Wilhelm Fischer (1886–1962)

Mit dieser Portraitserie erinnern die Innsbrucker Universitäten in diesem Jahr an jene Mitglieder der Universität Innsbruck, die vor 70 Jahren – nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland am 12. März 1938 – aus „politischen“ und „rassischen“ Gründen – wie es im NS-Jargon hieß – von der Universität ausgeschlossen und vertrieben wurden.
Wilhelm Fischer (1886-1962)
Bild: Wilhelm Fischer (1886-1962)

Wilhelm Fischer wurde 1928 in der Nachfolge von Rudolf Ficker als Professor der Musikwissenschaft an die Universität Innsbruck berufen.

Bei Guido Adler hatte sich Wilhelm Fischer 1915 in Wien mit einer Arbeit „zur Entwicklungsgeschichte des Wiener klassischen Stils“ habilitiert. Wie Adler wurde Fischer 1938 von den NS-Faschisten aus „rassischen Gründen“ verfolgt und ausgeraubt. Das Rektorat der Universität Innsbruck „beurlaubte“ Fischer im April 1938 und untersagte ihm mit Beginn des Sommersemesters 1938 die weitere Lehrtätigkeit. Der Dekan der Philosophischen Fakultät Innsbruck, der Chemieordinarius Ernst Philippi, schrieb im Juni 1938 in amtlicher Eigenschaft verharmlosend: „Professor Fischer wurde als Jude in den Ruhestand versetzt.“ Jüdischen Studenten und Gelehrten wurde in weiterer Folge die Benützung der Studien-, Forschungs- und Bibliothekseinrichtungen verboten.

Am 29. November 1938 wurden die Rektoren der „Hochschulen in der Ostmark“ mit Ministerialschreiben „eingeladen, zur Vermeidung von Unzukömmlichkeiten Juden überhaupt vom Besuche der Hochschulbibliotheken auszuschließen.“ Rektor Harold Steinacker, Professor der Geschichtswissenschaft, notierte darauf hin am 5. Dezember 1938 dienstbeflissen: „Herrn Direktor Flatscher zur Kenntnis mit dem Ersuchen, den Ausschluß aller Juden von Bibl.Besuch anzuordnen.“ Mit Ministerialdekret vom 17. Dezember 1938 wurden jüdische Gelehrte endgültig von der Benützung von Innsbrucker „Hochschulinstituten und Bibliotheken, u.s.w. ausgeschlossen. Wilhelm Fischer wurde daraufhin die Benützungsgenehmigung endgültig entzogen.

Fischer kehrte nach Wien zurück. Zahlreiche Mitglieder seiner Familie wurden ermordet. Seine 85 Jahre alte Mutter wurde aus ihrer Wohnung geworfen, sie verstarb in einem – so Fischer – Leopoldstädter „Notloch“, seine Schwester wurde in Auschwitz umgebracht. Fischer selbst musste in einer Metallfabrik schwere Zwangsarbeit verrichten, die er mit Mühe überlebte.

Ab 1948 konnte Fischer wieder an der Universität Innsbruck lehren. Er kündigte für das Wintersemester 1948/49 an: „Allgemeine Musikgeschichte“; „Die Mensuralnotation des 15. und 16. Jahrhunderts“; „Übungen zur Musikgeschichte“.

Literatur:

Kurt Drexel: Musikwissenschaft und NS-Ideologie. Dargestellt am Beispiel der Universität Innsbruck von 1938 bis 1945, Innsbruck 1994.
Gerhard Oberkofler: Orchideenfächer im Faschismus, in: Jahrbuch 1990. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Wien 1990, 45 ff.
Tom Adler: Lost to the World. Guido Adler. The tragic family saga of on of Gustav Mahler’s best friends, Los Angeles 2002.

(Universitätsarchiv)