Innsbruck 1979), 7-21“ berichtet - sowie: Gerhard Oberkofler/Hermann Ölberg: Dokumente zur Geschichte der indogermanischen und allgemeinen Sprachwissenschaft, sowie der altindischen Geschichte (Philologie) und Altertumskunde an der Universität Innsbruck (1861-1945), Innsbruck 1984.

Die beiden folgenden Nachrufe auf Ernst Kalinka und Julius Jüthner wurden von Ludwig Radermacher und Camillo Praschniker jeweils für den Almanach der Österreichischen Akademie der Wissenschaften verfasst.

Ernst Kalinka (1865-1946)

Eine Gelehrtenbiographie hört wenigstens bei ruhigen Zeiten nicht selten dann auf, interessant zu sein, wenn ein Mann zu Amt und Würden gelangt ist, äußere Erfolge mögen dann aufscheinen, und mancher wird sich an dem Erreichten und seiner Anerkennung erfreuen, aber das Leben verläuft in regelmäßigen und geordneten Bahnen und innerhalb stiller Bezirke. Wie anders beim Krieger oder Diplomaten! Die innere Entwicklung, durch die ein bedeutender Mann eben zu einem bedeutenden Mann wird, vollzieht sich jedoch überhaupt und insgeheim in der Jugend, und es ist ein Vorzug der Aufzeichnungen, die E. Kalinka unserer Akademie hinterlassen hat, dass sie von inneren Kämpfen und Zweifeln berichten, bis er zum endgültigen Entschluss kam.

Geboren zu Wien am 5. Februar 1865 und im Schottengymnasium herangebildet, hat er sich zunächst für den geistlichen Stand bestimmt gefühlt, dann zog es ihn zur Juristerei, und schließlich ist er Philolog geworden, vielleicht als Form eines Kompromisses, weil ein Philolog, historisch zurückblickend, sich auch mit geistlichen Dingen und Fragen des Rechts abgeben darf. Es ist nicht ohne Interesse, zu sehen, wie auch bei Kalinka die Wahl des Arbeitsstoffes von alter Liebhaberei bestimmt wird, wie daneben das rein menschliche in seinen natürlichen Neigungen und Trieben sich auswirkt. Der Mensch ist ein kompliziertes Wesen, und der Philolog besitzt etwa vor einem Physiker oder Chemiker wenigstens den Vorzug, dass er sich wissenschaftlich auch mit Gegenständen befassen darf, bei denen nicht nur der Intellekt sein Genügen findet. Er ist der Botaniker der Geisteswissenschaften. Als Kalinka zur Universität kam, begegnete ihm das Glück, Lehrer zu finden, die seine vielseitigen und dem tätigen Leben zugewandte Begabung schnell erkannt haben und innerhalb ihrer eigenen Pläne dem jungen Mann seine Stelle zuwiesen, von der aus ihm weite Aspekte zuteil geworden sind. Er ist viel gereist und hat einen guten Teil der Welt gesehen. Zweiundzwanzigjährig wird er nach Kroatien und Serbien auf die Reise geschickt, um dort zutage getretene Inschriften und Bildwerke aufzunehmen. Bald darauf erhält er ohne bestimmten Auftrag die Mittel zu einer Studienreise, die ihn für anderthalb Jahre durch Deutschland, Frankreich, Italien und Griechenland führt. Im Frühjahr 1892 begleitet er Benndorf auf seiner dritten Reise durch Lykien. Neujahr 1894 wird ihm Konstantinopel als Amtssitz zugewiesen. Von dort aus soll er Forschungsreisen in der europäischen Türkei und Kleinasien unternehmen. Seine Kenntnisse des Französischen, Italienischen, Türkischen und zuletzt auch Arabischen haben ihn unterstützt, diese Aufgabe erfolgreich durchzuführen. 1896 Rückkehr nach Wien, Habilitation. Ende 1898 wird er mit Heberdey Sekretär des neugegründeten Österreichischen Archäologischen Instituts, am 1. Oktober 1900 Ordinarius in Czernowitz, 1902 Ordinarius in Innsbruck, wo er blieb und weit über sein Fach hinaus Pläne angeregt und durchgesetzt hat, die der gesamten Universität zum Nutzen wurden. Nach einem ziemlich bewegten Leben hat ihm Innsbruck doch eine Art von Stillestand bedeutet. Aus seinen biographischen Aufzeichnungen wird klar, dass Kalinka dieses Verweilen an einem Ort bedauert hat; er hat das Glück, mit einer Stelle wirkend zu verwachsen, das Glück, das dem Forscher durch die viel geruhsamere, der Konzentration dienlichere Arbeit an einer kleinen Universität zuteil wird, nicht so dankbar empfunden, wie er es hätte tun dürfen. Denn Innsbruck hat ihm die Möglichkeit gegeben, sich nach allen Seiten hin zu entwickeln und doch in allen Dingen, die er betrieben hat, ein gründlicher Arbeiter zu bleiben. Vielleicht ist Vielseitigkeit, die nirgendwo eine solide Grundlage vermissen lässt, überhaupt das Charakteristische für diesen Mann geworden.

Nicht bei jedermann haben Vielseitigkeit und Gründlichkeit sich so vertragen. Nur einmal hat Kalinka zur Geschichte und Theorie der antiken Rhetorik das Wort ergriffen, es geschah in dem Aufsatz über die Arbeitsweise des Rhetors Dionys von Halikarnaß, einer Studie, die eindringliche, nicht von heute auf morgen erarbeitete Vertrautheit mit dem Gegenstande verrät und die Frage der benutzten Quellen erfreulich gefördert hat. Eine frühe Arbeit zeigt ihn für die Verskunst der lateinischen Liebesdichtung interessiert, als alter Mann schreibt er den Jahresbericht über die Arbeiten zur antiken Metrik, der seine weitgreifende Kenntnis der gesamten Disziplin bestätigt. Auch auf anderem Gebiet ist Kalinka als Berichterstatter aufgetreten, zunächst in Reiseberichten, die von Inschriftenfunden erste Kunde geben. Er hat als Epigraphiker begonnen und ist zeitlebens der Epigraphik treu geblieben, auch als andere Interessen sich vordrängten. Zu den Hauptleistungen seines Lebens zählt die Ausgabe der Inschriften Lykiens. Wären die Zeiten wissenschaftlicher Arbeit günstiger gewesen, so läge sie heute abgeschlossen vor. So sind nur der erste, die einheimisch lykischen Inschriften umfassende Band und drei starke Faszikel des zweiten, die griechischen und lateinischen Inschriften bringenden Bandes von ihm zum Abschluss gebracht worden. Aus persönlicher Neigung ist seine philologische Arbeit in erster Linie den Griechen zugewandt, und da stehen die Dichter im Vordergrund. Die Reihe führt über Homer auch zu den Lyrikern, wie die Beiträge zu Diehls Ausgabe der Fragmenta Lyricorum erweisen, die Tragödie, deren Urform er zu ergründen versucht, wird gestreift, hellenistische Dichtung in ihrer Beziehung zu römischer Nachfolge behandelt. Aber die umfangreichste und wichtigste Arbeit ist auf dem Felde der historischen Prosa gereift; es ist der Kommentar zur Schrift über den Staat der Athener, die sich unter den Werken Xenophons erhalten hat, bedeutsam als Niederschlag der Überlegungen eines Gegners der Demokratie, der sich mit dem Gegebenen abzufinden trachtet. Entstanden in einer Zeit, wo Athens Macht noch in voller Blüte stand, ist die Schrift das älteste Denkmal attischer Prosa, und schon die urtümlich archaische Sprache setzt dem Verständnis einige Schwierigkeiten. Der Verfasser ist kein Literat von Beruf gewesen. Vermutungen, Deutungen, Kombinationen sind an das wenig umfangreiche Werk reichlich angeknüpft worden. Kalinka bietet einen Abschluss. Indem der Kommentar das Vorgetragene sammelt, diskutiert, ins rechte Licht setzt, weiter ausspinnt, ist er über die Aufgabe einer einfachen Interpretation um ein gutes Stück hinausgewachsen. Kalinka ist auch der rechte Mann gewesen, die handliche Ausgabe eines Papyrusfundes zu machen, des so genannten Historikers von Oxyrynchos, eines unbekannten, aber sicher alten Darstellers griechischer Geschichte. Wie man vernimmt, hat Kalinka endlich eine Ausgabe von Philostrats Bilderbeschreibungen, den Imagines mit deutscher Übersetzung, vollendet und damit ein Werk abgeschlossen, zu dem gerade österreichische Philologen die Grundlage gelegt hatten. Das Manuskript liegt noch ungedruckt in Wien.

Dass Kalinka, von den Inschriften kommend, sein Interesse auch auf die Papyrusfunde erstreckt hat, lässt sich ohne weiters verstehen. Überhaupt allem Neuen zugewendet, ist er mit der Zeit gegangen, gelegentlich nur in einer vereinzelten Arbeit berührt er die verschiedensten Gebiete, äußert er sich zu Fragen der griechischen Sprache und Schrift, zur Philosophie, Religion, Wirtschaft und Kulturgeschichte der Hellenen. Weiteres, wie die gemeinsam mit Strzygowski verfasste Untersuchung über die Kathedrale von Herakleia, greift über auf das Gebiet der Kunstgeschichte. Von lateinischer Dichtung hat ihn die Liebespoesie besonders angezogen, unter den Prosaikern Cäsar, wo er sich auch als gründlicher Kenner der wissenschaftlichen Literatur durch zwei Berichte erweist. Er hat das Bellum civile herausgegeben. Daneben das Beträchtlichste, auch dem Umfang nach, erwächst aus alter Neigung zur Rechtswissenschaft, der Aufsatz „Digestenkritik und Philologie“ in der Zeitschrift [für Rechtsgeschichte] der Savigny-Stiftung 1927. Wir verzeichnen endlich Arbeiten über sprachliche Fragen – so qui für cui in der Glotta 1943, zur Handschriftenkunde, zur Sage und zum Kriegswesen der Römer. Die seit langem vorbereitete Ausgabe von Augustins Opus imperfectum liegt abgeschlossen im Manuskript vor. Am Ende seines Lebens in eine wirre Zeit gestellt, die alles und jeden aus den gewohnten Bahnen in ihren Strudel gerissen hat, musste Kalinka immer stärker den inneren Gegensatz zu der politischen Entwicklung in deutschen Landen empfinden, und da er aus seiner Gesinnung kein Hehl machte, so hat er Anfechtung und Verdruss genug erfahren. Vor Schlimmerem mag ihm sein hohes Alter und ein im Übrigen von der Politik abgewandtes Leben bewahrt haben. Bei einem Fliegerangriff auf Innsbruck verlor er die eigene Behausung, in der Fremde einer fernen Stadt vermochte er nicht heimisch zu werden, endlich hat er in der Nähe Innsbrucks, in Hall, eine Unterkunft und die Ruhe gefunden, seine Arbeiten erneut aufzunehmen. Dort ist er, von seiner Gattin mit persönlicher Aufopferung betreut und umhegt, gestorben als ein Mann, der seiner Aufgabe bis zur letzten Möglichkeit gedient hat; er durfte von dieser Erde scheiden in dem Bewusstsein, nicht umsonst gelebt zu haben.

(Ludwig Radermacher)

Julius Jüthner (1866-1945)

Mit den schlichten Worten, mit denen er ihn selbst seinerzeit für die Akademie schilderte, sei zunächst sein äußerer Lebensverlauf wiedergegeben.

Jüthner wurde am 25. Juni 1866 in Prag geboren, widmete sich an der dortigen Deutschen Universität von 1884 bis 1889 bei v. Holzinger, Keller, Rzach, Petersen, Klein, Swoboda und Jung dem Studium der klassischen Philologie, Archäologie und Epigraphik. Er legte im Sommer 1890 die Lehramtsprüfung ab und absolvierte gleich darauf am Gymnasium des 9. Bezirks in Wien das Probejahr. Am 12. Dezember 1891 wurde er in Prag sub auspiciis imperatoris zum Doktor der Philosophie promoviert. Um sein Wissen auf dem Gebiete der klassischen Altertumswissenschaft zu vertiefen, betätigte er sich am Wiener archäologisch-epigraphischen Seminar unter Benndorf und Bormann, war dort 1891/92 Stipendiat, 1892-1894 Assistent der archäologischen Lehrkanzel. Nachdem er schon früher kleinere Studienreisen nach München, Dresden und Berlin unternommen hatte, verwendete er 1894-1896 anderthalb Jahre auf das Studium der Bibliotheken, Museen und Ruinenstätten Italiens und Siziliens nebst Karthago, ein halbes Jahr brachte er in Griechenland zu, wo er auch an der vom Deutschen archäologischen Institut veranstalteten Peloponnes- und Inselreise teilnahm, welch letztere sich bis nach Troja erstreckte. 1897 habilitierte er sich für klassische Philologie an der Prager Deutschen Universität, nahm im Frühjahr an den Ausgrabungen in Ephesos und einem Ausflug nach Priene und Milet, im Sommer zusammen mit R. Heberdey an einer wissenschaftlichen Reise in Pisidien teil. Im Wintersemester 1897/98 hielt er in Prag seine erste Vorlesung und folgte im Sommersemester 1898 einem Ruf als o. Professor der klassischen Philologie an die Universität Freiburg (Schweiz). Von März bis Juli 1902 nahm er mit Swoboda, Patsch, Knoll an einer von der Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst und Literatur in Böhmen ausgesandten Expedition nach Lykaonien, Isaurien, Pisidien und Ost-Pamphylien teil. Von 1903 bis 1912 wirkte er als Professor der klassischen Philologie an der Universität Czernowitz, ab 1912 bis zum Übertritt in den Ruhestand im Jahre 1937 an der Universität Innsbruck. Dann übersiedelte er nach Wien, um sich dort mit den reicheren literarischen Hilfsmitteln, die ihm die Bibliotheken der Hauptstadt boten, der Vollendung seiner Arbeiten zu widmen. Am 17. Dezember 1945 ist er nach kurzem Leiden von uns gegangen.

Jüthner ist im Jahre 1920 zum korrespondierenden Mitglied der Akademie ernannt worden. Außerdem war er korrespondierendes Mitglied der Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst und Literatur in Böhmen und ordentliches Mitglied des Österreichischen und des Deutschen archäologischen Instituts.

Schon in seiner Studienzeit schwebte Jüthner als letztes Ziel ein möglichst umfängliches Erfassen der gesamten griechischen und römischen Kultur vor. Daher beschränkte er sich von vornherein nicht auf die rein philologischen Disziplinen, sondern suchte auch in den Nachbarfächern, insbesondere der alten Geschichte, Archäologie, Epigraphik und Philosophie, heimisch zu werden und sich von fremdem Urteil unabhängig zu machen. Schon in Prag hatte er sein Studium möglichst weit gespannt; seine Tätigkeit am Wiener archäologisch-epigraphischen Seminar mit dessen umfassenden Ausbildungszielen und dann an der archäologischen Sammlung kam diesem seinem Bestreben besonders entgegen. Die Reisen erweiterten den Horizont und vermittelten unmittelbare Anschauung und reiche Denkmälerkenntnis. Die Mitarbeit an der Ausgabe von Philostrats Imagines, welche das Seminar unter der Leitung von Benndorf und Schenkl veranstaltete, machte ihn mit dem philologischen Rüstzeug und der Editionstechnik vertraut. Seit seinen Anfängen fühlte er sich jedoch vom Wort zur Sache hingezogen. Er hat zwar eine Reihe rein philologischer und literarhistorischer Aufsätze geschrieben, in denen unter anderem das Verständnis umstrittener Autorenstellen, insbesondere Pindars, gefördert wurde. Aber sie treten immer mehr hinter solchen zurück, in denen das Wort durch die Sache geklärt wird. Nur beispielsweise sei etwa sein Aufsatz über „Examen“ erwähnt, in welchem er dieses Wort als bestimmten Bestandteil der antiken Waage nachwies, oder seine verschiedenen Arbeiten über die Astragalwürfe, in denen er die umstrittenen antiken Bezeichnungen der verschiedenen Würfe am Objekt selbst eindeutig festlegte. Immer stärker drängte sich jedoch ein besonderes Arbeitsgebiet in den Vordergrund, auf welchem er anerkannter Meister werden sollte, die Gymnastik der Antike. Schon sein erstes Buch, Die antiken Turngeräte, hatte ihn darauf geführt. Ihm folgten zahlreiche Einzelaufsätze, über den homerischen Diskos, über Siegerkranz und Siegerbinde usw. Und dann gelang ihm hier der große Wurf, die Auffindung der verschollenen Handschrift der einzigen auf uns gekommenen gymnastischen Abhandlung des Altertums, Philostratos über Gymnastik, die er dann 1905 in einer mustergültigen, mit einer ausführlichen Einleitung und auf den letzten Kenntnissen fußendem Kommentar herausgab. Das Thema der antiken Gymnastik beschäftigte ihn von nun an in immer wachsendem Maße. Insbesondere waren es Probleme der Namengebung, der Herkunft, Grundlage und Geschichte der griechischen Wettkämpfe. Wesentlich gefördert hat er auch aus tiefster Kenntnis des antiken Sportes das Verständnis antiker Darstellungen einzelner Übungen. So haben wir erst durch ihn den myronischen Diskobol oder die prachtvolle originale Großbronze von Kap Artemision recht verstehen gelernt. Für Pauly-Wissowas Realenzyklopädie hat er eine lange Reihe auf die Leibesübungen der Griechen bezüglicher Artikel beigesteuert und in dem großen Artikel „Gymnastik“ zum erstenmal die Grundlinien einer Geschichte des athletischen Sportes der Griechen gezogen. Es war seine Absicht gewesen, alle diese Studien mit einer ausführlichen und erschöpfenden Geschichte und Systematik der Leibesübungen der Griechen zu krönen, die nach seinem Plan sechs Bände umfassen sollte. Er hat das Werk auch weit gefördert und insbesondere die letzten Lebensjahre daran gearbeitet. Leider hat ihn der Tod es nicht vollenden lassen. Immerhin sind die zwei ersten Bände im Manuskript so weit abgeschlossen, dass das Österreichische archäologische Institut das dem Verstorbenen seinerzeit gegebene Versprechen der Herausgabe des monumentalen Werkes wenigstens zum Teil einlösen zu können hofft. Der erste Band wird die eigentliche Geschichte der Leibesübungen, der zweite eine Darstellung der verschiedenen Sportarten enthalten. Ein Tafelband soll ein Corpus der auf die Leibesübungen bezüglichen Darstellungen der Antike bringen.

Eine der schönsten Leistungen Jüthners, das 1923 erschienene Buch „Hellenen und Barbaren“, führte ihn auf ein ganz anderes Gebiet. Es war während des ersten Weltkrieges durch die Tatsache ausgelöst worden, dass der Ausbruch der Feindseligkeiten bei den Völkern mit einem Schlage jedes Gefühl menschlicher Zusammengehörigkeit ertötete und stattdessen lodernden Hass empor flammen ließ, der sich in der Herabwürdigung des Gegners nicht genugtun konnte. „Es lag nahe, für solche auf unserer Kulturstufe nicht für möglich gehaltene Erscheinungen nach Analogien in der Vergangenheit zu suchen.“ Sie fanden sich in der griechischen Geschichte und verkörperten sich in den zwei im Titel gegebenen Schlagwörtern. Namen und Begriffe werden von ihrem ersten Aufkommen an erfasst und in ihren verschiedenen Inhalten durch alle Phasen der griechischen Geschichte bis in die byzantinische Zeit herab verfolgt. Das Buch ist auf der Grundlage einer überaus reichen Belesenheit geschrieben und geht immer von den Zeitquellen selbst aus. Die nüchterne, klare Sprache, die alle Arbeiten Jüthners auszeichnet, ist ihm in besonderem Maße eigen, man wird es mit Genuss immer wieder zur Hand nehmen.

Jüthner war ein ausgeglichener Charakter, der ganz in der von ihm gewählten Lebensaufgabe aufging. Immer bereit, aus dem reichen Schatz seines umfassenden Wissens zu spenden, war er von seltener Aufgeschlossenheit und Hilfsbereitschaft. Alle, die ihn gekannt haben, werden ihm ein treues Andenken bewahren. Ist er auch dahingegangen – in seinem Werk hat er sich ein bleibendes Denkmal gesetzt.

(Camillo Praschniker)

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