Verkehrte Welt: 100 Jahre Ivo Kohler

Mit ihren „Innsbrucker Brillenversuchen“ schufen die Innsbrucker Psychologen Theodor Erismann und Ivo Kohler bahnbrechende und international beachtete Grundlagen für die Wahrnehmungsforschung. Im Juli dieses Jahres wäre Ivo Kohler 100 Jahre alt geworden.
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Bild: Versuchperson mit Umkehrbrille in der Maria-Theresien-Straße in Innsbruck Anfang 1950er Jahre (Foto: Institut für Psychologie)

Wie die menschliche Wahrnehmung funktioniert, war eine Fragestellung, welche die Wissenschaft ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts intensiv beschäftigte. So auch den Innsbrucker Philosophen und Experimentalpsychologen Theodor Erismann. Seine Ausgangsüberlegung war, dass man über die psychologische „Regeneration“ die Gesetze der Wahrnehmung besser erkennen könnte als bei der „normalen“ Wahrnehmung. Mit dieser „Methode der künstlichen Störung“ erarbeitete Erismann schwierige psychologische Experimente – unter anderem mit Umkehrbrillen –, die er in eine umfassende Theorie einbaute, welche Wahrnehmung nicht als etwas Isoliertes ansieht, sondern sie mit dem Lernen, Denken und persönlichen Faktoren in Beziehung setzt. Dabei ging es immer um die Frage, wie die menschliche Wahrnehmung durch eigene Korrekturprozesse ihre Organisation aufbaut und aufrechterhält.

Künstliche Störung

Ivo Kohler übernahm und verfeinerte in seinen Experimenten die „Methode der künstlichen Störung“. Die teilnehmenden Personen trugen in länger dauernden Versuchen Prismenbrillen, welche oben und unten vertauschten, oder Brillen mit bildverzerrenden Prismen, Halbprismen, Farbgläsern und Farbhalbgläsern. Seine eigenen Eindrücke am ersten Tag eines 124 Tage dauernden Versuchs hielt Kohler derart fest: „Ich war dann überrascht, ..., wenn irgendeine Hauswand überhängend schräg zur Gasse abfiel, ein gesehener und mit dem Blick verfolgter Kraftwagen sich verbog.“ Am letzten Tag hieß es dann: „Die Welt ist trotz Brille und Prisma zu meiner alten geworden.“ Was sie auch nach Abnahme der Brille wieder war.

Die Schlussfolgerungen, die aus diesen „Innsbrucker Brillenversuchen“ gezogen werden konnten: Wahrnehmung ist ein konstruktiver, aktiver Prozess; Wahrnehmungseindrücke werden zunächst mit Bildern verglichen, die im Gehirn bereits gespeichert sind; Wahrnehmung erhält durch Korrekturprozesse ihre eigene Organisation aufrecht; es gibt keine starre Zuordnung von Umweltreiz und Wahrnehmung; Wahrnehmungseindrücke werden durch Lernprozesse gebildet und sind somit variabel. Ergebnisse, die international wahrgenommen wurden und die keine neue Wahrnehmungstheorie außer Acht lassen kann.

Zur Person

1915 in Schruns geboren, studierte Ivo Kohler Theologie und Philosophie und wurde nach dem 2. Weltkrieg Assistent von Theodor Erismann und 1956 dessen Nachfolger auf der neuen Professur für Psychologie. Die wahrnehmungspsychologischen Untersuchungen des 1985 verstorbenen Kohler fanden international Beachtung.

(Textauszug aus: Zukunft Forschung 01/10)